Masterclass · Clinical Mystery · Fall 02
Nachbesprechung
Nach dem Fall folgen Hintergrund, Aufgaben, Abschlussquiz und Literatur in der Seitenleiste.
Masterclass · Clinical Mystery · Fall 02
Warum der Fall lehrreich ist
Ein Knochenzement-Implantationssyndrom Grad 2 bei Aortenklappenstenose, getragen vom rechten Ventrikel, und eine paradoxe Embolie von Zement und Fett über ein offenes Foramen ovale ins Gehirn.
- Risikofaktoren des Zementsyndroms benennen und die Vorbeugung als Teamaufgabe mit festen Rollen organisieren.
- Die Schweregrade nach Donaldson anwenden und ihre prognostische Bedeutung aus den Kohortendaten ableiten.
- Die Physiologie des akuten Rechtsherzversagens erklären und daraus Vasopressor, Inotropie, Volumenstrategie und Beatmung begründen.
- Das Zementsyndrom in der ersten Minute von Anaphylaxie, Blutverlust, hoher Spinalanästhesie und Myokardischämie abgrenzen.
- Einleitung, Überdruckbeatmung und neu aufgetretene Tachyarrhythmie als Gefahrenmomente im Rechtsherzversagen erkennen und beherrschen.
- Einen Rechts-links-Shunt an der Hypoxämie bei freier Lunge erkennen, an eine paradoxe Embolie denken und das neurologische Vorgehen nach Zement- und Fettembolie begründen.
Die zementierte Hemiarthroplastik bei der Schenkelhalsfraktur ist ein Routineeingriff an einer besonders verletzlichen Patientengruppe. Genau darin liegt die Gefahr: Die Operation ist so häufig, dass die Vorbereitung auf das seltene schwere Ereignis leicht zur Formsache wird. Im Fall beginnt die Krise nicht beim Zement, sondern neunzig Sekunden früher, bei einer Übergabe, in der weder die Aortenklappenstenose noch die fehlende Arterie noch das bevorstehende Zementieren vorkommt.
Der Fall trainiert drei Fertigkeiten, die in der Krise gleichzeitig gebraucht werden. Erstens das Lesen eines zeitlichen Musters: Wer die Minute nach dem Schaft als Ursache ernst nimmt, lässt sich von Antibiotikum, Blutverlust und Spinalanästhesie nicht ablenken. Zweitens das Denken in der Physiologie des rechten Ventrikels, das fast alle Reflexe der Anästhesie umkehrt: Volumen schadet, Nitrate schaden, die Intubation ist gefährlich, und der systemische Druck ist nicht Kosmetik, sondern die Koronarperfusion des versagenden Ventrikels. Drittens die Bereitschaft, nach der gelösten Hauptkrise weiterzudenken. Die Hypoxämie, die auf Sauerstoff kaum reagiert, und der linke Arm, der auf die Decke fällt, gehören zur selben Pathophysiologie wie der Druckabfall; sie zeigen sich nur später.
Schließlich zeigt der Fall, wie richtige Prinzipien in der falschen Situation schaden. „Zeit ist Hirn“ ist richtig, aber eine Lyse zwei Stunden nach eröffnetem Markraum gegen Zementpartikel ist falsch. „Lyse bei Lungenembolie unter Reanimation“ ist richtig, aber nicht für eine Embolie aus Fett und Zement. Solche Übertragungsfehler gehören zu den typischen kognitiven Fehlern in der Anästhesie.
Masterclass · Clinical Mystery · Fall 02
Hintergrund
Pathophysiologie: vom Markraum zum rechten Ventrikel
Beim Aufraspeln des Femurs, beim Einbringen des Zements und beim Einschlagen des Schafts steigt der Druck im Markraum stark an. Fett, Knochenmark, Zementpartikel, Luft und Knochenfragmente werden in die Venen gepresst und gelangen über die untere Hohlvene und das rechte Herz in die Lungenstrombahn. Donaldson und Mitarbeiter beschreiben das Syndrom als Folge dieser Embolisation, verstärkt durch die Freisetzung vasoaktiver Mediatoren und eine Aktivierung von Komplement und Gerinnung, die den pulmonalen Gefäßwiderstand zusätzlich erhöhen. Das Ergebnis ist eine plötzliche Nachlasterhöhung des rechten Ventrikels, dazu Hypoxämie durch Ventilations-Perfusions-Störungen und eine Totraumventilation, die das etCO₂ einbrechen lässt, während der arterielle paCO₂ steigt.
Der rechte Ventrikel ist eine dünnwandige Volumenpumpe, gebaut für einen niedrigen Widerstand. Gegen eine akute Druckbelastung dilatiert er, die Trikuspidalklappe wird insuffizient, das Septum verschiebt sich nach links und nimmt dem linken Ventrikel Füllung und Geometrie: Im Kurzachsenschnitt wird aus dem runden linken Ventrikel ein D. Weil beide Ventrikel im starren Perikard liegen, verschlechtert jede zusätzliche Füllung des rechten Ventrikels die Füllung des linken. Das Herzzeitvolumen fällt, der Aortendruck fällt mit.
Hier schließt sich die Spirale. Der rechte Ventrikel wird in Systole und Diastole aus der Aorta perfundiert; sein Perfusionsdruck ergibt sich aus dem Aortendruck minus dem Druck in seiner eigenen Wand und Höhle. Steigt der Druck im rechten Ventrikel, während der Aortendruck fällt, wird er ischämisch, kontrahiert schlechter und dilatiert weiter. Eine Aortenklappenstenose verschärft diese Lage, weil der linke Ventrikel selbst einen hohen diastolischen Druck und eine lange Diastole braucht und auf die Vorhofkontraktion angewiesen ist.
Die Kapnographie zeigt diese Physiologie früh. Das etCO₂ fällt, weil perfundierte Lungenareale ausfallen und das Herzzeitvolumen sinkt; der paCO₂ steigt. Eine große Differenz zwischen beiden ist ein Hinweis auf Totraum, also auf Embolie oder niedrigen Fluss.
Plötzlicher Abfall des etCO₂ in der Minute nach dem Schaft. Bei Maskenkapnometrie sind die Absolutwerte niedrig, der Verlauf bleibt aussagekräftig.
Für die Praxis heißt das: Denken Sie beim Zementsyndrom zuerst an den rechten Ventrikel. Jede Maßnahme wird daran gemessen, ob sie seinen Perfusionsdruck hebt, seine Nachlast senkt und seine Füllung nicht weiter steigert.
Häufigkeit, Risikofaktoren und Schweregrade
Donaldson und Mitarbeiter haben eine Einteilung in drei Grade vorgeschlagen, die sich durchgesetzt hat: Grad 1 mit mäßiger Hypoxie oder mäßigem Blutdruckabfall, Grad 2 mit schwerer Hypoxie, schwerem Blutdruckabfall oder unerwartetem Bewusstseinsverlust, Grad 3 mit Kreislaufzusammenbruch, der eine Reanimation verlangt. Die Originalarbeit legt dafür Grenzwerte für Sättigung und systolischen Druck fest; sie sind hier nicht wiedergegeben, weil sie für diesen Text nicht aus dem Volltext geprüft werden konnten. Entscheidend für den Fall ist die qualitative Schwelle: Eine Patientin, die in der Minute nach dem Schaft nicht mehr antwortet, hat mindestens Grad 2.
Die bekannteste Kohorte zur Hemiarthroplastik nach Schenkelhalsfraktur zeigt, wie steil die Prognose mit dem Grad kippt.
| Grad | Klinik | Häufigkeit | Frühe Letalität |
|---|---|---|---|
| 0 | keine Reaktion | übrige Patienten | 5,2 % |
| 1 | mäßige Hypoxie oder mäßiger Blutdruckabfall | 21 % | 9,3 % |
| 2 | schwere Hypoxie, schwerer Blutdruckabfall oder unerwarteter Bewusstseinsverlust | 5,1 % | 35 % |
| 3 | Kreislaufzusammenbruch mit Reanimation | 1,7 % | 88 % |
In derselben Kohorte war ein schweres Zementsyndrom mit einer etwa sechzehnfach erhöhten Mortalität verbunden; unabhängige Risikofaktoren für schwere Verläufe waren ASA III bis IV, eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung sowie Diuretika oder Warfarin in der Dauermedikation. Die Scoping-Übersicht von Brokke und Mitarbeitern nennt zusätzlich höheres Alter und ein primäres Lungenkarzinom oder Lungenmetastasen. Die Patientin im Fall bringt hohes Alter, ASA III und ein Schleifendiuretikum mit; die Aortenklappenstenose steht in keiner dieser Listen, macht aber jeden Druckabfall gefährlicher.
Die Häufigkeitsangaben der Literatur widersprechen sich stark, weil Definitionen und Erfassung verschieden sind. Brokke und Mitarbeiter fanden in 85 Studien für die zementierte Hüftendoprothetik 15,4 bis 46,7 %, für die zementierte Knieendoprothetik 27,5 bis 70,7 % und für die unzementierte Hüftendoprothetik 0,0 bis 21,8 %. Brandt und Mitarbeiter zitieren eine Spannweite von 0 bis 68 %. Für die klinische Entscheidung sind diese Spannweiten weniger wichtig als zwei Befunde: Schwere Verläufe sind selten und tödlich, und das Syndrom kommt auch ohne Zement vor. Die Auswertung des englischen Meldesystems hat Todesfälle und schwere Schäden im zeitlichen Zusammenhang mit dem Zementieren zusammengetragen.
Für die Praxis heißt das: Stufen Sie jede Reaktion beim Zementieren sofort nach Donaldson ein und sagen Sie den Grad laut. Ab Grad 2 ist die Lage lebensbedrohlich, und ab dann gehört eine zweite erfahrene Person in den Saal.
Vorbeugung als Teamaufgabe
Die gemeinsame Sicherheitsleitlinie von Anästhesie, Orthopädie und Geriatrie versteht die Vorbeugung als Aufgabe des ganzen Teams mit verteilten Rollen. Die Leitlinie der Association of Anaesthetists zur hüftgelenksnahen Fraktur ordnet das Zementieren in das perioperative Gesamtkonzept ein und behält den zementierten Schaft als Regel bei; die Frage einer unzementierten Versorgung bei sehr hohem Risiko ist eine Abwägung im Team vor der Operation, nicht ein Veto am Tisch.
| Rolle | Aufgaben rund um das Zementieren |
|---|---|
| Team | Hochrisikopatienten vor der Operation identifizieren und benennen; Technik und Vorkehrungen gemeinsam festlegen; Rollen für den Notfall klären |
| Operateur | Zementieren laut ankündigen; Markraum gründlich spülen und trocknen; Zement ohne übermäßigen Druck einbringen |
| Anästhesie | Ankündigung bestätigen; Kreislauf und Oxygenierung in dieser Phase besonders überwachen; bei hohem Risiko invasive Blutdruckmessung; Vasopressor bereithalten |
Die Übergabe im Fall ist ein Lehrstück dafür, wie diese Kette reißt. Die Arterie „hat nicht geklappt“, die Aortenklappenstenose steht in der Akte, das alte Echo mit dem aneurysmatischen Vorhofseptum liegt in einem Umschlag. Nichttechnische Fertigkeiten wie Situationsbewusstsein, Teamkoordination und Planung sind beobachtbar und trainierbar, und ihre Lücken zeigen sich oft zuerst an Schnittstellen wie einer Übergabe. Kognitive Hilfsmittel senken in simulierten Krisen die Zahl ausgelassener kritischer Schritte deutlich, von 23 auf 6 %.
Für die Praxis heißt das: Machen Sie das Zementieren zu einem festen Punkt der Teambesprechung, mit drei Sätzen: Wer ist gefährdet, wer kündigt an, was liegt bereit. Bei hohem Risiko liegt die Arterie, bevor der Zement angemischt wird.
Differenzialdiagnose in der ersten Minute
Drei falsche Fährten des Falles sind ernst zu nehmen, weil jede durch einzelne Befunde gestützt wird. Die Anaphylaxie ist die gefährlichste, weil sie teilweise dieselbe Therapie verlangt und teilweise die entgegengesetzte. In NAP6 waren Antibiotika der häufigste identifizierte Auslöser, 94 von 199 Fällen, und Hypotonie war mit 46 % das häufigste Erstsymptom, gefolgt von Bronchospasmus mit 18 %; Reaktionen auf Antibiotika und Muskelrelaxanzien begannen rasch nach der Gabe. Im Fall lief das Cefazolin 37 Minuten vor der Reaktion, es gibt weder Bronchospasmus noch neue Hautzeichen, und die Echokardiographie zeigt einen dilatierten statt eines kleinen, hyperdynamen Ventrikels.
| Befund | Zementsyndrom | Anaphylaxie | Blutverlust | Hohe Spinalanästhesie |
|---|---|---|---|---|
| Zeitpunkt | Sekunden bis Minuten nach Zement und Schaft | meist rasch nach Antibiotikum oder Relaxans | schleichend, parallel zur Blutung | in der Anschlagphase nach der Injektion |
| etCO₂ | plötzlicher Abfall, große Differenz zum paCO₂ | fällt mit dem Herzzeitvolumen | fällt langsam | meist wenig verändert |
| Halsvenen, Hohlvene | gestaut | leer | leer | eher leer |
| Echo | RV dilatiert, D-Zeichen | beide Ventrikel klein, hyperdynam | beide Ventrikel klein | klein bis normal |
| Weitere Zeichen | Hypoxämie, Bewusstseinstrübung | Bronchospasmus, Haut, Schleimhaut | Hb-Abfall, Blut im Sauger | Bradykardie, Armschwäche beidseits, Atemnot |
Die hohe Spinalanästhesie scheidet im Fall am Zeitverlauf und an den Armen aus: Beide Arme bewegen sich, der linke schwächer als der rechte. Diese Seitendifferenz ist ein früher Hinweis auf das dritte Problem und wird leicht übersehen. Der Blutverlust ist real, aber mehr als die Hälfte des Saugerinhalts ist Spülflüssigkeit, und die gestaute Halsvene widerspricht einem leeren Kreislauf. Der Assistenzarzt, der „Anaphylaxie“ ruft, zeigt einen klassischen Anker; Fixierungsfehler lösen sich am besten durch einen neuen, trennenden Befund statt durch Autorität.
Für die Praxis heißt das: Fragen Sie in der ersten Minute nach dem Zeitpunkt, der Halsvene und dem etCO₂, und holen Sie so früh wie möglich ein Echobild. Drei Blicke trennen die Fährten besser als jede Laborprobe.
Management nach Schweregrad, Dosierungen und Grenzwerte
Die Behandlung ist unterstützend und folgt der Physiologie des rechten Ventrikels. Grad 1 verlangt Aufmerksamkeit, Sauerstoff und einen Vasopressor für den Druckabfall. Ab Grad 2 gilt die Reihenfolge: Hilfe rufen, Sauerstoff maximal, systemischen Druck rasch auf das Niveau vor dem Zementieren anheben, Inotropie für einen dilatierten, hypokinetischen Ventrikel, kein Volumen, solange der rechte Ventrikel dilatiert ist, und die Operation zügig und ohne weitere Kraftanwendung beenden. Vasopressin ist eine physiologisch begründete Alternative oder Ergänzung, weil es den pulmonalen Widerstand wenig erhöht; belastbare vergleichende Daten für das Zementsyndrom fehlen. Dobutamin allein senkt den Gefäßwiderstand und ist bei Aortenklappenstenose ungünstig. Für inhalative pulmonale Vasodilatatoren gibt es beim Zementsyndrom keine belastbare Evidenz.
Die Intubation ist der gefährlichste Moment. Hypnotika senken den systemischen Druck, die Überdruckbeatmung erhöht die Nachlast des rechten Ventrikels und senkt den venösen Rückstrom. Wenn der Atemweg offen gehalten werden kann und die Gasaustauschwerte es erlauben, ist das Erhalten der Spontanatmung bis zum Ende der Operation vertretbar, mit laut vereinbarten Abbruchkriterien; wer intubiert, tut es mit laufendem Vasopressor, reduzierter Hypnotikadosis und niedrigem PEEP. Beide Wege sind verteidigbar, die Evidenz stammt aus Physiologie und Erfahrung.
Ein Kreislaufstillstand ist beim Zementsyndrom meist eine pulslose elektrische Aktivität. Es gilt der Algorithmus für nicht defibrillierbare Rhythmen mit sofortigen Thoraxkompressionen und frühem Adrenalin. Im Operationssaal wird eine Lagerung verlassen, die wirksame Kompressionen verhindert. Die Lyse unter Reanimation ist für die thrombotische Lungenembolie vorgesehen, nicht für Fett und Zement; die frisch eröffnete Markhöhle blutet unter Lyse diffus. Eine neu aufgetretene Tachyarrhythmie mit Schock ist instabil und wird synchronisiert kardiovertiert; Amiodaron folgt, wenn der Sinusrhythmus nicht hält.
| Wirkstoff | Dosis im Fall | Herkunft |
|---|---|---|
| Noradrenalin | Perfusor 0,05 bis 0,3 µg/kg/min, nach Druck titriert | Fachinformation |
| Adrenalin | 1 mg i.v. unter Reanimation, Wiederholung alle 3 bis 5 min | Fachinformation |
| Etomidat | 0,15 mg/kg i.v. zur Einleitung bei älteren Patienten | Fachinformation |
| Rocuronium | 0,6 mg/kg i.v. zur Intubation | |
| Adrenalin bei Anaphylaxie | 50 µg i.v. als Bolus (falsche Fährte im Fall) | |
| Volumen bei Anaphylaxie | 500 bis 1000 ml als Bolus (falsche Fährte im Fall) |
Zwei Zahlen sind in der Literatur uneinheitlich. Für den intravenösen Adrenalinbolus bei Anaphylaxie nennt der britische Algorithmus 50 µg, die deutsche Fassung der ERC-Leitlinie 2021 20 bis 50 µg. Für die Tryptase empfiehlt der britische Algorithmus Folgeproben nach einer bis vier Stunden und nach mindestens 24 Stunden. Für adrenerge Perfusoren beim Rechtsherzversagen nennt keine der hier geprüften Quellen feste Zielwerte; der Fall verwendet deshalb „Druck auf das Ausgangsniveau“ statt eines Mitteldruckwerts.
Vorsicht: Nitroglycerin, Furosemid und Volumen sind beim akuten Rechtsherzversagen nach Zementembolie keine Entlastung, sondern ein Weg in den Stillstand. Bei Aortenklappenstenose gilt das doppelt.
Für die Praxis heißt das: Druck vor Fluss. Heben Sie zuerst den Aortendruck, dann die Kontraktilität, halten Sie die Beatmungsdrücke niedrig und geben Sie Volumen nur, wenn das Echo einen kleinen rechten Ventrikel zeigt.
Offenes Foramen ovale, paradoxe Embolie und das Gehirn
Ein offenes Foramen ovale findet sich bei etwa einem Fünftel bis einem Viertel der Erwachsenen; Mirski und Mitarbeiter nennen etwa 20 %, Brandt und Mitarbeiter 27,3 %. Normalerweise hält ein Druckgradient von etwa 2 bis 4 mmHg zugunsten des linken Vorhofs die Klappe funktionell geschlossen. Steigt der Druck im rechten Vorhof, wie beim akuten Rechtsherzversagen, unter Volumenlast, hohem PEEP oder Pressen, kehrt sich der Gradient um. Dann fließt venöses Blut direkt in den linken Vorhof: Die Sättigung fällt trotz freier Lunge und maximalem Sauerstoff, und Partikel aus dem Markraum umgehen den Filter der Lunge.
Die Evidenz zur paradoxen Embolie beim Zementsyndrom ist dünn und besteht aus Fallberichten und Risikoschätzungen mit großer Spannweite. Brandt und Mitarbeiter zitieren eine perioperative Schlaganfallrate von 14,59 % bei Trägern eines offenen Foramen ovale gegenüber 0,38 % ohne, und Schätzungen des Risikos einer paradoxen Embolie von keinem erhöhten Risiko bis zum Neunundzwanzigfachen. Der perioperative Schlaganfall nach nichtkardialen, nichtneurochirurgischen Eingriffen ist insgesamt selten, etwa 0,1 %, geht aber mit einer etwa achtfach erhöhten 30-Tage-Sterblichkeit einher. Stumme perioperative Infarkte sind bei älteren Patienten viel häufiger, 7 % in NeuroVISION, und mit kognitivem Abbau und Delir verbunden.
Das Vorgehen folgt dem Schlaganfallpfad, mit zwei Besonderheiten. Die SNACC-Leitlinie verlangt bei Risikopatienten eine frühe neurologische Beurteilung und bei einem neuen Herdzeichen die sofortige Alarmierung mit Bildgebung und Gefäßdarstellung. Die erste Besonderheit ist die Kontraindikation: Die systemische Lyse setzt das Fehlen von Kontraindikationen voraus, und eine große Operation mit eröffnetem Markraum vor wenigen Stunden ist eine solche. Die zweite ist das Material: Zement ist durch seinen Röntgenkontrastzusatz im CT als knochendichte Herde sichtbar, Fett nicht; beides ist kein Thrombus. Die Thrombektomie ist für Verschlüsse großer Gefäße durch Thromben belegt, etwa beim Basilarisverschluss in ATTENTION bis 12 Stunden und in BAOCHE zwischen 6 und 24 Stunden, mit einem guten funktionellen Ergebnis bei 46 gegenüber 23 und 24 % der Kontrollen. Ohne Verschluss eines großen Gefäßes fehlt das Ziel.
Was bleibt, ist Schlaganfall-Intensivtherapie: ausreichender Perfusionsdruck, Normoxie, Normokapnie, Normoglykämie, Normothermie und ein Schluckscreening vor der ersten oralen Gabe. Ein verzögertes Erwachen nach Narkose hat pharmakologische, metabolische und neurologische Ursachen; wer es nur pharmakologisch erklärt, übersieht die neurologischen. Über einen Verschluss des Foramen ovale wird nach der Erholung entschieden.
Für die Praxis heißt das: Eine Hypoxämie, die auf Sauerstoff kaum anspricht, bei freier Lunge, ist nach einem Zementsyndrom ein Grund, das Gehirn zu untersuchen, bevor die Patientin den Saal verlässt. Ein neues Herdzeichen löst den Stroke-Alarm aus, nicht die Lyse.
Masterclass · Clinical Mystery · Fall 02
Die Wendungen im Fall
Erste Wendung, das Echo. Bis zur Echokardiographie tragen drei Deutungen: Anaphylaxie auf das Cefazolin bei unklarer Penicillinallergie, Blutverlust mit 620 ml im Sauger, hohe Spinalanästhesie. Der dilatierte rechte Ventrikel mit D-Zeichen und die weite, starre Hohlvene verdrängen alle drei. Zu erkennen war die Wendung schon vorher an der gestauten Halsvene, die die Pflegekraft einmal leise erwähnt, und an der großen Differenz zwischen paCO₂ und etCO₂.
Zweite Wendung, das Vorhofflimmern. Während der Operateur die letzten Nähte setzt, kippt der Rhythmus. Die Arrhythmie ist eine Folge des gedehnten rechten Vorhofs und trifft eine Patientin mit Aortenklappenstenose, die ohne Vorhofkontraktion einen großen Teil ihrer Füllung verliert. Sie verdeckt ein zweites Signal: Die Sättigung fällt, obwohl die Lunge im Ultraschall frei ist. Wer das Kontrastecho anfordert, sieht die Bläschen im dritten Herzschlag im linken Vorhof.
Dritte Wendung, der linke Arm. Nach der Kardioversion bleibt die Sättigung bei 89 %. Die Bewusstseinstrübung, die bis dahin der Hypotonie zugeschrieben wurde, hat eine zweite Ursache: eine paradoxe Embolie in die rechte Hemisphäre mit Blickwendung nach rechts, Hemiparese und Neglect links. Die Spuren lagen früh im Fall: die ungeklärte flüchtige Episode vor neun Jahren, das aneurysmatische Vorhofseptum im alten Echo, der schwächere linke Arm beim Prüfen der Spinalanästhesie, der nach rechts gewendete Blick bei der Pupillenkontrolle.
Vierte Wendung, das CT und der Vorschlag der Neurologin. Knochendichte Punkte in kortikalen Ästen und in Segmentarterien der Lunge, kein Verschluss eines großen Gefäßes. Die Neurologin schlägt mit einem richtigen Prinzip die falsche Therapie vor. Zu erkennen war die Antwort an zwei Fakten, die beide schon bekannt waren: die große Operation vor zwei Stunden und das Material, das in den Gefäßen liegt.
Masterclass · Clinical Mystery · Fall 02
Typische Fehlannahmen
- „Hochbetagt, Fraktur, Blut im Sauger: Das ist Hypovolämie.“ Die gestaute Halsvene und das Echo sagen etwas anderes, und Volumen beschleunigt die Spirale.
- „Hypotonie nach Antibiotikum ist Anaphylaxie, auch ohne Haut und Bronchospasmus.“ Das kann stimmen, aber nicht, wenn die Reaktion auf die Minute mit dem Zement fällt und das Antibiotikum eine halbe Stunde vorher lief.
- „Ein überdehnter Ventrikel braucht Entlastung mit Nitrat und Diuretikum.“ Das gilt für den linken Ventrikel im Lungenödem, nicht für den rechten gegen eine akute Nachlast.
- „Bewusstlos heißt intubieren, sofort.“ Im akuten Rechtsherzversagen ist die Einleitung der gefährlichste Moment; sie wird vorbereitet, nicht reflexhaft ausgeführt.
- „Sie ist jetzt stabil.“ Eine Patientin mit Noradrenalin eine Stunde nach Grad 2 ist stabilisiert, nicht stabil, und gehört auf die Intensivstation.
- „Verzögertes Erwachen ist Überhang.“ Nach einem Zementsyndrom mit Shunthinweis ist es auch ein mögliches Schlaganfallzeichen.
- „Im Zeitfenster wird lysiert.“ Nicht nach großer Operation und nicht gegen Zement und Fett.
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Merksätze
- Sättigungsabfall, Blutdrucksturz und Bewusstseinstrübung in der Minute nach Zement und Schaft sind ein Zementsyndrom, bis das Gegenteil bewiesen ist.
- Das Zementsyndrom tötet über den rechten Ventrikel: Druck vor Fluss, Inotropie, Sauerstoff, niedrige Beatmungsdrücke, kein blindes Volumen.
- Vorbeugung ist Teamarbeit: Risiko benennen, Zementieren ankündigen, schonende Technik, bei hohem Risiko die Arterie vor dem Zement.
- Eine Hypoxämie, die auf Sauerstoff kaum anspricht, bei freier Lunge, ist ein Shunt; nach einem Zementsyndrom wird vor der Verlegung das Gehirn untersucht.
- Zement- und Fettembolien im Gehirn sind kein Fall für Lyse oder Thrombektomie, sondern für konsequente Schlaganfall-Intensivtherapie und ein ehrliches Gespräch.
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Aufgaben
Aufgabe 1
Eine Patientin in der neunten Lebensdekade mit Schenkelhalsfraktur, Diuretikum und mittelgradiger Aortenklappenstenose soll eine zementierte Hemiarthroplastik erhalten. Welche drei Punkte gehören in die Teambesprechung, und welche Überwachung legen Sie vor dem Zementieren fest?
Das Team benennt die Patientin als Hochrisikopatientin, der Operateur kündigt das Zementieren laut an und die Anästhesie bestätigt, und der Operateur spült und trocknet den Markraum und bringt den Zement ohne übermäßigen Druck ein. Vor dem Zementieren liegt eine arterielle Kanüle, ein Vasopressor ist angeschlossen, die Sauerstoffkonzentration ist erhöht. Die Risikofaktoren Alter, ASA III und Diuretikum stammen aus der Kohorte von Olsen.
Aufgabe 2
Eine Minute nach dem Schaft: SpO₂ 86 %, Arterie 74/40 mmHg, etCO₂ an der Maske von 33 auf 19 mmHg gefallen, die Patientin antwortet nicht. Welcher Grad liegt vor, und welche Befunde trennen die Differenzialdiagnosen am schnellsten?
Der unerwartete Bewusstseinsverlust macht daraus mindestens Grad 2. Am schnellsten trennen der Zeitpunkt, die Halsvene und das Echo: gestaut und dilatierter rechter Ventrikel beim Zementsyndrom, leer und kleine Ventrikel bei Anaphylaxie und Hypovolämie. Die große Differenz zwischen paCO₂ und etCO₂ spricht für Totraum.
Aufgabe 3
Das Echo zeigt einen dilatierten rechten Ventrikel mit D-Zeichen, der Mitteldruck liegt unter Noradrenalin bei 69 mmHg. Der Kollege schlägt Volumen vor, der Operateur Nitroglycerin „zur Entlastung“. Begründen Sie Ihre Therapie physiologisch.
Der rechte Ventrikel wird in Systole und Diastole aus der Aorta perfundiert; bei steigendem Druck im Ventrikel und fallendem Aortendruck wird er ischämisch. Deshalb zuerst den Aortendruck mit Noradrenalin auf das Ausgangsniveau heben, dann die Kontraktilität mit niedrig dosiertem Adrenalin stützen, kein Volumen, kein Nitrat, Sauerstoff und niedrige Beatmungsdrücke. Volumen verschiebt das Septum weiter, Nitroglycerin senkt den Perfusionsdruck und bei Aortenklappenstenose die Füllung des linken Ventrikels.
Aufgabe 4
Nach Stabilisierung bleibt die Sättigung bei 89 % trotz freier Lunge. Bei der Untersuchung vor der Verlegung fallen eine Blickwendung nach rechts und eine Lähmung des linken Arms auf. Wie gehen Sie vor, und warum lysieren Sie nicht?
Sofortiger Stroke-Alarm, CT mit CT-Angiographie, begleiteter Transport mit Vasopressoren, Blutdruck halten. Keine Lyse, weil die große Operation vor zwei Stunden eine Kontraindikation ist und Zement und Fett kein Thrombus sind. Keine Thrombektomie, weil kein Verschluss eines großen Gefäßes vorliegt; die Evidenz der Thrombektomie stammt aus thrombotischen Verschlüssen. Stattdessen Schlaganfall-Intensivtherapie mit festen physiologischen Zielen und Schluckschutz.
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Abschlussquiz
10 Fragen. Bestanden ab 80 %.
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Literatur
Die Ziffern im Text und die Belege in der Nachbesprechung verweisen auf diese Liste. Jede Angabe ist einzeln geprüft; der Knopf „Quelle“ zeigt, wofür die Arbeit zitierfähig ist.
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