Masterclass · EEG Bootcamp · Stufe WBJ 1

Artefakt Arena

Nach dieser Einheit erkennen Sie die häufigen Störquellen des perioperativen EEG an Rohkurve und Spektrogramm, kennen die belegbare Richtung ihrer Wirkung auf den Indexwert und beseitigen die Ursache, statt die Anzeige zu behandeln.

Lernziele
  • Die häufigen Störquellen des perioperativen EEG benennen und jede an ihrem Muster im Roh-EEG und im Spektrogramm erkennen.
  • Begründen, warum Artefakte den Indexwert typischerweise falsch erhöhen und warum eine Angabe in Indexpunkten nicht belegbar ist.
  • Erklären, dass ein Muskelrelaxans die Anzeige senkt, ohne die Narkosetiefe zu verändern, und welche Folge das für die Sicherheit des Patienten hat.
  • Elektrokauter, chirurgische Kleingeräte, Schrittmacherimpulse und Reizstrompulse der Relaxometrie an ihrem Zeitmuster unterscheiden.
  • Wärmedecke, Bewegung und Lagerung als Störquellen erkennen und die jeweils passende Abhilfe nennen.
  • Elektrodensitz und Übergangswiderstand als ersten Prüfschritt bei unplausiblem Signal selbstständig durchführen.
  • Eine feste Reihenfolge anwenden, in der ein unplausibler Wert abgearbeitet wird, bevor die Dosis verändert wird.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Die Einheit umfasst neun Lektionen mit zwei Tabellen, einer Originalabbildung, einem eigenen Schema, zwei rechnenden Signalflächen, vier Übungen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlusstest mit zehn Fragen.
  2. Sie baut auf „Vom Roh-EEG zum Spektrogramm" und den beiden Gerätemodulen auf und ist die Voraussetzung dafür, einen unerwarteten Indexwert überhaupt beurteilen zu können; die Einheiten zu Burst Suppression, Alter und Nozizeption setzen sie voraus.
  3. Nicht behandelt werden die wirkstoffbedingten Abweichungen des Indexwertes, die altersbedingten Signalunterschiede und die Rechenvorschriften der Indexverfahren; dafür stehen die Module 4, 9 und 11 bereit.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Der Indexwert steigt während einer laufenden Operation von einem stabilen Zielbereich auf Werte, die als wach gelten. Die endexspiratorische Anästhetikakonzentration ist unverändert, der Kreislauf ruhig. Zwei Wege stehen offen: das Hypnotikum steigern oder die Rohkurve ansehen. Nur der zweite Weg beantwortet die Frage, ob sich der Patient verändert hat oder das Signal.

Die systematische Sichtung der nichtpharmakologischen Störquellen beim prozessierten EEG kommt zu einem klaren Ergebnis: Die große Mehrheit der eingeschlossenen Arbeiten berichtet einen fälschlich erhöhten Index.1 Damit ist die Richtung belegt. Nicht belegt ist ein Betrag. Eine Aussage wie „diese Störquelle hebt den Wert um so und so viele Punkte" lässt sich aus der geprüften Literatur nicht ableiten, weil die Rechenvorschriften der Geräte herstellerspezifisch und teils nicht offengelegt sind2 und weil die veröffentlichten Beobachtungen Einzelverläufe und kleine Serien sind. Diese Einheit nennt deshalb nirgends eine Punktzahl.

Die zweite Hälfte des Problems ist die umgekehrte Richtung. Die Übersicht über Situationen, in denen ein Index einen falschen Hypnosezustand anzeigt, führt neben den Artefakten auch Bedingungen auf, unter denen der Wert zu niedrig erscheint.3 Der gefährlichste dieser Fälle ist keine Störung, sondern eine Therapie: die Muskelrelaxierung.

Roh-EEG und Spektrogramm mit den Mustern von Elektrokauterisation und Muskelaktivität
Abbildung 1: Zwei Störmuster nebeneinander. Die Elektrokauterisation erzeugt im Spektrogramm einen senkrechten Streifen über alle Frequenzen, die Muskelaktivität eine anhaltende Leistung am oberen Rand des dargestellten Bereichs. Beide Muster gehören zu keiner Anästhetikasignatur; wer sie kennt, verwechselt sie nicht mit einer flacher werdenden Narkose.4 Kaiser et al. 2021, Abb. 5, Der Anaesthesist, CC BY 4.0, Ausschnitt, Legende neu gefasst

Für die Praxis heißt das: Behandeln Sie jeden unerwarteten Sprung des Indexwertes zuerst als Frage an das Signal und nicht als Frage an die Dosis. Sagen Sie laut, in welche Richtung eine Störung wirken würde, bevor Sie handeln. Den Fehler erkennen Sie daran, dass die Dosis geändert wird, ohne dass jemand die Rohkurve angesehen hat.

Lektion 2

Muskelaktivität: das Artefakt, das den Index hebt

Die Elektroden des perioperativen EEG liegen auf der Stirn, also unmittelbar über der mimischen und der Kaumuskulatur. Was diese Muskeln an elektrischer Aktivität erzeugen, wird mit abgeleitet. Die Frequenzen des Muskelsignals reichen weit in den Bereich hinein, den die Indexverfahren als schnelle Aktivität verrechnen, und schnelle Aktivität wird in Richtung Wachheit gewertet. Dass elektromyographische Aktivität den Index fälschlich anhebt, ist an Einzelverläufen gezeigt worden.5

Der Gegenbeweis ist ebenso gut dokumentiert wie der Befund selbst. Bei wachen Personen fiel der Index allein durch eine Muskelrelaxierung deutlich ab, obwohl sich am Bewusstsein nichts geändert hatte.6 Bei wachen Freiwilligen erreichte er unter vollständiger Relaxierung Bereiche, die klinisch als Narkose gedeutet würden.7 Auf der Intensivstation sank der Wert nach Gabe eines Muskelrelaxans, der zuvor angezeigte Wert war also durch Muskelsignal überhöht,8 und in einer weiteren Untersuchung stimmte der Index dort schlecht mit der klinisch beurteilten Sedierungstiefe überein, was überwiegend auf Muskelaktivität zurückgeführt wurde.9

Erkennen am Roh-EEG: ein feines, schnelles, unregelmäßiges Gekräusel, das der eigentlichen Kurve aufsitzt und keine Paketstruktur zeigt. Erkennen im Spektrogramm: anhaltende Leistung am oberen Rand des dargestellten Bereichs, die nach oben hin nicht abbricht und kein abgegrenztes Band bildet. Wirkung auf den Index: Anstieg. Was zu tun ist: Muskelanzeige des Geräts ablesen, Ursache suchen, also unzureichende Analgesie, beginnendes Erwachen, Kältezittern oder Anspannung der Kaumuskulatur, und diese Ursache behandeln.

Abbildung 2: Lehrfall: Das Artefakt hebt den Index. Suchen Sie im Roh-EEG das feine schnelle Gekräusel über der langsamen Grundwelle und schalten Sie dann auf das Spektrogramm. Achten Sie darauf, dass die Leistung am oberen Rand nicht als Band abgegrenzt ist, sondern nach oben durchläuft. Vergleichen Sie die angezeigte SEF95 mit der Bandstruktur, die Sie sehen: Die Kantenfrequenz wird von diesem Anteil nach oben gezogen, ohne dass die Narkose flacher geworden wäre. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung
Vorsicht

Ein Muskelrelaxans senkt die Anzeige, ohne die Narkosetiefe zu verändern; dieser Abfall ist bei wachen Personen belegt.6, 7 Zugleich nimmt die Relaxierung dem Patienten die einzige klinische Warnmöglichkeit, die ihm bleibt, nämlich Bewegung. Mit der Technik des isolierten Unterarms sind wache, auf Ansprache reagierende Patientinnen gefunden worden, deren Monitorbefund eine ausreichende Narkosetiefe anzeigte,10 und in der landesweiten Erhebung zu berichteter Awareness gehört die Muskelrelaxierung zu den Risikofaktoren.11 Ein Relaxans wird deshalb nie gegeben, um einen Zahlenwert zu senken.

Für die Praxis heißt das: Lesen Sie die Muskelanzeige immer zusammen mit dem Indexwert und deuten Sie einen Anstieg beider Größen zuerst als Muskelsignal. Suchen Sie die Ursache der Muskelaktivität und behandeln Sie diese. Den Fehler erkennen Sie daran, dass nach einer Relaxansgabe der gesunkene Wert als Vertiefung gedeutet wird.

Übung 2.1

Lektion 3

Elektrische Störer: Kauter, Kleingeräte, Schrittmacher, Reizstrom

Elektrische Störquellen unterscheiden sich vom Muskelsignal durch ihr Zeitmuster. Der Elektrokauter erzeugt eine sehr große, breitbandige Einstreuung, die genau so lange dauert wie die Aktivierung. Im Spektrogramm entsteht dabei ein senkrechter Streifen über alle Frequenzen, im Roh-EEG eine Auslenkung, die den Darstellungsbereich verlässt.4 Die Geräte erkennen diesen Zustand meist und halten die Anzeige an; entscheidend ist, dass der erste Wert nach dem Ende der Aktivierung noch aus der Mittelung über die Störzeit stammen kann und deshalb nicht als neuer Befund zu lesen ist.2

Weniger auffällig sind chirurgische Kleingeräte. Für einen endoskopischen Shaver ist eine Serie fälschlich erhöhter Indexwerte durch elektrische Einstreuung dokumentiert.12 Solche Geräte laufen anders als der Kauter über Minuten gleichmäßig, sodass die Störung nicht als Streifen, sondern als anhaltend erhöhte Leistung erscheint und leicht für Muskelsignal gehalten wird.

Schrittmacherimpulse sind das lehrreichste Beispiel dafür, dass Artefakte geräteübergreifend wirken. Ein durch Schrittmacherimpulse verfälschter Bispectral Index wurde in der Herzchirurgie beschrieben,13 und für den Patient State Index ist derselbe Zusammenhang unter epikardialer Stimulation als Fallbericht veröffentlicht.14 Das Muster ist in beiden Fällen dasselbe: regelmäßige, gleichförmige Ausschläge, deren Abstand zur Stimulationsfrequenz passt und nicht zu einer biologischen Rhythmik.

Auch die Relaxometrie stört. Die gegenseitige Beeinflussung von Relaxometrie und prozessiertem EEG durch die elektrischen Reizstrompulse ist beschrieben worden.15 Typisch sind Störungen im Takt der Stimulationsfolge, also gruppiert und nicht fortlaufend.

Für die Praxis heißt das: Ordnen Sie jede elektrische Störung zuerst über ihr Zeitmuster zu, also kurz und breit beim Kauter, gleichmäßig und anhaltend beim Kleingerät, regelmäßig getaktet bei Schrittmacher und Reizstrom. Beurteilen Sie nach einer Kauterphase erst den zweiten oder dritten neuen Wert. Den Fehler erkennen Sie daran, dass der erste Wert nach dem Kautern als Befund festgehalten wird.

Übung 3.1

Lektion 4

Wärme, Bewegung und Lagerung

Die Warmluftdecke ist eine Störquelle, die selten vermutet wird. In einer herzchirurgischen Serie führte eine Warmluftdecke am Kopf zu fälschlich erhöhten Indexwerten.16 Im Roh-EEG erscheint eine Störung, die weder Paketstruktur noch biologische Rhythmik zeigt; im Spektrogramm entsteht eine diffuse Leistungszunahme ohne Bandbildung. Die Abhilfe ist mechanisch: Abstand zwischen Gebläse und Ableitung schaffen und den Verlauf danach erneut beurteilen.

Bewegung und Lagerung wirken über den Elektrodensitz. Jede Verschiebung des Kontaktes, jede Drehung des Kopfes, jedes Umlagern und jede Erschütterung des Tisches erzeugt große, träge Auslenkungen, die im Spektrogramm als kurzzeitige breite Leistung im langsamen Bereich erscheinen. Da langsame Leistung in vielen Rechenvorschriften in Richtung Tiefe verrechnet wird, ist hier neben dem typischen Anstieg auch ein kurzzeitiger Abfall möglich; die systematische Übersicht hält als Gesamtbild dennoch die Richtung nach oben fest.1 Wichtiger als die Richtung ist in dieser Lage der Zeitbezug: Wer den Zeitpunkt des Umlagerns kennt, deutet den Ausschlag richtig.

Für die Praxis heißt das: Melden Sie Umlagerung, Tischbewegung und Beginn der Wärmetherapie mit Uhrzeit an, damit sich Ausschläge später zuordnen lassen. Prüfen Sie bei jeder Lagerungsänderung den Sitz der Ableitung. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Ausschlag gedeutet wird, ohne dass jemand nachsieht, was in dieser Minute im Saal geschehen ist.

Lektion 5

Elektroden und Übergangswiderstände

Die häufigste und am leichtesten behebbare Störung sitzt an der Haut. Ein hoher oder zwischen den Ableitungen stark unterschiedlicher Übergangswiderstand macht die Ableitung empfindlich für alles, was im Saal an elektrischen Feldern vorhanden ist. Im Roh-EEG zeigen sich dann eine gleichförmige Netzeinstreuung, langsame Grundlinienwanderungen oder abrupte Sprünge; im Spektrogramm entsteht entweder ein schmaler Streifen bei der Netzfrequenz oder ein unruhiges Bild ohne erkennbare Struktur. Die systematische Übersicht führt Elektrodenprobleme unter den Quellen fälschlich erhöhter Werte auf.1

Die Abhilfe ist immer dieselbe Reihenfolge: Haut entfetten und aufrauen, Elektrode fest andrücken, Sitz und Kabelzug prüfen, Impedanzprüfung wiederholen und erst danach das Signal erneut beurteilen. Die deutschsprachigen Übersichten führen diese Prüfung ausdrücklich als ersten Schritt vor jeder inhaltlichen Befundung.4, 17

Für die Praxis heißt das: Führen Sie die Impedanzprüfung nach jedem Elektrodenwechsel und bei jedem unplausiblen Bild durch, bevor Sie irgendetwas anderes tun. Den Fehler erkennen Sie daran, dass über die Bedeutung einer Kurve gesprochen wird, während die Qualitätsanzeige des Geräts eine Störung meldet.

Übung 5.1

Lektion 6

Alle Störquellen auf einen Blick

Die folgende Übersicht fasst zusammen, woran die einzelnen Störquellen zu erkennen sind und was zu tun ist. Die Spalte zum Index nennt bewusst nur eine Richtung: Das ist die belegte Aussage,1 und mehr gibt die geprüfte Literatur nicht her.

Tabelle 1: Alle Störquellen auf einen Blick
StörquelleErkennen am Roh-EEGErkennen im SpektrogrammWirkung auf den IndexWas zu tun ist
Muskelaktivitätfeines schnelles Gekräusel ohne Paketstrukturanhaltende Leistung am oberen Rand, kein abgegrenztes Bandtypischerweise falsch erhöhtMuskelanzeige ablesen, Ursache behandeln, niemals relaxieren, um die Zahl zu senken
Elektrokautersehr große Auslenkung genau während der Aktivierungsenkrechter Streifen über alle FrequenzenAnzeige wird meist angehalten, erster Folgewert unbrauchbarwährend der Aktivierung nicht befunden, erst den zweiten neuen Wert lesen
Chirurgisches Kleingerätgleichmäßige Störung über Minutenanhaltend erhöhte Leistung ohne Bandbildungtypischerweise falsch erhöhtzeitlichen Zusammenhang zum Gerätelauf prüfen, nicht als Muskelsignal deuten
Schrittmacherregelmäßige gleichförmige Ausschläge im Stimulationstaktschmale Linie bei der Stimulationsfrequenz und deren Vielfachentypischerweise falsch erhöhtTakt mit der Stimulationsfrequenz vergleichen, Befundung auf die Rohkurve stützen
Reizstrom der Relaxometriegruppierte Störungen im Takt der Stimulationsfolgekurze wiederkehrende breite Einstreuungentypischerweise falsch erhöhtMessungen zeitlich trennen, Ableitungen weiter auseinanderlegen
WarmluftdeckeStörung ohne biologische Rhythmikdiffuse Leistungszunahme ohne Bandbildungtypischerweise falsch erhöhtAbstand zwischen Gebläse und Ableitung schaffen
Bewegung und Lagerunggroße träge Auslenkungen, Grundlinienwanderungkurzzeitige breite Leistung im langsamen Bereichüberwiegend falsch erhöht, kurzzeitig auch falsch niedrig möglichZeitpunkt festhalten, Elektrodensitz prüfen, danach neu beurteilen
Elektrode und ÜbergangswiderstandNetzeinstreuung, Grundlinienwanderung, abrupte Sprüngeschmaler Streifen bei der Netzfrequenz oder Bild ohne Strukturunzuverlässig in beide RichtungenHaut vorbereiten, Elektrode erneuern, Impedanz prüfen, erst dann befunden
MuskelrelaxansGekräusel verschwindet, Grundmuster bleibt unverändertLeistung am oberen Rand fällt wegAnzeige sinkt ohne Änderung der NarkosetiefeWert nicht als Vertiefung deuten, Narkoseführung am Grundmuster ausrichten

Abbildung 3: Der Vergleichsmaßstab: eine stabile Allgemeinanästhesie ohne Störung. Prägen Sie sich ein, wie ruhig die Rohkurve verläuft und wie klar sich die beiden waagerechten Bänder im Spektrogramm abgrenzen. Schalten Sie danach zurück auf die Lehrfläche mit dem Muskelsignal und benennen Sie den Unterschied in einem Satz, bevor Sie weiterlesen. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung

Für die Praxis heißt das: Gehen Sie bei jedem unplausiblen Bild die Tabelle im Kopf von oben nach unten durch und benennen Sie die Störquelle, bevor Sie über die Narkosetiefe sprechen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Störung beschrieben, aber nicht benannt wird.

Lektion 7

Am Gerät

Jedes gebräuchliche Gerät bietet drei Hilfen an, die zusammen fast alle Fragen dieser Einheit beantworten: eine Anzeige der Muskelaktivität, eine Aussage zur Signalqualität samt Impedanzprüfung und eine Kennzeichnung erkannter Artefaktabschnitte. Diese drei Anzeigen gehören dauerhaft sichtbar neben den Index; das Konsenspapier zum perioperativen EEG-Monitoring empfiehlt ohnehin, Rohsignal und Spektrogramm neben dem Indexwert zu beurteilen.18

Ebenso wichtig ist das Wissen um die Mittelung. Ein Index fasst Kenngrößen über mehrere Sekunden zusammen; wie das geschieht, ist herstellerspezifisch und teils nicht offengelegt.2 Daraus folgt unmittelbar, dass eine kurze Störung die Anzeige noch beeinflusst, wenn sie im Roh-EEG längst vorbei ist. Wer die Störung im Spektrogramm als Streifen erkennt, weiß, wie lange er der Zahl nicht trauen darf.17

Herstellerangabe

Laut Bedienungsanleitung prüft der Narcotrend-Compact M die Elektrodenimpedanz und zeigt neben dem Index Angaben zu Muskelaktivität und zum Suppressionsanteil an.19 Der Hersteller von SedLine gibt für seinen Monitor ebenfalls eine Impedanzprüfung, eine Artefaktkennzeichnung und eine Anzeige der Muskelaktivität an.20

Beide Angaben beschreiben den Funktionsumfang der Geräte. Sie sind keine unabhängige Evidenz und sagen insbesondere nichts darüber aus, wie zuverlässig eine Störung im Einzelfall erkannt wird. Für diese Frage sind die unabhängigen Arbeiten heranzuziehen, und deren Kernaussage bleibt, dass eine erkannte Störung den Wert typischerweise nach oben verschiebt.1

Für die Praxis heißt das: Richten Sie die Anzeige zu Beginn jeder Narkose so ein, dass Rohkurve, Spektrogramm, Muskelanzeige und Qualitätsanzeige zugleich sichtbar sind. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Gerät ausschließlich die große Indexzahl darstellt und niemand daran etwas ändert.

Lektion 8

Klinische Entscheidung

Für den unplausiblen Wert gibt es eine feste Reihenfolge, und sie beginnt nicht bei der Dosis. Erstens die Kurve: Zeigt das Roh-EEG ein Muster, das zu einer Anästhetikasignatur passt? Zweitens die Störquelle: Passt das Bild zu einer der Zeilen der Tabelle, und lässt sich ein zeitlicher Zusammenhang zu einem Vorgang im Saal herstellen? Drittens beseitigen und erneut beurteilen: Elektrode, Abstand, Takt, Ursache der Muskelaktivität. Viertens erst dann die Dosis, und auch dann kontrolliert am Muster und nicht an der Zahl.18, 17

Unplausibler Indexwert Sprung ohne passenden Anlass 1. Kurve Passt das Roh-EEG zu einer Anästhetikasignatur? 2. Störquelle Muskel, Kauter, Kleingerät, Schrittmacher, Reizstrom, Wärmedecke, Bewegung, Elektrode und Übergangswiderstand Zeitbezug zum Vorgang im Saal herstellen 3. Beseitigen und erneut beurteilen Ursache abstellen, dann Spektrogramm und Kurve neu lesen 4. Dosis nur wenn eine Abweichung bleibt, kontrolliert am Muster Nie relaxieren, um die Zahl zu senken Mittelung abwarten
Schema: Die Reihenfolge beim unplausiblen Wert. Die Dosis steht bewusst am Ende. Der gestrichelte Kasten links markiert die Handlung, die in dieser Kette an keiner Stelle vorkommt; der gestrichelte Kasten rechts erinnert daran, dass die Anzeige der Kurve wegen der Mittelung um Sekunden hinterherläuft. Eigene Darstellung
Tabelle 2: Klinische Entscheidung
BeobachtungErste AnnahmePrüfschrittWas gerade nicht getan wird
Index steigt, Muskelanzeige steigt mitMuskelsignalAnalgesie, Temperatur und Narkosetiefe klinisch prüfenRelaxans geben, um die Anzeige zu senken
Index steigt genau während des Kauternselektrische Einstreuungerst den zweiten neuen Wert nach der Aktivierung lesenden ersten Folgewert dokumentieren
Index steigt beim Einschalten der WärmetherapieWarmluftdeckeAbstand zwischen Gebläse und Ableitung schaffenHypnotikum steigern
Index unruhig, Qualitätsanzeige meldet StörungElektrode oder ÜbergangswiderstandHaut vorbereiten, Elektrode erneuern, Impedanz prüfenüber die Bedeutung der Kurve diskutieren
Index fällt unmittelbar nach RelaxansgabeWegfall des MuskelsignalsGrundmuster im Spektrogramm mit dem Bild davor vergleichenHypnotikum reduzieren, weil der Wert gefallen ist

Für die Praxis heißt das: Sprechen Sie die vier Schritte laut aus, wenn ein Wert nicht passt. Halten Sie den Zeitpunkt jeder Störung und jeder Abhilfe fest. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Schritt übersprungen wird, weil die Zahl gerade besonders auffällig ist.

Übung 8.1

Lektion 9

Typische Fehlannahmen

  • Artefakte verschöben den Wert in beliebige Richtung, das hebe sich auf. Die systematische Sichtung der Störquellen berichtet ganz überwiegend einen fälschlich erhöhten Index; die Richtung ist gerichtet und nicht zufällig.1
  • Eine Störquelle lasse sich in Indexpunkten beziffern. Das geben weder die Einzelverläufe noch die Serien her, und die Rechenvorschriften der Geräte sind herstellerspezifisch und teils nicht offengelegt.2, 1
  • Ein Muskelrelaxans vertiefe die Narkose, weil der Wert danach fällt. Bei wachen Personen fiel der Index allein durch Relaxierung ab, bei Freiwilligen bis in Bereiche, die klinisch als Narkose gedeutet würden.6, 7
  • Artefakte seien ein Problem einzelner Gerätefamilien. Dasselbe Schrittmachermuster ist für den Bispectral Index und für den Patient State Index beschrieben.13, 14
  • Nach Ende der Störung stimme der Wert sofort wieder. Ein Index mittelt über mehrere Sekunden, und wie er das tut, ist nicht offengelegt; der erste Folgewert kann die Störzeit noch enthalten.2

Für die Praxis heißt das: Prüfen Sie jede Aussage über Artefakte darauf, ob sie eine Richtung oder einen Betrag behauptet. Betragsaussagen sind in diesem Feld nicht belegt. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Punktzahl genannt wird.

Lektion 10

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Die Zahl, die nach oben lief

Sie betreuen einen Patienten in der siebten Lebensdekade bei einer endoskopischen Schulteroperation in Seitenlage. Geführt wird eine balancierte Anästhesie mit Sevofluran und Remifentanil, relaxiert wurde zur Einleitung, die Wirkung ist abgeklungen. Eine Warmluftdecke läuft über dem Oberkörper.

Etwa zwanzig Minuten nach Beginn des operativen Vorgehens steigt der Indexwert schrittweise aus dem Zielbereich heraus. Die endexspiratorische Sevoflurankonzentration ist unverändert, Blutdruck und Herzfrequenz sind stabil. Die Muskelanzeige des Geräts ist deutlich erhöht. Im Roh-EEG liegt ein feines, schnelles Gekräusel über einer sonst langsamen Grundwelle; im Spektrogramm läuft die Leistung am oberen Rand des dargestellten Bereichs durch, ohne ein abgegrenztes Band zu bilden. Der Operateur arbeitet seit einigen Minuten mit einem Shaver.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Belegbar ist die Richtung: Artefakte erhöhen den Indexwert typischerweise falsch. Ein Betrag in Indexpunkten ist nicht belegbar.
  • Ein Muskelrelaxans senkt die Anzeige, ohne die Narkosetiefe zu verändern, und nimmt dem Patienten zugleich die Bewegung als einzige klinische Warnmöglichkeit.
  • Elektrische Störer unterscheiden sich am Zeitmuster: kurz und breit beim Kauter, gleichmäßig beim Kleingerät, getaktet bei Schrittmacher und Reizstrom.
  • Impedanzprüfung und Elektrodensitz kommen vor jeder inhaltlichen Befundung, nicht danach.
  • Die Reihenfolge lautet Kurve, Störquelle, Beseitigung, erst dann Dosis.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie antworten Sie?

Gegeben:
Während einer laparoskopischen Operation steigt der Indexwert innerhalb weniger Minuten deutlich an. Die Muskelanzeige des Geräts steigt mit, die endexspiratorische Sevoflurankonzentration ist unverändert, der Kreislauf ist ruhig. Eine Kollegin schlägt vor, ein Muskelrelaxans nachzugeben, damit der Wert wieder in den Zielbereich fällt.

Frage:
Wie antworten Sie?

Lösung

Der Vorschlag würde die Anzeige verändern und nicht den Zustand. Die Elektroden liegen über der mimischen und der Kaumuskulatur, und das Muskelsignal reicht in den Frequenzbereich hinein, den die Indexverfahren als schnelle Aktivität in Richtung Wachheit verrechnen; dass elektromyographische Aktivität den Index fälschlich anhebt, ist an Einzelverläufen gezeigt worden. Umgekehrt ist belegt, dass der Wert bei wachen Personen allein durch eine Muskelrelaxierung deutlich abfällt und bei Freiwilligen unter vollständiger Relaxierung Bereiche erreicht, die klinisch als Narkose gedeutet würden. Eine Relaxansgabe senkt hier also die Zahl, ohne die Narkosetiefe zu verändern. Hinzu kommt der Sicherheitsaspekt: Die Relaxierung nimmt dem Patienten die Bewegung als einzige verbliebene klinische Warnmöglichkeit, und in der landesweiten Erhebung zu berichteter Awareness gehört sie zu den Risikofaktoren. Richtig ist, die Ursache der Muskelaktivität zu suchen und zu behandeln, also Analgesie, Temperatur und tatsächliche Narkosetiefe zu prüfen, und dabei das Grundmuster im Spektrogramm als Maßstab zu verwenden.

Aufgabe 2: Welche Erklärung prüfen Sie zuerst

Gegeben:
In einem herzchirurgischen Eingriff wird nach dem Abgehen von der Herzlungenmaschine epikardial stimuliert. Der Indexwert liegt seitdem auffällig hoch und ändert sich nicht mehr mit der Dosis.

Frage:
Welche Erklärung prüfen Sie zuerst, und woran erkennen Sie sie?

Lösung

Zuerst zu prüfen ist ein Schrittmacherartefakt. Für den Bispectral Index ist ein durch Schrittmacherimpulse verfälschter Wert in der Herzchirurgie beschrieben worden, und für den Patient State Index ist derselbe Zusammenhang unter epikardialer Stimulation als Fallbericht veröffentlicht; das Muster ist damit geräteübergreifend und nicht die Eigenheit einer einzelnen Gerätefamilie. Erkennbar ist es im Roh-EEG an regelmäßigen, gleichförmigen Ausschlägen, deren Abstand zur eingestellten Stimulationsfrequenz passt und nicht zu einer biologischen Rhythmik; im Spektrogramm entsteht eine schmale Linie bei dieser Frequenz und gegebenenfalls bei ihren Vielfachen. Ein zweites Erkennungsmerkmal liefert der zeitliche Zusammenhang, denn die Auffälligkeit beginnt mit dem Einschalten der Stimulation. Praktisch folgt daraus, die Narkosetiefe in dieser Phase am Rohsignal und am Spektrogramm zu beurteilen, den Indexwert bis zur Klärung nicht als Steuergröße zu verwenden und den Befund mit Uhrzeit zu dokumentieren. Eine Dosisänderung allein wegen dieser Zahl wäre nicht begründet.

Aufgabe 3: Wie ordnen Sie diese Aussage

Gegeben:
Ein Kollege berichtet, eine Warmluftdecke am Kopf hebe den Indexwert um eine bestimmte Punktzahl an, das habe er so gelernt.

Frage:
Wie ordnen Sie diese Aussage ein?

Lösung

Die Richtung stimmt, der Betrag ist nicht belegbar. Dokumentiert ist eine herzchirurgische Serie, in der eine Warmluftdecke am Kopf zu fälschlich erhöhten Indexwerten führte; die systematische Sichtung der nichtpharmakologischen Störquellen kommt für die Gesamtheit der Quellen zum selben gerichteten Ergebnis, nämlich einem überwiegend fälschlich erhöhten Index. Eine Angabe in Indexpunkten lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Erstens handelt es sich um Einzelverläufe und kleine Serien ohne systematische Quantifizierung, zweitens sind die Rechenvorschriften der Indexmonitore herstellerspezifisch und teils nicht offengelegt, sodass eine an einem Gerät beobachtete Verschiebung nicht auf ein anderes übertragbar wäre, und drittens hängt der Effekt von Abstand, Gebläsestärke und Elektrodenlage ab. Die richtige Formulierung lautet deshalb, dass diese Störquelle den Wert typischerweise falsch erhöht. Klinisch ist die Konsequenz ohnehin unabhängig vom Betrag: Abstand zwischen Gebläse und Ableitung schaffen und danach erneut beurteilen.

Aufgabe 4: Wie gehen Sie vor?

Gegeben:
Das Roh-EEG zeigt eine gleichförmige feine Einstreuung, die Qualitätsanzeige des Geräts meldet eine Störung, und der Indexwert schwankt stark. Ein Teammitglied beginnt, die Kurve inhaltlich zu deuten.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Vor jeder inhaltlichen Deutung steht die Prüfung der Ableitung, und die Meldung der Qualitätsanzeige ist genau der Anlass dafür. Ein hoher oder zwischen den Ableitungen stark unterschiedlicher Übergangswiderstand macht die Ableitung empfindlich für die elektrischen Felder im Saal; typisch sind dann eine gleichförmige Netzeinstreuung, langsame Grundlinienwanderungen oder abrupte Sprünge, und im Spektrogramm entweder ein schmaler Streifen bei der Netzfrequenz oder ein Bild ohne erkennbare Struktur. Elektrodenprobleme sind in der systematischen Übersicht unter den Quellen fälschlich erhöhter Werte aufgeführt. Die Reihenfolge lautet: Haut entfetten und aufrauen, Elektrode fest andrücken, Sitz und Kabelzug prüfen, Impedanzprüfung wiederholen und erst danach das Signal erneut beurteilen; die deutschsprachigen Übersichten führen diese Prüfung ausdrücklich als ersten Schritt vor jeder Befundung. Eine Deutung, die auf einem gestörten Signal aufbaut, ist wertlos, und ein Indexwert aus demselben Signal ebenso. Erst wenn die Ableitung sauber ist, beginnt die eigentliche Befundung von Rohkurve und Spektrogramm.

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Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
ArtefaktAnteil des abgeleiteten Signals, der nicht aus der Hirnrinde stammt, sondern aus Muskulatur, aus einem elektrischen Gerät oder aus der Ableitung selbst. Die geprüfte Literatur belegt die Richtung der Wirkung auf den Indexwert, nicht deren Betrag.
Elektromyographisches SignalElektrische Aktivität der Muskulatur unter den Stirnelektroden. Ihre Frequenzen reichen in den Bereich hinein, den Indexverfahren als schnelle Aktivität in Richtung Wachheit verrechnen.
MuskelanzeigeVom Gerät ausgewiesenes Maß der Muskelaktivität im abgeleiteten Signal. Sie gehört dauerhaft neben den Indexwert, weil ein gemeinsamer Anstieg beider Größen für ein Muskelsignal spricht.
ÜbergangswiderstandElektrischer Widerstand zwischen Elektrode und Haut. Ein hoher oder zwischen den Ableitungen stark unterschiedlicher Wert macht die Ableitung empfindlich für elektrische Felder im Saal.
NetzeinstreuungGleichförmige Störung mit der Frequenz des Stromnetzes, die bei schlechtem Elektrodenkontakt auftritt. Im Spektrogramm erscheint sie als schmaler Streifen bei dieser Frequenz.
SignalqualitätsanzeigeAngabe des Geräts darüber, ob das abgeleitete Signal auswertbar ist. Eine Meldung dieser Anzeige ist der Anlass, die Ableitung zu prüfen, bevor die Kurve inhaltlich gedeutet wird.
Mittelung des IndexwertesZusammenfassung mehrerer Sekunden zu einer Zahl. Sie macht die Anzeige ruhig und zugleich träge, sodass der erste Wert nach einer Störung noch die Störzeit enthalten kann.
Isolierter UnterarmUntersuchungstechnik, bei der ein Arm von der Muskelrelaxierung ausgenommen wird, damit der Patient auf Ansprache mit Bewegung antworten kann. Sie hat wache Patientinnen bei unauffälligem Monitorbefund sichtbar gemacht.

Literatur

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Standardwerke

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  • Schomer DL, Lopes da Silva FH (Hrsg.). Niedermeyer’s Electroencephalography. 7. Auflage. Oxford: Oxford University Press; 2017.
  • Zschocke S, Hansen HC. Klinische Elektroenzephalographie. 3. Auflage. Berlin: Springer; 2012.

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