Kein Laborwert wird im Operationssaal und auf der Intensivstation häufiger abgefragt als das Hämoglobin, und kaum einer wird häufiger falsch gelesen. Der Wert beschreibt eine Konzentration, nicht eine Menge. Ein Patient, der innerhalb von zwanzig Minuten anderthalb Liter Blut verliert, kann in der ersten Blutgasanalyse ein nahezu unverändertes Hämoglobin zeigen, weil er Zellen und Plasma im gleichen Verhältnis verloren hat und die Verdünnung aus dem Interstitium erst beginnt. Umgekehrt fällt das Hämoglobin nach zwei Litern Vollelektrolytlösung, ohne dass ein einziger Erythrozyt verloren gegangen wäre. Wer den Unterschied zwischen Konzentration und Bestand nicht mitdenkt, transfundiert zu spät oder zu früh.
Dasselbe gilt für das Eiweiß. Albumin ist Träger für Medikamente, Hauptursache des kolloidosmotischen Drucks, Puffer und Eiweißreserve in einem. Fällt es, verschiebt sich die freie Fraktion vieler Wirkstoffe, die Bindung von Calcium ändert sich, und die Rückhaltekraft für Wasser in der Strombahn sinkt. Die Kenntnis der Blutbestandteile ist deshalb keine Vorbereitung auf eine Prüfung, sondern die Grundlage dafür, den nächsten Beutel richtig auszuwählen und den nächsten Laborwert richtig zu deuten.
