Zwei Patienten, zwei Monitore, derselbe Indexwert. Der eine erhält Propofol und Remifentanil, der andere Sevofluran mit einem Ketaminbolus zur Einleitung. Die beiden Rohkurven haben fast nichts gemeinsam, und die richtige Entscheidung ist in beiden Fällen eine andere. Wer nur die Zahl liest, kann diesen Unterschied nicht sehen; wer das Muster liest, sieht ihn sofort.
Der Grund ist pharmakologisch und nicht technisch. Das EEG bildet ab, in welcher Betriebsart die kortikalen und thalamokortikalen Netzwerke arbeiten. Welche Betriebsart entsteht, hängt davon ab, wo ein Wirkstoff angreift. Die großen Übersichten zur klinischen Elektroenzephalographie in der Anästhesie sind genau so aufgebaut: Sie ordnen die Muster nach Mechanismus und nicht nach Handelsname.1, 2 Die deutschsprachigen Übersichten führen dieselbe Systematik.3, 4
Daraus folgt der Kernsatz dieser Einheit: Die Signatur folgt dem Wirkmechanismus, nicht der Substanzklasse auf dem Etikett. Propofol und Sevofluran sind chemisch nicht verwandt und erzeugen dennoch nahezu dasselbe Bild, weil beide überwiegend die GABAerg vermittelte Hemmung verstärken.5 Ketamin und Lachgas stehen in ganz verschiedenen Schubladen der Fachinformation und brechen beide das gewohnte Muster, weil beide am NMDA-Rezeptor angreifen.6, 7

Für die Praxis heißt das: Fragen Sie vor jeder Beurteilung eines EEG, welcher Mechanismus gerade läuft, und erwarten Sie danach ein bestimmtes Bild. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Muster als auffällig beschrieben wird, ohne dass jemand die laufenden Wirkstoffe genannt hat.
