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Masterclass · EEG Bootcamp · Stufe WBJ 2
Nozizeption, Arousal und EEG
Nach dieser Einheit erkennen Sie Alpha-Dropout, Beta-Arousal und Delta-Arousal im Signal, benennen die vier möglichen Erklärungen für einen Indexanstieg nach einem chirurgischen Reiz und begründen, warum das frontale EEG Arousal und nicht Nozizeption zeigt.
Lernziele
Den Kernsatz begründen, dass das frontale EEG Arousal und nicht Nozizeption zeigt, und die Folgen für die Deutung eines Indexanstiegs ableiten.
Den vorübergehenden Verlust der Alpha-Leistung als beschriebenes Ereignis der Aufrechterhaltung benennen und im Roh-EEG sowie im Spektrogramm erkennen.
Beta-Arousal, Delta-Arousal und paradoxe Reaktionen gegeneinander abgrenzen und ihre jeweilige Wirkung auf den Indexwert vorhersagen.
Die vier nebeneinanderstehenden Erklärungen für einen Indexanstieg nach Hautschnitt aufzählen und das Merkmal nennen, das zwischen ihnen unterscheidet.
Erklären, warum die beschriebenen Arousal-Muster nicht spezifisch für Nozizeption sind und was daraus für die Opioidsteuerung folgt.
Die Aussagekraft der EEG-abgeleiteten Nozizeptionsmonitore anhand der vorliegenden Prüfungen einordnen.
Aus einer Signalveränderung nach einem chirurgischen Reiz eine begründete Entscheidung über Analgetikum oder Hypnotikum ableiten.
Zu dieser Lerneinheit
Die Einheit umfasst neun Lektionen mit zwei Tabellen, zwei Originalabbildungen, einem eigenen Schema, zwei rechnenden Signalflächen, vier Übungen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlusstest mit zehn Fragen.
Sie baut auf „EEG-Signaturen der Anästhetika" und „Artefakt Arena" auf und ergänzt die Einheit zu Alter und vulnerablem Gehirn um die reizbezogene Seite der Signaldeutung.
Nicht behandelt werden Nozizeptionsverfahren, die nicht auf dem EEG beruhen, etwa solche auf Grundlage von Hautleitwert, Pupillenreaktion oder Kreislaufgrößen; sie werden hier nicht bewertet.
Lektion 1
Warum das klinisch zählt
Der Hautschnitt ist gesetzt, und wenige Sekunden später steigt der Indexwert um mehrere Punkte. Im selben Moment fällt in jedem Operationssaal dieselbe Entscheidung: Hypnotikum oder Opioid. Sie wird häufig aus dem Bauch heraus getroffen, obwohl das Signal die Information enthält, die zwischen beiden Wegen unterscheidet.
Dass chirurgische Stimulation das EEG unter Narkose messbar verändert, ist seit Langem gezeigt; eine frühe topographische Arbeit hat diese Veränderungen unter Isofluran und Lachgas beschrieben.1 Die zusammenfassende Übersicht ordnet die beschriebenen Reaktionen und benennt Alpha-Verlust sowie Beta- und Delta-Arousal als die wiederkehrenden Muster.2
Der Kernsatz dieser Einheit steht schon hier und wird noch mehrfach wiederkehren, weil er die häufigste Fehldeutung am Monitor betrifft: Das frontale EEG zeigt Arousal, nicht Nozizeption. Alpha-Dropout und Beta-Arousal sind beschrieben; ihre Spezifität ist es nicht. Eine Veränderung nach einem Reiz belegt, dass das Netzwerk seinen Zustand geändert hat, und nicht, dass eine bestimmte Menge nozizeptiver Information angekommen ist.2, 3
Abbildung 1: Die Reaktion auf einen chirurgischen Reiz verläuft nicht gleichmäßig in eine Richtung: Auf denselben Reiz können ein Verlust der Alpha-Aktivität, eine Zunahme schneller Anteile oder eine Zunahme langsamer Anteile folgen. Genau deshalb lässt sich aus der Richtung einer Indexänderung allein nicht auf die Ursache schließen.4Kaiser et al. 2021, Abb. 7, Der Anaesthesist, CC BY 4.0, Ausschnitt, Legende neu gefasst
Für die Praxis heißt das: Sagen Sie nach jeder Signaländerung zuerst, welches Muster Sie sehen, und erst danach, welchen Wirkstoff Sie erwägen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass unmittelbar nach einem Zahlensprung eine Spritze gegriffen wird, bevor jemand die Kurve angesehen hat.
Lektion 2
Was ein noxischer Reiz im EEG auslöst
Ein noxischer Reiz erreicht das Gehirn über aufsteigende Bahnen und wirkt dort auf subkortikale Systeme, die den Zustand des Kortex steuern. Was das frontale EEG anzeigt, ist die Folge dieses Zustandswechsels und nicht der Reiz selbst. Die Elektroden liegen am Ende der Kette, nicht an ihrem Anfang.
Belegt ist, dass die Kette wirkt. Chirurgische Stimulation verändert unter Narkose die elektrische Hirnaktivität in messbarer Weise.1 Belegt ist außerdem, welche Muster dabei auftreten: Verlust der Alpha-Leistung, Zunahme schneller Anteile und Zunahme langsamer Anteile sind als Reaktionen auf noxische Reize beschrieben.2 Nicht belegt ist, dass eines dieser Muster nur bei Nozizeption auftritt. Diese Lücke ist der Grund für die zurückhaltende Sprache in dieser gesamten Einheit.
Zwei weitere Einflüsse liegen zwischen Reiz und Kurve. Der eine ist das Opioid, das die Antwort dämpft, ohne das eigene EEG-Muster stark zu verändern; sichtbar wird deshalb vor allem das Ausbleiben von Reaktionen.2 Der andere ist das Hypnotikum, das den Ausgangszustand bestimmt: In einer tiefen, langsamwelligen Führung ist für dieselbe Reizstärke ein anderes Bild zu erwarten als in einer flachen Führung mit kräftigem Alphaband.5
Schema: Die Elektroden liegen am Ende der Kette. Der noxische Reiz selbst und seine Weiterleitung werden vom frontalen EEG nicht erfasst; sichtbar wird erst der Zustandswechsel des Kortex, also das Arousal. Opioid und Hypnotikum greifen an verschiedenen Stellen der Kette an, und deshalb lässt sich aus der Kurve nur mittelbar auf die Nozizeption schließen. Eigene Darstellung
Für die Praxis heißt das: Beschreiben Sie eine Reaktion nach einem Reiz immer als Arousal und nie als Schmerz, auch in der mündlichen Übergabe. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Kurvenveränderung als „der Patient hat Schmerzen" wiedergegeben wird.
Übung 2.1
Lektion 3
Alpha-Dropout: das am besten beschriebene Ereignis
Der vorübergehende Verlust der Alpha-Leistung während der Aufrechterhaltung ist als eigenständiges Ereignis beschrieben worden, und diese Verluste fallen häufig zeitlich mit chirurgischen Reizen zusammen.3 Das ist die belastbarste Einzelaussage dieser Einheit, und sie ist zugleich bescheidener, als sie oft wiedergegeben wird: Beschrieben ist ein zeitlicher Zusammenhang, nicht ein Nachweis von Nozizeption.
Im Roh-EEG zeigt sich das Ereignis als Verschwinden der regelmäßigen Pakete auf der langsamen Grundwelle. Die Grundwelle selbst kann erhalten bleiben, sodass die Kurve auf den ersten Blick nicht viel kleiner wirkt; entscheidend ist der Verlust der Regelmäßigkeit. Im Spektrum flacht der Gipfel zwischen acht und dreizehn Hertz ab. Im Spektrogramm erscheint das schmale obere Band unterbrochen, während das untere Band bestehen bleibt. Diese Unterbrechung ist das eigentliche Erkennungsmerkmal, weil sie den Zeitpunkt sichtbar macht und sich einem Operationsschritt zuordnen lässt.6
Abbildung 2: Alpha-Dropout: Die langsame Grundwelle besteht fort, die regelmäßigen Pakete fehlen weitgehend. Prüfen Sie im Spektrum, wie flach der Gipfel im Bereich zwischen acht und dreizehn Hertz geworden ist, und lesen Sie die abgelesene Alpha-Bandleistung unter der Fläche ab. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine PatientenaufzeichnungAbbildung 3: Zum unmittelbaren Vergleich dieselbe Führung ohne Arousal-Ereignis. Der Unterschied zwischen beiden Flächen ist genau das, wonach Sie am Monitor suchen: nicht eine kleinere Kurve, sondern der Verlust der regelmäßigen Pakete bei fortbestehender langsamer Grundwelle. Rechnend erzeugtes Lehrsignal, keine Patientenaufzeichnung
Für den Indexwert hat das eine berechenbare Folge. Verfahren, die den Anteil langsamer und regelmäßiger Aktivität in Richtung Tiefe verrechnen, zeigen bei einem Verlust dieser Anteile einen höheren Wert an. Der Anstieg ist damit die korrekte Wiedergabe einer Signaländerung und nicht die Messung eines Schmerzes.2
Für die Praxis heißt das: Suchen Sie beim Alpha-Dropout nach der Unterbrechung des oberen Bandes im Spektrogramm und ordnen Sie sie einem Operationsschritt zu. Den Fehler erkennen Sie daran, dass nur auf die Höhe der Rohkurve geachtet wird, die beim Alpha-Dropout wenig aussagt.
Übung 3.1
Lektion 4
Beta-Arousal, Delta-Arousal und paradoxe Reaktionen
Neben dem Alpha-Verlust sind zwei weitere Muster beschrieben, und sie zeigen in entgegengesetzte Richtungen.2 Das Beta-Arousal ist die Reaktion, die der Erwartung entspricht: Nach dem Reiz nehmen schnelle Anteile zu, die Rohkurve wird kleiner und unruhiger, und der Indexwert steigt. Wer nur diese Form kennt, deutet jede Zunahme des Wertes als flachere Narkose.
Das Delta-Arousal geht in die andere Richtung: Nach dem Reiz nehmen die langsamen Anteile zu. Die Rohkurve wird größer und träger, der Indexwert kann fallen, obwohl gerade ein starker Reiz gesetzt wurde. Genau darin liegt die klinische Falle: Ein fallender Wert nach dem Hautschnitt wird leicht als ausreichende Narkose gelesen, während er tatsächlich ein Arousal-Ereignis abbildet.
Als paradoxe Reaktion wird in diesem Zusammenhang eine Antwort bezeichnet, deren Richtung der Erwartung widerspricht, also insbesondere die Zunahme langsamer Anteile nach einem Reiz. Der Sammelbefund lautet, dass die Reaktion auf einen chirurgischen Reiz nicht gleichmäßig in eine Richtung verläuft.4, 2 Für die Befundung folgt daraus die wichtigste methodische Regel dieser Einheit: Aus der Richtung einer Indexänderung allein lässt sich die Ursache nicht bestimmen. Erst das Muster im Roh-EEG und im Spektrogramm entscheidet.
Tabelle 1: Beta-Arousal, Delta-Arousal und paradoxe Reaktionen
keinen Nachweis von Nozizeption, nur ein Arousal-Ereignis mit zeitlichem Bezug
Beta-Arousal
kleiner, schneller, unruhiger
Leistung verlagert sich nach oben, Bandstruktur löst sich auf
steigt
keine Unterscheidung gegenüber Muskelsignal oder pharmakologischer Ursache
Delta-Arousal
größer und träger
langsames Band nimmt zu
kann fallen
keine ausreichende Narkose und keine ausreichende Analgesie
keine erkennbare Reaktion
unverändert
unverändert
unverändert
keinen Nachweis ausreichender Analgesie, nur ein ausbleibendes Arousal
Vorsicht
Ein ruhiges, unverändertes EEG unter hoher Opioiddosis belegt keine ausreichende Analgesie. Das frontale EEG zeigt Arousal und nicht Nozizeption; ein ausbleibendes Arousal ist ein Hinweis, aber kein Nachweis.2, 7
Für die Praxis heißt das: Prüfen Sie nach einem starken Reiz ausdrücklich beide Richtungen, also sowohl eine Zunahme schneller als auch eine Zunahme langsamer Anteile. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein fallender Wert nach dem Hautschnitt kommentarlos als gute Führung gewertet wird.
Abbildung 4: Zu Beginn einer laparoskopischen Cholezystektomie, bei einer MAC von 0,9. Das Spektrogramm zeigt kräftige langsame Anteile und darüber ein erkennbares Band im Alphabereich, unterbrochen von schmalen Einbrüchen. Bevor Sie einen solchen Befund einer Reizantwort zuordnen, prüfen Sie zwei Dinge: ob die Einbrüche zeitlich zu einem Ereignis am Operationstisch passen und ob der Kreislauf dazu passt. Beides zusammen trägt eine Deutung, das Bild allein trägt sie nicht. Kaiser et al. 2021, Abb. 9, Der Anaesthesist, CC BY 4.0, Ausschnitt, Legende neu gefasst
Lektion 5
Der Indexanstieg nach Hautschnitt: vier Erklärungen nebeneinander
Die klinisch häufigste Situation dieser Einheit ist der Anstieg des Indexwertes unmittelbar nach dem Hautschnitt. Für diesen Anstieg stehen vier Erklärungen nebeneinander, und keine von ihnen darf ohne Prüfung der anderen angenommen werden.
Erstens Arousal. Der Reiz löst einen Zustandswechsel aus, sichtbar als Alpha-Dropout oder als Beta-Arousal; die Verluste der Alpha-Leistung fallen häufig zeitlich mit chirurgischen Reizen zusammen.3, 2 Erkennungsmerkmal ist der enge zeitliche Bezug zum Operationsschritt und die Rückkehr des Bandmusters nach Abklingen des Reizes.
Zweitens eine pharmakologische Ursache über die NMDA-vermittelte Hemmung. Unter Ketamin bleibt schnelle Netzwerkaktivität erhalten, ein frontales Alphaband fehlt, und Verfahren, die schnelle Anteile als Wachheit werten, zeigen höhere Zahlen an, ohne dass die Narkose flacher wäre.8 Für Lachgas ist beschrieben, dass es langsame Oszillationen gegenläufig zur Erwartung verändert und Indexmonitore dadurch irreführen kann.9 Erkennungsmerkmal ist der zeitliche Bezug zur Wirkstoffgabe und nicht zum Schnitt.
Drittens ein Artefakt. Muskelaktivität hebt den Index fälschlich an; bei wachen Personen fiel der Wert allein durch Muskelrelaxierung deutlich ab, was den Beitrag des Muskelsignals unmittelbar belegt.10 Eine systematische Sichtung der Artefaktquellen fand in der großen Mehrheit der eingeschlossenen Arbeiten einen fälschlich erhöhten Index.11 Erkennungsmerkmal sind schnelle, unregelmäßige Anteile ohne Bandstruktur und eine hohe Muskelanzeige des Geräts.
Viertens tatsächlich eine zu flache Narkose. Erkennungsmerkmal ist eine gerichtete Entwicklung über Minuten mit Zunahme schneller und Abnahme langsamer Anteile, die unabhängig vom einzelnen Reiz fortbesteht. Nur diese vierte Erklärung rechtfertigt eine Erhöhung des Hypnotikums; die erste spricht für das Analgetikum, die zweite für Abwarten und die dritte für die Beseitigung der Störquelle.
Tabelle 2: Der Indexanstieg nach Hautschnitt: vier Erklärungen nebeneinander
Erklärung
Erkennungsmerkmal im Signal
Zeitlicher Bezug
Erste Maßnahme
Arousal nach dem Reiz
Alpha-Dropout oder Beta-Arousal, Bandmuster kehrt danach zurück
eng an den Operationsschritt gebunden
Analgesie prüfen und ergänzen, Muster im Spektrogramm verfolgen
pharmakologisch über NMDA-Hemmung
kein frontales Alphaband, Leistung im schnellen Bereich, unter Lachgas Veränderung der langsamen Anteile
an die Wirkstoffgabe gebunden, nicht an den Schnitt
Hypnotikum unverändert lassen, Gabe dokumentieren, Verlauf verfolgen
Artefakt
schnelle, unregelmäßige Anteile ohne Bandstruktur, hohe Muskelanzeige
oft an Lagerung, Gerät oder Relaxierungsgrad gebunden
Störquelle suchen und beseitigen, danach neu beurteilen
tatsächlich zu flache Narkose
gerichtete Zunahme schneller und Abnahme langsamer Anteile über Minuten
unabhängig vom einzelnen Reiz fortbestehend
Hypnotikum erhöhen und am Muster kontrollieren
Abbildung 5: Konversion zur offenen Laparotomie: Die Änderung des chirurgischen Vorgehens verändert die Reizlage und damit das Bild im Spektrogramm. Solche Übergänge sind der beste Zeitpunkt, die vier Erklärungen bewusst gegeneinander abzuwägen, weil der zeitliche Bezug zum Operationsschritt hier eindeutig ist.4Kaiser et al. 2021, Abb. 11, Der Anaesthesist, CC BY 4.0, Ausschnitt, Legende neu gefasst
Für die Praxis heißt das: Nennen Sie bei jedem Indexanstieg nach einem Schnitt laut alle vier Erklärungen und entscheiden Sie dann anhand des Merkmals, das zwischen ihnen unterscheidet. Den Fehler erkennen Sie daran, dass nur zwischen Opioid und Hypnotikum abgewogen wird, ohne dass Artefakt und Pharmakologie überhaupt genannt wurden.
Übung 5.1
Lektion 6
Nozizeptionsmonitore, soweit sie das EEG betreffen
Aus der Beobachtung, dass das EEG auf noxische Reize reagiert, ist die Idee entstanden, aus demselben Signal einen eigenen Kennwert für die Reaktion auf Stimulation abzuleiten. Zwei EEG-abgeleitete Indizes sind mit dem Anspruch vorgestellt worden, Hypnose und Reaktion auf Stimulation getrennt abzubilden.12 Die unabhängige Prüfung eines solchen Verfahrens beschrieb dessen Trennschärfe für die Reaktion auf noxische Reize als begrenzt.13
Die Übersicht über die verfügbaren Verfahren kommt zu dem Befund, dass keines von ihnen einen etablierten Referenzstandard darstellt.7 Das ist kein Randproblem, sondern ein grundsätzliches: Solange kein Maß für Nozizeption unter Narkose allgemein anerkannt ist, fehlt der Bezugspunkt, gegen den ein neues Verfahren geprüft werden könnte.
Auf der klinischen Seite ist die Lage ähnlich nüchtern. Eine randomisierte Studie zur Steuerung des Opioids nach einem Nozizeptionsmonitor konnte den erwarteten klinischen Vorteil nicht belegen,14 und eine Netzwerkmetaanalyse der verschiedenen Verfahren fand zwischen ihnen keine klare Überlegenheit und insgesamt begrenzte klinische Effekte.15 Diese Aussage ist ausdrücklich strittig: Befürworter verweisen auf die messbaren Reaktionen und auf einzelne Verbesserungen von Prozessgrößen, die zusammenfassende Auswertung der randomisierten Studien stützt einen relevanten klinischen Nutzen jedoch bisher nicht. Beide Seiten stehen hier nebeneinander, und der Text entscheidet sie nicht.
Für diese Einheit folgt daraus eine klare Abgrenzung: Nozizeptionsmonitore werden hier nur so weit behandelt, wie sie das EEG betreffen. Verfahren, die auf Hautleitwert, Pupillenreaktion oder Kreislaufgrößen beruhen, gehören nicht in ein EEG-Bootcamp und werden hier nicht bewertet.
Für die Praxis heißt das: Behandeln Sie einen angezeigten Nozizeptionswert als Trendinformation neben dem EEG und nicht als Messwert des Schmerzes. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Opioiddosis allein wegen eines Zahlenwertes geändert wird.
Übung 6.1
Lektion 7
Am Gerät
Am Monitor entscheidet vor allem die Zeitachse. Ein Arousal-Ereignis dauert oft weniger lang als die Mittelung, aus der ein Indexwert entsteht; im Spektrogramm über den gesamten Verlauf ist es dagegen als Unterbrechung des oberen Bandes sichtbar und einem Operationsschritt zuzuordnen.6 Die Empfehlung, Rohsignal und Spektrogramm neben dem Indexwert zu beurteilen, ist im Konsensuspapier zum perioperativen EEG-Monitoring festgehalten.16
Zwei Anzeigen sind in dieser Einheit besonders wichtig. Die Muskelanzeige unterscheidet zwischen einem echten Arousal und einem Muskelsignal, denn beide heben den Indexwert an.11 Die Artefaktanzeige weist darauf hin, dass ein Wert aus gestörten Abschnitten stammt. Wie die Kenngrößen im Einzelnen gebildet werden, ist herstellerspezifisch und teils nicht offengelegt; ein Vergleich zwischen Geräten ist deshalb auch bei Arousal-Ereignissen nicht ohne Weiteres möglich.17
Herstellerangabe
Laut Bedienungsanleitung zeigt der SedLine-Monitor neben dem Patient State Index auch Spektralkanten, eine Artefaktanzeige und einen Suppressionsanteil an.18 Der Hersteller des Narcotrend gibt in der Betriebsanleitung eine Anzeige zur Muskelaktivität an.19 Beide Unterlagen beschreiben den Funktionsumfang der Geräte. Keine der beiden Unterlagen trifft eine unabhängige Aussage darüber, ob eine Anzeige zwischen Arousal und Nozizeption unterscheiden kann; eine solche Unterscheidung ist durch die vorliegende unabhängige Literatur nicht gedeckt.
Für die Praxis heißt das: Stellen Sie das Spektrogramm auf den gesamten bisherigen Verlauf und blenden Sie Muskel- und Artefaktanzeige dauerhaft ein. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein kurzer Zahlensprung bewertet wird, ohne dass jemand die Zeitachse verändert hat.
Lektion 8
Klinische Entscheidung
Aus dem Gesagten folgt eine feste Reihenfolge. Erstens das Muster benennen: Alpha-Dropout, Beta-Arousal, Delta-Arousal, Artefakt oder gerichtete Veränderung über Minuten. Zweitens den zeitlichen Bezug prüfen: Fällt die Änderung mit einem Operationsschritt, mit einer Wirkstoffgabe oder mit einer Lagerungs- oder Geräteänderung zusammen? Drittens entscheiden: Ein Arousal mit engem Bezug zum Operationsschritt spricht für die Analgesie, eine gerichtete Veränderung über Minuten für das Hypnotikum, ein Artefakt für die Beseitigung der Störquelle und eine pharmakologische Ursache für Abwarten.2, 3, 16
Die Grenze dieser Systematik ist ausdrücklich zu benennen. Ein Arousal ist ein Hinweis auf eine unzureichende Dämpfung der Reizantwort und kein Beweis. Ebenso wenig belegt ein ausbleibendes Arousal eine ausreichende Analgesie.2 Die Entscheidung über das Opioid stützt sich deshalb weiterhin auf die Gesamtschau aus Operationsschritt, Kreislauf, Wirkstoffgeschichte und EEG und nicht auf ein einzelnes Signalereignis. Die vorliegenden Prüfungen der EEG-abgeleiteten Nozizeptionsverfahren stützen keine engere Steuerung.13, 14, 15
Ein zweiter Punkt betrifft die Vermeidung eines häufigen Fehlers in die andere Richtung: Wer jeden Anstieg nach einem Reiz mit dem Hypnotikum beantwortet, führt die Narkose über die Zeit hinweg systematisch tiefer, als es nötig wäre. Das ist der Weg in Suppressionsanteile und in eine unnötige Kreislaufbelastung, und er beginnt regelmäßig mit einer Fehldeutung eines Arousal-Ereignisses.20
Für die Praxis heißt das: Beantworten Sie ein Arousal mit engem Bezug zum Operationsschritt vorrangig auf der Analgesieseite und kontrollieren Sie die Wirkung am Wiederauftreten des Bandmusters. Den Fehler erkennen Sie daran, dass über eine lange Operation hinweg das Hypnotikum mehrfach erhöht und nie wieder zurückgenommen wurde.
Lektion 9
Typische Fehlannahmen
Das EEG messe Schmerz. Das frontale EEG zeigt Arousal, nicht Nozizeption; beschrieben sind Alpha-Verlust sowie Beta- und Delta-Arousal, ihre Spezifität ist nicht belegt.2, 3
Ein Anstieg nach dem Hautschnitt bedeute immer eine zu flache Narkose. Neben dem Arousal stehen eine pharmakologische Ursache, ein Artefakt und tatsächlich eine zu flache Narkose gleichrangig nebeneinander.8, 11, 10
Ein fallender Wert nach einem starken Reiz zeige eine gute Führung. Als Delta-Arousal ist eine Zunahme langsamer Anteile nach einem Reiz beschrieben; die Reaktion verläuft nicht gleichmäßig in eine Richtung.2, 4
Ein ruhiges EEG belege eine ausreichende Analgesie. Belegt ist nur ein ausbleibendes Arousal; für die Nozizeption selbst besteht kein etablierter Referenzstandard.2, 7
Ein Nozizeptionsmonitor ersetze die klinische Abwägung. Die unabhängige Prüfung beschrieb die Trennschärfe als begrenzt, eine randomisierte Studie fand den erwarteten Vorteil nicht, und die zusammenfassende Auswertung findet begrenzte klinische Effekte.13, 14, 15
Für die Praxis heißt das: Sprechen Sie im Team konsequent von Arousal und nicht von Schmerz, wenn Sie über das EEG reden. Den Fehler erkennen Sie daran, dass Signalbefund und Schmerzäußerung sprachlich gleichgesetzt werden.
Lektion 10
Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben
Fall 1: Der Sprung nach dem Schnitt
Sie führen eine balancierte Anästhesie mit Sevofluran und Remifentanil für eine geplante abdominelle Operation. Der Patient ist in der sechsten Lebensdekade. Nach der Einleitung zeigt das Spektrogramm zwei deutliche waagerechte Bänder, die Rohkurve eine langsame Grundwelle mit aufsitzenden regelmäßigen Paketen.
Etwa zwanzig Sekunden nach dem Hautschnitt verschwinden die regelmäßigen Pakete, während die langsame Grundwelle geordnet fortbesteht. Im Spektrogramm ist das obere Band an dieser Stelle unterbrochen, das untere unverändert kräftig. Der Indexwert steigt um mehrere Punkte. Die Muskelanzeige bleibt niedrig, die endexspiratorische Sevoflurankonzentration ist unverändert, und in den letzten zwanzig Minuten wurde kein Wirkstoff neu gegeben.
Fall 1, Frage 1
Fall 1, Frage 2
Fall 1, Frage 3
Merksätze
Das frontale EEG zeigt Arousal und nicht Nozizeption; die Muster sind beschrieben, ihre Spezifität ist es nicht.
Alpha-Dropout heißt: Die regelmäßigen Pakete verschwinden, die langsame Grundwelle bleibt, das obere Band im Spektrogramm ist unterbrochen.
Nach einem Reiz kann der Wert steigen oder fallen; aus der Richtung einer Indexänderung allein folgt keine Ursache.
Für einen Indexanstieg nach dem Hautschnitt stehen vier Erklärungen nebeneinander: Arousal, Pharmakologie, Artefakt, zu flache Narkose.
Ein ausbleibendes Arousal ist ein Hinweis und kein Nachweis einer ausreichenden Analgesie.
Aufgaben
Aufgabe 1: Wie deuten Sie
Gegeben: Unter stabiler Propofolnarkose mit Remifentanil wird der Hautschnitt gesetzt. Innerhalb von etwa zwanzig Sekunden verschwinden im Roh-EEG die regelmäßigen Pakete, die langsame Grundwelle bleibt erhalten, und der Indexwert steigt um mehrere Punkte. Kreislauf und Beatmung sind unverändert.
Frage: Wie deuten Sie den Befund und was tun Sie?
Lösung
Das beschriebene Bild entspricht einem Alpha-Dropout, also dem vorübergehenden Verlust der Alpha-Leistung während der Aufrechterhaltung. Solche Verluste sind als eigenständiges Ereignis beschrieben und fallen häufig zeitlich mit chirurgischen Reizen zusammen. Der Anstieg des Indexwertes ist die korrekte Wiedergabe dieser Signaländerung, denn Verfahren, die regelmäßige langsame und Alpha-Anteile in Richtung Tiefe verrechnen, zeigen bei deren Verlust einen höheren Wert an. Wichtig ist die richtige Benennung: Sichtbar ist ein Arousal, also ein Zustandswechsel des Kortex, und nicht eine gemessene Nozizeption. Vor der Entscheidung sind die anderen drei Erklärungen zu prüfen. Gegen ein Artefakt spricht, dass die langsame Grundwelle geordnet fortbesteht und keine hohe Muskelanzeige vorliegt; gegen eine pharmakologische Ursache spricht, dass keine Wirkstoffgabe zeitlich zusammenfällt; gegen eine zu flache Narkose spricht der enge Bezug zum Schnitt ohne gerichtete Entwicklung über Minuten. Damit ist die Analgesieseite der naheliegende erste Ansatz. Kontrolliert wird die Wirkung nicht am Zahlenwert, sondern an der Rückkehr des Bandmusters im Spektrogramm.
Aufgabe 2: Wie bewerten Sie das?
Gegeben: Bei einer langen Operation fällt der Indexwert unmittelbar nach einem kräftigen chirurgischen Manöver deutlich ab. Die Rohkurve wird größer und träger. Ein Kollege wertet dies als Beleg für eine ausreichend tiefe Narkose und eine gute Analgesie.
Frage: Wie bewerten Sie das?
Lösung
Diese Deutung ist nicht tragfähig. Als Delta-Arousal ist eine Zunahme langsamer Anteile nach einem noxischen Reiz beschrieben, und der Sammelbefund lautet, dass die Reaktion auf einen chirurgischen Reiz nicht gleichmäßig in eine Richtung verläuft. Ein fallender Indexwert unmittelbar nach einem starken Reiz kann deshalb gerade das Gegenteil dessen abbilden, was er nahelegt: nämlich ein Arousal-Ereignis, das in diesem Fall in Richtung der langsamen Anteile geht. Daraus folgt zweierlei. Erstens ist der Zeitpunkt entscheidend: Ein enger Bezug zum chirurgischen Manöver spricht gegen die Deutung als bloße Vertiefung durch das Hypnotikum, dessen Zufuhr sich ja nicht geändert hat. Zweitens bleibt die Aussage über die Analgesie in jedem Fall unzulässig, denn das frontale EEG zeigt Arousal und nicht Nozizeption, und auch ein ausbleibendes Arousal belegt keine ausreichende Analgesie. Angemessen ist, das Ereignis als Delta-Arousal zu benennen, den Verlauf im Spektrogramm über die folgenden Minuten zu verfolgen und die Analgesie im Zusammenhang mit dem Operationsschritt zu bewerten. Eine Reduktion des Hypnotikums allein wegen des gefallenen Wertes wäre ebenso wenig begründet wie ein Verzicht auf die Prüfung der Analgesie.
Aufgabe 3: Welche Erklärung prüfen Sie zuerst?
Gegeben: Während einer Operation steigt der Indexwert deutlich an. Im Roh-EEG erscheinen schnelle, unregelmäßige Anteile ohne erkennbare Bandstruktur, die Muskelanzeige des Geräts ist hoch, die Relaxierung ist weitgehend abgeklungen.
Frage: Welche Erklärung prüfen Sie zuerst?
Lösung
Hier ist zuerst das Artefakt zu prüfen. Muskelaktivität hebt den Index fälschlich an; eine systematische Sichtung der Artefaktquellen beim prozessierten EEG fand in der großen Mehrheit der eingeschlossenen Arbeiten einen fälschlich erhöhten Index, und bei wachen Personen fiel der Wert allein durch Muskelrelaxierung deutlich ab, was den Beitrag des Muskelsignals zum Zahlenwert unmittelbar belegt. Das beschriebene Bild passt dazu: schnelle, unregelmäßige Anteile ohne Bandstruktur sind kein Arousal-Muster, denn beim Alpha-Dropout bleibt die langsame Grundwelle geordnet bestehen, und beim Beta-Arousal ist die Zunahme der schnellen Anteile in der Regel weniger unregelmäßig und an einen Operationsschritt gebunden. Der hohe Wert der Muskelanzeige und der abgeklungene Relaxierungsgrad stützen die Artefaktdeutung zusätzlich. Praktisch heißt das: zuerst die Störquelle suchen, also Lagerung, Kontakt der Elektroden, Geräte im Umfeld und den Relaxierungsgrad prüfen, und erst nach Beseitigung der Störung erneut beurteilen. Eine Erhöhung des Hypnotikums allein wegen des Zahlenwertes wäre in dieser Situation nicht begründet. Wichtig ist außerdem, dass ein Artefakt ein echtes Arousal nicht ausschließt; nach Beseitigung der Störquelle ist die Beurteilung deshalb zu wiederholen.
Aufgabe 4: Wie argumentieren Sie?
Gegeben: In einer Besprechung wird vorgeschlagen, die Remifentanilzufuhr künftig nach einem EEG-abgeleiteten Nozizeptionsindex zu steuern und die klinische Abwägung entsprechend zurückzunehmen.
Frage: Wie argumentieren Sie?
Lösung
Der Vorschlag greift weiter, als die vorliegende Prüfung trägt. Zwei EEG-abgeleitete Indizes sind mit dem Anspruch vorgestellt worden, Hypnose und Reaktion auf Stimulation getrennt abzubilden. Die unabhängige Validierung eines solchen Verfahrens beschrieb dessen Trennschärfe für die Reaktion auf noxische Reize jedoch als begrenzt. Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Die Übersicht über die verfügbaren Nozizeptionsmonitore kommt zu dem Befund, dass keines der Verfahren einen etablierten Referenzstandard darstellt, sodass der Bezugspunkt für eine Prüfung fehlt. Auf der klinischen Seite konnte eine randomisierte Studie zur Opioidsteuerung nach einem Nozizeptionsmonitor den erwarteten Vorteil nicht belegen, und eine Netzwerkmetaanalyse fand zwischen den Verfahren keine klare Überlegenheit und insgesamt begrenzte klinische Effekte. Die Frage ist damit ausdrücklich strittig, und der Stand rechtfertigt keine Verlagerung der Entscheidung vom Behandlungsteam auf eine Anzeige. Angemessen ist, einen solchen Wert als Trendinformation neben Operationsschritt, Kreislauf, Wirkstoffgeschichte und EEG-Muster zu führen. Die zugrunde liegende Einschränkung bleibt in jedem Fall bestehen: Das frontale EEG zeigt Arousal und nicht Nozizeption.
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Abschlussquiz
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Begriffe und Literatur
Begriff
Bedeutung
Arousal
Vorübergehender Zustandswechsel des Kortex nach einem Reiz, sichtbar als Änderung des EEG. Das frontale EEG zeigt dieses Arousal und nicht die Nozizeption selbst.
Alpha-Dropout
Vorübergehender Verlust der Alpha-Leistung während der Aufrechterhaltung. Die regelmäßigen Pakete verschwinden, die langsame Grundwelle bleibt, und im Spektrogramm erscheint das obere Band unterbrochen.
Beta-Arousal
Zunahme schneller Anteile nach einem noxischen Reiz. Die Rohkurve wird kleiner und unruhiger, der Indexwert steigt.
Delta-Arousal
Zunahme langsamer Anteile nach einem noxischen Reiz. Die Rohkurve wird größer und träger, und der Indexwert kann dabei fallen.
Paradoxe Reaktion
Antwort auf einen Reiz, deren Richtung der Erwartung widerspricht, insbesondere die Zunahme langsamer Anteile. Sie ist der Grund, warum aus der Richtung einer Indexänderung allein keine Ursache folgt.
Spezifität
Eigenschaft eines Befundes, nur bei der gesuchten Ursache aufzutreten. Für Alpha-Dropout und Beta-Arousal ist das Auftreten beschrieben, die Spezifität für Nozizeption ist es nicht.
Referenzstandard
Allgemein anerkanntes Vergleichsmaß, gegen das ein neues Verfahren geprüft wird. Für die Nozizeption unter Allgemeinanästhesie stellt keines der verfügbaren Verfahren einen solchen Standard dar.
Zeitlicher Bezug
Zuordnung einer Signaländerung zu einem Operationsschritt, einer Wirkstoffgabe oder einer technischen Änderung. Er ist das wichtigste Merkmal zur Unterscheidung der vier Erklärungen eines Indexanstiegs.
Literatur
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