Die Gerinnung arbeitet mit positiver Rückkopplung. Ein System, das sich selbst verstärkt, braucht ebenso wirksame Bremsen, sonst würde jede kleine Verletzung die gesamte Strombahn zum Gerinnen bringen. Genau diese Bremsen sind unser häufigster pharmakologischer Angriffspunkt: Heparin wirkt ausschließlich über einen körpereigenen Hemmstoff, Vitamin-K-Antagonisten greifen an derselben Carboxylierung an, die auch die Hemmstoffe Protein C und Protein S benötigen, und die direkten oralen Substanzen ahmen nach, was Antithrombin und der Inhibitor des Gewebefaktorwegs ohnehin tun. Wer die physiologischen Bremsen kennt, versteht Wirkung, Nebenwirkung und Antagonisierung dieser Substanzen ohne Auswendiglernen.
Die Fibrinolyse ist die zweite Hälfte derselben Geschichte. Sie räumt Fibrin wieder ab, sobald die Wunde verschlossen ist, und sie ist zugleich die Ursache jener Blutungen, bei denen keine Substitution hilft, sondern nur ein Hemmstoff. Ein Traumapatient mit ausgeprägter Hyperfibrinolyse blutet nicht, weil ihm Faktoren fehlen, sondern weil das gebildete Gerinnsel sofort wieder aufgelöst wird. Umgekehrt ist der D-Dimer-Wert, der aus demselben Vorgang stammt, einer der am häufigsten überinterpretierten Laborwerte überhaupt.
