Der klassische Test der primären Hämostase ist die Blutungszeit. Nach einer standardisierten kleinen Hautverletzung dauert es normalerweise zwei bis vier Minuten, bis die Blutung steht. Der Test misst genau das, was die Lektion beschreibt, nämlich das Zusammenspiel von Gefäßwand, von-Willebrand-Faktor und Thrombozyten. Er ist jedoch schlecht reproduzierbar, hängt von Hautdurchblutung, Temperatur und Untersucher ab und sagt einen operativen Blutverlust nicht voraus; für die perioperative Beurteilung wird er deshalb nicht mehr empfohlen.
An seine Stelle sind Verfahren getreten, die die Funktion unter definierten Bedingungen prüfen. Ein Verfahren saugt Vollblut durch eine mit Kollagen beschichtete Öffnung und misst die Zeit bis zum Verschluss; es bildet damit die Adhäsion unter hoher Scherkraft ab und ist besonders für das von-Willebrand-Syndrom empfindlich. Andere Verfahren messen die Aggregation nach Zugabe eines bestimmten Auslösers, etwa Adenosindiphosphat, Arachidonsäure oder eines Thrombinrezeptorpeptids, entweder als Änderung der Lichtdurchlässigkeit oder als Änderung des elektrischen Widerstands im Vollblut. Weil jeder Auslöser einen anderen Weg prüft, lässt sich damit zuordnen, welcher Hemmstoff wirkt und wie stark. Grenzen bleiben: Die Werte hängen von Thrombozytenzahl und Hämatokrit ab, und ein auffälliges Ergebnis sagt nichts darüber, ob der Patient tatsächlich bluten wird.
Die Störungen teilen sich in angeborene und erworbene. Angeboren und selten sind das Fehlen des Komplexes IIb/IIIa mit schwerer Blutungsneigung bei normaler Zahl, das Fehlen des Komplexes Ib/IX mit sehr großen Thrombozyten und Speicherkrankheiten mit verminderten Granula. Häufig und praktisch bedeutsam ist das von-Willebrand-Syndrom mit mehreren Formen, die sich in Menge, Qualität und Bindungsverhalten des Faktors unterscheiden. Erworbene Störungen sind sehr viel häufiger: die Hemmung durch Medikamente, die Urämie mit gestörter Adhäsion, die Leberzirrhose, kardiopulmonaler Bypass mit mechanischer Schädigung, Hypothermie und Azidose, die beide die Funktion unmittelbar verschlechtern, sowie Paraproteinämien, deren Eiweiße die Rezeptoren abschirmen.
Tabelle 1: Blutungszeit, Funktionstests und Funktionsstörungen
| Wirkstoffgruppe | Angriffspunkt | Art der Hemmung | Praktische Folge |
| Acetylsalicylsäure | Cyclooxygenase 1, dadurch keine Bildung von Thromboxan A2 | irreversibel, für die Lebensdauer der Zelle | Erholung nur durch Nachbildung neuer Thrombozyten, etwa 10 Prozent des Bestands je Tag |
| Clopidogrel, Prasugrel | Rezeptor für Adenosindiphosphat | irreversibel, Vorstufe muss in der Leber aktiviert werden | verzögerter Wirkbeginn, lange Karenz vor Eingriffen nötig |
| Ticagrelor | Rezeptor für Adenosindiphosphat | reversibel, keine Aktivierung in der Leber nötig | rascherer Wirkbeginn, kürzere Karenz als bei Prasugrel |
| Abciximab, Eptifibatid, Tirofiban | Glykoprotein IIb/IIIa | reversibel bis lang haftend, je nach Substanz | stärkste Hemmung, weil die gemeinsame Endstrecke blockiert wird |
| Dipyridamol | Abbau von zyklischem Adenosinmonophosphat, Aufnahme von Adenosin | reversibel | schwache eigenständige Wirkung, meist in Kombination |
| Nichtsteroidale Antirheumatika | Cyclooxygenase | reversibel, an die Plasmaspiegel gebunden | Hemmung endet mit dem Abklingen des Wirkstoffs |