Klinische Physiologie, Kachel 04 · Stufe PJ

Spezifische Immunabwehr: T-Zellen und Antikörper

Wie aus einer einzelnen erkannten Struktur eine gerichtete Abwehr und ein lebenslanges Gedächtnis werden und was Operation und Narkose daran verändern.

Lernziele
  • Erklären, wie die Prägung im Thymus und im Knochenmark ein Repertoire monospezifischer Lymphozyten erzeugt und wie dabei Toleranz gegen körpereigene Strukturen entsteht.
  • Die Antigenpräsentation über die Gewebeverträglichkeitsmoleküle der Klassen I und II unterscheiden und das Doppelsignal aus Erkennung und Mitstimulierung erläutern.
  • Die Wirkung zytotoxischer T-Zellen auf infizierte Zellen beschreiben und die beiden Differenzierungswege der T-Helferzellen gegenüberstellen.
  • Die humorale Antwort von der B-Zelle über den Klassenwechsel bis zur Plasmazelle darstellen und die fünf Antikörperklassen ihren Aufgaben zuordnen.
  • Primär- und Sekundärantwort im Zeitverlauf unterscheiden und daraus aktive und passive Immunisierung ableiten.
  • Die Angriffspunkte der Immunsuppression nach Transplantation benennen und die perioperative Beeinflussung der Immunantwort kritisch einordnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zehn Lektionen mit zwei Abbildungen, einer Tabelle der fünf Antikörperklassen, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 7 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt die unspezifische Abwehr des vorangehenden Unterkapitels voraus und erklärt, warum eine Antwort beim zweiten Kontakt in Stunden statt in Tagen wirksam wird.
  3. Überempfindlichkeit, Blutgruppen und Transfusionsreaktionen folgen im abschließenden Unterkapitel dieser Kachel; Indikation und Durchführung der Transfusion behandelt die Einheit Hämotherapie des Moduls Intensivmedizin.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Die unspezifische Abwehr des vorangehenden Unterkapitels wirkt sofort, aber grob. Sie kann einen erstmals auftretenden Erreger verlangsamen, selten jedoch beseitigen. Alles, was danach geschieht, entscheidet über den Verlauf: Innerhalb weniger Tage entsteht eine Antwort, die genau dieses eine Antigen trifft, und nach ihrem Abklingen bleibt eine Erinnerung zurück, die beim nächsten Kontakt in Stunden statt in Tagen wirksam wird. Dieses Prinzip erklärt Impfschutz und Nestschutz ebenso wie Autoimmunerkrankung, Transplantatabstoßung und Allergie.

Perioperativ wird diese Physiologie an vier Stellen praktisch. Sie behandeln Menschen unter Immunsuppression nach Transplantation, bei denen ein banaler Infekt anders verläuft und anders aussieht. Sie sehen nach schwerer Sepsis eine Abwehr, die nicht überschießt, sondern erschöpft ist. Sie geben passive Immunisierungen, deren Wirkung sofort beginnt und ebenso sicher wieder endet. Und Sie verändern mit Opioiden, volatilen Anästhetika, Hypnotika und dem chirurgischen Trauma selbst die Immunantwort, ohne dass die klinische Bedeutung dieser Veränderung bislang klar belegt wäre.

Lektion 2

Prägung, klonale Selektion und die Entstehung der Toleranz

Lymphatische Vorläuferzellen verlassen das Knochenmark ohne Antigenrezeptor. Erst in der Prägung entsteht der Rezeptor, und zwar für T-Zellen im Thymus, für B-Zellen im Knochenmark. Durch zufällige Neuordnung der Rezeptorgene entsteht dabei ein Repertoire in der Größenordnung von 10 hoch 8 verschiedenen Zellen, von denen jede einzelne nur eine einzige Struktur erkennt. Das Immunsystem lernt also nicht, einen neuen Erreger zu erkennen; es hält für jeden denkbaren Erreger bereits eine passende Zelle vor und muss sie nur finden und vermehren.

Diese noch nicht eingesetzten, naiven Lymphozyten kreisen unablässig zwischen Blut, peripherem lymphatischem Gewebe und Lymphe. Trifft eine Zelle im lymphatischen Gewebe auf die Struktur, für die ihr Rezeptor gebaut ist, beginnt sie sich zu teilen. Aus einer Zelle entstehen zahlreiche Tochterzellen gleicher Spezifität, die sich anschließend zu Effektorzellen oder zu Plasmazellen weiterentwickeln. Dieser Vorgang heißt klonale Selektion und Proliferation und erklärt zugleich die Verzögerung: Bevor eine wirksame Zellzahl vorliegt, vergehen Tage.

Ein solches Zufallsrepertoire enthält zwangsläufig auch Rezeptoren gegen körpereigene Strukturen. Deshalb folgt auf die Prägung eine Auslese. Zellen, die in Thymus oder Knochenmark auf körpereigene Antigene reagieren, werden dort frühzeitig beseitigt. Diese klonale Deletion erzeugt die zentrale Toleranz. Was das Immunsystem in dieser frühen Phase, etwa um den Zeitpunkt der Geburt, kennenlernt, gilt lebenslang als eigen; alles später Auftauchende gilt als fremd. Eine zweite Sicherung wirkt in der Peripherie und wird im nächsten Abschnitt entwickelt. Versagen beide, entstehen Autoimmunerkrankungen, also gerichtete Abwehr gegen eigenes Gewebe.

Übung 2.1

Lektion 3

Antigenpräsentation und das Doppelsignal

Eine T-Zelle erkennt kein ganzes Bakterium und kein intaktes Protein. Sie erkennt ausschließlich kurze Peptidbruchstücke, die ihr in der Bindungstasche eines Gewebeverträglichkeitsmoleküls vorgezeigt werden. Beim Menschen tragen diese Moleküle die Bezeichnung der Leukozytenantigene und kommen in zwei Klassen vor. Die Klasse I findet sich auf allen kernhaltigen Zellen und präsentiert Peptide aus dem Zytosol, also aus dem Inneren der Zelle, wo Viren sich vermehren und wo Tumorproteine entstehen. Die Klasse II tragen nur die professionellen antigenpräsentierenden Zellen, vor allem dendritische Zellen des lymphatischen Gewebes, außerdem Makrophagen und B-Zellen; sie präsentiert Peptide aus aufgenommenen Vesikeln, also Material von außen.

Aus dieser Arbeitsteilung folgt die gesamte Logik der zellulären Abwehr. Was über Klasse I gezeigt wird, meldet einen Schaden im Inneren der zeigenden Zelle und wird von zytotoxischen T-Zellen mit dem Korezeptor CD8 gelesen. Was über Klasse II gezeigt wird, meldet einen Fund aus der Umgebung und wird von T-Helferzellen mit dem Korezeptor CD4 gelesen. Jede kernhaltige Zelle legt damit fortlaufend Rechenschaft über ihren Inhalt ab, während nur wenige spezialisierte Zellen über die Lage im Gewebe berichten.

Die Begegnung selbst beginnt unspezifisch: Adhäsionsmoleküle der präsentierenden Zelle und der T-Zelle halten beide kurz zusammen, damit der Rezeptor prüfen kann. Passt das Peptid, verfestigt sich der Kontakt, und die T-Zelle wird durch ein Doppelsignal aktiviert. Das erste Signal ist die Erkennung des gebundenen Antigens durch den T-Zell-Rezeptor mit seinem Korezeptor. Das zweite Signal ist die Mitstimulierung, also die Bindung eines weiteren Oberflächenproteins der präsentierenden Zelle an einen Partner auf der T-Zelle. Erst beide zusammen lösen die Bildung von Interleukin-2 und des zugehörigen Rezeptors aus, und erst Interleukin-2 treibt die klonale Vermehrung an.

Der Sinn dieser Doppelsicherung zeigt sich beim Ausbleiben des zweiten Signals. Erkennt eine T-Zelle ihr Antigen ohne Mitstimulierung, etwa an einer gewöhnlichen Gewebezelle, wird sie nicht aktiviert, sondern dauerhaft stillgelegt. Diese Anergie ist die periphere Toleranz und zugleich der Hauptangriffspunkt der medikamentösen Immunsuppression.

Übung 3.1

Lektion 4

Zytotoxische T-Zellen und die infizierte Zelle

Aus naiven CD8-Zellen entstehen nach Präsentation über die Klasse I zytotoxische T-Zellen. Sie sind der einzige Abwehrmechanismus, der eine bereits infizierte Körperzelle gezielt erreicht, denn ein Virus im Zytosol ist für Antikörper, Komplement und Phagozyten unangreifbar. Nach der Vermehrung im lymphatischen Gewebe tauschen diese bewaffneten Zellen ihre Adhäsionsmoleküle aus und wandern nicht mehr in lymphatisches Gewebe, sondern in entzündete Gewebeabschnitte ein. Dort benötigen sie keine Mitstimulierung mehr: Das erste Signal genügt, denn die Freigabe ist bereits erteilt.

Trifft die Zelle auf eine Körperzelle, die ihr Peptid über die Klasse I zeigt, tötet sie diese auf zwei Wegen. Der eine Weg ist die Bindung eines Oberflächenliganden an einen Todesrezeptor der Zielzelle, der andere die Einschleusung des Enzyms Granzym B durch eine Pore, die exozytierte Perforine in die Zielmembran einbauen. Beide Wege führen zum programmierten Zelltod, zur Apoptose. Das ist kein Zufall, sondern zweckmäßig: Bei der Apoptose bleibt die Membran zunächst intakt, der Zellinhalt wird in Vesikel verpackt und phagozytiert. Es tritt also weder Virusmaterial noch ein Sturm entzündungsfördernder Signale aus, wie es bei einer Nekrose der Fall wäre.

Dasselbe Erkennungsmuster erklärt drei klinische Erscheinungen: Virusinfizierte Zellen werden beseitigt, Tumorzellen mit veränderten Peptiden werden erkannt, und Zellen eines transplantierten Organs werden angegriffen, weil ihre Gewebeverträglichkeitsmoleküle selbst fremd sind. Die natürlichen Killerzellen des vorangehenden Unterkapitels töten mit demselben Werkzeug, benötigen aber keine Prägung auf ein Antigen.

Schema der zellulären Abwehr mit antigenpräsentierender Zelle, Doppelsignal aus Antigenerkennung und Mitstimulierung, Differenzierung in zytotoxische T-Zellen und T-Helferzellen sowie Abtötung einer infizierten Zelle durch Apoptose
Abbildung 1: Die zelluläre Abwehr in drei Schritten: Präsentation eines Peptids über die Gewebeverträglichkeitsmoleküle, Freigabe der T-Zelle durch das Doppelsignal aus Erkennung und Mitstimulierung, anschließend gerichtete Abtötung der infizierten Zelle über Todesrezeptor und Granzym; ohne das zweite Signal wird die T-Zelle nicht aktiviert, sondern stillgelegt. Eigene Darstellung

Übung 4.1

Lektion 5

T-Helferzellen und die Weichenstellung der Antwort

Naive CD4-Zellen werden über die Klasse II angesprochen und entwickeln sich zunächst zu unreifen Effektorzellen. Von dort führen zwei Wege, die einander gegenseitig hemmen. Ist die Weiche einmal gestellt, herrscht einer der beiden Typen vor, und die gesamte Antwort bekommt einen Charakter.

Der eine Weg führt zu entzündlichen T-Helferzellen. Sie schütten Interferon gamma aus und heben damit die Zügelung der Makrophagen auf: Diese bilden nun in vollem Umfang Oxidantien und Stickstoffmonoxid und töten Erreger, die sie zuvor nur aufgenommen, aber nicht abgetötet hatten. Dieser Weg ist die Antwort auf Erreger, die innerhalb von Zellen überleben, und er ist zugleich die Grundlage der verzögerten Reaktion vom Spättyp. Sein Preis ist Gewebeschaden, denn die entfesselten Oxidantien treffen auch die Umgebung.

Der andere Weg führt zu T-Helferzellen, die für die Aktivierung der B-Zellen unentbehrlich sind. Ohne sie entsteht keine hochwertige Antikörperantwort gegen Proteinantigene, und ohne sie entsteht insbesondere kein Immunglobulin E. Dieser Weg trägt die Abwehr von Parasiten und von Erregern im Extrazellulärraum, und er trägt zugleich die Sofortreaktion der Allergie, die das folgende Unterkapitel behandelt.

Beide Wege beginnen mit demselben Interleukin-2, das die Zelle zunächst auf sich selbst und auf die Nachbarzellen wirken lässt und damit die Vermehrung des Klons antreibt. Genau dieser Schritt ist medikamentös hemmbar. Wer die Bildung von Interleukin-2 blockiert, verhindert die klonale Expansion und damit die gesamte spezifische Antwort, unabhängig davon, welche der beiden Weichen gestellt worden wäre.

Übung 5.1

Lektion 6

Die humorale Antwort: B-Zelle, Plasmazelle, Klassenwechsel

Die B-Zelle trägt ihren Antikörper zunächst als Membranprotein auf der Oberfläche, und zwar als Immunglobulin D und als Monomer des Immunglobulins M. Bindet ein Antigen mehrere dieser Rezeptoren zugleich, werden sie vernetzt; die Zelle nimmt den Komplex auf, zerlegt ihn und präsentiert die Bruchstücke über die Klasse II. Damit ist auch die B-Zelle eine antigenpräsentierende Zelle, allerdings eine hochselektive: Sie zeigt nur, was ihr eigener Rezeptor gefangen hat.

Auch hier genügt ein Signal nicht. Bei den meisten Antigenen, den thymusabhängigen, liefert eine T-Helferzelle das zweite Signal, indem sie das präsentierte Peptid erkennt, einen Liganden auf ihrer Oberfläche ausbildet und Interleukin-4 sowie später weitere Interleukine ausschüttet. Erst dann vermehrt sich die B-Zelle, sezerniert Immunglobulin M und differenziert sich zu Plasmazellen. Einige Antigene, vor allem sich wiederholende bakterielle Zuckerstrukturen, vernetzen die Rezeptoren so dicht, dass sie das zweite Signal selbst liefern; diese thymusunabhängige Antwort bleibt jedoch auf Immunglobulin M beschränkt und hinterlässt kaum Gedächtnis.

Im Verlauf der Antwort kann die Zelle die schwere Kette ihres Antikörpers austauschen und damit von Immunglobulin M auf G, A oder E umschalten. Dieser Klassenwechsel verändert ausschließlich die Effektorfunktion, nicht die Spezifität: Alle Antikörper eines Klons erkennen weiterhin dasselbe Antigen. Die fertig differenzierte Plasmazelle produziert dann nur noch eine Klasse, dafür in großer Menge. Antikörper wirken auf drei Weisen, die man auseinanderhalten sollte: Sie neutralisieren, indem sie Bindungsstellen des Erregers besetzen; sie opsonieren, indem sie ihn für Phagozyten mit einem Griff versehen; und sie aktivieren das Komplementsystem über den klassischen Weg.

Tabelle 1: Die humorale Antwort: B-Zelle, Plasmazelle, Klassenwechsel
KlasseVorkommen und FormHauptaufgabeKlinisch bedeutsam bei
Immunglobulin Mim Plasma als Fünfling, auf der naiven B-Zelle als Einzelmolekülerster Antikörper der Primärantwort, sehr starke Agglutination und Komplementaktivierungnatürliche Antikörper des AB0-Systems, frische Infektion, nicht plazentagängig
Immunglobulin Ghöchste Plasmakonzentration aller Klassen, 7 bis 15 Gramm je LiterTräger der Sekundärantwort, Neutralisierung, Opsonierung, KomplementaktivierungImpfschutz, Nestschutz durch Plazentagängigkeit, Anti-D, passive Immunisierung
Immunglobulin Ain Sekreten als Doppelmolekül, auf Schleimhäuten und in der MuttermilchAbwehr an der Oberfläche, bevor ein Erreger eindringtSchleimhautimmunität, selektiver Mangel mit Unverträglichkeitsreaktionen
Immunglobulin Eim Plasma kaum nachweisbar, gebunden an Mastzellen und basophile GranulozytenAuslösung der Sofortreaktion, ParasitenabwehrSensibilisierung und perioperative Anaphylaxie
Immunglobulin Dfast ausschließlich membranständig auf der naiven B-ZelleMitrezeptor bei der Antigenerkennungkeine eigenständige klinische Rolle in der Akutmedizin
Schema der humoralen Abwehr von der B-Zelle über die Hilfe der T-Helferzelle und den Klassenwechsel zur Plasmazelle sowie Zeitverlauf von Primär- und Sekundärantwort mit Immunglobulin M und Immunglobulin G
Abbildung 2: Die humorale Antwort: Die B-Zelle fängt ihr Antigen, präsentiert es der T-Helferzelle und erhält von dieser das zweite Signal; nach Klassenwechsel und Reifung zur Plasmazelle entsteht bei erneutem Kontakt eine Antwort, die früher beginnt, höher ausfällt und von Immunglobulin G getragen wird. Eigene Darstellung

Übung 6.1

Lektion 7

Primärantwort, Sekundärantwort und das immunologische Gedächtnis

Beim ersten Kontakt vergehen mehrere Tage, bis überhaupt Antikörper messbar werden, denn zuerst müssen die wenigen passenden Zellen gefunden, aktiviert und vermehrt werden. Diese Primärantwort besteht anfangs überwiegend aus Immunglobulin M, erreicht nur mäßige Titer und klingt rasch wieder ab. Klinisch bedeutet das: Bei einer erstmaligen Infektion erkrankt der Mensch, und die spezifische Abwehr beendet die Erkrankung, statt sie zu verhüten.

Beim zweiten Kontakt mit demselben Antigen ist alles anders. Gedächtniszellen beider Reihen sind in großer Zahl vorhanden, langlebig und bereits auf ein niedrigeres Schwellensignal eingestellt. Die Antwort beginnt daher nach Stunden bis wenigen Tagen, erreicht ein Vielfaches des Titers und besteht überwiegend aus Immunglobulin G höherer Affinität. Der Erreger wird abgefangen, bevor eine Erkrankung entsteht. Genau dieser Unterschied zwischen Primär- und Sekundärantwort ist das, was man Immunität nennt.

Daraus folgen unmittelbar die beiden Formen der Immunisierung. Die aktive Immunisierung führt das Antigen zu, ohne die Krankheit auszulösen; sie durchläuft eine Primärantwort, braucht deshalb Wochen bis zum Schutz, hinterlässt aber ein Gedächtnis und wirkt über Jahre. Die passive Immunisierung führt fertige Antikörper zu; sie wirkt sofort, erzeugt aber kein Gedächtnis, und ihr Schutz endet mit dem Abbau der gegebenen Immunglobuline. Beide Prinzipien lassen sich kombinieren, etwa nach einer Verletzung mit unklarem Impfstatus. Die einzige natürliche passive Immunisierung ist der Nestschutz: Immunglobulin G der Mutter passiert die Plazenta und schützt das Neugeborene.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Denken Sie das System als Freigabeverfahren mit zwei Unterschriften. Die erste Unterschrift ist die Erkennung: Ein Rezeptor passt auf ein Peptid, das in der Tasche eines Gewebeverträglichkeitsmoleküls gezeigt wird. Die zweite Unterschrift ist die Mitstimulierung: Eine professionelle Zelle bestätigt, dass dieser Fund tatsächlich aus einer Gefahrenlage stammt. Nur mit beiden Unterschriften wird eine Zelle scharfgeschaltet. Fehlt die zweite, wird der Vorgang nicht nur abgelehnt, sondern die anfragende Zelle dauerhaft gesperrt. Ein Immunsystem, das ausschließlich nach der ersten Unterschrift handelte, würde jedes Gewebe angreifen, das zufällig ein ähnliches Peptid trägt.

Der zweite Baustein des Modells ist die Arbeitsteilung nach Fundort. Klasse I meldet, was im Inneren einer Zelle vorgeht, und führt zur Tötung dieser Zelle. Klasse II meldet, was in der Umgebung aufgesammelt wurde, und führt zur Organisation der Abwehr: Makrophagen scharfstellen oder Antikörper bilden lassen. Wenn Sie vor einer klinischen Frage stehen, genügt oft die Zuordnung: Liegt das Problem innerhalb einer Zelle, brauchen Sie zytotoxische T-Zellen; liegt es außerhalb, brauchen Sie Antikörper und Phagozyten.

Der dritte Baustein ist die Zeitachse: unspezifische Abwehr in Minuten, Primärantwort in Tagen, Sekundärantwort in Stunden. Eine aktive Immunisierung verlegt einen künftigen Erstkontakt in die Zeitachse der Sekundärantwort, eine passive überspringt sie ganz und bezahlt dafür mit dem fehlenden Gedächtnis, und eine Immunsuppression dehnt sie so weit, dass das Transplantat überlebt und der Erreger ebenfalls.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Das chirurgische Trauma selbst erzeugt eine neuroendokrine Stressantwort mit Cortisol und Katecholaminen. In deren Folge verschiebt sich das Gleichgewicht der T-Helferzellen zulasten des entzündlichen Wegs, die zelluläre Abwehr wird gedämpft, und gleichzeitig laufen die unspezifischen Entzündungsmechanismen an. Ausmaß und Dauer hängen von der Größe des Eingriffs ab, nicht von der Wahl des Anästhesieverfahrens allein.
  • Opioide wirken über den Mu-Rezeptor dosisabhängig dämpfend auf die Aktivität der natürlichen Killerzellen. Volatile Anästhetika senken deren Zytotoxizität, Propofol mindert die Freisetzung entzündungsfördernder Zytokine. Diese Effekte sind experimentell gut belegt, ihre Bedeutung für den Krankheitsverlauf ist es nicht.
  • Hypothermie und Hyperglykämie beeinträchtigen Chemotaxis und Phagozytose. Beide sind im Gegensatz zur Wahl des Hypnotikums unmittelbar steuerbar und gehören deshalb zu den wenigen immunologisch begründeten Routinemaßnahmen.
  • Die Gabe allogener Blutprodukte verändert die Immunlage des Empfängers messbar. Das ist ein eigenständiges Argument für eine zurückhaltende Indikationsstellung, unabhängig von den akuten Transfusionsreaktionen des folgenden Unterkapitels.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Immunparalyse nach Sepsis oder Polytrauma. Nach der überschießenden Frühphase folgt eine Phase verminderter Abwehrbereitschaft mit anhaltender Lymphopenie und verminderter Antigenpräsentationsfähigkeit der Monozyten. Klinisch fallen Sekundärinfektionen mit gering pathogenen Erregern und eine verzögerte Erholung auf.
  • Der Transplantatpatient auf dem Operationstisch. Unter Hemmung des Interleukin-2-Wegs fehlen die üblichen Infektzeichen, Wundheilung und Abwehr sind verzögert, und ungewöhnliche Erreger werden bedeutsam. Fieber kann fehlen, während die Infektion fortschreitet.
  • Verzögerte Reaktionen auf Medikamente. Ein Arzneimittelexanthem nach zwei bis vier Tagen ist keine Sofortreaktion, sondern eine T-zellvermittelte Reaktion. Die Unterscheidung entscheidet über die Frage, ob eine erneute Gabe lebensbedrohlich ist; die Systematik dazu folgt im nächsten Unterkapitel.
  • Fehlender Impfschutz in der Notfallsituation. Bei unklarem Impfstatus und relevanter Verletzung wirkt allein die passive Gabe sofort, während die aktive Immunisierung erst die Zukunft sichert.
  • Das Neugeborene mit Nestschutz. Mütterliche Antikörper der Klasse G schützen in den ersten Lebensmonaten und erklären, warum eine Impfantwort in dieser Zeit anders ausfällt.
Vorsicht

Setzen Sie eine bestehende Immunsuppression nach Transplantation nicht eigenmächtig perioperativ ab. Das Abstoßungsrisiko steigt innerhalb von Tagen, und die fehlenden klassischen Infektzeichen unter laufender Therapie dürfen nicht als Entwarnung gelesen werden.

Aktuelle Evidenz

Dass Operation und Narkose die Immunantwort verändern, ist unstrittig; strittig ist, was daraus folgt. Auf der Ebene der Zellen ist die Befundlage klar: Morphin senkt über den Mu-Rezeptor dosisabhängig die Aktivität der natürlichen Killerzellen, volatile Anästhetika senken deren Zytotoxizität, und Propofol mindert die Freisetzung entzündungsfördernder Zytokine. Auf der Ebene der Krankheitsverläufe bleibt die Datenlage zu einem Einfluss auf das Tumorergebnis dagegen schwach.1 Für die Praxis heißt das, die Verfahrenswahl nach Eingriff, Begleiterkrankungen und Schmerztherapie zu treffen und nicht nach einer erhofften immunologischen Überlegenheit.

Klinisch eindeutig fassbar wird die spezifische Abwehr dort, wo sie erschöpft ist. Als Marker einer Immunparalyse gilt eine monozytäre HLA-DR-Expression unter 60 Prozent, und eine anhaltende Lymphopenie unter 1,0 mal 10 hoch 9 je Liter ist mit Sterblichkeit und Sekundärinfektionen verbunden.2 Beide Befunde beschreiben genau das, was die Physiologie erwarten lässt: Ohne ausreichende Präsentation über die Klasse II bleibt das erste Signal aus, und ohne Lymphozyten gibt es keine klonale Expansion. Eine anhaltende Lymphopenie nach Sepsis oder Polytrauma ist deshalb kein Nebenbefund des Blutbilds, sondern ein Hinweis auf eine erschöpfte Abwehr.

Eine gezielte immunmodulierende Therapie steht dafür nicht zur Verfügung. Die Leitlinie zur Sepsis von 2026 mit ihren 40 Empfehlungen setzt folgerichtig auf Erkennen und Basismaßnahmen: Screening mit NEWS, NEWS2, MEWS oder SIRS statt qSOFA, ein mittlerer arterieller Druck von 60 bis 65 mmHg ab einem Alter von 65 Jahren und die verlängerte Infusion von Betalaktamen als starke Empfehlung.3 Die wirksamste Immuntherapie der Intensivmedizin bleibt damit die rasche Herdsanierung und eine ausreichend wirksame antiinfektive Behandlung.

Übung 9.1

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Das Immunsystem lerne, einen neuen Erreger zu erkennen. Das Repertoire entsteht vor jedem Kontakt durch Zufall. Der Erreger wählt nur aus, welche der bereits vorhandenen Zellen vermehrt wird.
  • Antikörper bekämpften Viren in der infizierten Zelle. Antikörper erreichen nur, was außerhalb von Zellen liegt. Eine infizierte Zelle wird ausschließlich über die Präsentation von Klasse I und zytotoxische T-Zellen erreicht.
  • Die Erkennung eines Antigens genüge zur Aktivierung. Ohne Mitstimulierung entsteht keine Antwort, sondern Anergie. Genau darauf beruht die periphere Toleranz.
  • Der Klassenwechsel verändere die Spezifität des Antikörpers. Er verändert nur die Effektorfunktion. Alle Antikörper eines Klons erkennen weiterhin dasselbe Antigen.
  • Eine passive Immunisierung hinterlasse einen Impfschutz. Sie wirkt sofort und endet mit dem Abbau der gegebenen Antikörper. Ein Gedächtnis entsteht nur durch die aktive Immunisierung.

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Notfalleingriff bei einem Transplantatempfänger

Ein 62-jähriger Patient stellt sich 14 Monate nach Nierentransplantation mit zunehmenden Unterbauchschmerzen vor. Er nimmt einen Hemmstoff des Interleukin-2-Wegs, ein antiproliferatives Medikament und Prednisolon. Die Körpertemperatur beträgt 37,1 Grad Celsius, die Herzfrequenz 108 pro Minute, der arterielle Mitteldruck 68 mmHg. Die Leukozytenzahl liegt bei 4,2 mal 10 hoch 9 je Liter, die Lymphozytenzahl bei 0,6 mal 10 hoch 9 je Liter, das C-reaktive Protein bei 240 Milligramm je Liter, das Kreatinin bei 1,8 Milligramm je Deziliter. Die Bildgebung zeigt eine gedeckte Perforation bei Sigmadivertikulitis. Es wird die dringliche Laparotomie geplant.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Das Repertoire ist älter als der Erreger. Klonale Selektion vermehrt, sie erfindet nicht.
  • Klasse I zeigt den Inhalt der eigenen Zelle und führt zum Töten, Klasse II zeigt den Fund aus der Umgebung und führt zum Organisieren.
  • Zwei Unterschriften oder keine Freigabe: Erkennung ohne Mitstimulierung erzeugt Toleranz, nicht Abwehr.
  • Immunglobulin M meldet das Erste, Immunglobulin G trägt die Wiederholung, Immunglobulin A hält die Oberfläche, Immunglobulin E löst die Sofortreaktion aus.
  • Aktiv immunisieren heißt warten und behalten, passiv immunisieren heißt sofort wirken und wieder verlieren.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie erklären Sie die fehlende

Gegeben:
Eine 58-jährige Patientin nach Nierentransplantation steht unter einer Kombination aus einem Hemmstoff des Interleukin-2-Wegs und einem Glucocorticoid. Sie wird mit Verdacht auf eine Cholezystitis zur Operation vorgestellt, ist afebril, das C-reaktive Protein liegt bei 180 Milligramm je Liter.

Frage:
Wie erklären Sie die fehlende Temperaturerhöhung physiologisch, und welche Konsequenz ziehen Sie daraus?

Lösung

Fieber entsteht durch Zytokine aktivierter Abwehrzellen, vor allem nach Aktivierung von Makrophagen durch entzündliche T-Helferzellen. Die Therapie unterbindet die klonale Expansion der T-Zellen und die Zytokinbildung, sodass das Fieber als Signal ausfällt, während die Infektion weiterläuft. Die Konsequenz ist, dass Sie das Fehlen von Fieber nicht als Zeichen eines geringen Schweregrads werten dürfen und sich an Laborverlauf, Bildgebung und klinischem Befund orientieren. Die Immunsuppression wird perioperativ nicht eigenmächtig abgesetzt, sondern in Abstimmung mit dem Transplantationszentrum geführt.

Aufgabe 2: Warum schützt eine passive Immunisierung

Gegeben:
Die Angaben stehen in der Frage.

Frage:
Warum schützt eine passive Immunisierung sofort, aber nur für begrenzte Zeit, während eine aktive Immunisierung erst nach Wochen wirkt und dann über Jahre trägt?

Lösung

Die passive Immunisierung führt fertige Immunglobuline zu. Sie sind vom ersten Augenblick an wirksam, werden aber wie jedes Plasmaprotein abgebaut, und weil keine eigene B-Zelle aktiviert wurde, entstehen weder Plasmazellen noch Gedächtniszellen. Die aktive Immunisierung führt dagegen das Antigen zu und löst eine vollständige Primärantwort aus, die erst Selektion, Vermehrung, Klassenwechsel und Reifung durchlaufen muss. Am Ende stehen langlebige Gedächtniszellen, die bei erneutem Kontakt eine Sekundärantwort innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen ermöglichen.

Aufgabe 3: Wie ordnen Sie diesen Verlauf

Gegeben:
Ein Patient wird am zwölften Tag nach einer schweren Sepsis mit einer Pneumonie durch einen gering pathogenen Erreger auffällig. Die Lymphozytenzahl liegt seit Tagen unter 1,0 mal 10 hoch 9 je Liter.

Frage:
Wie ordnen Sie diesen Verlauf ein?

Lösung

Auf die überschießende Frühphase der Sepsis folgt regelhaft eine Phase verminderter Abwehrbereitschaft. Antigenpräsentierende Zellen zeigen weniger Gewebeverträglichkeitsmoleküle der Klasse II, die T-Zell-Aktivierung bleibt daher aus, und Lymphozyten gehen vermehrt in Apoptose. Eine anhaltende Lymphopenie ist in dieser Lage kein Nebenbefund, sondern ein Hinweis auf eine erschöpfte spezifische Abwehr und geht mit Sekundärinfektionen und erhöhter Sterblichkeit einher. Therapeutisch stehen die konsequente Herdsanierung, eine adäquate antiinfektive Behandlung und die Vermeidung zusätzlicher immunsuppressiver Einflüsse im Vordergrund.

Aufgabe 4: Erklären Sie, warum ein Mangel

Gegeben:
Die Angaben stehen in der Frage.

Frage:
Erklären Sie, warum ein Mangel an T-Helferzellen nicht nur die zelluläre, sondern auch die humorale Abwehr beeinträchtigt.

Lösung

Die B-Zelle benötigt für die Antwort auf die meisten Antigene ein zweites Signal, das von einer T-Helferzelle stammt. Diese erkennt das Peptid, das die B-Zelle ihr über die Klasse II präsentiert, bildet daraufhin einen Oberflächenliganden aus und sezerniert Interleukine. Ohne diese Hilfe unterbleiben die klonale Vermehrung, der Klassenwechsel und die Reifung zu Plasmazellen. Übrig bleibt allenfalls eine schwache, auf Immunglobulin M beschränkte Antwort gegen sich wiederholende Zuckerstrukturen, die kaum Gedächtnis hinterlässt.

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Abschlussquiz, etwa 8 Minuten

Abschlussquiz

Acht Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Klonale SelektionAuswahl und Vermehrung derjenigen Lymphozyten, deren vorhandener Rezeptor zufällig auf das angetroffene Antigen passt.
Klonale DeletionBeseitigung selbstreaktiver Lymphozyten bereits bei der Prägung in Thymus und Knochenmark; Grundlage der zentralen Toleranz.
GewebeverträglichkeitsmoleküleOberflächenmoleküle, die Peptide in einer Bindungstasche zeigen; Klasse I auf allen kernhaltigen Zellen, Klasse II auf antigenpräsentierenden Zellen.
DoppelsignalBedingung der T-Zell-Aktivierung aus Antigenerkennung und Mitstimulierung; fehlt die Mitstimulierung, wird die Zelle anergisch.
Interleukin-2Von der aktivierten T-Zelle gebildetes Signal, das die klonale Vermehrung antreibt und Hauptangriffspunkt der Immunsuppression ist.
Zytotoxische T-ZelleCD8-tragende Effektorzelle, die über Todesrezeptor und Granzym die Apoptose einer Zelle auslöst, die ihr Peptid über die Klasse I zeigt.
KlassenwechselAustausch der schweren Antikörperkette und damit der Effektorfunktion bei unveränderter Antigenspezifität des Klons.
Passive ImmunisierungGabe fertiger Immunglobuline; sofort wirksam, ohne Gedächtnis, Schutzdauer begrenzt durch den Abbau der gegebenen Antikörper.

Literatur

  1. Ge Y, Qi X, Chang T, Luan Y. Impact of anesthetic drugs and modalities on the postoperative outcomes in cancer patients: a literature review. Front Med (Lausanne). 2026;13:1735369. doi:10.3389/fmed.2026.1735369
  2. Gao X, Cai S, Li X, Wu G. Sepsis-induced immunosuppression: mechanisms, biomarkers and immunotherapy. Front Immunol. 2025;16:1577105. doi:10.3389/fimmu.2025.1577105
  3. Prescott HC, Antonelli M, Alhazzani W et al. Surviving Sepsis Campaign: international guidelines for management of sepsis and septic shock 2026. Intensive Care Med. 2026;52(6):863-936. doi:10.1007/s00134-026-08361-1

Standardwerke

  • Silbernagl S, Despopoulos A, Draguhn A. Taschenatlas Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. Grundlagen und Zellphysiologie.
  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Rassow J, Hauser K, Netzker R, Deutzmann R. Duale Reihe Biochemie. 5. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2022.
  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.

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