Die Neurographie nutzt genau die Physik, die oben beschrieben wurde. Wird ein Nerv von außen elektrisch gereizt, fließt Strom von der Anode in das Gewebe und tritt an der Kathode wieder aus; unter der Kathode wird die Membran depolarisiert, und bei ausreichender Reizstärke entstehen Aktionspotenziale in vielen Fasern gleichzeitig. Registriert wird nicht ein einzelnes Aktionspotenzial, sondern das Summenpotenzial des ganzen Nervs oder die Antwort des zugehörigen Muskels. Reizt man an zwei Stellen mit bekannter Entfernung und zieht die Latenzen voneinander ab, ergibt der Quotient aus Strecke und Latenzdifferenz die Leitungsgeschwindigkeit. Für große markhaltige Nerven der Extremitäten liegen die Normalwerte bei etwa 40 bis 70 Meter pro Sekunde; Werte unter 40 Meter pro Sekunde gelten als krankhaft. Weil das Verfahren die schnellsten Fasern abbildet, sagt es über marklose C-Fasern nichts aus.
Zwei Kenngrößen sind zu trennen. Die Geschwindigkeit hängt an Myelinisierung und Durchmesser; sie sinkt vor allem bei Erkrankungen der Markscheide. Die Amplitude hängt an der Zahl der Fasern, die überhaupt antworten; sie sinkt bei Untergang von Axonen. Ein drittes Bild ist der Leitungsblock: Proximal der Schädigung entsteht ein Potenzial, distal davon nicht, obwohl die Faser selbst intakt ist. Damit lassen sich die klinisch wichtigen Mechanismen einer Leitungsstörung ordnen.
Druck verformt die Markscheide an den Rändern der Kompression und erzeugt zunächst einen reinen Leitungsblock ohne Axonschaden; die Erholung braucht Wochen, ist aber in der Regel vollständig. Länger oder stärker einwirkender Druck schädigt auch Axone. Ischämie entzieht der Faser die Energie für die Natrium-Kalium-ATPase; das Ruhepotenzial bricht ein, die Kanäle inaktivieren, und die Leitung erlischt. Das eingeschlafene Bein nach langem Sitzen ist die harmlose Alltagsform, die Blutsperre bei Eingriffen an den Extremitäten die klinisch relevante. Druck und Ischämie treten dabei fast immer zusammen auf, weil Druck zuerst die kleinen Gefäße verschließt. Kälte verlangsamt die Kanalkinetik und blockiert die Leitung reversibel. Demyelinisierung, ob entzündlich, hereditär oder metabolisch, verlangsamt oder blockiert, lässt das Axon jedoch zunächst unversehrt. Lokalanästhetika schließlich erzeugen eine gewollte, vollständig reversible Blockade, indem sie den Natriumkanal von innen besetzen; die Einzelheiten dazu stehen im vorangehenden Unterkapitel.
VorsichtEin neu aufgetretenes neurologisches Defizit nach Regionalanästhesie ist nicht automatisch Folge der Blockade. Lagerung, Blutsperre, chirurgische Manipulation, Verband und eine vorbestehende Neuropathie kommen ebenso in Betracht, und ein raumfordernder Prozess in der Nähe des Rückenmarks muss unverzüglich ausgeschlossen werden. Die Zuordnung braucht eine neurologische Untersuchung, keine Vermutung.