Masterclass · EEG Bootcamp · Stufe WBJ 1

Frequenzen erkennen

Nach dieser Einheit benennen Sie Delta, Theta, Alpha und Beta am Roh-EEG, ohne auf einen Zahlenwert zu sehen, und unterscheiden Wachheit, Sedierung und chirurgische Narkose an der Kurve.

Lernziele
  • An einem Zehnsekundenfenster des Roh-EEG die vorherrschende Frequenz abzählen und dem richtigen Band zuordnen.
  • Amplitude und Frequenz als zwei getrennte Aussagen behandeln und begründen, warum die Amplitude allein täuscht.
  • Langsame Oszillationen und Delta-Aktivität an der Kurve beschreiben und ihrer Entstehung in den thalamokortikalen Schleifen zuordnen.
  • Die frontalen Alpha-Spindeln als Kernbefund der GABAergen Narkose erkennen und ihre Entstehung erklären.
  • Wachheit, Sedierung und chirurgische Narkose an Roh-EEG, Spektrum und Spektrogramm gegeneinander abgrenzen.
  • Die Situationen benennen, in denen ein fehlendes Alphaband keine zu flache Narkose bedeutet.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Die Einheit umfasst neun Lektionen mit zwei Tabellen, einer Originalabbildung, drei rechnenden Signalflächen, vier Übungen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlusstest mit zehn Fragen.
  2. Sie baut auf „EEG in 20 Minuten" auf und ist die Voraussetzung für „Vom Roh-EEG zum Spektrogramm" sowie für die Einheit zu den Signaturen der Anästhetika.
  3. Nicht behandelt werden die Rechenschritte der Spektralanalyse im Einzelnen, die Wirkstoffsignaturen in ihrer ganzen Breite und die Burst Suppression; dafür stehen die Module 3, 4 und 8 bereit.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Zwei Kurven, zehn Sekunden lang, beide auf demselben Bildschirm. Die eine zeigt große, träge Wellen, in die sich regelmäßig kurze Pakete schnellerer Schwingungen einlagern. Die andere zeigt ein kleines, unruhiges Signal ohne erkennbare Ordnung. Ohne einen einzigen Zahlenwert lässt sich sagen: Die erste Kurve gehört zu einem Patienten in chirurgischer Narkose unter einem GABAergen Hypnotikum, die zweite zu einem wachen oder gerade eben sedierten Patienten. Diese Unterscheidung ist die Grundfertigkeit des gesamten Bootcamps, und sie kostet nach etwas Übung wenige Sekunden.

Sie ist deshalb so nützlich, weil sie unabhängig vom Gerät funktioniert. Ein Indexwert hängt von der Rechenvorschrift des Herstellers ab, von der Mittelungszeit und von der Artefaktunterdrückung. Die Zahl der Wellen pro Sekunde hängt von nichts davon ab. Wer die Bänder an der Kurve erkennt, kann jeden Monitor bedienen und jede Anzeige prüfen. Die deutschsprachigen Übersichten zum quantifizierten und zum prozessierten EEG bauen ihre gesamte Befundlehre auf dieser Fertigkeit auf.1, 2

Der zweite Grund ist pharmakologisch. Die Bänder sind Ausdruck verschiedener Netzwerkzustände: Wer die Kurve liest, erkennt sofort, wenn das Bild nicht zu dem Wirkstoff passt, der gerade läuft.3

Für die Praxis heißt das: Zählen Sie bei jeder Narkose einmal bewusst die Wellen in einer Sekunde, bevor Sie auf die Zahl sehen. Die Übung dauert fünf Sekunden und macht Sie unabhängig vom Gerät. Den Fehler erkennen Sie daran, dass im Gespräch über eine Narkose nur Zahlen vorkommen und kein einziges Muster.

Lektion 2

Amplitude und Frequenz sind zwei verschiedene Aussagen

Eine Kurve hat zwei ablesbare Eigenschaften. Die Frequenz ist die Zahl der Schwingungen pro Sekunde und sagt, in welchem Betriebszustand die Netzwerke arbeiten. Die Amplitude ist die Höhe der Ausschläge und sagt, wie viele Zellen gerade gleichzeitig dasselbe tun. Beide Größen ändern sich unter Narkose, aber sie sagen nicht dasselbe, und nur eine von beiden ist zuverlässig.

Die Amplitude täuscht aus drei Gründen. Erstens ist sie eine Aussage über Synchronität und nicht über Aktivität: Das größte Signal entsteht in der tiefen Narkose, weil dort besonders viele Zellen im Gleichtakt arbeiten, und das kleinste im wachen Gehirn, weil dort jeder Zellverband für sich arbeitet.3 Zweitens hängt sie stark vom Patienten ab. Mit zunehmendem Lebensalter nehmen die Gesamtleistung des Narkose-EEG und besonders die frontale Alpha-Leistung deutlich ab, sodass dieselbe Narkosetiefe bei einem alten Patienten ein viel flacheres Bild erzeugt als bei einem jungen.4 Auch die Komorbiditätslast ist unabhängig vom Alter mit niedrigerer Alpha- und Breitbandleistung verbunden.5 Drittens hängt sie von der Technik ab, also von Elektrodensitz, Impedanz, Verstärkung und Skalierung der Anzeige.

Die Frequenz ist demgegenüber robust. Ein Alpharhythmus bleibt ein Alpharhythmus, ob er groß oder klein dargestellt wird. Deshalb lautet die erste Regel der Befundung: Zählen Sie zuerst, und beurteilen Sie erst danach die Höhe. Praktisch geht das so: Sie nehmen ein Zehnsekundenfenster, suchen eine Sekunde heraus und zählen die vollständigen Wellen darin. Ein bis drei Wellen bedeuten Delta, vier bis sieben Theta, acht bis dreizehn Alpha, mehr als dreizehn Beta. Für die langsamen Oszillationen unter 1 Hertz reicht eine Sekunde nicht aus; hier zählen Sie über das ganze Fenster und teilen.

Tabelle 1: Amplitude und Frequenz sind zwei verschiedene Aussagen
EigenschaftWas sie aussagtWovon sie zusätzlich abhängtVerlässlichkeit
FrequenzBetriebszustand der Netzwerkevom Wirkstoff und von der Dosishoch, unabhängig von Verstärkung und Skalierung
AmplitudeGrad der Synchronitätvon Alter, Komorbidität, Elektrodensitz, Verstärkunggering, wenn sie allein betrachtet wird
Muster über die ZeitRichtung der Veränderungvon Operationsschritt, Kreislauf, Temperaturhoch, aber erst im Spektrogramm sichtbar

Für die Praxis heißt das: Zählen Sie, bevor Sie die Höhe beurteilen. Erwarten Sie beim alten oder schwer vorerkrankten Patienten ein insgesamt flacheres Bild bei gleicher Tiefe und leiten Sie daraus keine zu flache Narkose ab. Den Fehler erkennen Sie daran, dass wegen eines kleinen Signals nachdosiert wird, obwohl die Frequenzen unverändert geblieben sind.

Abbildung 1: Wachzustand bei geschlossenen Augen. Zählen Sie die Wellen in einer Sekunde und achten Sie darauf, wie klein die Amplitude im Vergleich zu den folgenden Signalflächen ist. Im Spektrum liegt die Leistung breit verteilt, ohne einen hohen langsamen Anteil. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung

Übung 2.1

Lektion 3

Langsame Oszillationen und Delta am Roh-EEG

Die großen, trägen Wellen der Narkose entstehen nicht in der Rinde allein, sondern im Wechselspiel von Thalamus und Rinde. Sinkt die Aktivierung, wechseln die Thalamuszellen von der tonischen in eine rhythmische Betriebsart und geben Gruppen von Impulsen ab. Diese Betriebsart erzeugt die langsamen Wellen und die Spindeln und unterbricht zugleich die Informationsübertragung zur Rinde; sie ist klassisch als Grundlage von Schlaf und Aktivierung beschrieben worden.6 Unter Propofol ähneln die langsamen Wellen denen des Tiefschlafs, sind aber nicht mit ihnen identisch.7

Am Roh-EEG sind zwei Erscheinungen zu unterscheiden. Die langsamen Oszillationen unter etwa 1 Hertz sind sehr große, sehr träge Auslenkungen, von denen eine einzelne länger als eine Sekunde dauert; sie tragen unter tiefer Narkose den größten Teil der Amplitude. Die Delta-Aktivität von 0,5 bis 4 Hertz ist schneller, ebenfalls hochamplitudig und im Fenster als Wellenfolge abzählbar. Beide nehmen mit der Vertiefung zu und zeigen an, dass die thalamokortikale Übertragung unterbrochen ist.8

Klinisch bedeutsam ist die Richtung. Nehmen die langsamen Anteile weiter zu und verschwindet zugleich das Alphaband, geht die Narkose in einen tieferen Bereich über, an dessen Ende Suppressionspausen stehen. Nehmen sie ab, während gleichzeitig schnellere Anteile auftreten, bewegt sich der Zustand in Richtung Erwachen. Die Einzelwelle sagt wenig, die Bewegung über Minuten sagt viel.

Vorsicht

Eine hohe Amplitude langsamer Wellen ist kein Gütezeichen der Narkose. Sie zeigt Gleichtakt an, und ein weiterer Anstieg führt in den Bereich, in dem Phasen elektrischer Stille auftreten. Beurteilen Sie deshalb immer zusätzlich, ob das Signal durchgehend aktiv ist oder ob es Pausen enthält.

Für die Praxis heißt das: Prüfen Sie bei kräftigen langsamen Wellen ausdrücklich, ob zwischen ihnen Pausen liegen, und ziehen Sie die Suppressionsanzeige des Geräts hinzu. Beurteilen Sie die Richtung über mehrere Minuten und nicht eine einzelne Welle. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein sehr großes, sehr langsames Signal als besonders gute Narkose beschrieben wird.

Übung 3.1

Lektion 4

Die frontalen Alpha-Spindeln als Kernbefund

Der wichtigste Einzelbefund der GABAergen Allgemeinanästhesie ist die frontale Alpha-Aktivität. Am Roh-EEG erscheint sie als Paket regelmäßiger Schwingungen von acht bis dreizehn pro Sekunde, das auf der langsamen Grundwelle aufsitzt und dann wieder abklingt; das Aussehen dieser Pakete hat ihnen den Namen Spindel eingetragen. Der Befund ist unter Propofol systematisch beschrieben worden und gehört zusammen mit den langsamen Wellen zur Signatur des Bewusstseinsverlusts.8, 9 Unter Sevofluran entsteht ein sehr ähnliches Bild, ergänzt um einen stärkeren Theta-Anteil.10

Die Entstehung ist gut modelliert. Verstärkt ein Hypnotikum die GABAerg vermittelte Hemmung, verlangsamt sich die Rückkopplung in der thalamokortikalen Schleife so weit, dass sie in einem Bereich um zehn Schwingungen pro Sekunde zu schwingen beginnt; ein Modell dieser Schleife erzeugt genau diesen Rhythmus.11 Ein zweites Modell erklärt, warum die Alpha-Aktivität dabei von hinten nach vorn wandert.12 Messungen mit Ganzkopfableitungen zeigen, dass diese frontale Aktivität räumlich hochkohärent ist, die beteiligten Rindenareale also gemeinsam schwingen.13 Tierexperimentell ist die enge thalamokortikale Synchronisation beim Übergang in die und aus der Propofol-Bewusstlosigkeit belegt.14

Roh-EEG einer Allgemeinanästhesie mit großen langsamen Wellen und darauf aufsitzenden, markierten Paketen regelmäßiger Alpha-Schwingungen
Abbildung 3: Das Muster der chirurgischen Narkose unter einem GABAergen Hypnotikum: langsame Wellen als Träger und darauf aufsitzende Pakete regelmäßiger Alpha-Schwingungen. Genau diese Kombination, nicht ein Zahlenwert, ist der Zielbefund der Aufrechterhaltung.1 Kaiser et al. 2021, Abb. 3, Der Anaesthesist, CC BY 4.0, Ausschnitt, Legende neu gefasst

Ebenso wichtig sind die Fälle, in denen das Alphaband fehlt oder anders aussieht, ohne dass die Narkose zu flach wäre. Unter Ketamin fehlt es vollständig; stattdessen bleibt schnelle Aktivität erhalten, und das Bild ähnelt einem wachen Gehirn, obwohl der Patient nicht ansprechbar ist.15 Unter Dexmedetomidin treten Spindeln und langsame Wellen wie im Non-REM-Schlaf auf, nicht aber die kohärente frontale Alpha-Aktivität von Propofol.16 Die Spindeln unter Dexmedetomidin sind denen des physiologischen Schlafs weitgehend ähnlich.17 Bei alten Patienten ist das Alphaband klein oder gar nicht abgrenzbar; eine niedrige frontale Alpha-Leistung ist mit einer erhöhten Neigung zu Suppression beschrieben und als Muster eines vulnerablen Gehirns vorgeschlagen worden, ein validierter individueller Marker ist das bisher nicht.18 Unter volatilen Anästhetika verschieben sich Frequenz und Leistung der Alpha-Aktivität mit der Dosis.19

Abbildung 2: Chirurgische Narkose unter einem GABAergen Hypnotikum. Suchen Sie im Roh-EEG die Alpha-Pakete auf der langsamen Grundwelle, prüfen Sie im Spektrum den Gipfel zwischen 8 und 13 Hertz und verfolgen Sie im Spektrogramm, wie stabil dieses Band über die Zeit liegt. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung

Für die Praxis heißt das: Machen Sie die Kombination aus langsamen Wellen und frontalen Alpha-Paketen zu Ihrem ausdrücklichen Ziel der Aufrechterhaltung. Deuten Sie ein fehlendes Alphaband nicht sofort als zu flache Narkose, sondern prüfen Sie zuerst Wirkstoff, Alter und Signalqualität. Den Fehler erkennen Sie daran, dass unter Ketamin das Hypnotikum gesteigert wird, weil das gewohnte Alphaband nicht erscheint.

Übung 4.1

Lektion 5

Theta und Beta: die Übergänge lesen

Beta-Aktivität von 13 bis 30 Hertz ist die Handschrift der Übergänge. In der Einleitungsphase nimmt sie regelhaft zu, bevor die Alpha- und Langsamwellensignatur erscheint; klinisch kann dieser Abschnitt als paradoxe Erregung auffallen. Quantitative Untersuchungen um Bewusstseinsverlust und Wiedererwachen unter Propofol und Sevofluran haben diese Abfolge beschrieben.20 Am Roh-EEG erscheint Beta als kleines, dichtes Signal, das schwer von Muskelaktivität zu unterscheiden ist; Muskelsignal ist noch schneller, noch unregelmäßiger und verändert sich mit Relaxierung.

Theta-Aktivität von 4 bis 8 Hertz ist der Übergangsbereich zwischen der Alpha-Signatur und den langsamen Wellen. Sie tritt unter volatilen Anästhetika stärker hervor als unter Propofol und ist einer der Gründe, warum sich Sevofluran- und Propofolbilder trotz ähnlicher Grundstruktur unterscheiden lassen.10 Für sich genommen ist Theta wenig aussagekräftig; im Verlauf gelesen zeigt es an, in welche Richtung sich der Zustand bewegt.

Der Nutzen beider Bänder liegt deshalb im Verlauf. Nimmt Beta zu, während Alpha abnimmt, bewegt sich der Zustand in Richtung Wachheit oder eines Arousals. Nimmt Theta zu, während Alpha unscharf wird, bewegt sich der Zustand in Richtung Vertiefung. Beides ist im Spektrogramm als Wanderung eines Farbbandes leichter zu sehen als in der Kurve.21

Abbildung 4: Sedierung mit deutlicher Beta-Aktivierung: ein kleines, dichtes Signal mit schnellen Anteilen und beginnender langsamer Grundwelle. Vergleichen Sie dieses Bild mit der Wachfläche weiter oben und mit der Narkosefläche darüber. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung

Für die Praxis heißt das: Werten Sie eine Zunahme von Beta in der Einleitungsphase nicht als unzureichende Wirkung, sondern als erwarteten Durchgangszustand. Unterscheiden Sie Beta von Muskelsignal, bevor Sie daraus eine Dosisentscheidung ableiten. Den Fehler erkennen Sie daran, dass in der Einleitung wegen eines kurzzeitig hohen Indexwertes ein Bolus nachgegeben wird.

Lektion 6

Wach, sediert, chirurgisch narkotisiert an der Kurve unterscheiden

Die drei Zustände sind an drei Merkmalen zu trennen: an der vorherrschenden Frequenz, an der Amplitude und an der Frage, ob eine Ordnung im Signal erkennbar ist. Im Wachzustand bei geschlossenen Augen ist das Signal klein und schnell, ohne durchgehende große Wellen; ein okzipitaler Alpharhythmus ist in der frontalen Ableitung nur angedeutet zu sehen. In der Sedierung nimmt Beta zu, die Amplitude bleibt zunächst klein, und eine langsame Grundwelle beginnt sich abzuzeichnen. In der chirurgischen Narkose unter einem GABAergen Hypnotikum liegt eine große, langsame Grundwelle vor, auf der regelmäßige Alpha-Pakete aufsitzen.

Der Übergang zwischen Sedierung und Narkose ist am Auftreten der frontalen Alpha-Aktivität zu erkennen und nicht an einem Zahlenwert. Für die Abgrenzung zum Schlaf gilt: Beide Zustände teilen die Unterbrechung der thalamokortikalen Übertragung, doch die Narkose ist durch Reize nicht unterbrechbar und durchläuft keine geordnete Stadienabfolge.22

Tabelle 2: Wach, sediert, chirurgisch narkotisiert an der Kurve unterscheiden
ZustandRoh-EEGSpektrumHäufiger Irrtum
Wach, Augen geschlossenklein, schnell, ohne durchgehende große WellenLeistung breit verteilt, kein hoher langsamer Anteilein kleines Signal wird für ein schlechtes Signal gehalten
Sedierungklein, dicht, zunehmende Beta-Anteile, beginnende langsame GrundwelleAnstieg im Beta-Bereich, langsamer Anteil wächstBeta-Zunahme wird als unzureichende Wirkung gedeutet
Chirurgische Narkose, GABAerggroße langsame Grundwelle mit aufsitzenden Alpha-Paketenlangsamer Anteil hoch, deutlicher Gipfel zwischen 8 und 13 Hertzfehlendes Alphaband gilt als zu flach, obwohl Ketamin läuft oder der Patient alt ist
Zunehmende Vertiefunglangsame Wellen überwiegen, Alpha-Pakete werden seltenerGipfel verschwindet, Leistung wandert nach untengroße Amplitude gilt als Gütezeichen statt als Warnzeichen

Für die Praxis heißt das: Beschreiben Sie den Zustand in drei Worten, also Frequenz, Amplitude, Ordnung, bevor Sie ihn benennen. Machen Sie sich zur Gewohnheit, den Übergang von der Sedierung in die Narkose am Erscheinen der Alpha-Pakete festzumachen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Zustandswechsel allein am Überschreiten einer Indexgrenze festgemacht wird.

Übung 6.1

Lektion 7

Am Gerät

Alle gebräuchlichen Monitore können das Roh-EEG anzeigen, nicht alle tun es in der Werkseinstellung. Der erste Handgriff ist deshalb, die Rohkurve sichtbar zu machen und ein Zeitfenster von etwa zehn Sekunden einzustellen; kürzere Fenster erschweren das Abzählen, längere lassen Alpha-Pakete optisch verschmelzen.

Der zweite Handgriff betrifft die Skalierung. Viele Geräte skalieren die Amplitude automatisch, sodass ein kleines Signal ebenso bildfüllend erscheint wie ein großes. Die Frequenz bleibt davon unberührt, die Amplitude ist dann aber nicht mehr zwischen zwei Zeitpunkten vergleichbar. Prüfen Sie die Skalierung, bevor Sie eine Aussage über eine Amplitudenänderung machen.

Der dritte Handgriff ist die Kontrolle am Spektrum. Haben Sie an der Kurve acht bis dreizehn Wellen pro Sekunde gezählt, muss sich im Spektrum ein Gipfel in diesem Bereich finden; findet er sich nicht, haben Sie falsch gezählt oder ein Artefakt vor sich. Die spektrale Eckfrequenz SEF95 fasst die Verteilung zu einer Zahl zusammen, ersetzt die Betrachtung des Spektrums aber nicht, weil sehr verschiedene Verteilungen dieselbe Eckfrequenz ergeben können.23

Herstellerangabe

Laut Bedienungsanleitung stellt der Narcotrend-Compact M das Roh-EEG zusammen mit einem Density Spectral Array dar und zeigt daneben Angaben zu Muskelaktivität und Suppression an.24 Welche Darstellung in der Werkseinstellung sichtbar ist, richtet sich nach der Gerätekonfiguration; die Angabe beschreibt den Funktionsumfang und ist keine unabhängige Aussage über die klinische Aussagekraft.

Für die Praxis heißt das: Richten Sie den Monitor am Anfang jeder Narkose einmal ein, also Rohkurve sichtbar, Zeitfenster etwa zehn Sekunden, Skalierung bekannt. Kontrollieren Sie jede an der Kurve gezählte Frequenz am Spektrum gegen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass über eine Amplitudenänderung gesprochen wird, während das Gerät automatisch skaliert.

Lektion 8

Klinische Entscheidung

Die Befundung der Frequenzen mündet in drei Entscheidungen. Erstens: Passt das Muster zum geführten Wirkstoff? Langsame Wellen mit frontalen Alpha-Paketen passen zu Propofol und zu den volatilen Anästhetika, erhaltene schnelle Aktivität ohne Alphaband zu Ketamin, Spindeln auf langsamer Grundlage bei weckbarem Patienten zu Dexmedetomidin. Passt das Bild nicht, stimmt entweder die Annahme über den Zustand nicht oder das Signal ist gestört.

Zweitens: In welche Richtung bewegt sich der Zustand? Dafür genügt die Kurve nicht, dafür brauchen Sie das Spektrogramm über die letzten Minuten. Eine Wanderung der Leistung nach unten bei gleichzeitigem Verlust des Alphabandes ist der Weg in die Vertiefung, der umgekehrte Weg führt zum Erwachen.

Drittens: Ist das Bild für diesen Patienten plausibel? Beim alten Patienten und bei hoher Komorbiditätslast ist eine niedrige Gesamtleistung zu erwarten, und ein schwaches Alphaband ist dann kein Hinweis auf eine zu flache Narkose.4, 5 Altersabhängige Verschiebungen spektraler Kenngrößen sind auch unter Sevofluran beschrieben und begrenzen die Übertragbarkeit fester Zahlengrenzen.25

Für die Praxis heißt das: Formulieren Sie Ihre Beurteilung in einem Satz, der Muster, Richtung und Patient enthält, etwa: langsame Wellen mit schwachem Alphaband, seit zehn Minuten stabil, bei einem Patienten in der achten Lebensdekade. Ein solcher Satz trägt eine Entscheidung, eine Zahl allein trägt sie nicht. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Übergabe nur aus Zahlenwerten besteht.

Lektion 9

Typische Fehlannahmen

  • Eine große Amplitude bedeute eine gute Narkose. Sie bedeutet Gleichtakt. Der weitere Weg in dieselbe Richtung führt zu Suppressionspausen, nicht zu einer besseren Narkose.3
  • Ein fehlendes Alphaband bedeute eine zu flache Narkose. Unter Ketamin fehlt es regelhaft bei tiefer Bewusstlosigkeit, unter Dexmedetomidin ist es anders aufgebaut, und im hohen Alter ist es oft nicht abgrenzbar.15, 16, 4
  • Alpha liege immer am selben Ort. Im Wachzustand liegt der Alpharhythmus okzipital, unter GABAergen Hypnotika wandert er nach frontal.12
  • Spindeln seien ein Zeichen zu flacher Narkose. Die frontalen Alpha-Pakete der GABAergen Narkose sind der Zielbefund der Aufrechterhaltung und nicht ein Warnzeichen.8
  • Narkose sei ein tiefer Schlaf mit denselben Wellen. Die langsamen Wellen ähneln sich, doch die Narkose ist nicht weckbar und durchläuft keine Stadienabfolge.22, 7

Für die Praxis heißt das: Prüfen Sie bei jedem unerwarteten Frequenzbefund zuerst den Wirkstoff, dann das Alter, dann die Signalqualität, und erst danach die Dosis. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Dosisänderung begründet wird, ohne dass eines dieser drei Dinge genannt wurde.

Lektion 10

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Zwei Kurven, ein Patient

Für eine periphere Operation in Regionalanästhesie erhält ein Patient in der fünften Lebensdekade eine Sedierung mit Propofol. Nach wenigen Minuten zeigt das Roh-EEG ein kleines, dichtes Signal mit vielen schnellen Anteilen und einer sich gerade abzeichnenden langsamen Grundwelle. Der Patient reagiert auf Ansprache.

Wegen unzureichender Blockade wird auf eine Allgemeinanästhesie umgestellt und die Propofolzufuhr erhöht. Zehn Minuten später zeigt dieselbe Ableitung eine große, langsame Grundwelle, auf der regelmäßig Pakete von etwa zehn Schwingungen pro Sekunde aufsitzen.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Zählen Sie zuerst, beurteilen Sie erst danach die Höhe. Die Frequenz ist robust, die Amplitude täuscht.
  • Eine große Amplitude bedeutet Gleichtakt und nicht Aktivität. Das lauteste Bild ist das leerste.
  • Langsame Wellen mit aufsitzenden frontalen Alpha-Paketen sind der Zielbefund der GABAergen Aufrechterhaltung.
  • Ein fehlendes Alphaband heißt zuerst: Wirkstoff, Alter oder Artefakt prüfen. Erst danach kommt die Dosis in Betracht.
  • Beta in der Einleitung ist ein erwarteter Durchgangszustand und kein Zeichen unzureichender Wirkung.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie ordnen Sie

Gegeben:
Sie sehen ein Zehnsekundenfenster mit großen, trägen Auslenkungen, von denen etwa zwei pro Sekunde auftreten, und ohne erkennbare schnellere Pakete. Der Patient erhält Propofol und Remifentanil.

Frage:
Wie ordnen Sie das Bild ein und was tun Sie?

Lösung

Zwei Wellen pro Sekunde entsprechen dem Delta-Bereich. Zusammen mit einer großen Amplitude und dem Fehlen der frontalen Alpha-Pakete spricht das für eine Narkose, die über den Bereich der üblichen chirurgischen Aufrechterhaltung hinaus vertieft ist. Unter GABAergen Hypnotika ist der Zielbefund die Kombination aus langsamen Wellen und aufsitzenden Alpha-Paketen; verschwinden diese Pakete, während die langsamen Anteile weiter zunehmen, ist der nächste Schritt in derselben Richtung das Auftreten von Suppressionspausen. Sinnvoll ist deshalb, zuerst das Signal auf Pausen zu prüfen und die Suppressionsanzeige des Geräts heranzuziehen, danach das Spektrogramm über die letzten Minuten anzusehen, um die Richtung zu bestimmen, und zugleich Kreislauf und Temperatur zu beurteilen, weil beide die Empfindlichkeit beeinflussen. Ergibt sich kein anderer Grund, ist eine Reduktion der Hypnotikumdosis angezeigt, mit erneuter Beurteilung der Kurve nach wenigen Minuten. Die Entscheidung stützt sich dabei auf das Muster und nicht auf einen Zahlenwert.

Aufgabe 2: Wie argumentieren Sie?

Gegeben:
Bei einer Patientin in der achten Lebensdekade unter Sevofluran ist die gesamte Kurve auffällig klein, ein Alphagipfel ist im Spektrum nur angedeutet. Ein Kollege möchte die Konzentration erhöhen.

Frage:
Wie argumentieren Sie?

Lösung

Eine kleine Gesamtamplitude und ein schwaches Alphaband sind im hohen Lebensalter der Regelfall und kein Beleg für eine zu flache Narkose. Mit zunehmendem Alter nehmen die Gesamtleistung des Narkose-EEG und besonders die frontale Alpha-Leistung ab, und unabhängig vom Alter ist auch eine hohe Komorbiditätslast mit niedrigerer Alpha- und Breitbandleistung verbunden. Entscheidend ist deshalb nicht die Höhe, sondern die Frequenzverteilung: Finden sich langsame Wellen und lässt sich, wenn auch schwach, ein Alpha-Anteil abgrenzen, entspricht das dem Muster einer ausreichenden chirurgischen Narkose. Eine Erhöhung der Konzentration würde den verbliebenen Alpha-Anteil zum Verschwinden bringen und die Wahrscheinlichkeit von Suppressionspausen erhöhen. Zusätzlich sind altersabhängige Verschiebungen spektraler Kenngrößen unter Sevofluran beschrieben, sodass feste Zahlengrenzen hier ohnehin nur eingeschränkt übertragbar sind. Richtig ist, die Konzentration zu belassen oder eher zu senken, das Spektrogramm über die nächsten Minuten zu verfolgen und die Beurteilung an der Frequenzverteilung festzumachen.

Aufgabe 3: Was geschieht

Gegeben:
Während der Einleitung mit Propofol sehen Sie für etwa eine Minute ein kleines, dichtes Signal mit vielen schnellen Anteilen, und der Indexwert steigt kurzzeitig an.

Frage:
Was geschieht, und wie reagieren Sie?

Lösung

Das Bild entspricht dem erwarteten Durchgangszustand der Einleitung. Bevor die Alpha- und Langsamwellensignatur erscheint, nimmt die Beta-Aktivität regelhaft zu; quantitative Untersuchungen um den Bewusstseinsverlust unter Propofol und Sevofluran haben diese Abfolge beschrieben, und klinisch kann sie als paradoxe Erregung auffallen. Eine Rechenvorschrift, die einen hohen Anteil schneller Frequenzen als Wachheit deutet, zeigt in dieser Phase einen höheren Wert an, ohne dass die Wirkung ausgeblieben wäre. Zu unterscheiden ist der Befund vom Muskelsignal, das noch schneller und unregelmäßiger ist und sich mit einer Relaxierung verändert. Richtig ist deshalb, den Verlauf abzuwarten und zu beobachten, ob innerhalb der nächsten Minute die langsamen Wellen und die Alpha-Pakete erscheinen. Ein zusätzlicher Bolus allein wegen des kurzzeitig höheren Wertes ist nicht begründet und belastet den Kreislauf unnötig. Bleibt das schnelle Bild dagegen bestehen und erscheint keine Signatur, ist die Lage neu zu beurteilen, dann allerdings anhand von Wirkstoff, Dosis und Signalqualität.

Aufgabe 4: Welche drei Einwände bringen Sie

Gegeben:
Eine Kollegin sagt, sie könne an der Amplitude allein erkennen, wie tief eine Narkose sei.

Frage:
Welche drei Einwände bringen Sie vor?

Lösung

Erstens ist die Amplitude eine Aussage über Synchronität und nicht über Tiefe. Das größte Signal entsteht dort, wo besonders viele Zellen im Gleichtakt arbeiten, und eine weitere Zunahme in derselben Richtung führt zu Suppressionspausen, also gerade nicht zu einer besseren Narkose. Zweitens hängt die Amplitude stark vom Patienten ab: Mit dem Alter nehmen Gesamtleistung und frontale Alpha-Leistung ab, und eine hohe Komorbiditätslast wirkt in dieselbe Richtung, sodass dieselbe Tiefe bei zwei Patienten sehr verschieden aussieht. Drittens hängt sie von der Technik ab, also von Elektrodensitz, Impedanz, Verstärkung und vor allem von der automatischen Skalierung vieler Monitore, die ein kleines Signal bildfüllend darstellt. Verlässlich ist demgegenüber die Frequenz, weil sie von Verstärkung und Skalierung unabhängig ist. Die richtige Reihenfolge lautet deshalb: zuerst zählen, dann das Muster benennen, dann die Amplitude im Zusammenhang mit Alter, Vorerkrankungen und Geräteeinstellung bewerten.

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Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Langsame OszillationenSehr träge Auslenkungen unter etwa 1 Hertz, von denen eine einzelne länger als eine Sekunde dauert. Sie tragen unter tiefer Narkose den größten Teil der Amplitude.
Delta-AktivitätWellen von 0,5 bis 4 Hertz mit hoher Amplitude. Unter Allgemeinanästhesie Zeichen einer ausreichenden Tiefe, im Wachzustand auffällig.
Theta-AktivitätWellen von 4 bis 8 Hertz. Übergangsbereich zwischen Alpha-Signatur und langsamen Wellen, unter volatilen Anästhetika stärker ausgeprägt als unter Propofol.
Frontale Alpha-SpindelnPakete regelmäßiger Schwingungen von acht bis dreizehn pro Sekunde, die auf der langsamen Grundwelle aufsitzen. Kernbefund der chirurgischen Narkose unter GABAergen Hypnotika.
Beta-AktivitätWellen von 13 bis 30 Hertz. Zeichen von Aufmerksamkeit und Anspannung, in der Einleitungsphase regelhaft vorübergehend vermehrt.
Thalamokortikale SchleifeWechselseitige Verbindung von Thalamus und Großhirnrinde. Ihr Wechsel von der tonischen in eine rhythmische Betriebsart erzeugt langsame Wellen und Spindeln und unterbricht zugleich die Informationsübertragung.
AnteriorisierungWanderung der Alpha-Aktivität von okzipital nach frontal beim Übergang in die GABAerge Narkose. Für sie liegt eine thalamokortikale Modellerklärung vor.
Automatische SkalierungAnpassung der Anzeigehöhe durch den Monitor. Sie lässt ein kleines Signal bildfüllend erscheinen und macht Amplituden zwischen zwei Zeitpunkten unvergleichbar.

Literatur

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  2. Lersch FE, Zingg T, Knapp J, Stüber F, Hight D, Kaiser HA. Das prozessierte EEG zur personalisierten Dosierung von Anästhetika während Allgemeinanästhesie. Die Anaesthesiologie. 2023;72(9):662-676. doi:10.1007/s00101-023-01313-0 PMID 37552241
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  • Schomer DL, Lopes da Silva FH (Hrsg.). Niedermeyer’s Electroencephalography. 7. Auflage. Oxford: Oxford University Press; 2017.
  • Zschocke S, Hansen HC. Klinische Elektroenzephalographie. 3. Auflage. Berlin: Springer; 2012.

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