Klinische Physiologie, Kachel 02 · Stufe PJ

Ionenkanäle, Refraktärzeit und Kanalblockade

Drei Zustände eines einzigen Kanals erklären die Refraktärzeit, die Richtung der Erregungsleitung und die Wirkung jedes Lokalanästhetikums.

Lernziele
  • Die drei Zustände des spannungsgesteuerten Natriumkanals benennen und ihre Übergänge in der richtigen Reihenfolge beschreiben.
  • Absolute und relative Refraktärzeit aus diesen Zuständen herleiten.
  • Erklären, warum die Refraktärzeit die maximale Erregungsfrequenz begrenzt und der Fortleitung ihre Richtung gibt.
  • Die zustandsabhängige Blockade durch Lokalanästhetika beschreiben und daraus die Frequenzabhängigkeit ableiten.
  • Die Faserklassen den klinischen Qualitäten zuordnen und die Reihenfolge der Differenzialblockade begründen.
  • Eine Verbreiterung des Kammerkomplexes als Leitbefund der Natriumkanalblockade erkennen und einordnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Tabelle der Kanalzustände, Tabelle der Faserklassen, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt den Ablauf des Aktionspotenzials aus dem vorangehenden Unterkapitel voraus.
  3. Die praktische Anwendung auf Regionalanästhesie und Nervenschädigung vertiefen die späteren Einheiten zu Nerv und Endplatte.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Der spannungsgesteuerte Natriumkanal ist die meistgetroffene Zielstruktur der gesamten perioperativen Medizin. An ihm wirken sämtliche Lokalanästhetika, die Antiarrhythmika der Klasse I, trizyklische Antidepressiva, einige Antikonvulsiva und neuerdings auch eine eigene Gruppe oraler Analgetika. Wer die Zustände dieses Kanals versteht, versteht zugleich, warum eine Plexusblockade zuerst die Sympathikusfasern und zuletzt die Motorik erfasst, warum eine Lokalanästhetikaintoxikation am Herzen frequenzabhängig eskaliert und warum die Breite des Kammerkomplexes bei einer Vergiftung mit trizyklischen Antidepressiva die wichtigste Einzelinformation ist.

Die Refraktärzeit ist dabei kein Nebenprodukt, sondern eine Schutzeinrichtung. Sie begrenzt die Frequenz, mit der eine Zelle erregt werden kann, sie sorgt dafür, dass eine Erregung nur in eine Richtung läuft, und sie verhindert am Herzen kreisende Erregungen. Jede Störung ihrer Dauer, ob durch Elektrolyte, Temperatur oder Medikamente, ist deshalb potenziell rhythmogen.

Lektion 2

Die drei Zustände des spannungsgesteuerten Natriumkanals

Der Kanal ist kein Schalter mit zwei Stellungen, sondern ein Protein mit drei funktionell verschiedenen Zuständen. Im Ruhezustand ist er geschlossen, aber aktivierbar. Das Aktivierungstor ist zu, das Inaktivierungstor dagegen offen; der Kanal ist bereit und wartet auf eine Depolarisation. Überschreitet das Membranpotenzial die Schwelle, öffnet das schnelle Aktivierungstor und der Kanal geht in den Zustand offen über. Natrium strömt ein, und zwar nur für sehr kurze Zeit, in der Nervenfaser im Bereich von Zehntelmillisekunden.

Denn unmittelbar danach schließt ein zweites, langsameres Tor den Kanal von der Innenseite her: Der Kanal ist nun inaktiviert. Dieser Zustand ist nicht dasselbe wie der Ruhezustand, auch wenn der Kanal in beiden Fällen keinen Strom führt. Ein inaktivierter Kanal kann durch keine noch so starke Depolarisation erneut geöffnet werden. Er kehrt erst dann in den aktivierbaren Ruhezustand zurück, wenn die Membran wieder ausreichend negativ geworden ist. Die Repolarisation ist also die Bedingung für die Erholung des Kanals.

Dieser Zyklus läuft stets in derselben Richtung: aktivierbar, offen, inaktiviert, wieder aktivierbar. Es gibt keinen direkten Weg vom inaktivierten zum offenen Zustand. Genau diese Einbahnstraße auf molekularer Ebene erzeugt alle Eigenschaften, die im Folgenden besprochen werden. Wie viele Kanäle zu einem gegebenen Zeitpunkt im aktivierbaren Zustand vorliegen, hängt am Membranpotenzial: Bei etwa minus 100 Millivolt sind praktisch alle verfügbar, bei minus 60 Millivolt ist die Verfügbarkeit um rund 40 Prozent geringer, und ab etwa minus 50 Millivolt liegen die Kanäle in Säugetierzellen dauerhaft inaktiviert vor.

Tabelle 1: Die drei Zustände des spannungsgesteuerten Natriumkanals
ZustandAktivierungstorInaktivierungstorNatriumstromAuf einen Reiz hin
Geschlossen, aktivierbargeschlossenoffenkein Stromkann öffnen
OffenoffenoffenEinstrom, sehr kurzbereits offen
Inaktiviertoffengeschlossenkein Stromkann nicht öffnen

Übung 2.1

Lektion 3

Absolute und relative Refraktärzeit

Aus den drei Zuständen folgt unmittelbar die Refraktärzeit. Kurz nach Beginn eines Aktionspotenzials sind praktisch alle Natriumkanäle des betroffenen Membranabschnitts inaktiviert. In dieser Zeit lässt sich auch mit extrem starken Reizen kein zweites Aktionspotenzial auslösen: absolute Refraktärzeit. Ihre Dauer ist keine Eigenschaft des Reizes, sondern eine Eigenschaft der Kanalpopulation.

Gegen Ende der Repolarisation hat ein Teil der Kanäle den aktivierbaren Zustand zurückgewonnen, der Rest noch nicht. Jetzt ist eine erneute Erregung möglich, aber nur mit stärkeren Reizen, und das entstehende Aktionspotenzial fällt niedriger aus und steigt flacher an, weil weniger Kanäle zur Verfügung stehen: relative Refraktärzeit. Sie endet, wenn das Membranpotenzial seinen Ruhewert wieder erreicht hat und damit auch die letzten Kanäle erholt sind. In dieser Phase liegt oft noch eine erhöhte Kaliumleitfähigkeit vor, sodass zusätzlich ein größerer Strom nötig ist, um die Schwelle zu erreichen.

Damit erklärt sich auch, warum eine Dauerdepolarisation lähmt, ganz gleich, wodurch sie entsteht. Bei Hyperkaliämie, unter Succinylcholin und bei lokaler Gewebeschädigung liegt das Membranpotenzial dauerhaft in einem Bereich, in dem die Kanäle inaktiviert bleiben. Die Zelle ist dann nicht erschöpft und nicht energetisch am Ende; sie hat lediglich keinen einzigen aktivierbaren Natriumkanal mehr. Der Zustand ist vollständig reversibel, sobald die Membran wieder repolarisiert.

Übung 3.1

Lektion 4

Maximale Erregungsfrequenz und die Einbahnstraße der Fortleitung

Die erste Folge der Refraktärzeit ist eine Obergrenze für die Frequenz. Eine Zelle kann höchstens so oft erregt werden, wie es die Summe aus Aktionspotenzialdauer und absoluter Refraktärzeit erlaubt. Bei Nervenfasern mit einer Aktionspotenzialdauer im Bereich einer Millisekunde sind deshalb Frequenzen bis etwa 1 000 Erregungen in der Sekunde möglich. Am Arbeitsmyokard ist das Aktionspotenzial durch sein calciumgetragenes Plateau um zwei Größenordnungen länger; die Refraktärzeit reicht dort über fast die gesamte Kontraktionsdauer, sodass eine tetanische Dauerkontraktion des Herzens nicht möglich ist. Was am Skelettmuskel eine erwünschte Eigenschaft ist, wäre am Herzen tödlich.

Die zweite Folge ist die Richtung. Ein Aktionspotenzial breitet sich aus, indem lokale Ströme den benachbarten Membranabschnitt bis zur Schwelle depolarisieren. Diese Ströme fließen in beide Richtungen, doch rückwärts liegt ein Abschnitt, der eben erst erregt wurde und dessen Kanäle inaktiviert sind. Die Erregung kann dort nicht erneut zünden und läuft deshalb nur vorwärts. Die Refraktärzeit macht aus einer ungerichteten elektrischen Störung ein gerichtetes Signal.

Wird ein Nerv künstlich in seinem Verlauf gereizt, etwa bei der Nervenstimulation zur Blockadeanlage oder bei der Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit, entsteht die Erregung an der Reizstelle und läuft in beide Richtungen. Die rückwärtslaufende Erregung endet spätestens an der nächsten chemischen Synapse, weil dort nur in einer Richtung übertragen wird. Am Herzen hat dieselbe Eigenschaft eine andere Bedeutung: Verkürzt sich die Refraktärzeit in einem Gewebeabschnitt, kann eine Erregung auf einen bereits wieder erregbaren Bezirk treffen und kreisen. Kreisende Erregungen sind der Mechanismus der meisten anhaltenden Tachykardien.

Übung 4.1

Lektion 5

Zustandsabhängige Blockade durch Lokalanästhetika

Lokalanästhetika sind schwache Basen. Nur ihre ungeladene Form durchdringt die Zellmembran; im Zytosol nimmt ein Teil der Moleküle wieder ein Proton auf, und die geladene Form bindet an eine Stelle im Inneren der Kanalpore. Die Blockade erfolgt also von innen, durch ein Molekül, das von außen als ungeladene Base gekommen ist. Aus dieser Doppelnatur folgt die gesamte Praxis: Ein saures, entzündetes Gewebe verschiebt das Verhältnis zugunsten der geladenen Form, weniger Substanz erreicht das Zellinnere, und die Blockade gelingt schlechter.

Entscheidend für das klinische Verhalten ist die Zustandsabhängigkeit dieser Bindung. Die Bindungsstelle ist im offenen und im inaktivierten Kanal deutlich besser zugänglich als im geschlossenen, ruhenden Kanal. Ein Kanal, der nie öffnet, wird also kaum blockiert; ein Kanal, der häufig zwischen offen und inaktiviert wechselt, wird es umso stärker. Genau das ist die Frequenzabhängigkeit, auch gebrauchsabhängige Blockade genannt: Je häufiger eine Faser Aktionspotenziale bildet, desto mehr Kanäle geraten in einen bindungsfreundlichen Zustand, desto mehr Substanz lagert sich an, und desto tiefer wird die Blockade.

Praktisch bedeutet das dreierlei. Erstens werden aktive Fasern stärker blockiert als ruhende, was der Analgesie zugutekommt, denn nozizeptive Fasern feuern im Schmerzzustand dicht. Zweitens erklärt sich die Erholung: Zwischen zwei Aktionspotenzialen löst sich ein Teil der Moleküle wieder vom Kanal, sodass bei niedriger Frequenz ein Gleichgewicht mit geringer Blockadetiefe entsteht. Drittens folgt daraus die besondere Gefährlichkeit langsam dissoziierender Substanzen am Herzen. Bupivacain löst sich deutlich langsamer vom Kanal als Lidocain; bei höheren Herzfrequenzen reicht die Zeit zwischen zwei Erregungen nicht mehr zur Erholung, die Blockade summiert sich von Schlag zu Schlag, und es entstehen schwer therapierbare ventrikuläre Rhythmusstörungen.

Vorsicht

Die Frequenzabhängigkeit bedeutet, dass eine bis dahin stabile Situation mit steigender Herzfrequenz plötzlich kippen kann. Tachykardie, Azidose und Hypoxie verstärken die kardiale Toxizität langwirksamer Lokalanästhetika, weshalb bei einer Intoxikation Oxygenierung, Beatmung und Kreislaufstabilisierung vor jeder spezifischen Maßnahme stehen.

Übung 5.1

Lektion 6

Faserklassen und Differenzialblockade

Ein peripherer Nerv ist kein einheitliches Gebilde, sondern ein Bündel sehr unterschiedlicher Fasern. Sie unterscheiden sich in Durchmesser, Myelinisierung, Leitungsgeschwindigkeit und übertragener Qualität, und sie werden von einem Lokalanästhetikum nicht gleichzeitig erfasst. Dünne und schwach myelinisierte Fasern fallen früher und bei niedrigerer Konzentration aus als dicke, stark myelinisierte.

Tabelle 2: Faserklassen und Differenzialblockade
FaserklasseDurchmesserMyelinisierungLeitungsgeschwindigkeitFunktion
A alpha10 bis 20 Mikrometerstarketwa 70 bis 90 Meter pro SekundeMotorik der Skelettmuskulatur, Propriozeption aus Muskelspindeln und Sehnenorganen
A beta7 bis 15 Mikrometerstarketwa 40 bis 70 Meter pro SekundeBerührung, Druck, Vibration
A gamma4 bis 8 Mikrometermitteletwa 15 bis 40 Meter pro SekundeInnervation der Muskelspindeln, Regulation des Muskeltonus
A delta2 bis 5 Mikrometerdünnetwa 5 bis 30 Meter pro Sekundeerster, gut lokalisierbarer Schmerz, Kälte
B1 bis 3 Mikrometerdünnetwa 3 bis 15 Meter pro Sekundepräganglionäre sympathische Fasern
C0,5 bis 1,5 Mikrometermarklosetwa 0,5 bis 2 Meter pro Sekundezweiter, dumpfer Schmerz, Wärme, postganglionäre sympathische Fasern

Der Grund für diese Rangfolge liegt in der Länge des Nervenabschnitts, der blockiert sein muss, damit das Signal versiegt. Bei einer myelinisierten Faser springt die Erregung von Schnürring zu Schnürring; sie kann einen einzelnen blockierten Schnürring überspringen, und erst wenn mehrere aufeinanderfolgende Schnürringe betroffen sind, bricht die Leitung ab. Weil die Abstände zwischen den Schnürringen mit dem Faserdurchmesser wachsen, muss bei dicken Fasern eine deutlich längere Strecke ausreichend hoch mit Lokalanästhetikum umspült sein als bei dünnen. Hinzu kommt, dass Fasern mit hoher Aktivität wegen der Frequenzabhängigkeit früher blockiert werden.

Klinisch zeigt sich das als Differenzialblockade mit einer typischen Reihenfolge: zuerst die sympathischen B-Fasern, dann Temperatur- und Schmerzempfindung über A-delta- und C-Fasern, danach Berührung und Druck, zuletzt die Motorik. Bei der Spinalanästhesie liegt die Grenze der Sympathikusblockade deshalb regelmäßig einige Segmente höher als die sensible Grenze, und diese wiederum höher als die motorische. Der frühe Blutdruckabfall hat hier seine Erklärung. In der Peripherie nutzen Sie dasselbe Prinzip, wenn Sie über einen Katheter niedrig konzentriert zur Analgesie und höher konzentriert zur Operationsanästhesie dosieren. Die Erholung läuft in umgekehrter Reihenfolge ab; eine zurückgekehrte Motorik bedeutet nicht, dass der Sympathikus bereits wieder arbeitet.

Übung 6.1

Lektion 7

Natriumkanalblockade als Vergiftungsbild

Wird der Natriumkanal systemisch und unbeabsichtigt blockiert, entsteht ein charakteristisches Bild. Am Zentralnervensystem fallen zuerst hemmende Interneurone aus, was sich als Unruhe, periorale Missempfindung, Ohrgeräusch, Muskelzucken und schließlich als generalisierter Krampfanfall äußert. Am Herzen verlangsamt sich die Erregungsausbreitung im Arbeitsmyokard, weil der Aufstrich der Aktionspotenziale flacher wird. Der sichtbare Ausdruck davon ist die Verbreiterung des Kammerkomplexes im Elektrokardiogramm, häufig zusammen mit einer Rechtsverschiebung der terminalen Vektoren und einer verlängerten Überleitungszeit.

Diese Verbreiterung ist der beste einzelne Verlaufsparameter bei jeder Natriumkanalblockade, ob durch versehentliche intravasale Injektion eines Lokalanästhetikums, durch eine Vergiftung mit trizyklischen Antidepressiva oder durch eine Überdosierung von Antiarrhythmika der Klasse I. Sie steigt mit der Blockadetiefe, sie steigt mit der Herzfrequenz, und sie steigt bei Azidose, weil eine Azidose sowohl den Anteil der geladenen, kanalbindenden Form erhöht als auch die Erholung der Kanäle verschlechtert. Aus demselben Grund gehört die Anhebung des Serumnatriums und die Pufferung mit Natriumhydrogencarbonat zu den etablierten Maßnahmen: Ein größeres Natriumangebot vergrößert die Triebkraft für den verbliebenen Einstrom, und ein höherer pH-Wert verringert den Anteil der bindenden Form.

Am Nerv selbst ist die Blockade dagegen ein therapeutisches Ziel, und die Entwicklung geht dahin, sie selektiver zu machen. Nozizeptive Neurone tragen Kanaluntertypen, die im Herzen und im Zentralnervensystem kaum vorkommen. Ein Blocker, der nur diesen Untertyp trifft, kann analgetisch wirken, ohne die Erregungsleitung des Herzens zu verändern. Der erste Vertreter dieser Gruppe ist seit kurzem zur oralen Behandlung akuter Schmerzen verfügbar; die Einzelheiten dazu finden Sie im Evidenzabschnitt dieser Einheit.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Denken Sie den Natriumkanal als Tür mit zwei hintereinanderliegenden Torflügeln. Der vordere Flügel ist schnell und spannungsgesteuert, der hintere ist langsam und schließt selbsttätig, sobald der vordere geöffnet hat. In Ruhe ist der vordere zu und der hintere auf: Die Tür ist verschlossen, aber benutzbar. Nach dem Öffnen sind kurz beide auf: Das ist der Strom. Dann schließt der hintere: Die Tür ist verschlossen und nicht benutzbar. Erst wenn die Membran wieder negativ ist, öffnet der hintere Flügel erneut und der vordere fällt zu, womit der Ausgangszustand wiederhergestellt ist.

Aus diesem Bild lesen Sie drei Dinge ab. Die Refraktärzeit ist die Zeit, in der der hintere Flügel zu ist. Die Verfügbarkeit der Kanäle ist der Anteil der Türen, deren hinterer Flügel offen steht, und sie hängt am Membranpotenzial vor dem Reiz. Und die Angriffsfläche für ein Lokalanästhetikum liegt im Türrahmen, der nur zugänglich ist, wenn der vordere Flügel offen steht oder eben offen stand. Deshalb blockiert ein Lokalanästhetikum eine viel benutzte Tür besser als eine ungenutzte.

Der praktische Nutzen dieses Modells liegt in der Vorhersage. Sie müssen sich nicht merken, ob eine Tachykardie die Toxizität von Bupivacain erhöht. Sie fragen sich, wie oft der Kanal in den bindungsfreundlichen Zustand gerät und wie viel Zeit zwischen zwei Erregungen zum Ablösen bleibt. Dieselbe Frage beantwortet auch, warum eine Blockade in entzündetem Gewebe schlechter gelingt und warum ein azidotischer Patient gefährdeter ist.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Jede Regionalanästhesie ist eine gewollte Natriumkanalblockade. Konzentration und Volumen entscheiden darüber, welche Faserklassen erfasst werden und über welche Strecke.
  • Entzündetes Gewebe ist sauer. Der Anteil der membrangängigen ungeladenen Base sinkt, und dieselbe Menge Lokalanästhetikum wirkt schlechter. Höhere Volumina an einer gesunden Stelle sind einer Dosissteigerung am Entzündungsherd vorzuziehen.
  • Adrenalinzusatz verringert die Resorption, verlängert die Wirkung und dient zugleich als Marker einer intravasalen Lage.
  • Succinylcholin und Hyperkaliämie erzeugen eine Dauerdepolarisation und damit eine dauerhafte Inaktivierung der Kanäle. Das Ergebnis gleicht einer Kanalblockade, obwohl kein Molekül den Kanal besetzt.
  • Hypothermie verlangsamt die Erholung aus der Inaktivierung. Refraktärzeiten werden länger, die Leitungsgeschwindigkeit sinkt, und Blockaden halten länger an.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Blutdruckabfall nach Spinalanästhesie, weil die sympathischen B-Fasern zuerst und über mehr Segmente blockiert sind als die sensiblen.
  • Bewegliches Bein bei erhaltener Analgesie unter niedrig konzentrierter Periduralanalgesie, ein alltäglicher Beleg der Differenzialblockade.
  • Frühe Symptome einer systemischen Intoxikation mit Ohrgeräusch, metallischem Geschmack und perioraler Missempfindung, noch bevor kardiale Zeichen auftreten.
  • Breiter Kammerkomplex bei Vergiftung mit trizyklischen Antidepressiva oder Antiarrhythmika der Klasse I als Maß für die Blockadetiefe.
  • Tachykardieabhängige Verschlechterung unter langwirksamen Lokalanästhetika, weil die Erholungszeit zwischen den Erregungen nicht mehr ausreicht.
Aktuelle Evidenz

Die Physikochemie der Lokalanästhetika erklärt einen großen Teil des klinischen Verhaltens. Nur die ungeladene Base durchdringt die Zellmembran, während die geladene Form die Pore von innen blockiert. Die Säuredissoziationswerte liegen für Lidocain bei 7,8 sowie für Bupivacain und Ropivacain bei 8,1, sodass im Gewebe stets ein erheblicher Anteil geladen vorliegt; in saurem, entzündetem Gewebe verschiebt sich dieses Verhältnis weiter, und die Blockade gelingt schlechter.2

Wird der Kanal systemisch blockiert, entscheidet die Erkennung über den Verlauf. Bei der Vergiftung mit trizyklischen Antidepressiva trat unterhalb einer Breite des Kammerkomplexes von 0,10 Sekunden weder ein Krampfanfall noch eine Kammerarrhythmie auf; ab 0,10 Sekunden kam es in 34 Prozent der Fälle zu Krampfanfällen und in 14 Prozent zu Kammerarrhythmien.1 Für die systemische Lokalanästhetikaintoxikation sieht die Handlungsempfehlung von 2020 neben Oxygenierung und Krampfunterbrechung die Gabe einer Fettemulsion 20 Prozent vor und begrenzt Adrenalin auf Einzeldosen unter 1 Mikrogramm je Kilogramm Körpergewicht, weil höhere Dosen die Rhythmusstörungen verschlechtern.3

Die Entwicklung geht zur Selektivität. Nozizeptive Neurone tragen Kanaluntertypen, die im Herzen und im Zentralnervensystem kaum vorkommen. Seit Januar 2025 ist der erste selektive Blocker des Natriumkanals Nav1.8 zur oralen Behandlung akuter Schmerzen zugelassen.4 Damit wird aus einem Prinzip, das bisher nur örtlich anwendbar war, eine systemische Option ohne die kardialen Eigenschaften der klassischen Kanalblocker.4

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Ein inaktivierter Kanal sei dasselbe wie ein geschlossener. Beide führen keinen Strom, doch nur der geschlossene ist aktivierbar. Der inaktivierte erholt sich erst bei ausreichender Repolarisation.
  • Die Refraktärzeit sei eine Erschöpfung der Zelle. Sie ist eine Eigenschaft der Kanalzustände. Die Ionenmengen je Aktionspotenzial sind winzig, Energiemangel spielt dabei keine Rolle.
  • Lokalanästhetika wirkten von außen an der Membran. Sie durchdringen die Membran als ungeladene Base und blockieren die Pore von innen in geladener Form.
  • Dünne Fasern würden blockiert, weil sie dünn sind. Maßgeblich ist die Strecke, die blockiert sein muss, damit das Signal versiegt, zusammen mit der Aktivität der Faser. Der Durchmesser ist nur ein Hinweis darauf.
  • Zurückgekehrte Motorik bedeute, dass die Blockade vorüber ist. Die Erholung läuft in umgekehrter Reihenfolge ab; sympathische Wirkungen können fortbestehen, wenn sich die Kraft längst erholt hat.

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Krampfanfall nach axillärer Plexusblockade

Eine 34-jährige Patientin, 62 Kilogramm, soll wegen einer distalen Radiusfraktur in axillärer Plexusblockade versorgt werden. Nach ultraschallgestützter Anlage werden 30 ml Ropivacain 0,75 Prozent in mehreren Portionen injiziert. Etwa acht Minuten nach der letzten Injektion wird die Patientin unruhig, berichtet über ein Ohrgeräusch und ein pelziges Gefühl um den Mund. Kurz darauf treten Muskelzuckungen im Gesicht auf, dann ein generalisierter Krampfanfall. Der Monitor zeigt eine Herzfrequenz von 128 Schlägen pro Minute, einen Blutdruck von 86 zu 48 mmHg und eine Breite des Kammerkomplexes von 0,15 Sekunden. Die Sauerstoffsättigung fällt auf 88 Prozent.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Aktivierbar, offen, inaktiviert. Der Kanal läuft diesen Kreis nur in einer Richtung, und daraus folgt alles Weitere.
  • Die absolute Refraktärzeit ist die Zeit der Inaktivierung, die relative die Zeit der unvollständigen Erholung.
  • Refraktärzeit heißt Richtung: Vorwärts liegt erregbares Gewebe, rückwärts liegt inaktiviertes.
  • Lokalanästhetika kommen als ungeladene Base und wirken als geladenes Kation von innen. Sauer heißt schlechter.
  • Je häufiger der Kanal benutzt wird, desto tiefer die Blockade. Deshalb ist eine Tachykardie bei Kanalblockade immer ein Warnzeichen.

Aufgaben

Aufgabe 1: Erklären Sie den Zusammenhang mit

Gegeben:
Nach Anlage einer Spinalanästhesie ist der Patient bei Segmenthöhe Th6 sensibel blockiert, der Blutdruck fällt deutlich stärker als erwartet.

Frage:
Erklären Sie den Zusammenhang mit den Faserklassen.

Lösung

Die präganglionären sympathischen Fasern gehören zur Klasse B und sind dünn sowie nur schwach myelinisiert. Sie werden bereits bei niedrigeren Konzentrationen blockiert als die sensiblen und motorischen Fasern, weil eine kürzere blockierte Strecke ausreicht, um die Fortleitung zu unterbrechen. Die Sympathikusblockade reicht deshalb regelhaft einige Segmente höher als die getestete sensible Grenze. Bei einer sensiblen Höhe von Th6 ist der Sympathikus also oberhalb davon mitbetroffen, mit Vasodilatation und verminderter Vorlast als Folge.

Aufgabe 2: Ordnen Sie den Befund dem

Gegeben:
Ein Patient wird 15 Minuten nach interskalenärer Blockade unruhig, berichtet über Ohrgeräusch und metallischen Geschmack; im Elektrokardiogramm verbreitert sich der Kammerkomplex.

Frage:
Ordnen Sie den Befund dem Kanalzustandsmodell zu und erklären Sie, warum eine gleichzeitige Tachykardie die Lage verschärft.

Lösung

Es liegt eine systemische Lokalanästhetikaintoxikation vor. Das Lokalanästhetikum bindet bevorzugt an den offenen und den inaktivierten Kanal, sodass der Aufstrich der Aktionspotenziale im Arbeitsmyokard flacher wird und sich die Erregungsausbreitung verlangsamt; sichtbar ist das als Verbreiterung des Kammerkomplexes. Bei hoher Herzfrequenz geraten je Zeiteinheit mehr Kanäle in den bindungsfreundlichen Zustand, und gleichzeitig verkürzt sich die Zeit, in der sich Substanz wieder vom Kanal lösen kann. Die Blockade summiert sich damit von Schlag zu Schlag. Aus demselben Grund verschlechtern Azidose und Hypoxie die Lage zusätzlich.

Aufgabe 3: Erklären Sie die physikochemische Grundlage.

Gegeben:
Eine Zahnärztin berichtet, dass die Infiltration im Bereich eines entzündeten Zahns regelmäßig schlechter wirkt als im gesunden Gewebe.

Frage:
Erklären Sie die physikochemische Grundlage.

Lösung

Lokalanästhetika sind schwache Basen und liegen im Gewebe in einem Gleichgewicht aus ungeladener Base und geladenem Kation vor. Nur die ungeladene Base durchdringt die Zellmembran, während die geladene Form an der Bindungsstelle im Kanalinneren wirkt. Entzündetes Gewebe ist sauer, sodass sich das Gleichgewicht zur geladenen Form verschiebt und weniger Substanz das Zellinnere überhaupt erreicht. Zusätzlich erhöhen die vermehrte Durchblutung die Abschwemmung und die Gewebeschwellung das Verteilungsvolumen. Sinnvoller als eine Dosissteigerung am Herd ist deshalb eine Blockade proximal im gesunden Gewebe.

Aufgabe 4: Argumentieren Sie über die Refraktärzeit.

Gegeben:
Warum kann der Herzmuskel nicht tetanisiert werden, der Skelettmuskel aber schon?

Frage:
Argumentieren Sie über die Refraktärzeit.

Lösung

Beim Skelettmuskel ist das Aktionspotenzial mit etwa einer Millisekunde sehr viel kürzer als die mechanische Antwort. Die Zelle ist also längst wieder erregbar, während sie noch kontrahiert, sodass sich Einzelzuckungen bei wiederholter Reizung aufsummieren und in eine anhaltende Kontraktion übergehen. Beim Arbeitsmyokard trägt ein calciumgetragenes Plateau das Aktionspotenzial über mehrere hundert Millisekunden, und die Refraktärzeit reicht über fast die gesamte Kontraktionsdauer. Eine zweite Erregung kann deshalb erst einfallen, wenn die Erschlaffung begonnen hat. Diese Eigenschaft ist die Voraussetzung dafür, dass das Herz als Pumpe arbeiten kann.

Aufgabenblock abschließen

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Abschlussquiz, etwa 8 Minuten

Abschlussquiz

Acht Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Aktivierbarer ZustandRuhezustand des Natriumkanals: Aktivierungstor geschlossen, Inaktivierungstor offen, der Kanal ist bereit.
Inaktivierter ZustandZustand nach der Öffnung: Der Kanal führt keinen Strom und lässt sich durch keinen Reiz öffnen, bis die Membran repolarisiert ist.
Absolute RefraktärzeitZeitraum, in dem praktisch alle Natriumkanäle inaktiviert sind und kein Reiz ein Aktionspotenzial auslöst.
Relative RefraktärzeitZeitraum unvollständiger Kanalerholung: Ein Aktionspotenzial ist auslösbar, fällt aber niedriger und flacher aus.
Frequenzabhängige BlockadeZunahme der Blockadetiefe mit der Erregungsfrequenz, weil offene und inaktivierte Kanäle das Lokalanästhetikum besser binden.
DifferenzialblockadeUngleiche Blockade der Faserklassen mit der Reihenfolge Sympathikus, Temperatur und Schmerz, Berührung, Motorik.
FaserklassenEinteilung peripherer Nervenfasern nach Durchmesser, Myelinisierung und Leitungsgeschwindigkeit von A alpha bis C.
Verbreiterter KammerkomplexElektrokardiographischer Leitbefund der Natriumkanalblockade, Maß für ihre Tiefe und für den Verlauf.

Literatur

  1. Boehnert MT, Lovejoy FH Jr. Value of the QRS duration versus the serum drug level in predicting seizures and ventricular arrhythmias after an acute overdose of tricyclic antidepressants. N Engl J Med. 1985;313(8):474-479. doi:10.1056/NEJM198508223130804
  2. Taylor A, McLeod G. Basic pharmacology of local anaesthetics. BJA Educ. 2020;20(2):34-41. doi:10.1016/j.bjae.2019.10.002
  3. American Society of Regional Anesthesia and Pain Medicine. Checklist for treatment of local anesthetic systemic toxicity, Version 1.1. Pittsburgh: ASRA; 2020.
  4. Medhat RM, Kotb OA, Baecker D. Suzetrigine, a NaV1.8 inhibitor as a novel approach for pain therapy: a medicinal and chemical drug profile. Molecules. 2026;31(2):358. doi:10.3390/molecules31020358

Standardwerke

  • Silbernagl S, Despopoulos A, Draguhn A. Taschenatlas Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. Grundlagen und Zellphysiologie.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.
  • Hall JE, Hall ME. Guyton and Hall Textbook of Medical Physiology. 14. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2021.

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