Zwei Kurven, zehn Sekunden lang, beide auf demselben Bildschirm. Die eine zeigt große, träge Wellen, in die sich regelmäßig kurze Pakete schnellerer Schwingungen einlagern. Die andere zeigt ein kleines, unruhiges Signal ohne erkennbare Ordnung. Ohne einen einzigen Zahlenwert lässt sich sagen: Die erste Kurve gehört zu einem Patienten in chirurgischer Narkose unter einem GABAergen Hypnotikum, die zweite zu einem wachen oder gerade eben sedierten Patienten. Diese Unterscheidung ist die Grundfertigkeit des gesamten Bootcamps, und sie kostet nach etwas Übung wenige Sekunden.
Sie ist deshalb so nützlich, weil sie unabhängig vom Gerät funktioniert. Ein Indexwert hängt von der Rechenvorschrift des Herstellers ab, von der Mittelungszeit und von der Artefaktunterdrückung. Die Zahl der Wellen pro Sekunde hängt von nichts davon ab. Wer die Bänder an der Kurve erkennt, kann jeden Monitor bedienen und jede Anzeige prüfen. Die deutschsprachigen Übersichten zum quantifizierten und zum prozessierten EEG bauen ihre gesamte Befundlehre auf dieser Fertigkeit auf.1, 2
Der zweite Grund ist pharmakologisch. Die Bänder sind Ausdruck verschiedener Netzwerkzustände: Wer die Kurve liest, erkennt sofort, wenn das Bild nicht zu dem Wirkstoff passt, der gerade läuft.3
Für die Praxis heißt das: Zählen Sie bei jeder Narkose einmal bewusst die Wellen in einer Sekunde, bevor Sie auf die Zahl sehen. Die Übung dauert fünf Sekunden und macht Sie unabhängig vom Gerät. Den Fehler erkennen Sie daran, dass im Gespräch über eine Narkose nur Zahlen vorkommen und kein einziges Muster.
