Lokalanästhetika sind schwache Basen. Nur ihre ungeladene Form durchdringt die Zellmembran; im Zytosol nimmt ein Teil der Moleküle wieder ein Proton auf, und die geladene Form bindet an eine Stelle im Inneren der Kanalpore. Die Blockade erfolgt also von innen, durch ein Molekül, das von außen als ungeladene Base gekommen ist. Aus dieser Doppelnatur folgt die gesamte Praxis: Ein saures, entzündetes Gewebe verschiebt das Verhältnis zugunsten der geladenen Form, weniger Substanz erreicht das Zellinnere, und die Blockade gelingt schlechter.
Entscheidend für das klinische Verhalten ist die Zustandsabhängigkeit dieser Bindung. Die Bindungsstelle ist im offenen und im inaktivierten Kanal deutlich besser zugänglich als im geschlossenen, ruhenden Kanal. Ein Kanal, der nie öffnet, wird also kaum blockiert; ein Kanal, der häufig zwischen offen und inaktiviert wechselt, wird es umso stärker. Genau das ist die Frequenzabhängigkeit, auch gebrauchsabhängige Blockade genannt: Je häufiger eine Faser Aktionspotenziale bildet, desto mehr Kanäle geraten in einen bindungsfreundlichen Zustand, desto mehr Substanz lagert sich an, und desto tiefer wird die Blockade.
Praktisch bedeutet das dreierlei. Erstens werden aktive Fasern stärker blockiert als ruhende, was der Analgesie zugutekommt, denn nozizeptive Fasern feuern im Schmerzzustand dicht. Zweitens erklärt sich die Erholung: Zwischen zwei Aktionspotenzialen löst sich ein Teil der Moleküle wieder vom Kanal, sodass bei niedriger Frequenz ein Gleichgewicht mit geringer Blockadetiefe entsteht. Drittens folgt daraus die besondere Gefährlichkeit langsam dissoziierender Substanzen am Herzen. Bupivacain löst sich deutlich langsamer vom Kanal als Lidocain; bei höheren Herzfrequenzen reicht die Zeit zwischen zwei Erregungen nicht mehr zur Erholung, die Blockade summiert sich von Schlag zu Schlag, und es entstehen schwer therapierbare ventrikuläre Rhythmusstörungen.
VorsichtDie Frequenzabhängigkeit bedeutet, dass eine bis dahin stabile Situation mit steigender Herzfrequenz plötzlich kippen kann. Tachykardie, Azidose und Hypoxie verstärken die kardiale Toxizität langwirksamer Lokalanästhetika, weshalb bei einer Intoxikation Oxygenierung, Beatmung und Kreislaufstabilisierung vor jeder spezifischen Maßnahme stehen.