Solange weitere Aktionspotenziale eintreffen und die Calciumkonzentration hoch bleibt, läuft der Zyklus erneut ab. Sobald die Freisetzung aufhört, pumpen die Calciumpumpen der Retikulummembran das Calcium unter Verbrauch von Adenosintriphosphat in den Speicher zurück. In schnellen Fasern beschleunigt zusätzlich das Protein Parvalbumin die Erschlaffung, indem es Calcium mit höherer Affinität bindet als Troponin und es anschließend an die Pumpe abgibt. Die zytosolische Konzentration fällt rasch unter ein Zehntel Mikromol je Liter, Tropomyosin verdeckt die Bindungsstellen wieder, und das Gleiten hört auf. Die Erschlaffung ist damit kein passives Nachlassen, sondern ein aktiver, energieabhängiger Vorgang. Sie verbraucht einen erheblichen Teil der Muskelenergie.
Die Totenstarre macht diesen Zusammenhang anschaulich. Im toten Organismus wird kein Adenosintriphosphat mehr gebildet. Damit kann weder das Calcium in den Speicher zurückgepumpt werden noch der stabile Rigorkomplex gelöst werden. Beides zusammen führt zur starren Verhärtung der Muskulatur, die sich erst löst, wenn sich Aktin und Myosin zersetzen. Wer die Totenstarre verstanden hat, versteht auch, warum ein energetisch erschöpfter Muskel kontrakt bleibt und warum eine anhaltende Kontraktion die Zelle von innen zerstört.
Genau das geschieht bei der malignen Hyperthermie. Bei genetischen Varianten des Calciumfreisetzungskanals oder des Spannungssensors öffnen volatile Anästhetika und Succinylcholin den Kanal unkontrolliert. Das Calcium im Zytosol bleibt hoch, die Querbrücken zyklieren ununterbrochen, der Verbrauch an Adenosintriphosphat und Sauerstoff steigt steil an. Die Folge sind ein rascher Anstieg des ausgeatmeten Kohlendioxids, Tachykardie, Muskelstarre, Hyperthermie, Laktatazidose, Hyperkaliämie und schließlich der Zerfall der Muskelfaser. Der Temperaturanstieg ist dabei ein spätes Zeichen; das früheste verwertbare Zeichen ist der unerklärte Anstieg des Kohlendioxidwertes bei unverändertem Atemminutenvolumen.
Das Propofol-Infusionssyndrom greift an anderer Stelle an. Hier ist nicht die Calciumfreisetzung gestört, sondern die Energiebereitstellung: Die Aufnahme langkettiger Fettsäuren in die Mitochondrien und die Atmungskette werden gehemmt, sodass dem Muskel und dem Herzmuskel das Adenosintriphosphat ausgeht. Typisch sind eine metabolische Azidose mit Laktatanstieg, Rhabdomyolyse, Fettstoffwechselstörung, Nierenversagen und Herzrhythmusstörungen unter langer Sedierung mit hoher Dosis. Die Rhabdomyolyse schließlich ist der gemeinsame Endpunkt vieler Ursachen: Druck- und Lagerungsschäden, Kompartmentsyndrom, Krampfanfälle, extreme Belastung, Hitze, Alkohol, Statine, Immobilisation und schwere Infektion. Aus der zerfallenden Faser treten Kalium, Phosphat, Kreatinkinase und Myoglobin aus; das Myoglobin schädigt die Nierentubuli und färbt den Urin dunkel.
Tabelle 2: Erschlaffung, Totenstarre und gestörte Kopplung
| Merkmal | Maligne Hyperthermie | Propofol-Infusionssyndrom | Rhabdomyolyse anderer Ursache |
| Gestörter Schritt | Calciumfreisetzung aus dem Retikulum | mitochondriale Energiebereitstellung | Membranintegrität der Faser |
| Auslöser | volatile Anästhetika, Succinylcholin | hohe Dosis und lange Dauer der Sedierung | Druck, Ischämie, Überlastung, Toxine, Infektion |
| Zeitverlauf | Minuten bis Stunden | Stunden bis Tage | Stunden bis Tage |
| Frühestes Zeichen | Anstieg des ausgeatmeten Kohlendioxids | metabolische Azidose mit Laktatanstieg | Anstieg der Kreatinkinase, dunkler Urin |
| Muskeltonus | Starre, oft beginnend am Kiefer | schlaff | schlaff, bei Kompartmentsyndrom gespannt |
| Spezifische Therapie | Dantrolen, Auslöser beenden | Sedierung umstellen, Kreislaufunterstützung | Volumen, Ursache beseitigen, Nierenersatz bei Bedarf |