Anästhetika dämpfen den Baroreflex dosisabhängig an mehreren Stellen zugleich: Sie senken den zentralen Sympathikusantrieb, vermindern die Empfindlichkeit der Hirnstammverschaltung und schwächen die Antwort des Effektors. Volatile Anästhetika und Propofol verschieben dabei die gesamte Kennlinie nach unten, sodass dieselbe Druckänderung eine kleinere Frequenzantwort auslöst. Opioide wirken in dieselbe Richtung, senken zusätzlich den Sympathikotonus und erhöhen den Vagustonus am Sinusknoten. Die klinische Konsequenz ist nicht, dass der Druck fällt, sondern dass er unten bleibt, weil der Gegenregulationsmechanismus die Störung nicht mehr auffängt.
Mit dem Lebensalter sinkt die Baroreflexempfindlichkeit auch ohne Krankheit. Die Gefäße werden steifer, sodass eine gegebene Druckänderung die Sensoren weniger dehnt; die Herzfrequenzvariabilität nimmt ab, und der Ruhevagustonus ist geringer. Ältere Patientinnen und Patienten reagieren deshalb auf eine Volumenverschiebung mit größerer Druckänderung und auf ein Anticholinergikum mit kleinerer Frequenzänderung. Gleichzeitig ist ihr Kreislauf stärker füllungsabhängig, weil er die fehlende Frequenzreserve nicht kompensieren kann.
Die autonome Neuropathie bei langjährigem Diabetes mellitus trifft zuerst die vagale, später auch die sympathische Innervation. Frühzeichen sind eine erhöhte Ruhefrequenz und eine verminderte Herzfrequenzvariabilität bei tiefer Atmung, später kommen orthostatische Hypotonie, Gastroparese, Blasenentleerungsstörung und eine schmerzarme Myokardischämie hinzu. Perioperativ bedeutet das: ausgeprägter Druckabfall nach Einleitung, fehlende Reflexbradykardie unter Vasopressoren, eingeschränkte Antwort auf Blutverlust, erhöhtes Aspirationsrisiko bei verzögerter Magenentleerung und das Risiko, eine Ischämie zu übersehen. Ein einfacher Hinweis am Krankenbett ist eine starre Herzfrequenz, die weder auf Atmung noch auf Lagewechsel reagiert.
Die autonome Dysreflexie ist die spiegelbildliche Störung. Nach Abklingen des spinalen Schocks arbeiten bei einer Läsion oberhalb des sechsten Brustsegments die sympathischen Reflexbögen des Rückenmarks weiter, sind aber von der hemmenden Kontrolle des Hirnstamms abgeschnitten. Ein Reiz unterhalb der Läsion, fast immer eine volle Harnblase, ein gefüllter Darm, ein Dekubitus oder ein chirurgischer Reiz, löst dann eine massive, ungebremste Vasokonstriktion in den splanchnischen Gefäßen und in den Beinen aus. Der Blutdruck steigt krisenhaft. Der Baroreflex registriert das und antwortet, so gut er kann: vagale Bradykardie, dazu Vasodilatation oberhalb der Läsion mit Gesichtsrötung, Schwitzen, verstopfter Nase und heftigem Kopfschmerz. Die Vasokonstriktion unterhalb der Läsion kann er nicht beeinflussen, weil die absteigende Bahn unterbrochen ist. Deshalb ist die Bradykardie hier kein Problem, sondern ein Zeichen; behandelt wird die Blutdruckkrise, und zwar zuerst durch Beseitigung des Auslösers, Aufsetzen des Oberkörpers und anschließend mit kurzwirksamen Vasodilatatoren.