Masterclass · Clinical Mystery · Fall 28

Nachbesprechung

Nach dem Fall folgen Hintergrund, Aufgaben, Abschlussquiz und Literatur in der Seitenleiste.

Masterclass · Clinical Mystery · Fall 28

Warum der Fall lehrreich ist

Ein obstruktiver Schock durch Kompression des linken Vorhofs von hinten, verursacht von einem überdehnten Magen und Ösophagus bei Magenausgangsstenose, neben einer echten Urosepsis, und behoben durch eine Magensonde.

Lernziele
  1. Einen Schock, der auf Volumen nicht anspricht, systematisch am Bett abklären, statt die Therapie zu eskalieren.
  2. Die vier Schockformen echokardiographisch gegeneinander abgrenzen und eine extrakardiale Kompression des linken Vorhofs erkennen.
  3. Das Epigastrium in den Schockultraschall einbeziehen und den Magen als Ursache einer Kreislaufstörung in Betracht ziehen.
  4. Den Mageninhalt vor jeder Sedierung oder Intubation einschätzen und einen überdehnten Magen wach und sitzend entlasten.
  5. Zwei Ursachen nebeneinander behandeln und begründen, warum eine gefundene Diagnose die andere nicht ersetzt.
  6. Bei fortgeschrittener Tumorerkrankung die weitere Behandlung am erklärten Ziel der Patientin ausrichten und einen zeitlich begrenzten Therapieversuch als Instrument nutzen.

Die Akte gibt die Diagnose vor: Harnwegsinfekt, Nitrit im Urin, Fieber, Laktat von 4,8 mmol/l, Druck von 78/44 mmHg. Wer danach handelt, tut nichts Falsches und trifft trotzdem nicht die Ursache. Die Sepsis ist real, aber sie erklärt nicht, warum zwei Liter Volumen den Druck nicht heben und die Patientin danach atemnötiger ist als vorher. Der Fall trainiert die Bewegung, die nach dem ersten wirkungslosen Bolus fällig ist: nicht mehr vom Gleichen, sondern die Frage nach einer zweiten Ursache.

Die Antwort liegt an einer Stelle, die in kaum einem Schockprotokoll vorkommt. Hinter dem linken Vorhof verläuft der Ösophagus, und darunter liegt der Magen. Beide können sich so weit dehnen, dass sie den Vorhof von hinten eindellen; die Füllung des linken Ventrikels sinkt, und das Bild gleicht einer umschriebenen Tamponade, nur ohne Perikarderguss. Die Patientin sagt es selbst: Sie sei so voll, als würde gleich alles platzen, und sie bekomme keine Luft. Der Oberbauch ist prall, tympanitisch, mit Plätschergeräusch, und das Stoma fördert seit zwei Tagen kaum.

Lehrreich ist schließlich, wie einfach die Therapie ist und wie leicht sie verfehlt wird. Eine großlumige Magensonde im Sitzen fördert 1800 ml, der Druck steigt auf 108/62 mmHg, die Frequenz fällt auf 106/min. Jede Eskalation dagegen macht es schlechter: Ein Prokinetikum treibt gegen ein mechanisches Hindernis, eine Perikardpunktion trifft keinen Erguss, eine Lyse behandelt eine Lungenembolie, die es nicht gibt, und eine Narkoseeinleitung bei vollem Magen im obstruktiven Schock verbindet Aspiration mit Kreislaufkollaps. Angeregt ist der Fall von einem Bericht über einen obstruktiven Schock durch einen Ösophagusbolus mit Kompression des linken Vorhofs; er dient als Fallinspiration und nicht als Beleg für Therapieempfehlungen. Der Fall hier ist neu konstruiert.

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Hintergrund

Pathophysiologie: Vorlast, die von außen genommen wird

Das Herzzeitvolumen hängt an der Füllung des linken Ventrikels, und diese Füllung hängt an einem niederdruckigen Weg: Lungenvenen, linker Vorhof, Mitralklappe. Alles, was den linken Vorhof von außen komprimiert, wirkt an der empfindlichsten Stelle dieser Kette. Der Vorhof liegt unmittelbar vor dem Ösophagus, was in der Echokardiographie sonst genutzt wird, weil die transösophageale Sonde von dort aus den besten Blick auf ihn hat. Dehnt sich der Ösophagus oder schiebt sich ein überdehnter Magen nach kranial, kehrt sich dieses anatomische Verhältnis in ein Problem um.

Hämodynamisch entsteht ein obstruktiver Schock: kleiner, hyperdynamer linker Ventrikel, kaum gefüllter linker Vorhof, normal großer rechter Ventrikel, kein Perikarderguss, dazu eine weite Vena cava inferior als Zeichen der Rückstauung vor dem Hindernis. Die Kombination aus weiter Vena cava und kleinem linkem Ventrikel ist der Schlüssel: Bei reiner Hypovolämie ist die Vena cava schmal und kollabiert. Volumen kann den Druck nicht heben, weil das Blut die Engstelle nicht passiert; Vasopressoren halten den Perfusionsdruck, beheben aber nichts.

Wie verbreitet diese Ursache ist, hat eine strukturierte Übersicht publizierter Fälle zusammengetragen: 22 Publikationen mit 23 Fällen extrakardialer Kompression des linken Vorhofs aus den Jahren 2016 bis 2026. Häufigste Ursachengruppe waren gastroösophageale Erkrankungen, vor allem die Hiatushernie, gefolgt von vaskulären, mediastinalen, malignen und muskuloskelettalen Ursachen. Häufigstes Symptom war Dyspnoe, häufigste Komplikationen waren hämodynamische Beeinträchtigung, Lungenödem und Vorhofrhythmusstörungen. Die transthorakale Echokardiographie war in allen berichteten Fällen das erste diagnostische Verfahren, die Computertomographie für die endgültige Ursachenklärung erforderlich. Das ist keine Evidenz aus Studien, sondern eine Sammlung von Einzelfällen, und genau so ist sie zu lesen: als Beleg dafür, dass es diese Ursache gibt und dass das Echo sie findet.

linker Ventrikel klein, hyperdynam linker Vorhof Vorhof eingedellt, kaum gefüllt Ösophagus Magen, 1800 ml Ausgang eingeengt Druck von hinten auf den Vorhof Vena cava weit, Füllung kommt nicht an Entlastung über die Sonde hebt die Kompression auf
Der überdehnte Ösophagus und Magen drücken den linken Vorhof von hinten ein; die Füllung des linken Ventrikels sinkt, während die Vena cava weit bleibt. Schema, nicht maßstäblich.

Für die Praxis heißt das: Ein kleiner, hyperdynamer linker Ventrikel bei weiter Vena cava ist kein Volumenmangel, sondern ein Hindernis, und das Hindernis kann hinter dem Herzen liegen.

Differenzialdiagnose: der Schock, der auf Volumen nicht anspricht

Die Leitlinie der Surviving Sepsis Campaign empfiehlt bei möglichem septischem Schock die sofortige Gabe von Antibiotika, möglichst innerhalb einer Stunde, balancierte Kristalloide, Noradrenalin als ersten Vasopressor und ausdrücklich auch die rasche Abklärung nichtinfektiöser Ursachen. Der letzte Punkt wird am häufigsten überlesen. Im Fall ist die Urosepsis real, die Urinkultur wächst E. coli, und trotzdem ist sie nicht die ganze Erklärung. Antibiotika und ein erster Volumenbolus sind richtig; falsch ist, den ausbleibenden Effekt mit weiteren Litern zu beantworten.

ErklärungWas dafür sprichtWas nicht passtSchneller Test
Septischer Schock alleinNitrit, Fieber 37,9 °C, Laktat 4,8 mmol/lkein Volumeneffekt, weite Vena cavaReaktion auf den ersten Bolus
HypovolämieErbrechen, Tachykardieweite Vena cava, gestaute HalsvenenSubkostalschnitt, 1 min
Perikardtamponadeobstruktives Bild, gestaute Halsvenenkein Perikardergusssubxiphoidaler Schnitt, 1 min
LungenembolieTumorerkrankung, Tachykardie, Hypoxämierechter Ventrikel normal großVierkammerblick, 1 min
Kardiogener SchockBrustdruck, Atemnothyperdynamer linker Ventrikel, keine IschämiezeichenEcho und 12-Kanal-EKG
Extrakardiale KompressionErbrechen, stilles Stoma, praller Oberbauch, eingedellter Vorhofnichtsparasternal lange Achse plus Epigastrium

Zwei Fehlwege sind gefährlich, weil sie aus der richtigen Kategorie stammen. Der erste ist die Perikardtamponade: Das hämodynamische Bild passt, aber ohne Erguss gibt es nichts zu punktieren, und eine Punktion ohne Erguss verletzt. Der zweite ist die Lungenembolie. Die Echokardiographie ist zur Beurteilung der rechtsventrikulären Belastung etabliert; ihre diagnostische Genauigkeit für die Lungenembolie ist in einer Metaanalyse zusammengefasst. Das regionale Muster der rechtsventrikulären Dysfunktion, das später als McConnell-Zeichen bekannt wurde, beschreibt eine freie Wand mit Hypokinesie bei erhaltener Spitzenbewegung. Ein normal großer, normal kontrahierender rechter Ventrikel macht eine hämodynamisch bedeutsame Lungenembolie unwahrscheinlich, und eine Lyse ohne diese Zeichen bringt bei Tumorpatienten mit Stoma nur Blutung. Die europäische Leitlinie zur akuten Lungenembolie regelt Risikostratifizierung und Reperfusion und setzt diese Zeichen voraus.

Ein dritter Weg ist scheinbar harmlos und kostet doch Zeit: das Bestätigungs-CT. Es zeigt in diesem Fall den massiv dilatierten Magen, die Stenose am Magenausgang und den eingedellten Vorhof, also genau das, was das Echo schon gezeigt hat. Für die Ursachenklärung ist die Computertomographie nach der Übersicht das entscheidende Verfahren, aber sie klärt die Ursache und nicht die Akutsituation; der Transport einer instabilen Patientin mit vollem Magen findet im Liegen statt, und auf dem Tisch wird erbrochen.

Für die Praxis heißt das: Bleibt der erste Volumenbolus ohne Wirkung, wechseln Sie von der Therapie zur Diagnostik, und zwar am Bett; bei obstruktivem Bild ohne Perikarderguss und mit normalem rechtem Ventrikel suchen Sie weiter, statt zu punktieren oder zu lysieren.

Der Ultraschall: hinter den Vorhof und ins Epigastrium

Der entscheidende Handgriff ist eine Erweiterung des üblichen Schockultraschalls um zwei Blicke. Der erste ist die parasternale lange Achse mit bewusster Beurteilung des linken Vorhofs: Ist er gefüllt, oder wird er von hinten eingedellt? Eine echoreiche Struktur dorsal des Vorhofs ist kein Artefakt und keine intrakardiale Raumforderung, solange sie sich nach kaudal in das Epigastrium verfolgen lässt. Die Übersicht betont, dass die transthorakale Echokardiographie das erste Verfahren war und dass sie helfen kann, eine Kompression von einer intrakardialen Raumforderung zu unterscheiden.

Der zweite Blick ist der subkostale Schnitt mit dem Schallkopf im Epigastrium. Der Ultraschall des Magens ist ein etabliertes bettseitiges Verfahren zur Einschätzung von Mageninhalt und Aspirationsrisiko; die systematische Übersicht von Van de Putte und Perlas wertet 17 Arbeiten aus und begründet den Einsatz gerade für dringliche Situationen und Patienten, bei denen Nüchternzeiten nicht gelten. Für diesen Fall bedeutet das zweierlei: Der gefüllte Magen ist die Erklärung des Schocks, und er ist zugleich die Warnung vor jeder Sedierung.

Zum Bild gehört die Untersuchung mit den Händen. Der Oberbauch ist prall gespannt und tympanitisch, bei Beklopfen zeigt sich ein Plätschergeräusch, das Stoma ist schlaff und fördert kaum. Die Halsvenen sind im Sitzen leicht gestaut, was zu reiner Hypovolämie nicht passt. Die Lunge zeigt A-Linien und beidseitiges Gleiten, also weder Lungenödem noch Pneumothorax. Jeder dieser Befunde dauert eine Minute und grenzt eine Diagnose aus.

Für die Praxis heißt das: Nehmen Sie das Epigastrium in jeden Schockultraschall auf und beurteilen Sie den linken Vorhof nicht nur auf Größe, sondern auf Form; ein von hinten eingedellter Vorhof führt den Schallkopf direkt in den Oberbauch.

Behandlung: entlasten, bevor sediert wird

Die kausale Therapie ist eine großlumige Magensonde, gelegt bei wacher, aufrecht sitzender Patientin, mit bereitliegender Absaugung und nach kurzer Erklärung. Über die Sonde laufen 1800 ml ab, und mit der Entlastung steigt der Druck von 78/44 auf 108/62 mmHg, die Frequenz fällt von 128 auf 106/min, die Sättigung steigt auf 95 %. Das Kontroll-Echo zeigt einen normal gefüllten linken Vorhof und einen größeren linken Ventrikel, das Laktat fällt auf 2,4 mmol/l, und Noradrenalin lässt sich auf 0,05 µg/kg/min reduzieren. Diese Kausalkette ist zugleich die Bestätigung der Diagnose.

Drei Fallen verdienen eine eigene Erwähnung. Erstens die Sonde selbst: Eine dünne Ernährungssonde entleert einen Magen mit dickflüssigem Inhalt nicht, und eine Sonde, die nach dem Ablauf abgeklemmt oder gezogen wird, lässt den Magen erneut volllaufen, weil die Stenose bleibt. Die Sonde gehört auf Ablauf, und wenn sie nachts plötzlich nicht mehr fördert, wird sie gespült oder neu gelegt, nicht vertagt.

Zweitens das Prokinetikum. Metoclopramid steigert die Kontraktion gegen ein mechanisches Hindernis, verstärkt Krämpfe und Erbrechen und ist bei Magenausgangsstenose kontraindiziert. Symptomatisch ist ein Antiemetikum ohne prokinetische Wirkung vertretbar, es ersetzt die Entlastung aber nicht.

Drittens die Narkoseeinleitung. Ein überdehnter Magen und ein obstruktiver Schock verbinden die beiden Risiken, die eine Notfallintubation gefährlich machen. Die Leitlinie zur Intubation kritisch Kranker außerhalb des Operationssaals beschreibt Vorbereitung, Durchführung und Rückfallebenen und stellt die Vorbereitung an den Anfang. Wie häufig der Kreislauf einbricht, zeigt eine randomisierte Studie mit 2365 kritisch kranken Erwachsenen: Ein kardiovaskulärer Kollaps trat bei 22,1 % unter Ketamin und 17,0 % unter Etomidat auf, ohne Unterschied in der Krankenhausmortalität bis Tag 28 mit 28,1 gegenüber 29,1 %. Wer intubieren muss, entlastet zuerst den Magen, lagert mit erhöhtem Oberkörper, stellt die Absaugung bereit und titriert das Hypnotikum; wer nicht intubieren muss, legt die Sonde am wachen Patienten und spart die Narkose.

MaßnahmeDosis oder VorgehenHerkunft
Großlumige Magensondewach, sitzend, Absaugung bereit, auf Ablauf belassen; im Fall 1800 mlFallverlauf; Aspirationsrisiko
Kristalloidim Fall 500 ml balanciert mit sofortiger Neubewertung; 3 l ohne Wirkung sind ein Fehler
Noradrenalinim Fall 0,1 µg/kg/min titriert, überbrückend bis zur Entlastung
Antibiotikumnach Kulturen sofort, im Fall Piperacillin und Tazobactam 4,5 gHerstellerangabe; Zeitpunkt
Metoclopramidbei mechanischer Magenausgangsstenose kontraindiziertHerstellerangabe
Glukoseim Fall 50 ml Glukose 40 %, danach Glukose 10 % als PerfusorHerstellerangabe
Einleitung zur Intubationerst nach Entlastung, Oberkörper hoch, Absaugung bereit, Hypnotikum titriert
Alteplasekeine Indikation ohne rechtsventrikuläre Belastung

Nach der Entlastung bleibt die zweite Diagnose zu behandeln. Die Urosepsis wird nicht abgesetzt, weil der Magen die Hypotonie erklärt; das Antibiotikum läuft weiter und wird nach Antibiogramm angepasst. Dazu kommen die Begleitprobleme: eine Hypoglykämie von 58 mg/dl, die unbehandelt auf 28 mg/dl fällt und einen Anfall auslösen kann, ein erhöhtes Ammoniak, eine Leukopenie mit 2,8 G/l und 1,1 G/l neutrophilen Granulozyten sechs Wochen nach der letzten Chemotherapie, sowie die Bilanz: plus 3,2 l bei 2,1 l Verlust über die Sonde, die als Magensaft Kalium und Chlorid mitnimmt und gezielt ersetzt werden will.

Für die Praxis heißt das: Entlasten Sie den Magen, bevor Sie sedieren, lassen Sie die Sonde offen, verzichten Sie auf Prokinetika bei mechanischer Stenose und behandeln Sie die Sepsis weiter, auch wenn die Hypotonie eine andere Ursache hatte.

Danach: Ursache klären, Ziele klären

Die Entlastung ist Symptomtherapie einer Stenose, die bleibt. Die Chirurgie bestätigt eine Magenausgangsstenose durch Peritonealkarzinose und nennt drei Wege: eine Ablauf-Gastrostomie, einen Stent oder eine Operation, wobei ein Eingriff bei Peritonealkarzinose ein hohes Risiko trägt. Welcher Weg der richtige ist, lässt sich medizinisch nicht allein entscheiden. Die Patientin sagt, sie wolle nach Hause zu ihrem Mann, ohne Schlauch in der Nase, und sie wolle nicht so sterben.

Genau dafür gibt es ein Vorgehen. Eine nicht zielkonkordante Versorgung entsteht, wenn Vorausplanung unbekannt ist oder Ziele kollidieren, und belastet Familie und Team; eine palliativmedizinische Beratung, auch nachts, entlastet und zeigt, wie ein Gespräch über Therapieziele geführt wird. Ein zeitlich begrenzter Therapieversuch ist dabei eine strukturierte Absprache zwischen Behandelnden und Patient oder Vertretung über Werte, Prognose und den Einsatz bestimmter Therapien für einen vorher festgelegten Zeitraum bei unsicherer Prognose. Das ist kein Verzicht, sondern eine Verabredung mit Kriterien und einem Termin.

Zwei Konflikte gehören zum Fall. Der erste ist der Ehemann, der sagt, es müsse alles gemacht werden, während die Patientin den Kopf schüttelt. Solange sie entscheidungsfähig ist, gilt ihre Entscheidung; die Aufgabe des Teams ist es, sie zu erklären und den Angehörigen zu begleiten, nicht das Gespräch abzubrechen. Der zweite ist die Versuchung, ohne Gespräch zu operieren. Eine Laparotomie bei Peritonealkarzinose führt in diesem Fall zu langer Beatmung und Intensivtherapie, und die Patientin erreicht ihr Ziel nicht mehr.

Zum Schluss steht der Übergang. Eine Ablauf-Gastrostomie ersetzt die nasale Sonde, die Pflege wird geschult, Hausarzt und die spezialisierte ambulante Palliativversorgung werden informiert, ein Symptomplan und ein Ansprechpartner für die nächste Krise gehören dazu. Im Fall verlässt die Patientin nach acht Tagen das Krankenhaus.

Für die Praxis heißt das: Klären Sie nach der Stabilisierung die Ursache und die Ziele im selben Zug, bevor invasive Optionen gewählt werden, und planen Sie die Versorgung zu Hause so konkret wie die Therapie im Schockraum.

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Die Wendungen im Fall

Erste Wendung, das wirkungslose Volumen. Die Akte nennt einen Harnwegsinfekt, und die Behandlung folgt der Sepsisleitlinie. Nach zwei Litern liegt der Druck bei 76/42 mmHg, die Atemfrequenz bei 32/min, die Patientin ist atemnötiger. Verdeckt hat die richtige Diagnose die zweite; zu erkennen war das Problem daran, dass die erwartete Wirkung ausblieb und die Übergabe der Station bereits von Erbrechen und stillem Stoma sprach.

Zweite Wendung, der Ultraschall. Kleiner, hyperdynamer linker Ventrikel, normaler rechter Ventrikel, kein Perikarderguss, weite Vena cava, dazu eine echoreiche Struktur hinter dem linken Vorhof. Verdeckt hatte die Kompression sich hinter dem Herzen, also außerhalb des Blicks, den ein Schockultraschall gewöhnlich nimmt; zu erkennen war sie an der Form des Vorhofs und daran, dass die Struktur sich ins Epigastrium verfolgen ließ.

Dritte Wendung, die falschen Rettungen. Aus dem obstruktiven Bild entstehen zwei naheliegende Eingriffe, die Perikardpunktion und die Lyse. Die Nadel fördert nichts und erzeugt Extrasystolen, die Lyse lässt das Stoma bluten und senkt das Hämoglobin auf 8,4 g/dl. Verdeckt hat die Diagnose die Verfügbarkeit dieser beiden bekannteren Ursachen; zu erkennen war der Irrtum vor dem Eingriff, nämlich am fehlenden Erguss und am normalen rechten Ventrikel.

Vierte Wendung, die Sonde. 1800 ml laufen ab, der Druck steigt, das Kontroll-Echo zeigt einen normal gefüllten Vorhof. Die Wendung liegt darin, dass nun alles gelöst scheint: Wer die Sonde abklemmt oder zieht, hat eine Stunde später denselben Schock, weil die Stenose bleibt.

Fünfte Wendung, die zweite Diagnose bleibt. Die Urinkultur wächst E. coli, die Temperatur steigt auf 38,6 °C, die Leukozyten liegen bei 2,8 G/l. Wer das Antibiotikum absetzt, weil der Magen die Erklärung war, erlebt zwölf Stunden später Fieber von 39,4 °C, fallenden Druck und steigendes Laktat. Zu erkennen war das daran, dass zwei Ursachen von Anfang an nebeneinander bestanden.

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Typische Fehlannahmen

  • „Der Druck ist niedrig, also braucht sie mehr Volumen.“ Gegen ein Hindernis hebt Volumen keinen Druck, und die weite Vena cava sagt es schon vor dem dritten Liter.
  • „Obstruktiver Schock heißt Tamponade oder Lungenembolie.“ Ohne Perikarderguss und mit normalem rechtem Ventrikel bleibt die Ursache außerhalb des Herzens zu suchen.
  • „Erbrechen gehört zur Sepsis.“ Erbrechen kleiner Mengen mit stillem Stoma zeigt auf eine Passagestörung und gehört untersucht.
  • „Erst das CT, dann die Therapie.“ Das Echo zeigt die Kompression am Bett; der Transport im Schock erzeugt die nächste Aspiration.
  • „Sie ist erschöpft, also wird intubiert.“ Ein voller Magen im obstruktiven Schock verbindet Aspiration und Kreislaufkollaps; erst entlasten, dann entscheiden.
  • „Erbrechen behandelt ein Prokinetikum.“ Bei mechanischer Magenausgangsstenose treibt es gegen das Hindernis.
  • „Der Magen war die Ursache, das Antibiotikum kann weg.“ Die Urosepsis ist real und bleibt behandlungsbedürftig.

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Merksätze

Merksätze
  1. Ein Schock ohne Volumeneffekt ist eine Aufforderung zur Diagnostik am Bett, nicht zur Eskalation.
  2. Kleiner, hyperdynamer linker Ventrikel bei weiter Vena cava bedeutet ein Hindernis, nicht Volumenmangel.
  3. Der linke Vorhof kann von hinten eingedrückt werden; das Epigastrium gehört in jeden Schockultraschall.
  4. Einen überdehnten Magen wach und sitzend mit großlumiger Sonde entlasten und die Sonde offen lassen.
  5. Zwei Ursachen können nebeneinander bestehen, und die Behandlung richtet sich am Ende am erklärten Ziel der Patientin aus.

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Aufgaben

Aufgabe 1

Eine Patientin in der siebten Lebensdekade, 58 kg, mit Peritonealkarzinose und Harnwegsinfekt: Druck 78/44 mmHg, Frequenz 128/min, Atemfrequenz 30/min, SpO₂ 91 %, Laktat 4,8 mmol/l. Nach 500 ml balanciertem Kristalloid ändert sich nichts. Welche vier Fragen beantworten Sie in den nächsten fünf Minuten, und womit?

Erstens: Ist es kardiogen? Parasternale lange Achse mit Beurteilung von Kontraktilität und Form des linken Vorhofs. Zweitens: Ist es eine Tamponade? Subxiphoidaler Schnitt, hier ohne Erguss. Drittens: Ist es eine Lungenembolie? Vierkammerblick mit Größe und Funktion des rechten Ventrikels; ein normaler rechter Ventrikel macht eine hämodynamisch relevante Embolie unwahrscheinlich. Viertens: Ist es Volumenmangel? Subkostalschnitt mit Vena cava, hier weit, und derselbe Schnitt zeigt im Epigastrium den gefüllten Magen. Parallel laufen Kulturen und das Antibiotikum, weil bei möglichem septischem Schock sofort behandelt wird.

Aufgabe 2

Das Echo zeigt einen kleinen, hyperdynamen linken Ventrikel, einen normal großen rechten Ventrikel, keinen Perikarderguss und eine echoreiche Struktur, die den linken Vorhof von hinten eindellt. Ein Kollege schlägt die Perikardpunktion vor, eine Kollegin eine Lyse. Wie begründen Sie Ihre Entscheidung?

Beides unterbleibt. Ohne Perikarderguss gibt es nichts zu punktieren, und die Punktion verletzt; ohne rechtsventrikuläre Belastung fehlt die Grundlage für eine Lyse, deren Risiko bei Tumorerkrankung mit Stoma besonders hoch ist. Die Struktur hinter dem Vorhof ist extrakardial; gastroösophageale Ursachen sind in der strukturierten Übersicht die häufigste Gruppe der extrakardialen Kompression des linken Vorhofs, und die transthorakale Echokardiographie war dort in allen Fällen das erste Verfahren. Deshalb wird der Schallkopf ins Epigastrium geführt, und dort zeigt sich der überdehnte Magen.

Aufgabe 3

Sie entscheiden sich für die Entlastung. Wie führen Sie diese durch, was vermeiden Sie dabei, und woran messen Sie den Erfolg?

Großlumige Sonde bei wacher, aufrecht sitzender Patientin nach Erklärung und Rachenanästhesie, mit bereitliegender Absaugung, sofortiges Ablaufenlassen und Belassen auf Ablauf. Vermieden werden eine Sedierung vor der Entlastung, eine dünne Ernährungssonde, das Abklemmen nach dem ersten Ablauf und ein Prokinetikum bei mechanischer Stenose. Vor jeder Sedierung wird der Mageninhalt eingeschätzt; der Magenultraschall ist dafür das bettseitige Verfahren, gerade wenn Nüchternzeiten nicht gelten. Erfolg zeigt sich am Kreislauf und im Kontroll-Echo: im Fall Anstieg von 78/44 auf 108/62 mmHg, Frequenz von 128 auf 106/min, Laktat auf 2,4 mmol/l und ein wieder normal gefüllter linker Vorhof. Muss doch intubiert werden, geschieht das nach der Entlastung, mit erhöhtem Oberkörper und titriertem Hypnotikum, denn ein kardiovaskulärer Kollaps trat bei kritisch Kranken in 22,1 beziehungsweise 17,0 % der Einleitungen auf.

Aufgabe 4

Am dritten Tag ist die Patientin stabil. Die Chirurgie bestätigt eine Magenausgangsstenose durch Peritonealkarzinose und nennt Ablauf-Gastrostomie, Stent oder Operation. Die Patientin möchte nach Hause, ihr Ehemann fordert, alles zu machen. Wie gehen Sie vor?

Zuerst das Gespräch, dann die Methode. Solange die Patientin entscheidungsfähig ist, gilt ihre Entscheidung; der Ehemann wird einbezogen und begleitet, das Gespräch nicht abgebrochen. Eine nicht zielkonkordante Versorgung belastet Familie und Team, und eine palliativmedizinische Beratung hilft, das Gespräch über Therapieziele zu führen. Bei unsicherer Prognose ist ein zeitlich begrenzter Therapieversuch eine strukturierte Absprache über Werte, Prognose und den Einsatz bestimmter Therapien für einen festgelegten Zeitraum. Passend zu ihrem Ziel ist die Ablauf-Gastrostomie, dazu die Festlegung des Reanimationsstatus mit ihr, Schulung der Pflege, Information von Hausarzt und ambulanter Palliativversorgung, ein Symptomplan und ein Ansprechpartner für die nächste Krise.

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Abschlussquiz

10 Fragen. Bestanden ab 80 %.

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Literatur

Die Ziffern im Text und die Belege in der Nachbesprechung verweisen auf diese Liste. Jede Angabe ist einzeln geprüft; der Knopf „Quelle“ zeigt, wofür die Arbeit zitierfähig ist.

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