Die angeborene Abwehr ist das System, das über den Verlauf der ersten Stunden entscheidet, und genau in diesen Stunden sehen Sie die Patientinnen und Patienten. Die spezifische Abwehr mit T- und B-Zellen braucht Tage, um zu greifen; bis dahin tragen Barrieren, Phagozyten, Komplement und Zytokine die gesamte Last. Alles, was Sie am Bett beobachten, also Fieber, Leukozytose, Tachykardie, Vasodilatation und Kapillarleck, sind Anzeigen dieses Systems und nicht Nebenwirkungen des Erregers.
Daraus folgt eine unbequeme Einsicht. Der Schaden bei einer schweren Infektion entsteht in erheblichem Maß durch die Abwehr selbst. Sauerstoffradikale, Proteasen, Zytokine und aktiviertes Komplement unterscheiden nur begrenzt zwischen Erreger und eigenem Gewebe. Die Sepsis ist deshalb keine besonders schwere Infektion, sondern eine fehlgeleitete Antwort auf eine Infektion, und die Behandlung richtet sich ebenso gegen den Auslöser wie gegen die Entgleisung. Wer das System kennt, versteht auch, warum ein Intensivpatient nach zwei Wochen nicht mehr an zu viel, sondern an zu wenig Immunantwort leidet.
