Die Sepsis ist das klinische Vollbild dieser Umschaltung. Der Gewebefaktor liegt im Gefäßinnenraum, die Hemmstoffe sind abgebaut oder verbraucht, die Fibrinolyse ist blockiert: Es entstehen Mikrothromben in der Endstrombahn, während Thrombozyten, Fibrinogen und Antithrombin verbraucht werden und gleichzeitig eine Blutungsneigung besteht. Die abgebaute Glykokalix erklärt zugleich das Kapillarleck. Da die Siebstruktur fehlt, sinkt der Reflexionskoeffizient für Albumin, Proteine wandern mit dem Wasser in das Interstitium, und der kolloidosmotische Rückhalt geht genau in dem Augenblick verloren, in dem er gebraucht würde. Zusätzlich versagt die Gefäßtonusregelung: Die flussabhängige Stickstoffmonoxidbildung fällt aus, während induzierbare Stickstoffmonoxid-Synthase in großen Mengen Stickstoffmonoxid ungeregelt freisetzt. Das Ergebnis ist die Vasoplegie, ein weiter, auf Katecholamine schlecht ansprechender Kreislauf.
Messen lässt sich dieser Zustand nur indirekt. Werden die Proteoglykane abgespalten, erscheinen ihre Bruchstücke im Blut; das Ektodomänenfragment des Syndecan-1 ist der am besten untersuchte dieser Marker. Ebenfalls messbar sind freie Hyaluronsäure, Heparansulfat und der von-Willebrand-Faktor als Zeichen der Endothelaktivierung. Alle diese Werte zeigen an, dass das Endothel Schaden genommen hat, keiner von ihnen sagt, was zu tun ist; sie sind Verlaufsmarker und Risikoanzeiger, keine Therapieziele.
Die Glykokalix wird nach einer Schädigung wieder aufgebaut, doch der Vorgang dauert Stunden bis Tage und lässt sich stören. Rasche Gaben großer Flüssigkeitsmengen sind selbst ein Auslöser, weil die Dehnung des Vorhofs natriuretisches Peptid freisetzt, das die Glykokalix abbaut; großzügige Volumentherapie verschlechtert damit genau die Barriere, die sie zu füllen versucht. Ebenso wirken anhaltende Hyperglykämie, Hypervolämie, oxidativer Stress und die Reperfusion nach Ischämie. Günstig sind dagegen Normovolämie statt Überladung, die frühe Beseitigung des Infektionsherds, Normoglykämie und die Vermeidung unnötiger Ischämiephasen. Albumin liegt physiologisch in der Glykokalix eingelagert und trägt zu deren Stabilität bei; das ist ein plausibler, aber kein belegter Grund für seine Anwendung.
Tabelle 2: Endothelfunktion bei Sepsis, Marker und Erholung
| Auslöser der Glykokalixschädigung | Wirkweg | Klinische Folge |
| Entzündung, Sepsis, Endotoxin | Tumornekrosefaktor und Interleukin-1 aktivieren Metalloproteasen, Heparanase und Hyaluronidase | Kapillarleck, Ödem trotz Hypovolämie, Mikrothrombosierung, Vasoplegie |
| Ischämie mit Reperfusion | Sauerstoffradikale und aktivierte Leukozyten bauen die Zuckerketten ab | Reperfusionsödem, Gerinnungsaktivierung im betroffenen Stromgebiet |
| Rasche Gabe großer Volumina, Hypervolämie | Vorhofdehnung setzt natriuretisches Peptid frei, dieses löst die Glykokalix ab | zunehmendes Ödem trotz weiterer Volumengabe, sinkender intravasaler Anteil |
| Anhaltende Hyperglykämie | oxidativer Stress und Glykierung vermindern Aufbau und Stabilität der Schicht | erhöhte Permeabilität, gestörte flussvermittelte Vasodilatation |
| Operatives Trauma, extrakorporale Zirkulation | Fremdoberflächen, Scherkräfte, Entzündungsantwort und Ischämiephasen | Vasoplegie nach dem Bypass, Flüssigkeitsbedarf, interstitielles Ödem |
| Oxidierte Lipoproteine, chronische Hyperlipidämie | dauerhafte Verdünnung der Schicht und Verlust der Scherkraftantwort | endotheliale Funktionsstörung als Frühstadium der Atherosklerose |