Die Erregungsleitung im Axon ist ein digitaler Vorgang: Ein Aktionspotenzial entsteht oder nicht, und es hat stets dieselbe Form. Dosieren lässt sich dort wenig. An der Synapse ist das anders. Hier wird ein Signal in eine abgestufte Größe übersetzt, mit anderen Signalen verrechnet, verstärkt, gedämpft oder ganz unterdrückt. Genau deshalb ist die Synapse der Ort, an dem Pharmaka wirken. Hypnotika, Analgetika, Sedativa, Antiemetika und Antikonvulsiva greifen nicht in die Leitung der Axone ein, sondern in die Übertragung zwischen ihnen.
Für die tägliche Arbeit folgt daraus eine nützliche Ordnung. Wer weiß, an welcher Stufe eine Substanz ansetzt, kann ihr Verhalten vorhersagen: eine Verstärkung hemmender Übertragung wirkt anders als eine Blockade erregender Übertragung, eine präsynaptische Wirkung anders als eine postsynaptische. Das erklärt, warum ein Opioid rückenmarknah in sehr kleinen Mengen wirkt, warum Hypnotika sich gegenseitig überadditiv verstärken, warum eine Substanz mit hemmender Wirkung dennoch Erregung auslösen kann, und warum die Sedierung über verschiedene Rezeptorwege ein jeweils anderes Nebenwirkungsprofil trägt.
