Masterclass · EEG Bootcamp · Stufe WBJ 1

Burst Suppression Lab

Nach dieser Einheit erkennen Sie Burst Suppression im Roh-EEG und im Spektrogramm, wissen, wie die Suppression Ratio zustande kommt und warum sie zwischen Geräten nicht vergleichbar ist, und arbeiten die Ursachen jenseits einer zu tiefen Narkose geordnet ab.

Lernziele
  • Die zelluläre und metabolische Entstehung der Burst Suppression in eigenen Worten erklären.
  • Das Muster im Roh-EEG und im Spektrogramm sicher erkennen und von einer tiefen Narkose ohne Pausen abgrenzen.
  • Beschreiben, wie eine Suppression Ratio berechnet wird, und die drei Stellschrauben Schwelle, Mindestdauer und Mittelungsfenster benennen.
  • Begründen, warum es keine einheitliche quantitative Definition gibt und welche Folge das für den Vergleich zweier Geräte hat.
  • Die Ursachen außer einer zu tiefen Narkose aufzählen und in einer sinnvollen Reihenfolge abarbeiten.
  • Die Studienlage zu Suppression und postoperativem Delir als strittig wiedergeben und die Formulierung „verbunden mit" von „führt zu" unterscheiden.
  • Aus einem Suppressionsbefund eine begründete Entscheidung ableiten, die nicht nur aus einer Dosisreduktion besteht.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Die Einheit umfasst neun Lektionen mit zwei Tabellen, einem eigenen Schema, zwei rechnenden Signalflächen, vier Übungen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlusstest mit zehn Fragen.
  2. Sie baut auf „Vom Roh-EEG zum Spektrogramm" und „EEG-Signaturen der Anästhetika" auf und bereitet die Einheiten zu Alter und vulnerablem Gehirn sowie zu Index und klinischen Endpunkten vor.
  3. Nicht behandelt werden die altersabhängigen Signalunterschiede im Einzelnen, die Endpunktstudien zum Indexmonitoring in ihrer ganzen Breite und die Burst Suppression in der Neurointensivmedizin; dafür stehen die Module 9 und 11 bereit.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Burst Suppression ist der einzige EEG-Befund dieses Bootcamps, den auch ein ungeübtes Auge sofort sieht: Abschnitte kräftiger Aktivität wechseln mit Abschnitten, in denen die Kurve nahezu still steht. Genau diese Eindeutigkeit macht den Befund wertvoll, denn er ist ohne Index und ohne Spektrogramm zu stellen.

Wertvoll ist er aus zwei Gründen. Erstens ist er ein Zustand, der in aller Regel tiefer liegt, als für eine Operation nötig ist; die aktuelle Übersicht zum klinischen Umgang mit intraoperativer Burst Suppression ordnet ihn entsprechend ein und benennt zugleich die Grenzen der Evidenz.1 Zweitens ist er kein reiner Dosisbefund. Er tritt auch bei Konzentrationen auf, die bei anderen Patienten ein unauffälliges Bild erzeugen, denn die Konzentration, bei der die Hälfte der Patienten Suppression zeigt, streut zwischen Patienten erheblich.2

Und er ist die Stelle, an der das Bootcamp am deutlichsten vorsichtig formulieren muss. Der Satz „Suppression führt zu Delir" ist nicht belegt. Beobachtungsstudien zeigen einen Zusammenhang,3, 4 während Studien, die gezielt in die Narkoseführung eingegriffen haben, die Delirrate nicht gesenkt haben.5, 6 Dieser Widerspruch ist der Kern der letzten Lektion; bis dahin gilt die Formulierung „verbunden mit".

Für die Praxis heißt das: Sehen Sie sich die Rohkurve regelmäßig an, gerade wenn der Indexwert unauffällig ist. Nennen Sie den Befund beim Namen und trennen Sie ihn von der Ursache. Den Fehler erkennen Sie daran, dass über Suppression gesprochen wird, ohne dass jemand die Kurve gesehen hat.

Lektion 2

Wie Burst Suppression entsteht

Burst Suppression ist kein Ausfall des Geräts und kein einfaches Leiserwerden des Signals, sondern ein eigener Betriebszustand des Kortex. Die zelluläre Physiologie ist als Zusammenspiel aus verminderter kortikaler Aktivierung und weitgehender Deafferenzierung beschrieben worden.7

Ein Modell verbindet diesen Zustand mit dem Stoffwechsel: Neuronale Aktivität verbraucht Energie, tiefe Narkose senkt den Verbrauch, und aus der Kopplung von Aktivität und zerebralem Stoffwechsel entsteht ein Wechselspiel, in dem Phasen der Stille von kurzen Ausbrüchen unterbrochen werden.8 Anschaulich gesagt: Das Netzwerk arbeitet nicht mehr fortlaufend, sondern nur noch in Schüben, wenn genug Reserve aufgebaut ist.

Wichtig für die Befundung ist ein dritter Befund. Mit intrakraniellen Ableitungen wurde gezeigt, dass Burst Suppression nicht überall zugleich auftritt, sondern eine lokale kortikale Dynamik aufweist.9 Eine frontale Ableitung bildet also nicht zwingend das ab, was in anderen Rindenbereichen geschieht. Daraus folgt keine Entwarnung, wohl aber Zurückhaltung bei Aussagen über das gesamte Gehirn aus zwei Stirnelektroden.

Schließlich hängt das Erscheinungsbild vom Wirkstoff ab: Die Muster unterscheiden sich je nach verwendetem Anästhetikum in Morphologie und Frequenzgehalt.10 Ein Burst unter Propofol sieht nicht aus wie ein Burst unter einem volatilen Anästhetikum.

Für die Praxis heißt das: Behandeln Sie Suppression als eigenen Zustand und nicht als besonders niedrigen Indexwert. Rechnen Sie damit, dass die frontale Ableitung nur einen Ausschnitt zeigt. Den Fehler erkennen Sie daran, dass aus einer kurzen frontalen Pause auf einen Zustand des ganzen Gehirns geschlossen wird.

Übung 2.1

Lektion 3

Das Bild im Roh-EEG und im Spektrogramm

Im Roh-EEG ist der Befund unverwechselbar: Auf Abschnitte mit kräftiger, oft gemischtfrequenter Aktivität folgen Abschnitte, in denen die Kurve auf eine nahezu gerade Linie zusammenfällt. Der Wechsel ist abrupt, nicht gleitend. Die Bursts sind meist deutlich höher als das Signal einer stabilen Allgemeinanästhesie, die Pausen dagegen nahezu still.

Im Spektrogramm ist derselbe Befund erstaunlich unauffällig, und genau darin liegt die Gefahr. Die Analyse mittelt über ein Rechenfenster; fallen Burst und Pause in dasselbe Fenster, entsteht ein Mischbild, in dem die Pause verschwindet.11 Sichtbar wird stattdessen ein senkrecht gestreiftes oder fleckiges Bild mit insgesamt abnehmender Leistung. Wer nur das Spektrogramm betrachtet, übersieht einzelne kurze Pausen zuverlässig; das ist der wichtigste Grund, die Rohkurve nicht wegzuschalten.12

Abbildung 1: Burst Suppression im Lehrsignal. Zählen Sie im Roh-EEG zuerst die Pausen und schätzen Sie, welcher Anteil der dargestellten Zeit still ist. Lesen Sie danach den unter der Fläche ausgewiesenen Suppressionsanteil ab und vergleichen Sie ihn mit Ihrer Schätzung. Schalten Sie erst dann auf das Spektrogramm und prüfen Sie, wie wenig von diesem eindeutigen Befund dort noch zu erkennen ist. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung

Abbildung 2: Zum Vergleich eine tiefe Narkose ohne Pausen. Die Kurve ist langsam und gleichförmig, aber durchgehend; das Spektrogramm zeigt kräftige Leistung im langsamen Bereich ohne Alphaband. Halten Sie beide Flächen nebeneinander und formulieren Sie in einem Satz, woran Sie den Unterschied festmachen: nicht an der Amplitude, sondern an der Unterbrechung. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung

Für die Praxis heißt das: Suchen Sie Suppression grundsätzlich in der Rohkurve und benutzen Sie das Spektrogramm nur zur Einordnung des Verlaufs. Den Fehler erkennen Sie daran, dass jemand aus einem unauffälligen Spektrogramm auf das Fehlen von Pausen schließt.

Lektion 4

Die Suppression Ratio und wie sie gemessen wird

Die Suppression Ratio ist der Anteil der Zeit, in dem das Signal als unterdrückt gilt, bezogen auf einen zurückliegenden Zeitraum. Der Suppressionsanteil gehört seit den Anfängen der EEG-Signalverarbeitung in der Anästhesie zu den gebräuchlichen Kenngrößen.13 Die Rechnung klingt einfach und hat doch drei Stellschrauben.

Erstens die Schwelle. Ab welcher Amplitude gilt ein Abschnitt als unterdrückt? Eine engere Schwelle ordnet weniger Abschnitte der Suppression zu als eine weitere. Zweitens die Mindestdauer. Wie lange muss die Stille anhalten, damit sie zählt? Kurze Pausen fallen je nach Einstellung heraus oder gehen ein. Drittens das Mittelungsfenster. Über welchen zurückliegenden Zeitraum wird der Anteil gebildet? Ein kurzes Fenster reagiert rasch und springt, ein langes glättet und läuft dem Geschehen hinterher.

Der entscheidende Punkt ist, dass keine dieser drei Größen einheitlich festgelegt ist. Die Übersicht zur Ätiologie der Burst Suppression hält ausdrücklich fest, dass Definition und Quantifizierung in der Literatur uneinheitlich sind.14 Hinzu kommt, dass die Rechenvorschriften der Monitore herstellerspezifisch und teils nicht offengelegt sind.15 Beides zusammen ergibt eine klare Konsequenz: Es gibt keine einheitliche quantitative Definition der Burst Suppression. Zwei Geräte am selben Patienten dürfen verschiedene Werte anzeigen, ohne dass eines davon falsch rechnet, und ein Zahlenwert ist ohne Angabe des Geräts nicht aussagekräftig.

Dieselbe Kurve, drei Einstellungen Schwelle B, weit Schwelle A, eng Roh-EEG Schwelle A, kurze Mindestdauer Schwelle A, längere Mindestdauer fällt heraus Schwelle B, kurze Mindestdauer kurzes Mittelungsfenster langes Mittelungsfenster Mittelung
Schema: Dieselbe Rohkurve, drei Auswertungen. Die eingefärbten Balken markieren, welche Abschnitte jeweils als unterdrückt gezählt werden. Eine weitere Amplitudenschwelle vergrößert die Abschnitte, eine längere Mindestdauer lässt die kurze Pause herausfallen, und ein kurzes gegen ein langes Mittelungsfenster verändert den angezeigten Anteil noch einmal. Bewusst ohne Zahlen: Die drei Stellschrauben sind gerätespezifisch, und eine allgemein gültige Festlegung gibt es nicht. Eigene Darstellung

Für die Praxis heißt das: Lesen Sie einen Suppressionswert immer zusammen mit dem Gerätenamen und prüfen Sie ihn an der Rohkurve nach. Vergleichen Sie Werte verschiedener Geräte nicht miteinander. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Suppressionswert als allgemeingültige Größe weitergegeben wird.

Übung 4.1

Lektion 5

Ursachen außer einer zu tiefen Narkose

Die erste und häufigste Erklärung bleibt die Dosis. Sie ist aber nicht die einzige, und wer sie ungeprüft annimmt, übersieht behandelbare Ursachen. Die Übersicht zur Ätiologie ordnet die verschiedenen Auslöser und macht deutlich, dass Burst Suppression ein Endzustand ist, zu dem mehrere Wege führen.14 Die Grundlagenarbeiten stützen das: Ein Zustand, der aus der Kopplung von neuronaler Aktivität und Stoffwechsel hervorgeht,8 muss auch dann auftreten, wenn nicht die Dosis, sondern das Angebot an Sauerstoff, Substrat oder Wärme begrenzt ist.

Ebenso wichtig ist die Eigenschaft des Gehirns, das gerade abgeleitet wird. Mit zunehmendem Lebensalter nehmen Alpha-Leistung und Gesamtamplitude des frontalen EEG deutlich ab,16 und nicht nur das Alter, sondern auch die Komorbiditätslast geht mit niedrigerer Alpha- und Breitbandleistung einher.17 Beschrieben ist außerdem ein Muster aus niedriger frontaler Alpha-Leistung und erhöhter Neigung zu Burst Suppression, das als Kennzeichen eines vulnerablen Gehirns geführt wird.18 Dieser Begriff ist ein Arbeitsbegriff und kein validierter Befund; Modul 9 behandelt ihn im Einzelnen.

Zwei Einträge der folgenden Übersicht sind ausdrücklich zurückhaltend zu lesen. Für einzelne metabolische und respiratorische Auslöser liegt in der hier geprüften Quellensammlung keine eigene Primärarbeit vor; sie stehen in der Ätiologieübersicht als Gruppe.14 Und für ein konstitutionell, möglicherweise erblich niedrigamplitudiges EEG ohne Krankheitswert liegt in dieser Sammlung ebenfalls keine eigene Primärarbeit vor. Belegt ist der verwandte Befund, dass niedrige frontale Alpha-Leistung mit einer erhöhten Neigung zu Suppression einhergeht.18

Tabelle 1: Ursachen außer einer zu tiefen Narkose
UrsacheWoran Sie denkenPrüfschrittBelegstand in dieser Sammlung
Zu tiefe Narkosehäufigste Ursache, oft nach Bolus oder bei sinkendem BedarfKonzentration und Zeitverlauf, Bolusgabe zurückverfolgengut belegt, mit erheblicher Streuung der Schwelle zwischen Patienten2
Hypothermielange Eingriffe, große Wundflächen, Spülungen, HerzchirurgieKerntemperatur messen, aktive Wärmezufuhr prüfenin der Ätiologieübersicht geführt14
HypoglykämieDiabetes, lange Nüchternzeit, Kinder, LeberfunktionsstörungBlutzucker bestimmenin der Ätiologieübersicht geführt14
Hypoxie und MinderperfusionKreislaufeinbruch, Beatmungsproblem, extrakorporale ZirkulationOxygenierung, Blutdruck und Perfusion prüfenin der Ätiologieübersicht geführt14
HyperkapnieBeatmungseinstellung, Absorber, laparoskopische EingriffeKapnographie und Blutgasanalyseals Gruppe geführt, keine eigene Primärarbeit in dieser Sammlung14
Vorschädigung des Gehirnshohes Lebensalter, Komorbidität, kognitive EinschränkungVorbefunde und Anamnese heranziehen, Ausgangsbild bewertenniedrigere Alpha- und Breitbandleistung belegt16, 17
Niedrigamplitudiges Ausgangs-EEGschon vor der Einleitung kleines SignalBild vor der Einleitung ansehen und festhaltenkeine eigene Primärarbeit; verwandt belegt ist die Neigung zu Suppression bei niedriger Alpha-Leistung18
Wirkstoffabhängige FormMuster passt nicht zum gewohnten Bildlaufende Wirkstoffe prüfen, Morphologie beschreibensubstanzabhängige Unterschiede belegt10

Für die Praxis heißt das: Fragen Sie bei jedem Suppressionsbefund zuerst nach Temperatur, Blutzucker, Kreislauf und Beatmung, bevor Sie die Dosis reduzieren. Sehen Sie sich das EEG vor der Einleitung an, damit Sie später ein Ausgangsbild haben. Den Fehler erkennen Sie daran, dass Suppression ausschließlich als Dosisproblem behandelt wird.

Übung 5.1

Lektion 6

Suppression und Delir: verbunden mit, nicht führt zu

Dies ist der strittigste Abschnitt des Bootcamps, und er wird hier bewusst zweiseitig dargestellt.

Die eine Seite. In einer prospektiven Kohorte war die Dauer intraoperativer EEG-Suppression mit postoperativem Delir verknüpft,4 in einer herzchirurgischen Beobachtungsstudie fand sich ebenfalls eine Assoziation,3 und perioperative spektrale Verläufe älterer Patienten sind mit dem Auftreten eines Delirs in Verbindung gebracht worden.19 Zwei ältere randomisierte Studien berichteten unter indexgeführter Narkoseführung niedrigere Delirraten.20, 21

Die andere Seite. Eine große randomisierte Studie mit dem ausdrücklichen Ziel, Suppression zu vermeiden, senkte die Delirrate nicht,5 die herzchirurgische Folgestudie ebenso wenig,6 und ein Vergleich zweier Zielbereiche fand keinen Unterschied in der Delirrate nach großen Eingriffen.22 Die zusammenfassende Metaanalyse findet keinen belastbaren Beleg für eine Senkung der Delirrate durch eine EEG-geführte Narkoseführung.23

Beobachtungsdaten und Interventionsdaten sagen also Verschiedenes, und das ist kein Zufall. Eine Assoziation kann auch dadurch entstehen, dass ein empfindliches Gehirn sowohl leichter suppressioniert als auch leichter delirant wird; dann ist die Suppression ein Anzeiger und nicht die Ursache. Genau deshalb lautet die zulässige Formulierung „verbunden mit" und nicht „führt zu". Die aktuelle Übersicht zum klinischen Umgang mit Burst Suppression benennt diese Grenze der Evidenz ausdrücklich.1 Die europäische Delirleitlinie bewertet die Rolle des prozessierten EEG und die Vermeidung zu tiefer Narkose vor diesem Hintergrund,24 und das Konsenspapier zum perioperativen EEG-Monitoring empfiehlt, Rohsignal und Spektrogramm neben dem Indexwert zu beurteilen.25

Tabelle 2: Suppression und Delir: verbunden mit, nicht führt zu
ArbeitArtFragestellungErgebnis in Bezug auf Delir
Fritz 20164prospektive KohorteDauer intraoperativer SuppressionZusammenhang mit postoperativem Delir
Soehle 20153Beobachtungsstudie, Herzchirurgieintraoperative Burst SuppressionAssoziation mit postoperativem Delir
Koch 202119Kohortenstudieperioperative spektrale VerläufeVerknüpfung mit dem Auftreten eines Delirs
Chan 201320randomisierte Studieindexgeführte gegen übliche Führungniedrigere Delirrate; im Widerspruch zu späteren größeren Studien
Radtke 201321randomisierte Studieindexgeführte Narkoseführungniedrigere Delirrate, kein Effekt auf die kognitive Dysfunktion
ENGAGES 20195randomisierte Studie, gemischte ChirurgieEEG-geführt mit dem Ziel, Suppression zu vermeidenkeine Senkung der Delirrate
Evered 202122randomisierte Studiezwei Zielbereiche der Narkosetiefekein Unterschied in der Delirrate
ENGAGES-Canada 20246randomisierte Studie, HerzchirurgieEEG-geführte Anästhesiekeine Senkung der Delirrate
Sumner 202323MetaanalyseZusammenfassung der randomisierten Studienkein belastbarer Beleg für eine Senkung
Vorsicht

Der Satz „Burst Suppression führt zu Delir" überschreitet die Evidenz und steht deshalb nirgends in diesem Bootcamp. Zulässig ist „intraoperative Suppression ist in Beobachtungsstudien mit postoperativem Delir verbunden", zusammen mit dem Hinweis, dass die Interventionsstudien diesen Zusammenhang nicht in einen Nutzen übersetzt haben.4, 5, 23 Die Frage gilt ausdrücklich als strittig.

Für die Praxis heißt das: Geben Sie die Studienlage zweiseitig wieder und benennen Sie sie als strittig. Vermeiden Sie Suppression trotzdem, weil sie in aller Regel tiefer liegt als nötig, und begründen Sie das mit der Dosis und nicht mit einem Delirversprechen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Kausalsatz gebildet wird.

Übung 6.1

Lektion 7

Am Gerät

Die gebräuchlichen Monitore weisen den Suppressionsanteil als eigene Größe aus, meist neben dem Index. Nützlich ist diese Anzeige als Verlaufslinie über die gesamte Narkose, weil sie zeigt, wann und wie lange Pausen aufgetreten sind; als Einzelwert ist sie wegen der Mittelung träge und wegen der gerätespezifischen Rechnung nicht übertragbar.15, 14 Der Index selbst fällt bei zunehmender Suppression, unterscheidet aber nicht, ob die Zahl aus einer gleichmäßig tiefen Narkose oder aus einem Wechsel von Bursts und Pausen stammt; diese Unterscheidung trifft nur die Rohkurve.12

Herstellerangabe

Laut Bedienungsanleitung zeigt der Narcotrend-Compact M neben Index und Stadium eine Angabe zum Suppressionsanteil an.26 Der Hersteller von SedLine gibt für seinen Monitor ebenfalls eine Suppressionsanzeige an.27

Beide Unterlagen beschreiben, dass und wo der Wert erscheint. Sie sind keine unabhängige Evidenz und legen insbesondere Schwelle, Mindestdauer und Mittelungsfenster nicht so offen, dass sich zwei Geräte rechnerisch vergleichen ließen. Für die Beurteilung eines Suppressionsbefundes bleibt deshalb die Rohkurve maßgeblich.

Für die Praxis heißt das: Blenden Sie die Suppressionsanzeige dauerhaft ein und lesen Sie sie als Verlauf. Prüfen Sie jeden Wert über null an der Rohkurve nach. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Suppressionswert ohne Blick auf die Kurve dokumentiert wird.

Lektion 8

Klinische Entscheidung

Ein Suppressionsbefund wird in vier Schritten abgearbeitet. Erstens bestätigen: Zeigt die Rohkurve tatsächlich abrupte Wechsel zwischen Aktivität und Stille, oder liegt eine Störung oder eine gleichmäßig tiefe Narkose ohne Pausen vor? Zweitens den Patienten prüfen: Temperatur, Blutzucker, Oxygenierung, Kohlendioxid, Kreislauf. Diese Prüfung kostet wenig Zeit und deckt die behandelbaren Ursachen ab.14 Drittens die Dosis: Wurde vor Kurzem ein Bolus gegeben, ist der Bedarf gesunken, hat sich die Operation verändert? Die Schwelle streut zwischen Patienten erheblich, eine als sicher geltende Konzentration gibt es nicht.2 Viertens kontrollieren: nach jeder Maßnahme erneut die Rohkurve lesen und den Zeitpunkt festhalten.

Bei einzelnen sehr kurzen Pausen in einer sonst stabilen Narkose ist eine sofortige Dosisänderung nicht zwingend; angemessen sind eine engere Beobachtung und die Prüfung der genannten Ursachen. Bei anhaltenden Pausen ohne erkennbare andere Ursache wird die Zufuhr reduziert und die Wirkung am Muster kontrolliert.1 In beiden Fällen gilt: Die Entscheidung wird an der Kurve begründet, nicht an einer Prozentzahl.

Für die Praxis heißt das: Arbeiten Sie den Befund in der Reihenfolge bestätigen, Patient, Dosis, kontrollieren ab. Halten Sie Beginn und Ende jeder Suppressionsphase fest. Den Fehler erkennen Sie daran, dass als einzige Maßnahme die Konzentration gesenkt und danach nicht erneut hingesehen wird.

Lektion 9

Typische Fehlannahmen

  • Burst Suppression bedeute immer eine zu hohe Dosis. Sie ist ein Endzustand, zu dem mehrere Wege führen, darunter Hypothermie, Hypoglykämie und eine gestörte Sauerstoffversorgung.14, 8
  • Ein Suppressionswert sei zwischen Geräten vergleichbar. Definition und Quantifizierung sind uneinheitlich, und die Rechenvorschriften sind herstellerspezifisch und teils nicht offengelegt.14, 15
  • Ein unauffälliges Spektrogramm schließe Suppression aus. Die Mittelung über das Rechenfenster lässt kurze Pausen verschwinden; nur die Rohkurve zeigt sie.11, 12
  • Suppression führe zu Delir. Beobachtungsstudien zeigen einen Zusammenhang, Interventionsstudien haben keine Senkung der Delirrate gezeigt; die Frage ist strittig, und die zulässige Formulierung lautet „verbunden mit".4, 5, 23
  • Eine bestimmte Konzentration sei sicher suppressionsfrei. Die Konzentration, bei der die Hälfte der Patienten Suppression zeigt, streut zwischen Patienten erheblich.2

Für die Praxis heißt das: Prüfen Sie jede Aussage über Suppression darauf, ob sie eine Kausalität behauptet oder eine Zahl vergleichbar macht, die es nicht ist. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Prozentwert ohne Gerät und ohne Kurve genannt wird.

Lektion 10

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Die stille Minute

Ein Patient in der achten Lebensdekade erhält für eine offene gefäßchirurgische Operation eine Allgemeinanästhesie mit Propofol und Remifentanil. Die Operation dauert bereits vier Stunden, die Propofolzufuhr ist seit zwei Stunden unverändert, ein Bolus wurde nicht gegeben. Es wurde viel gespült, die aktive Wärmezufuhr läuft.

Der Indexwert liegt niedrig, aber noch im gewohnten Bereich; die Suppressionsanzeige steht auf null. Das Spektrogramm zeigt kräftige Leistung im langsamen Bereich und kein Alphaband. Im Roh-EEG fallen Ihnen mehrere kurze Abschnitte auf, in denen die Kurve auf eine nahezu gerade Linie zusammenfällt und danach abrupt wieder in kräftige Aktivität übergeht.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Burst Suppression zeigt sich an der Unterbrechung und nicht an der Amplitude; gesucht wird sie in der Rohkurve.
  • Schwelle, Mindestdauer und Mittelungsfenster sind gerätespezifisch; eine einheitliche quantitative Definition gibt es nicht.
  • Suppressionswerte verschiedener Geräte sind nicht miteinander vergleichbar.
  • Temperatur, Blutzucker, Oxygenierung, Kohlendioxid und Kreislauf werden geprüft, bevor die Dosis gesenkt wird.
  • Suppression ist in Beobachtungsstudien mit Delir verbunden; ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht belegt und die Frage strittig.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie beurteilen Sie das?

Gegeben:
Zwei Geräte laufen parallel am selben Patienten und zeigen deutlich verschiedene Suppressionsanteile an. Ein Teammitglied schließt daraus, eines der Geräte sei defekt.

Frage:
Wie beurteilen Sie das?

Lösung

Ein Defekt ist die unwahrscheinlichste Erklärung. Eine Suppression Ratio entsteht aus drei Festlegungen: einer Amplitudenschwelle, ab der ein Abschnitt als unterdrückt gilt, einer Mindestdauer, die eine Stille erreichen muss, um gezählt zu werden, und einem Mittelungsfenster, über das der Anteil gebildet wird. Keine dieser drei Größen ist einheitlich festgelegt; die Übersicht zur Ätiologie der Burst Suppression hält ausdrücklich fest, dass Definition und Quantifizierung in der Literatur uneinheitlich sind, und die Rechenvorschriften der Monitore sind herstellerspezifisch und teils nicht offengelegt. Zwei Geräte dürfen deshalb am selben Signal verschiedene Werte anzeigen, ohne dass eines falsch rechnet. Die praktische Folge ist doppelt: Ein Suppressionswert ist ohne Angabe des Geräts nicht aussagekräftig, und Werte verschiedener Geräte werden nicht miteinander verglichen. Entschieden wird an der Rohkurve, die bei beiden Geräten dieselbe Information trägt: abrupte Wechsel zwischen kräftiger Aktivität und nahezu stiller Linie.

Aufgabe 2: Wie gehen Sie vor?

Gegeben:
In der vierten Stunde einer großen abdominellen Operation treten erstmals Suppressionspausen auf. Die Anästhetikakonzentration ist seit Stunden unverändert, es wurde kein Bolus gegeben.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Eine unveränderte Konzentration bei neu aufgetretener Suppression spricht dafür, dass sich nicht die Dosis, sondern der Patient verändert hat. Zuerst wird der Befund an der Rohkurve bestätigt, also abrupte Wechsel zwischen Aktivität und Stille gegen eine gleichmäßig tiefe Narkose ohne Pausen und gegen eine Störung abgegrenzt. Danach folgt die Prüfung der behandelbaren Ursachen, die in der Ätiologieübersicht geordnet sind: Kerntemperatur, weil Auskühlung in langen Eingriffen mit großen Wundflächen und Spülungen häufig ist, Blutzucker nach langer Nüchternzeit, Oxygenierung und Kohlendioxid sowie Blutdruck und Perfusion. Erst wenn diese Prüfung nichts ergibt, wird der sinkende Anästhetikabedarf als Erklärung angenommen und die Zufuhr reduziert. Zu bedenken ist außerdem, dass die Konzentration, bei der Suppression auftritt, zwischen Patienten erheblich streut, sodass eine über Stunden unauffällige Konzentration keine Sicherheit für den weiteren Verlauf bietet. Nach jeder Maßnahme wird die Rohkurve erneut gelesen und der Zeitpunkt festgehalten.

Aufgabe 3: Wie korrigieren Sie diese Darstellung

Gegeben:
In einer Fortbildung wird gesagt, EEG-Monitoring verhindere das postoperative Delir, weil Suppression Delir verursache.

Frage:
Wie korrigieren Sie diese Darstellung, ohne ins Gegenteil zu verfallen?

Lösung

Beide Teile des Satzes gehen über die Evidenz hinaus. Zur ersten Hälfte: In Beobachtungsstudien ist intraoperative Suppression mit postoperativem Delir verbunden, gezeigt für die Dauer der Suppression in einer prospektiven Kohorte und für herzchirurgische Patienten in einer Beobachtungsstudie. Eine Assoziation belegt jedoch keine Ursache; sie kann auch dadurch entstehen, dass ein empfindliches Gehirn sowohl leichter suppressioniert als auch leichter delirant wird. Zur zweiten Hälfte: Eine große randomisierte Studie mit dem ausdrücklichen Ziel, Suppression zu vermeiden, senkte die Delirrate nicht, die herzchirurgische Folgestudie ebenso wenig, ein Vergleich zweier Zielbereiche fand keinen Unterschied, und die zusammenfassende Metaanalyse findet keinen belastbaren Beleg für eine Senkung. Dem stehen zwei ältere randomisierte Studien mit niedrigeren Delirraten gegenüber, weshalb die Frage als strittig zu kennzeichnen ist. Die angemessene Darstellung nennt beide Seiten, verwendet die Formulierung „verbunden mit" und begründet die Vermeidung von Suppression damit, dass dieser Zustand in aller Regel tiefer liegt als für den Eingriff nötig.

Aufgabe 4: Stimmt das?

Gegeben:
Der Indexwert liegt niedrig, das Spektrogramm zeigt kräftige langsame Leistung und sonst wenig, die Suppressionsanzeige steht auf null. Ein Kollege hält Suppression damit für ausgeschlossen.

Frage:
Stimmt das?

Lösung

Ausgeschlossen ist sie damit nicht. Das Spektrogramm entsteht durch Mittelung über ein Rechenfenster; fallen ein Burst und eine Pause in dasselbe Fenster, entsteht ein Mischbild, in dem die Pause verschwindet. Kurze Pausen sind im Spektrogramm deshalb regelhaft nicht als Pausen erkennbar, und genau das ist der Grund, die Rohkurve nicht wegzuschalten. Auch die Suppressionsanzeige trägt die Frage nicht allein, denn sie hängt von der eingestellten Amplitudenschwelle, von der geforderten Mindestdauer und vom Mittelungsfenster ab; kurze Pausen können unterhalb der Mindestdauer bleiben und dann gar nicht eingehen, und ein langes Mittelungsfenster verzögert zusätzlich. Die Frage wird deshalb an der Rohkurve entschieden: Wer über eine ausreichende Zeitspanne hinsieht und abrupte Wechsel zwischen kräftiger Aktivität und nahezu stiller Linie findet, hat den Befund, unabhängig davon, was Index, Spektrogramm und Suppressionsanzeige gerade darstellen. Findet sich kein solcher Wechsel, liegt eine gleichmäßig tiefe Narkose ohne Pausen vor, was klinisch etwas anderes ist.

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Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Burst SuppressionBetriebszustand des Kortex, in dem Abschnitte kräftiger Aktivität abrupt mit Abschnitten nahezu stiller Kurve wechseln. Kennzeichnend ist die Unterbrechung und nicht die Amplitude.
BurstAbschnitt kräftiger, meist gemischtfrequenter Aktivität zwischen zwei Pausen. Seine Morphologie und sein Frequenzgehalt hängen vom verwendeten Anästhetikum ab.
SuppressionAbschnitt, in dem die Kurve auf eine nahezu gerade Linie zusammenfällt. Ob ein Abschnitt als Suppression gilt, hängt von der eingestellten Amplitudenschwelle und der geforderten Mindestdauer ab.
Suppression RatioAnteil der Zeit, in dem das Signal als unterdrückt gilt, bezogen auf einen zurückliegenden Zeitraum. Der Wert ist gerätespezifisch und zwischen Geräten nicht vergleichbar.
AmplitudenschwelleGrenze, unterhalb derer ein Abschnitt als unterdrückt gewertet wird. Eine weitere Schwelle ordnet mehr Abschnitte der Suppression zu als eine engere.
MindestdauerZeitspanne, die eine Stille erreichen muss, um gezählt zu werden. Kurze Pausen fallen je nach Einstellung heraus oder gehen ein.
MittelungsfensterZurückliegender Zeitraum, über den der Suppressionsanteil gebildet wird. Ein kurzes Fenster springt, ein langes glättet und läuft dem Geschehen hinterher.
Vulnerables GehirnArbeitsbegriff für ein Muster aus niedriger frontaler Alpha-Leistung und erhöhter Neigung zu Burst Suppression. Es ist als Muster beschrieben, jedoch nicht als individueller Befund validiert.

Literatur

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  3. Soehle M, Dittmann A, Ellerkmann RK, Baumgarten G, Putensen C, Guenther U. Intraoperative burst suppression is associated with postoperative delirium following cardiac surgery: a prospective, observational study. BMC Anesthesiology. 2015;15:61. doi:10.1186/s12871-015-0051-7 PMID 25928189
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  5. Wildes TS, Mickle AM, Ben Abdallah A, Maybrier HR, Oberhaus J, Budelier TP, Kronzer A, McKinnon SL, Park D, Torres BA, Graetz TJ, Emmert DA, Palanca BJ, Goswami S, Jordan K, Lin N, Fritz BA, Stevens TW, Jacobsohn E, Schmitt EM, Inouye SK, Stark S, Lenze EJ, Avidan MS. Effect of Electroencephalography-Guided Anesthetic Administration on Postoperative Delirium Among Older Adults Undergoing Major Surgery: The ENGAGES Randomized Clinical Trial. JAMA. 2019;321(5):473-483. doi:10.1001/jama.2018.22005 PMID 30721296
  6. Deschamps A, Ben Abdallah A, Jacobsohn E, Saha T, Djaiani G, El-Gabalawy R, Overbeek C, Palermo J, Tanzola R, Essandoh MK, Bhandary SP, Kavosh MS, Fardous H, Jacobsohn N, Hong T, Wolf A, Avidan MS. Electroencephalography-Guided Anesthesia and Delirium in Older Adults After Cardiac Surgery: The ENGAGES-Canada Randomized Clinical Trial. JAMA. 2024;332(2). doi:10.1001/jama.2024.8144 PMID 38857019
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  10. Fleischmann A, Pilge S, Kiel T, Kratzer S, Schneider G, Kreuzer M. Substance-Specific Differences in Human Electroencephalographic Burst Suppression Patterns. Frontiers in Human Neuroscience. 2018;12:368. doi:10.3389/fnhum.2018.00368 PMID 30297992
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Standardwerke

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