Masterclass · EEG Bootcamp · Stufe WBJ 1

EEG in 20 Minuten

Nach dieser Einheit lesen Sie ein frontales Narkose-EEG in der richtigen Reihenfolge: erst die Kurve, dann das Spektrum, dann das Spektrogramm, dann die Zahl.

Lernziele
  • Beschreiben, welches Signal eine frontale Ableitung erfasst und welche Befunde sie grundsätzlich nicht erfasst.
  • Die Bänder Delta, Theta, Alpha und Beta benennen und ihre Bedeutung im Wachzustand und unter Narkose gegenüberstellen.
  • Roh-EEG, Spektrum und Spektrogramm auseinanderhalten und für jede Darstellung angeben, welche Information sie zeigt und welche sie verwirft.
  • Die Rechenschritte benennen, aus denen ein Indexwert entsteht, und die dabei verworfene Information angeben.
  • Eine Befundung in der festen Reihenfolge Kurve, Spektrum, Spektrogramm, Index, klinischer Zusammenhang durchführen.
  • Begründen, warum ein Zahlenwert ohne die zugehörige Kurve keine Aussage über den Zustand des Gehirns erlaubt.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Die Einheit umfasst sieben Lektionen mit zwei Tabellen, zwei Originalabbildungen, drei rechnenden Signalflächen, vier Übungen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlusstest mit zehn Fragen.
  2. Sie setzt nichts voraus außer Grundkenntnissen der Allgemeinanästhesie und bereitet alle weiteren Module vor, insbesondere „Frequenzen erkennen" und „Vom Roh-EEG zum Spektrogramm".
  3. Nicht behandelt werden die Signaturen der einzelnen Wirkstoffe, die Gerätemodule zu SedLine und Narcotrend sowie Artefakte und Burst Suppression; dafür stehen die Module 4 bis 8 bereit.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Der Monitor zeigt 41. Die Kollegin nebenan sagt, das sei gut so, und wendet sich wieder dem Situs zu. Zehn Minuten später zeigt derselbe Monitor 41, und das Gehirn des Patienten befindet sich in einem völlig anderen Zustand als vorhin: In der Kurve wechseln jetzt Phasen hoher Aktivität mit Phasen elektrischer Stille ab. Die Zahl hat sich nicht bewegt, weil sie beide Zustände auf dieselbe Weise verrechnet. Wer nur die Zahl liest, hat diesen Wechsel nicht bemerkt.

Genau darum geht es in diesem Bootcamp. Das Elektroenzephalogramm ist das einzige intraoperative Signal, das den Zustand des Organs zeigt, auf das Hypnotika wirken. Die Konsensusempfehlung zum perioperativen Neuromonitoring rät deshalb ausdrücklich dazu, Rohsignal und Spektrogramm zu beurteilen und nicht allein den abgeleiteten Zahlenwert.1 Die deutschsprachigen Übersichten zum quantifizierten und zum prozessierten EEG beschreiben denselben Weg und zeigen, an welchen Stellen die Zahl in die Irre führt.2, 3 Eine weiterhin gültige Arbeit zur praktischen Nutzung der Rohkurve begründet, warum die Kurve neben der Zahl betrachtet werden sollte.4

Diese Einheit ist der schnelle Einstieg und zugleich die Landkarte: Was misst die frontale Ableitung, welche Frequenzbänder gibt es, welche drei Darstellungen zeigt der Monitor, und woher kommt die Zahl? Alle weiteren Module vertiefen einen dieser vier Punkte.

Schema des Kursaufbaus eines strukturierten EEG boot camps mit aufeinander aufbauenden Abschnitten von den Grundlagen über die Signaturen der Anästhetika bis zur Fallarbeit
Abbildung 1: Der Aufbau eines strukturierten EEG-Kurses: Grundlagen, Signaturen, Artefakte, Fälle. Die Reihenfolge ist kein Zufall, sondern folgt der Befundungsreihenfolge am Monitor. Die Selbsteinschätzung der Teilnehmer vor und nach einem solchen Kurs ist beschrieben, ein Wirksamkeitsnachweis an klinischen Endpunkten liegt damit nicht vor.5 von Dincklage et al. 2025, Fig. 1, BMC Anesthesiology, CC BY 4.0, Ausschnitt, Legende neu gefasst

Für die Praxis heißt das: Machen Sie es sich zur Gewohnheit, bei jedem Blick auf den Narkosemonitor zuerst die Kurve und erst danach die Zahl anzusehen. Wer die Reihenfolge einmal umdreht, dreht sie meist dauerhaft um. Den Fehler erkennen Sie daran, dass im Protokoll Indexwerte stehen, aber niemand sagen kann, wie die Kurve zu diesen Zeitpunkten aussah.

Lektion 2

Was die frontale Ableitung misst und was sie nicht misst

Das Oberflächen-EEG misst keine Aktionspotenziale, sondern die Summe langsamer postsynaptischer Potenziale vieler tausend Pyramidenzellen der Großhirnrinde. Diese Zellen stehen senkrecht zur Oberfläche und parallel zueinander; nur deshalb addieren sich ihre winzigen Dipole zu einem an der Stirn messbaren Signal in der Größenordnung weniger Mikrovolt. Daraus folgt die wichtigste Eigenschaft: Das Signal ist ein Maß für Synchronität und nicht für Aktivität. Viele Zellen, die gleichzeitig dasselbe tun, erzeugen große und langsame Wellen. Viele Zellen, die unabhängig voneinander arbeiten, erzeugen ein kleines und schnelles Signal.6

Die Narkoseüberwachung nutzt eine frontale Ableitung, und das hat physiologische wie praktische Gründe. Die für die Allgemeinanästhesie kennzeichnenden Muster, also die langsamen Wellen und die nach vorn gewanderte Alpha-Aktivität, entstehen im Zusammenspiel von Thalamus und Frontalhirn und sind dort am deutlichsten ausgeprägt.6 Die Stirn ist zudem haarfrei, gut zugänglich und liegt außerhalb der meisten Operationsfelder.

Ebenso wichtig ist, was die frontale Ableitung nicht leistet. Sie sieht die Rinde unter den Elektroden und kaum tiefe Strukturen. Fokale Veränderungen anderer Regionen, etwa ein Anfallsgeschehen über dem Schläfenlappen, entgehen ihr. Sie misst weder Schmerz noch Nozizeption, sondern allenfalls die kortikale Reaktion darauf. Und sie ist klein genug, um von Muskelaktivität, Augenbewegungen, Elektrokauter und elektrischen Einstreuungen überlagert zu werden; bei wachen Personen fiel der Indexwert allein durch eine Muskelrelaxierung in einen Bereich, der klinisch als Narkose gedeutet würde.7

Abbildung 2: Wachzustand bei geschlossenen Augen: kleine Amplitude, viele schnelle Anteile, im Spektrum ein flacher Verlauf ohne dominierende langsame Leistung. Betrachten Sie zuerst die Kurve und schalten Sie erst danach auf das Spektrum um. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung

Für die Praxis heißt das: Prüfen Sie bei jedem unerwarteten Signal zuerst Elektrodensitz und Impedanz, bevor Sie die Dosis ändern. Werten Sie eine große Amplitude nie als viel Hirnaktivität, sondern als Gleichtakt und damit als Zeichen der Vertiefung. Den Fehler erkennen Sie daran, dass die Anzeige mit dem Elektrokauter springt und daraufhin nachdosiert wird.

Übung 2.1

Lektion 3

Die vier Frequenzbänder im Überblick

Ein EEG enthält immer viele Frequenzen gleichzeitig. Für die Narkose genügen vier Bänder, deren Grenzen Übereinkunft und nicht Naturgesetz sind. Delta von 0,5 bis 4 Hertz entsteht aus dem rhythmischen Burstmodus der thalamokortikalen Schleifen und kennzeichnet unter Narkose eine ausreichende Tiefe. Theta von 4 bis 8 Hertz liegt im Übergangsbereich und ist unter volatilen Anästhetika stärker ausgeprägt als unter Propofol.8 Alpha von 8 bis 13 Hertz liegt im Wachzustand hinten über dem Hinterhauptslappen und wandert unter GABAergen Hypnotika nach vorn; die frontale Alpha-Aktivität ist der Kernbefund der chirurgischen Narkose.9 Beta von 13 bis 30 Hertz zeigt Aufmerksamkeit und Anspannung und nimmt in der Einleitungsphase vorübergehend zu.

Unterhalb von Delta liegen die langsamen Oszillationen unter etwa 1 Hertz, die unter tiefer Narkose dominieren. Oberhalb von Beta liegt Gamma, das an der Stirn kaum von Muskelsignal zu trennen ist und deshalb in der Narkoseüberwachung keine eigenständige Rolle spielt.

Tabelle 1: Die vier Frequenzbänder im Überblick
BandBereichWachzustandUnter Allgemeinanästhesie
Langsame Oszillationenunter 1 HertzTiefschlafnehmen mit der Tiefe zu, tragen den größten Teil der Amplitude
Delta0,5 bis 4 HertzTiefschlaf, im Wachzustand auffälligZeichen ausreichender Narkosetiefe
Theta4 bis 8 HertzSchläfrigkeit, EinschlafphaseÜbergangsbereich, unter Sevofluran deutlicher als unter Propofol
Alpha8 bis 13 Hertzentspannt, Augen geschlossen, okzipitalnach frontal gewandert, Kernbefund der GABAergen Narkose
Beta13 bis 30 HertzAufmerksamkeit, AnspannungZunahme bei Einleitung, danach Rückgang
Übersicht mit anästhetischer Dosis, Spektrogramm, Einzelspektren und zugehörigen Roh-EEG-Abschnitten vom wachen Zustand über die chirurgische Narkose bis zur Burst Suppression
Abbildung 3: Dieselbe Narkose in vier Darstellungen: Dosis, Spektrogramm, Spektren und Roh-EEG. Von links nach rechts verschiebt sich die Leistung zu tieferen Frequenzen, die Amplitude der Kurve wächst, und ganz rechts treten Pausen auf. Jede der Darstellungen zeigt denselben Vorgang mit einem anderen Verlust an Information.2 Kaiser et al. 2021, Abb. 2, Der Anaesthesist, CC BY 4.0, Ausschnitt, Legende neu gefasst

Für die Praxis heißt das: Benennen Sie das Band an der Kurve und nicht am Zahlenwert. Halten Sie die Bandgrenzen als Übereinkunft im Kopf, damit Sie Werte verschiedener Geräte nicht gegeneinander ausspielen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass über eine Alpha-Leistung diskutiert wird, ohne dass jemand die Kurve gesehen hat.

Übung 3.1

Lektion 4

Roh-EEG, Spektrum und Spektrogramm zeigen drei verschiedene Dinge

Das Roh-EEG ist die Spannung über der Zeit. Es ist die einzige Darstellung, in der einzelne Ereignisse sichtbar sind: eine Spindel, ein Burst, eine Suppressionspause, ein Kauterartefakt, ein Lidschlag. Alles, was kürzer dauert als das Zeitfenster der Verrechnung, gibt es nur hier.

Das Spektrum beantwortet die Frage, wie sich die Leistung in diesem Augenblick auf die Frequenzen verteilt. Es entsteht durch Fourierzerlegung eines kurzen Abschnitts und zeigt Gipfel dort, wo eine Oszillation vorherrscht. Der Preis ist der Verlust der Zeitachse: Zwei Abschnitte mit identischem Spektrum können völlig verschieden aussehen, weil das Spektrum nicht sagt, wann etwas geschah. Aus dem Spektrum werden die gebräuchlichen Kenngrößen abgeleitet, etwa die spektrale Eckfrequenz SEF95, unterhalb derer 95 Prozent der Leistung liegen.10

Das Spektrogramm setzt viele aufeinanderfolgende Spektren nebeneinander und trägt die Leistung als Farbe auf: Zeit waagerecht, Frequenz senkrecht. Es zeigt damit den Verlauf, also genau die Information, die Spektrum und Indexwert verwerfen. Zwischen Zeitauflösung und Frequenzauflösung besteht dabei ein unvermeidbarer Tausch: Ein kurzes Fenster zeigt schnelle Änderungen und verwischt die Frequenzen, ein langes Fenster trennt die Frequenzen und verwischt die Änderungen.11 Unter dem Namen Density Spectral Array zeigen Monitore dieselbe Sache in anderer Farbgebung.

Tabelle 2: Roh-EEG, Spektrum und Spektrogramm zeigen drei verschiedene Dinge
DarstellungZeigtVerwirftTypische Frage
Roh-EEGeinzelne Wellen, Spindeln, Bursts, Pausen, Artefakteden Überblick über Minuten und StundenWas geschieht gerade in diesem Signal?
SpektrumVerteilung der Leistung über die Frequenz in einem Abschnittdie Zeitachse und damit jedes einzelne EreignisWelche Oszillation herrscht vor?
SpektrogrammVerlauf dieser Verteilung über Minuten bis Stundenkurze Ereignisse unterhalb der FensterlängeWohin bewegt sich der Zustand?
Indexeine ZahlMuster, Verlauf und Ursache zugleichkeine, ohne die drei anderen Darstellungen

Abbildung 4: Stabile Allgemeinanästhesie mit einem GABAergen Hypnotikum. Betrachten Sie dieselbe Aufzeichnung nacheinander in allen drei Darstellungen und achten Sie darauf, welche Aussage jeweils dazukommt und welche verloren geht. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung

Für die Praxis heißt das: Schalten Sie am Monitor bewusst zwischen den Darstellungen um, statt sich auf eine festzulegen. Suchen Sie eine Beobachtung, die Sie nur in einer der drei Darstellungen machen können, und benennen Sie sie laut. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Kurve als unauffällig gilt, obwohl nur das Spektrogramm angesehen wurde.

Übung 4.1

Lektion 5

Am Gerät

Ein Index entsteht in drei Schritten. Erstens wird das Rohsignal gefiltert, in Abschnitte zerlegt und von erkennbaren Artefakten befreit. Zweitens werden aus jedem Abschnitt Kenngrößen berechnet, etwa Bandleistungen, spektrale Eckfrequenzen, der Anteil unterdrückter Abschnitte und je nach Verfahren weitere Merkmale. Drittens werden diese Kenngrößen nach einer an Patientendaten angepassten Vorschrift zu einer Zahl verrechnet und über mehrere Sekunden gemittelt. Die Vorschriften sind herstellerspezifisch und nur teilweise offengelegt.12 Der Narcotrend beruht auf einer Klassifikation von EEG-Abschnitten in Stadien, aus denen der angezeigte Index abgeleitet wird.13

Aus diesen drei Schritten folgen drei Grenzen, die für jedes Verfahren gelten. Erstens ist die Vorschrift empirisch an bestimmten Wirkstoffen gewonnen und gilt für andere nur eingeschränkt; unter Ketamin bleibt schnelle Aktivität erhalten, und die Zahl steigt, ohne dass die Narkose flacher wird.14 Zweitens braucht die Mittelung Zeit, sodass die Anzeige dem Zustand hinterherläuft; für den Patient State Index ist eine merkliche Verzögerung gegenüber dem Roh-EEG unabhängig beschrieben worden.15 Drittens verwirft eine Zahl das Muster, aus dem sie stammt, und zwei Geräte liefern deshalb am selben Patienten nicht dieselbe Zahl.16

Herstellerangabe

Laut Bedienungsanleitung zeigt der Narcotrend-Compact M neben dem Index auch das Roh-EEG, ein Density Spectral Array, das Stadium und Angaben zu Muskelaktivität und Suppression an.17 Diese Angabe beschreibt den Funktionsumfang des Geräts und ist keine unabhängige Aussage über die klinische Aussagekraft der angezeigten Werte.

Abbildung 5: Tiefe GABAerge Anästhesie: Die Leistung hat sich fast vollständig in die langsamen Anteile verschoben, das Alphaband verliert an Deutlichkeit. Im Spektrogramm ist die Wanderung als Verlagerung der Farbe zu erkennen, im Roh-EEG an großen, langsamen Wellen. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung
Vorsicht

Ein unveränderter Indexwert ist kein Beleg für einen unveränderten Zustand. Dieselbe Zahl kann aus sehr verschiedenen Signalen entstehen, und Artefakte verschieben sie typischerweise nach oben.18 Prüfen Sie bei jeder Entscheidung, die Sie auf den Index stützen wollen, zuerst die Kurve.

Für die Praxis heißt das: Fragen Sie bei jeder Zahl, aus welchem Signal sie stammt und wie alt sie ist. Vergleichen Sie Indexwerte nicht zwischen Geräten. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Wert von einem Verfahren auf ein anderes übertragen wird, als wäre es dieselbe Skala.

Übung 5.1

Lektion 6

Klinische Entscheidung

Die Befundung folgt immer derselben Reihenfolge. Erstens die Kurve: Ist das Signal plausibel, also frei von Kauter, Muskelsignal und Elektrodenproblem? Sind Wellen, Spindeln oder Pausen zu sehen? Zweitens das Spektrum: Wo liegt die Leistung, gibt es einen Alphagipfel? Drittens das Spektrogramm: Wohin bewegt sich das Bild über die letzten Minuten? Viertens der Index: Passt die Zahl zu dem, was Sie gesehen haben? Fünftens der klinische Zusammenhang: Welcher Wirkstoff läuft, welches Alter, welcher Operationsschritt, welcher Kreislauf? Erst danach folgt die Entscheidung.

Widerspricht die Zahl dem Bild, gilt das Bild. Das ist keine Geringschätzung des Index, sondern eine Folge seiner Bauart: Er ist aus dem Bild errechnet und kann keine Information enthalten, die im Bild nicht steht. Passen Bild und Zahl nicht zusammen, liegt entweder ein Artefakt vor oder eine Situation, für die die Rechenvorschrift nicht entwickelt wurde.3

Für die Praxis heißt das: Legen Sie Ihr Ziel als Muster fest, also frontale Alpha-Aktivität mit langsamen Wellen und ohne Pausen, und nicht als Zahlenbereich. Dokumentieren Sie bei jeder Dosisänderung, welches Muster Sie gesehen haben. Den Fehler erkennen Sie daran, dass die Dosis einer Zahl folgt, während das Bild unverändert bleibt.

Lektion 7

Typische Fehlannahmen

  • Der Index messe die Narkosetiefe. Er verrechnet Kenngrößen des Signals nach einer empirisch gewonnenen Vorschrift. Die Verfahren sind herstellerspezifisch und nur teilweise offengelegt, und ihre Werte sind zwischen Geräten nicht austauschbar.12, 16
  • Eine große Amplitude bedeute viel Hirnaktivität. Sie bedeutet Gleichtakt. Das lauteste Bild entsteht in der tiefen Narkose, das kleinste und schnellste im Wachzustand.6
  • Das Spektrogramm sei etwas anderes als das Density Spectral Array. Es ist dieselbe Darstellung unter anderem Namen, mit anderer Farbskala und anderer Achsenbeschriftung.2
  • Ein niedriger Index sei immer eine tiefe Narkose. Er kann auch aus dem Wegfall des Muskelsignals entstehen; bei wachen Personen sank der Wert allein durch Relaxierung in den vermeintlichen Narkosebereich.7, 19
  • Die frontale Ableitung zeige Schmerz. Sie zeigt allenfalls die kortikale Reaktion auf einen Reiz und ist kein Maß für Nozizeption.20

Für die Praxis heißt das: Prüfen Sie bei jedem überraschenden Wert zuerst die vier häufigsten Ursachen, nämlich Artefakt, Wirkstoff, Alter und Kreislauf, bevor Sie den Wert als Zustandsangabe akzeptieren. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Abweichung ohne Prüfung als individuelle Empfindlichkeit abgetan wird.

Lektion 8

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Die Zahl, die sich nicht bewegt

Sie übernehmen einen laparoskopischen Eingriff in der Mitte der Operation. Der Patient ist in der siebten Lebensdekade, geführt wird eine total intravenöse Anästhesie mit Propofol und Remifentanil. Der Monitor zeigt seit zwanzig Minuten unverändert einen Indexwert im mittleren Zielbereich. Das Roh-EEG ist nicht eingeblendet, die Suppressionsanzeige ist am Rand des Bildschirms verdeckt. Der Kreislauf ist stabil, die Vorgängerin beschreibt einen ruhigen Verlauf.

Sie blenden das Roh-EEG ein. Die Kurve zeigt große, träge Wellen, dazwischen liegen mehrfach Abschnitte von etwa einer Sekunde, in denen das Signal fast auf die Nulllinie zurückgeht. Frontale Alpha-Pakete sind nicht zu erkennen.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Der Index ist eine Zusatzinformation. Das EEG ist das Signal.
  • Das EEG misst Synchronität und nicht Aktivität. Groß und langsam heißt gleichgeschaltet, klein und schnell heißt unabhängig arbeitend.
  • Roh-EEG zeigt Ereignisse, Spektrum zeigt Verteilung, Spektrogramm zeigt Verlauf. Jede Darstellung verwirft das, was die andere zeigt.
  • Die Befundung geht immer in derselben Reihenfolge: Kurve, Spektrum, Spektrogramm, Index, klinischer Zusammenhang.
  • Widerspricht die Zahl dem Bild, gilt das Bild. Eine Zahl ohne Kurve ist keine Aussage.

Aufgaben

Aufgabe 1: Welche Information fehlt Ihnen

Gegeben:
Sie übernehmen einen Saal. Der Monitor zeigt seit zwanzig Minuten unverändert einen Indexwert von 38, der Vorgänger berichtet von einem ruhigen Verlauf. Das Roh-EEG ist abgeschaltet, es wird nur die Zahl angezeigt.

Frage:
Welche Information fehlt Ihnen, und wie beschaffen Sie sie?

Lösung

Ihnen fehlt der gesamte Befund, aus dem die Zahl entstanden ist. Eine Zahl sagt nicht, ob das Signal überhaupt plausibel war, ob Muskelsignal oder Kauterartefakt beigetragen haben, ob ein Alphagipfel vorhanden ist, ob Suppressionspausen aufgetreten sind und in welche Richtung sich das Bild in den letzten Minuten bewegt hat. Ein konstanter Wert schließt keinen dieser Befunde aus, weil sehr verschiedene Signale zur selben Zahl verrechnet werden können und die Mittelung über mehrere Sekunden zusätzlich glättet. Sie schalten deshalb zuerst das Roh-EEG ein und sehen sich die Kurve an, danach das Spektrum auf einen Alphagipfel und danach das Spektrogramm auf den Verlauf der letzten Minuten. Erst dann ordnen Sie die Zahl ein und beziehen Wirkstoff, Alter, Operationsschritt und Kreislauf in die Beurteilung ein. Falls das Gerät eine Suppressionsanzeige führt, prüfen Sie diese ausdrücklich mit, weil Pausen im Signal in einem gemittelten Wert untergehen können.

Aufgabe 2: Welche Information entgeht ihm

Gegeben:
Ein Kollege sagt, er brauche das Spektrogramm nicht, weil er das Roh-EEG lese.

Frage:
Welche Information entgeht ihm, und welche entgeht umgekehrt demjenigen, der nur das Spektrogramm liest?

Lösung

Beide Darstellungen enthalten Information, die die andere nicht enthält. Dem, der nur das Roh-EEG liest, entgeht der Verlauf: Ob die Leistung über die letzten zwanzig Minuten langsam zu tieferen Frequenzen gewandert ist oder ob ein Alphaband allmählich schmaler geworden ist, lässt sich an einem Zehnsekundenfenster nicht erkennen. Solche langsamen Bewegungen sind die eigentliche Stärke des Spektrogramms. Dem, der nur das Spektrogramm liest, entgeht alles, was kürzer dauert als das Zeitfenster der Berechnung: einzelne Spindeln, einzelne Bursts, kurze Suppressionspausen, ein Kauterartefakt, ein Lidschlag. Das Spektrogramm mittelt diese Ereignisse in die Farbe hinein, statt sie zu zeigen. Hinzu kommt der grundsätzliche Tausch zwischen Zeit- und Frequenzauflösung: Je besser das Spektrogramm die Frequenzen trennt, desto schlechter zeigt es schnelle Änderungen. Richtig ist deshalb der bewusste Wechsel zwischen beiden Darstellungen, und zwar in der Reihenfolge Kurve, Spektrum, Spektrogramm.

Aufgabe 3: Wie beurteilen Sie die Lage?

Gegeben:
Während einer Elektrokauterphase steigt der angezeigte Index von 42 auf 76. Der Anästhesist möchte nachdosieren.

Frage:
Wie beurteilen Sie die Lage?

Lösung

Ein Anstieg genau während der Kauterphase spricht zunächst für ein Artefakt und nicht für eine Abflachung der Narkose. Nichtpharmakologische Störquellen verschieben den angezeigten Wert in der weit überwiegenden Zahl der berichteten Fälle nach oben, weil sie hochfrequente Anteile in das Signal einbringen, die die Rechenvorschrift als Wachheit deutet. Richtig ist deshalb, zuerst die Rohkurve anzusehen: Ein Kauterartefakt ist dort als grobe, gleichförmige Störung sofort erkennbar und hat nichts mit einer EEG-Welle gemeinsam. Sinnvoll ist außerdem, den Wert erst nach dem Ende der Störung zu beurteilen und die Artefaktanzeige des Geräts heranzuziehen. Eine Dosissteigerung allein wegen dieses Anstiegs ist nicht begründet und würde den Kreislauf unnötig belasten. Besteht der hohe Wert nach dem Ende der Kauterphase bei sauberer Kurve fort, ist die Lage neu zu beurteilen, dann allerdings anhand des Musters und nicht anhand der Zahl.

Aufgabe 4: Wie argumentieren Sie?

Gegeben:
Sie sollen in einer Fortbildung in zwei Minuten begründen, warum das Bootcamp mit dem Roh-EEG beginnt und nicht mit dem Index.

Frage:
Wie argumentieren Sie?

Lösung

Der Index ist aus dem Signal errechnet und kann deshalb keine Information enthalten, die im Signal nicht steht. Er kann aber Information verlieren, und genau das tut er an drei Stellen: Er verwirft das Muster, er verwirft den Verlauf, und er verwirft die Unterscheidung zwischen einem echten Signal und einem Artefakt. Wer mit dem Index beginnt, lernt deshalb eine Ableitung, ohne ihre Grundlage zu kennen, und ist bei jeder Abweichung ratlos. Wer mit der Kurve beginnt, kann jede Zahl prüfen und erkennt die Situationen, in denen die Rechenvorschrift nicht greift, etwa bei erhaltener schneller Aktivität unter Ketamin, bei fehlendem Muskelsignal nach Relaxierung oder bei sehr niedriger Gesamtleistung im hohen Alter. Die Konsensusempfehlung zum perioperativen Neuromonitoring geht denselben Weg und rät zur Beurteilung von Rohsignal und Spektrogramm neben dem Indexwert. Der Satz, mit dem sich das zusammenfassen lässt, lautet: Eine Zahl ohne Kurve ist keine Aussage.

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Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

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Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Frontale AbleitungAbleitung des EEG über der Stirn. Sie erfasst die dort liegende Rinde und die für die Allgemeinanästhesie kennzeichnenden Muster, nicht aber fokale Veränderungen anderer Hirnregionen.
SynchronitätMaß dafür, wie viele Nervenzellen gleichzeitig dasselbe tun. Eine große Amplitude des EEG zeigt hohe Synchronität an und nicht viel Aktivität.
Roh-EEGDarstellung der Spannung über der Zeit. Einzige Darstellung, in der einzelne Ereignisse wie Spindeln, Bursts, Suppressionspausen und Artefakte sichtbar sind.
SpektrumVerteilung der Signalleistung über die Frequenz in einem kurzen Abschnitt. Es zeigt, welche Oszillation vorherrscht, und verwirft dabei die Zeitachse.
SpektrogrammAneinanderreihung vieler Spektren über die Zeit, mit der Leistung als Farbe. Zeigt den Verlauf über Minuten bis Stunden und verwischt Ereignisse, die kürzer sind als das Rechenfenster. Density Spectral Array bezeichnet dieselbe Darstellung.
SEF95Spektrale Eckfrequenz, unterhalb derer 95 Prozent der Signalleistung liegen. Eine Zusammenfassung des Spektrums zu einer Zahl, die sehr verschiedene Verteilungen gleich abbilden kann.
IndexAus Kenngrößen des Signals nach einer herstellerspezifischen Vorschrift errechneter und über mehrere Sekunden gemittelter Zahlenwert. Er kann keine Information enthalten, die nicht im Signal steht.
ArtefaktSignalanteil, der nicht aus der Hirnrinde stammt, etwa Muskelaktivität, Elektrokauter, Bewegung oder Elektrodenprobleme. Artefakte verschieben den angezeigten Index typischerweise nach oben.

Literatur

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  17. MT MonitorTechnik GmbH & Co. KG. Narcotrend-Compact M, Betriebsanleitung OP-Version, NAT_Betriebsanleitung_OP_Rev16, Softwareversion 3.4. 2019. Herstellerquelle, keine unabhängige wissenschaftliche Publikation.
  18. Beg A, Kim CN, Tung A. Sources, impacts, and mechanisms of non-pharmacological artifacts in processed electroencephalography monitoring during anaesthesia and intensive care: a scoping review. BJA Open. 2026;19:100573. doi:10.1016/j.bjao.2026.100573 PMID 42421785
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Standardwerke

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  • Schomer DL, Lopes da Silva FH (Hrsg.). Niedermeyer’s Electroencephalography. 7. Auflage. Oxford: Oxford University Press; 2017.
  • Zschocke S, Hansen HC. Klinische Elektroenzephalographie. 3. Auflage. Berlin: Springer; 2012.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. EEG Bootcamp der Masterclass, Recherchestand 24.09.2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation, keine Gebrauchsanweisung eines Geräteherstellers und keine lokalen Standards.