Wenn Sie den Hämatokrit einer Patientin anheben, erhöhen Sie zugleich zwei gegenläufige Größen: den Sauerstoffgehalt jedes Milliliters Blut und den Widerstand, den dieses Blut dem Herzen entgegensetzt. Beide Wirkungen sind rechnerisch gut fassbar, und beide treten immer gemeinsam auf. Genau deshalb ist die Frage nach der richtigen Transfusionsschwelle keine reine Laborfrage. Sie ist eine Frage nach dem Punkt, an dem der Gewinn an Sauerstoffgehalt den Verlust an Fließfähigkeit gerade noch überwiegt. Wer die Rheologie des Blutes versteht, erkennt, warum dieser Punkt bei einem Patienten mit koronarer Herzkrankheit anders liegt als bei einer jungen Patientin mit chronischer Anämie.
Die zweite klinische Anwendung liegt in der Mikrozirkulation. Auf der Intensivstation sehen Sie regelmäßig Patienten, deren großer Kreislauf zufriedenstellend erscheint, während die Haut marmoriert ist, die Rekapillarisierung verzögert bleibt und das Laktat steigt. Ein Teil dieser Beobachtung erklärt sich damit, dass die Fließeigenschaften in den kleinsten Gefäßen andere sind als in der Aorta und sich bei Entzündung, niedriger Strömungsgeschwindigkeit und veränderten Erythrozyten rasch verschlechtern. Die Rheologie erklärt damit Befunde, die mit Druck und Herzzeitvolumen allein nicht aufgehen.
