Klinische Physiologie, Kachel 02 · Stufe PJ

Synaptische Übertragung

An der Synapse wird aus einem elektrischen Signal ein chemisches und wieder ein elektrisches; genau an dieser Umwandlung greift fast jedes Anästhetikum an.

Lernziele
  • Den Bau der chemischen Synapse beschreiben und die Ventilfunktion begründen.
  • Die Kette von Calciumeinstrom, Vesikelfusion, Transmitterfreisetzung und Rezeptorbindung in der richtigen Reihenfolge darstellen.
  • Ionotrope und metabotrope Rezeptoren nach Wirkprinzip und Zeitverlauf unterscheiden.
  • Erregendes und hemmendes postsynaptisches Potenzial gegenüberstellen und erklären, warum Hemmung mehr ist als Hyperpolarisation.
  • Räumliche und zeitliche Summation am Axonhügel sowie präsynaptische Hemmung und Bahnung erläutern.
  • Die Angriffspunkte der Anästhetika, der rückenmarknahen Opioide und der Alpha-2-Agonisten der jeweiligen Stufe der Übertragung zuordnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zehn Lektionen mit einer Abbildung, einer Tabelle zum Vergleich ionotroper und metabotroper Rezeptoren, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt das Aktionspotenzial und die Erregungsleitung der vorangehenden Unterkapitel voraus; Calciumsignalwege und G-Protein-gekoppelte Signalketten stehen in der Kachel Homöostase und Zellfunktion.
  3. Die motorische Endplatte als am besten untersuchte chemische Synapse und die Überträgerstoffe des vegetativen Nervensystems folgen in späteren Einheiten dieser Kachel.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Die Erregungsleitung im Axon ist ein digitaler Vorgang: Ein Aktionspotenzial entsteht oder nicht, und es hat stets dieselbe Form. Dosieren lässt sich dort wenig. An der Synapse ist das anders. Hier wird ein Signal in eine abgestufte Größe übersetzt, mit anderen Signalen verrechnet, verstärkt, gedämpft oder ganz unterdrückt. Genau deshalb ist die Synapse der Ort, an dem Pharmaka wirken. Hypnotika, Analgetika, Sedativa, Antiemetika und Antikonvulsiva greifen nicht in die Leitung der Axone ein, sondern in die Übertragung zwischen ihnen.

Für die tägliche Arbeit folgt daraus eine nützliche Ordnung. Wer weiß, an welcher Stufe eine Substanz ansetzt, kann ihr Verhalten vorhersagen: eine Verstärkung hemmender Übertragung wirkt anders als eine Blockade erregender Übertragung, eine präsynaptische Wirkung anders als eine postsynaptische. Das erklärt, warum ein Opioid rückenmarknah in sehr kleinen Mengen wirkt, warum Hypnotika sich gegenseitig überadditiv verstärken, warum eine Substanz mit hemmender Wirkung dennoch Erregung auslösen kann, und warum die Sedierung über verschiedene Rezeptorwege ein jeweils anderes Nebenwirkungsprofil trägt.

Lektion 2

Der Bau der chemischen Synapse

Eine Synapse ist die Kontaktstelle zwischen dem Axon einer Nervenzelle und einer nachgeschalteten Zelle, sei es ein anderes Neuron, eine Muskel- oder eine Drüsenzelle. Bei Säugetieren erfolgt die Übertragung mit wenigen Ausnahmen chemisch. Drei Bauteile genügen zum Verständnis: die präsynaptische Endigung mit ihren Vesikeln, der synaptische Spalt von etwa 30 Nanometern Breite und die subsynaptische Membran der Zielzelle mit ihren Rezeptoren.

Die präsynaptische Endigung ist eine kleine Auftreibung des Axonendes, gefüllt mit Mitochondrien und mit synaptischen Vesikeln. Jedes Vesikel enthält eine feste Menge Überträgerstoff, ein sogenanntes Quantum; an der motorischen Endplatte sind das etwa 7 000 Moleküle Acetylcholin. Ein Teil dieser Vesikel liegt bereits an der Membran angedockt in der aktiven Zone und ist sofort freisetzbar, der weitaus größere Teil bildet einen Vorrat, der erst herangeführt werden muss. Diese Zweiteilung erklärt, warum eine Synapse auf einen ersten Reiz kräftig antwortet und bei sehr hoher Reizfrequenz ermüden kann.

Aus dem Bau folgt unmittelbar die wichtigste Eigenschaft: Weil die postsynaptische Membran ihrerseits keinen Überträgerstoff ausschüttet, läuft das Signal nur in eine Richtung. Die Synapse hat damit eine Ventilfunktion, ohne die eine geordnete Informationsverarbeitung nicht möglich wäre. Zugleich ist sie das Schaltelement des Nervensystems: An ihr kann die Übertragung durch andere Neurone gebahnt oder gehemmt und mit weiteren Informationen verrechnet werden. Das Axon transportiert, die Synapse entscheidet.

Übung 2.1

Lektion 3

Von der Depolarisation zur Rezeptorbindung

Der Ablauf besteht aus fünf Schritten, die sich gut merken lassen, weil jeder den nächsten auslöst. Erstens erreicht das Aktionspotenzial die präsynaptische Endigung und depolarisiert deren Membran. Zweitens öffnen sich dadurch spannungsgesteuerte Calciumkanäle, und die zytosolische Calciumkonzentration in der Endigung steigt an; extrazelluläres Magnesium hemmt diesen Einstrom, weshalb eine Magnesiumgabe die Übertragung dämpft. Drittens bindet Calcium an das Vesikelprotein Synaptotagmin und löst damit das Zusammenspiel von Syntaxin und SNAP-25 in der präsynaptischen Membran mit Synaptobrevin in der Vesikelmembran aus; die bereits angedockten Vesikel verschmelzen mit der Membran, etwa hundert je Aktionspotenzial.

Viertens gelangt der Überträgerstoff durch Exozytose in den synaptischen Spalt und diffundiert über die kurze Strecke zur gegenüberliegenden Membran. Fünftens bindet er dort an Rezeptoren und verändert deren Ionenleitfähigkeit. Die gesamte Kette kostet Zeit: Das postsynaptische Potenzial beginnt erst etwa 0,5 Millisekunden nach Eintreffen des Aktionspotenzials. Diese synaptische Verzögerung entsteht im Wesentlichen durch Freisetzung und Diffusion und ist der Grund, warum eine Kette aus vielen Synapsen deutlich langsamer arbeitet als eine gleich lange Nervenfaser.

Calcium tut dabei mehr, als nur die Fusion auszulösen. Es aktiviert zugleich die calcium- und calmodulinabhängige Proteinkinase II, die über das Protein Synapsin dafür sorgt, dass in der aktiven Zone neue Vesikel andocken. Freisetzung und Nachschub werden also vom selben Signal gesteuert. Weil die Menge des freigesetzten Überträgerstoffs unmittelbar an der Höhe des Calciumanstiegs hängt, ist Calcium die zentrale Stellgröße der gesamten Übertragung, und jeder Eingriff in den präsynaptischen Calciumeinstrom wirkt dämpfend.

Ablauf der synaptischen Übertragung von der Ankunft des Aktionspotenzials über Calciumeinstrom, Vesikelfusion und Rezeptorbindung bis zu EPSP und IPSP
Abbildung 1: Die Kette aus Calciumeinstrom, Vesikelfusion, Transmitterfreisetzung und Rezeptorbindung erzeugt je nach Rezeptor ein erregendes oder ein hemmendes postsynaptisches Potenzial, das sich elektrotonisch zum Axonhügel ausbreitet. Wiederaufnahme, enzymatischer Abbau, Diffusion und gliale Aufnahme beenden die Wirkung. Eigene Darstellung

Übung 3.1

Lektion 4

Ionotrope und metabotrope Rezeptoren

Wie der Überträgerstoff wirkt, entscheidet nicht er selbst, sondern der Rezeptor auf der anderen Seite. Derselbe Stoff kann an einer Stelle erregen und an einer anderen hemmen. Zwei Bauprinzipien sind zu unterscheiden. Ein ionotroper Rezeptor ist selbst ein Ionenkanal; die Bindung des Überträgerstoffs öffnet ihn unmittelbar. Die Wirkung beginnt innerhalb von Millisekunden und endet ebenso schnell. Ein metabotroper Rezeptor besitzt keinen eigenen Kanal, sondern koppelt an ein G-Protein, das entweder direkt oder über einen zweiten Botenstoff die Leitfähigkeit von Kanälen verändert. Diese Wirkung setzt langsamer ein, hält länger an und lässt sich auf dem Weg über die Signalkette vielfach verstärken. Die Grundlagen der G-Protein-gekoppelten Signalwege stehen in der Kachel Homöostase und Zellfunktion.

Praktisch bedeutet der Unterschied zweierlei. Ionotrope Rezeptoren tragen die schnelle, punktgenaue Informationsübertragung, etwa die Erregung des Skelettmuskels oder die schnelle Hemmung im Zentralnervensystem. Metabotrope Rezeptoren tragen die langsame Modulation, also die Einstellung der Empfindlichkeit ganzer Neuronengruppen. Ein Pharmakon, das an einem metabotropen Rezeptor angreift, verschiebt deshalb eher das Gleichgewicht eines Systems, während ein Pharmakon am ionotropen Rezeptor eine einzelne Übertragung unmittelbar öffnet oder schließt.

Tabelle 1: Ionotrope und metabotrope Rezeptoren
MerkmalIonotroper RezeptorMetabotroper Rezeptor
BauprinzipRezeptor und Ionenkanal sind dasselbe ProteinRezeptor koppelt über ein G-Protein an Kanäle oder Enzyme
ZeitverlaufBeginn in Millisekunden, kurze Dauerverzögerter Beginn, Wirkung über Sekunden bis Minuten
Verstärkunggering, ein Molekül öffnet einen Kanalhoch, über die Signalkette vervielfacht
Erregende Vertreternikotinischer Acetylcholinrezeptor, Glutamatrezeptoren vom AMPA- und NMDA-Typbestimmte muskarinische Acetylcholinrezeptoren
Hemmende VertreterGABA-A-Rezeptor und Glycinrezeptor, beide chloridleitendGABA-B-Rezeptor, Opioidrezeptoren, Alpha-2-Adrenozeptoren
Typische klinische Rolleschnelle Erregung und schnelle Hemmung, Angriffspunkt der HypnotikaModulation von Schmerz, Wachheit und Kreislauftonus

Übung 4.1

Lektion 5

Erregendes und hemmendes postsynaptisches Potenzial

Öffnet der Überträgerstoff Kationenkanäle, so strömt wegen des steilen elektrochemischen Gefälles vor allem Natrium ein, teilweise auch Calcium, während weniger Kalium austritt. Die Membran wird depolarisiert, und es entsteht ein erregendes postsynaptisches Potenzial, kurz EPSP, mit einer Amplitude von höchstens etwa 20 Millivolt. Ein einzelnes EPSP an einem Dendriten reicht in aller Regel nicht aus, um am Axonhügel ein Aktionspotenzial auszulösen.

Hemmende Überträgerstoffe wie Glycin und Gamma-Aminobuttersäure erhöhen dagegen die Leitfähigkeit für Chlorid oder für Kalium. Weil die Gleichgewichtspotenziale beider Ionen nahe am Ruhepotenzial liegen, entsteht meist nur eine geringe Hyperpolarisation von höchstens etwa 4 Millivolt: das hemmende postsynaptische Potenzial, kurz IPSP. Seine eigentliche Wirkung liegt jedoch nicht in dieser kleinen Spannungsänderung. Entscheidend ist, dass die erhöhte Leitfähigkeit die elektrotonischen Ströme der EPSPs kurzschließt: Der Strom fließt bevorzugt durch die geöffneten Chlorid- und Kaliumkanäle ab, statt die Membran zu depolarisieren. Das Ruhepotenzial wird dadurch stabilisiert und die Wirkung gleichzeitiger EPSPs entwertet. Ein IPSP kann sogar leicht depolarisierend sein und trotzdem hemmen.

Dieser Punkt ist klinisch bedeutsam, weil er die Wirkung der hemmenden Synapse an die Leitfähigkeit und nicht an die Spannung bindet. Ein Pharmakon, das die Öffnungsdauer eines chloridleitenden Kanals verlängert, verstärkt genau diese Kurzschlusswirkung und dämpft damit die gesamte Erregungsübertragung des betroffenen Neurons. Weil die Chloridverteilung sich in der Entwicklung ändert, kann dieselbe hemmende Übertragung beim sehr jungen Gehirn andere Vorzeichen haben als beim erwachsenen.

Übung 5.1

Lektion 6

Summation am Axonhügel, präsynaptische Hemmung und Bahnung

Ein Neuron empfängt Eingänge von oft mehreren Tausend anderen Neuronen, erregende wie hemmende. Alle erzeugen abgestufte, örtlich begrenzte Potenziale, die sich elektrotonisch über Dendriten und Soma ausbreiten und dabei an Höhe verlieren. Am Axonhügel, wo die Dichte spannungsgesteuerter Natriumkanäle am größten und die Schwelle am niedrigsten ist, wird die Summe gebildet und über ein Aktionspotenzial entschieden. Räumliche Summation bedeutet, dass gleichzeitig eintreffende Potenziale von verschiedenen Orten sich addieren. Zeitliche Summation bedeutet, dass ein zweites Potenzial auf ein noch nicht abgeklungenes erstes trifft; das Zeitfenster liegt bei etwa 50 Millisekunden. Aus beiden Mechanismen folgt, dass Information im Nervensystem nicht in der Höhe einzelner Signale steckt, sondern in deren Frequenz und räumlicher Verteilung.

Neben dieser postsynaptischen Verrechnung gibt es eine zweite, sparsamere Möglichkeit der Steuerung. Bei der präsynaptischen Hemmung wirkt ein weiteres Neuron auf die Endigung selbst und vermindert dort den Calciumeinstrom oder erhöht die Kaliumleitfähigkeit. Die Folge ist, dass weniger Vesikel fusionieren und entsprechend weniger Überträgerstoff freigesetzt wird. Der Vorteil dieses Mechanismus ist seine Zielgenauigkeit: Gehemmt wird nur ein einzelner Eingang, nicht das ganze empfangende Neuron. Denselben Weg nutzen viele Überträgerstoffe auch zur Selbstbegrenzung, indem sie an Rezeptoren der eigenen präsynaptischen Membran binden.

Das Gegenstück ist die synaptische Bahnung, auch Potenzierung genannt. Trifft ein zweites Aktionspotenzial ein, bevor die Calciumkonzentration in der Endigung wieder auf den Ruhewert gefallen ist, also etwa oberhalb einer Frequenz von 30 Hertz, so baut sich der neue Calciumanstieg auf dem verbliebenen Restcalcium auf. Die Konzentration steigt beim zweiten Reiz höher als beim ersten, es wird mehr Überträgerstoff freigesetzt, und die Antwort fällt größer aus. Der erste Reiz hat den zweiten gebahnt. Eine Synapse überträgt also nicht immer gleich stark; ihre Stärke hängt davon ab, was unmittelbar zuvor geschehen ist.

Übung 6.1

Lektion 7

Das Ende der Transmitterwirkung und die elektrische Synapse

Eine Übertragung, die nicht endet, ist keine Information. Vier Wege beenden die Wirkung des Überträgerstoffs, und sie laufen nebeneinander ab. Die Wiederaufnahme in die präsynaptische Endigung über spezifische Transporter ist der Hauptweg für Noradrenalin und andere Monoamine; der Stoff wird dabei erneut in Vesikel verpackt und wiederverwendet. Der enzymatische Abbau im Spalt ist der Weg des Acetylcholins, das von der Acetylcholinesterase innerhalb weniger Millisekunden gespalten wird. Die Diffusion aus dem Spalt in die Umgebung entfernt Überträgerstoff rein physikalisch. Hinzu kommt die Aufnahme in Gliazellen, die den Stoff abbauen oder zurückführen. Ergänzend schaltet die Zelle auch auf der Empfängerseite ab: Ionotrope Rezeptoren können bei anhaltender Anwesenheit des Überträgerstoffs in einen unempfindlichen Zustand übergehen, und Rezeptoren können durch Endozytose von der Oberfläche entfernt werden.

Welcher Weg überwiegt, entscheidet über die Angriffspunkte der Pharmakologie. Wo ein Enzym abbaut, wirkt dessen Hemmung wie eine Verstärkung der Übertragung. Wo ein Transporter zurückholt, wirkt dessen Blockade in dieselbe Richtung. Wo die Diffusion überwiegt, hängt die Wirkdauer vor allem an der Geometrie des Spaltes und an der Durchblutung.

Zum Vergleich noch kurz die elektrische Synapse. Sie besteht aus Kanälen im Bereich der Gap Junctions, die das Zytosol zweier Zellen unmittelbar verbinden. Ionen und kleine Moleküle fließen direkt hinüber, ohne Überträgerstoff und praktisch ohne Verzögerung, und die Übertragung ist in beiden Richtungen möglich. Elektrische Synapsen sorgen für die Erregungsausbreitung im glatten Muskel und im Herzmuskel sowie für die Kopplung von Epithel- und Gliazellen. Ihr Preis ist der Verzicht auf Steuerbarkeit: Es gibt keine Ventilfunktion, keine Verrechnung, keine Hemmung und keinen Angriffspunkt für eine gezielte pharmakologische Dämpfung. Genau deshalb ist das Nervensystem chemisch verschaltet, obwohl es langsamer ist.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Denken Sie die Synapse als Stellwerk mit vier Hebeln. Der erste Hebel ist der Calciumeinstrom in die Endigung: Er bestimmt, wie viel überhaupt gesendet wird. Der zweite Hebel ist die Zahl und Empfindlichkeit der Rezeptoren auf der Gegenseite: Er bestimmt, wie stark das Gesendete gehört wird. Der dritte Hebel ist die Abschaltung: Sie bestimmt, wie lange das Signal steht. Der vierte Hebel ist die Verrechnung am Axonhügel: Sie bestimmt, ob aus allen Eingängen eine Antwort wird.

Jedes Pharmakon, das auf das Nervensystem wirkt, lässt sich einem dieser Hebel zuordnen. Magnesium und die präsynaptisch wirkenden Opioide ziehen am ersten Hebel und senken die Freisetzung. Substanzen, die an einem chloridleitenden Kanal die Öffnungsdauer verlängern, ziehen am zweiten Hebel und verstärken die Hemmung; Substanzen, die einen erregenden Kanal blockieren, ziehen am selben Hebel in die andere Richtung. Hemmstoffe von Enzymen und Transportern ziehen am dritten Hebel und verlängern die Wirkung dessen, was ohnehin freigesetzt wurde. Und alles, was das Gleichgewicht aus erregenden und hemmenden Eingängen verschiebt, wirkt am vierten Hebel.

Dieses Bild erklärt auch, warum Kombinationen überadditiv wirken können. Wer gleichzeitig weniger sendet, die Hemmung verstärkt und die Erregung blockiert, greift an drei unabhängigen Stellen derselben Kette an. Die Wirkungen addieren sich nicht, sie multiplizieren sich. Genau darauf beruht die balancierte Anästhesie, und genau daraus folgt die Vorsicht bei mehrfach sedierenden Kombinationen.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Allgemeinanästhetika greifen ganz überwiegend an Synapsen an, nicht an der Erregungsleitung der Axone. Verstärkt wird vor allem die hemmende Übertragung am chloridleitenden GABA-A-Rezeptor; Propofol bindet dort an mehrere verschiedene Klassen von Bindungsstellen, was die Einzelheiten im Evidenzabschnitt beschreiben.
  • Die zweite Angriffsrichtung ist die Dämpfung erregender Übertragung. Ketamin wirkt als Blocker des Glutamatrezeptors vom NMDA-Typ und erzeugt damit ein klinisch ganz anderes Bild als eine Verstärkung der Hemmung.
  • Opioide wirken im Hinterhorn des Rückenmarks ganz überwiegend präsynaptisch: Sie vermindern über spannungsabhängige Calciumkanäle die Freisetzung des Überträgerstoffs aus den nozizeptiven Endigungen. Das ist die physiologische Grundlage der rückenmarknahen Gabe mit sehr kleinen Mengen.
  • Alpha-2-Agonisten wirken über metabotrope Rezeptoren und dämpfen ebenfalls die Freisetzung erregender Überträgerstoffe. Sie erzeugen dadurch eine Sedierung mit anderem Charakter als die Verstärkung der GABA-ergen Hemmung, allerdings um den Preis ausgeprägter Kreislaufwirkungen.
  • Magnesium hemmt den präsynaptischen Calciumeinstrom und dämpft dadurch die Übertragung, unter anderem an der motorischen Endplatte. Eine Magnesiumtherapie verstärkt deshalb die Wirkung von Muskelrelaxanzien.
  • Hypothermie und Azidose verlangsamen Freisetzung, Abbau und Rückaufnahme. Wirkungen halten länger an, und die Erholung nach Beendigung der Zufuhr ist verzögert.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Überadditive Sedierung bei Kombination von Substanzen, die an verschiedenen Stufen derselben Übertragungskette angreifen.
  • Analgesie durch sehr kleine rückenmarknahe Opioidmengen, weil der Wirkort unmittelbar erreicht wird und die Freisetzung präsynaptisch gedämpft wird.
  • Juckreiz nach rückenmarknaher Opioidgabe als typische, von der Analgesie unabhängige Begleitwirkung.
  • Verstärkte und verlängerte neuromuskuläre Blockade unter Magnesium, weil der präsynaptische Calciumeinstrom vermindert ist.
  • Aufwachreaktionen nach NMDA-Blockade, ein Phänomen, das sich aus der veränderten Verrechnung erregender Eingänge erklärt.
  • Delir auf der Intensivstation, dessen Auftreten von der Wahl des sedierenden Wirkprinzips mitbestimmt wird.
Vorsicht

Eine sedierende Substanz, die über metabotrope Alpha-2-Rezeptoren wirkt, dämpft zugleich den sympathischen Tonus und erzeugt Bradykardie und Hypotonie, in höherer Dosierung deutlich häufiger. Die Wahl des Sedierungsverfahrens ist deshalb immer auch eine Kreislaufentscheidung und nicht allein eine Frage der Sedierungstiefe.

Aktuelle Evidenz

Die hemmende Synapse ist der am besten belegte Angriffspunkt der Allgemeinanästhetika. Propofol bindet am chloridleitenden GABA-A-Rezeptor nicht an eine einzige Stelle, sondern an mehrere Klassen von Bindungsstellen, darunter porennahe und membranständige.1 Auf der erregenden Seite steht die Blockade des Glutamatrezeptors vom NMDA-Typ. Eine Metaanalyse aus 20 randomisierten Studien mit 2 559 Patientinnen und Patienten fand niedrig dosiertes Ketamin in der Akutschmerztherapie gleich wirksam wie Morphin, mit einer standardisierten Mittelwertdifferenz von minus 0,08, jedoch bei deutlich mehr Aufwachreaktionen mit einem relativen Risiko von 19,06.2 Zwei Wirkprinzipien, zwei ganz verschiedene klinische Bilder.

Die präsynaptische Hemmung ist die Grundlage der rückenmarknahen Analgesie. Die mu-Opioidwirkung im Hinterhorn ist überwiegend präsynaptisch und läuft über spannungsabhängige Calciumkanäle, wobei C-Fasern empfindlicher reagieren als A-delta-Fasern.3 Klinisch heißt das: Die Freisetzung wird an der Quelle gedrosselt, und sehr kleine Mengen genügen. Der Nutzen ist messbar, aber nicht kostenlos. Intrathekales Morphin senkt den Opioidverbrauch um 11,61 mg Morphinäquivalent, erhöht jedoch den Juckreiz mit einem relativen Risiko von 3,55, während die Schmerzwerte selbst unverändert bleiben.4

Der dritte Weg führt über metabotrope Alpha-2-Rezeptoren. Dexmedetomidin senkt die Delirinzidenz mit einem relativen Risiko von 0,51 bei älteren nichtherzchirurgischen Patientinnen und Patienten, doch höhere Dosen steigern die Hypotonierate von 7,3 auf 31,6 Prozent.5 Die Aktualisierung der Leitlinie von 2025 formuliert Dexmedetomidin gegenüber Propofol daher als bedingte Empfehlung und sieht für Antipsychotika keine Empfehlungsgrundlage.6 Die Wahl des Wirkprinzips ist damit immer auch eine Kreislaufentscheidung.

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Ein Überträgerstoff sei entweder erregend oder hemmend. Die Wirkung bestimmt der Rezeptor, nicht der Stoff. Acetylcholin erregt am nikotinischen Rezeptor und hemmt über bestimmte muskarinische Rezeptoren.
  • Hemmung bedeute Hyperpolarisation. Das IPSP ist klein und kann sogar leicht depolarisierend sein. Es wirkt vor allem dadurch, dass die erhöhte Leitfähigkeit die erregenden Ströme kurzschließt.
  • Ein einzelnes EPSP löse ein Aktionspotenzial aus. Ein einzelnes EPSP bleibt fast immer unterschwellig. Erst die räumliche und zeitliche Summation vieler Eingänge am Axonhügel entscheidet.
  • Die synaptische Verzögerung entstehe durch langsame Rezeptoren. Sie entsteht ganz überwiegend durch Freisetzung und Diffusion des Überträgerstoffs und beträgt etwa eine halbe Millisekunde.
  • Präsynaptische und postsynaptische Hemmung seien dasselbe. Die präsynaptische Hemmung drosselt einen einzelnen Eingang an der Quelle, die postsynaptische dämpft die Erregbarkeit der ganzen Zielzelle.

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Unruhe und Delir nach langer Beatmung

Ein 78-jähriger Patient wird nach einer notfallmäßigen Hemikolektomie bei Ileus nachbeatmet. Am dritten Tag ist die Lungenfunktion ausreichend, der Patient jedoch wechselnd unruhig und zeitweise zugangsgefährdend. Er erhält Propofol kontinuierlich sowie ein Opioid zur Analgesie. Der Blutdruck beträgt 105 zu 58 mmHg, die Herzfrequenz 52 Schläge pro Minute, die Körpertemperatur 36,8 Grad Celsius. Ein Delirscreening ist positiv. Die Nierenfunktion ist leicht eingeschränkt, eine Infektion ist unter Behandlung rückläufig, Elektrolyte und Blutzucker liegen im Zielbereich. Das Behandlungsteam erwägt, die Sedierung von Propofol auf Dexmedetomidin umzustellen.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Das Axon transportiert, die Synapse entscheidet. Nur dort lässt sich Erregung dosieren.
  • Calcium ist die Stellgröße der Freisetzung. Wer den präsynaptischen Calciumeinstrom senkt, senkt die Übertragung.
  • Nicht der Überträgerstoff bestimmt die Wirkung, sondern der Rezeptor auf der Gegenseite.
  • Hemmung wirkt über Leitfähigkeit, nicht über Spannung. Der Kurzschluss zählt, nicht die Hyperpolarisation.
  • Präsynaptisch heißt sparsam und zielgenau; postsynaptisch heißt breit und kräftig.

Aufgaben

Aufgabe 1: Warum ist mit einer verstärkten

Gegeben:
Eine Patientin erhält wegen einer Präeklampsie Magnesium und soll in Allgemeinanästhesie entbunden werden.

Frage:
Warum ist mit einer verstärkten und verlängerten Wirkung nichtdepolarisierender Muskelrelaxanzien zu rechnen?

Lösung

Magnesium hemmt den Einstrom von Calcium durch die spannungsgesteuerten Calciumkanäle der präsynaptischen Endigung. Weil die Menge des freigesetzten Überträgerstoffs unmittelbar an der Höhe des Calciumanstiegs hängt, fusionieren weniger Vesikel, und es gelangt weniger Acetylcholin in den synaptischen Spalt. Die Sicherheitsreserve der Übertragung an der Endplatte ist damit schon vor jeder Relaxansgabe vermindert, sodass eine gegebene Dosis tiefer und länger wirkt. Praktisch folgt daraus eine vorsichtige Dosierung und ein quantitatives neuromuskuläres Monitoring bis zur vollständigen Erholung.

Aufgabe 2: Erklären Sie, warum ein hemmendes

Gegeben:
Die Angaben stehen in der Frage.

Frage:
Erklären Sie, warum ein hemmendes postsynaptisches Potenzial von nur wenigen Millivolt die Erregung eines Neurons wirksam unterdrücken kann.

Lösung

Die Wirkung der Hemmung liegt nicht in der geringen Spannungsänderung, sondern in der stark erhöhten Membranleitfähigkeit für Chlorid oder Kalium. Die Gleichgewichtspotenziale beider Ionen liegen nahe am Ruhepotenzial, sodass die geöffneten Kanäle das Membranpotenzial an diesem Wert festhalten. Erregende Ströme, die von den Dendriten zum Axonhügel laufen, fließen dann bevorzugt über diese Kanäle ab, statt die Membran zu depolarisieren; sie werden gewissermaßen kurzgeschlossen. Ein IPSP kann deshalb sogar leicht depolarisierend sein und trotzdem hemmen.

Aufgabe 3: Ordnen Sie den Wirkort der

Gegeben:
Ein Patient erhält zur postoperativen Schmerztherapie ein Opioid rückenmarknah.

Frage:
Ordnen Sie den Wirkort der Stufe der synaptischen Übertragung zu und begründen Sie, warum sehr kleine Mengen ausreichen.

Lösung

Der Wirkort liegt im Hinterhorn des Rückenmarks an der ersten Umschaltstelle der nozizeptiven Bahn. Die Wirkung ist ganz überwiegend präsynaptisch: Über metabotrope Rezeptoren wird der Calciumeinstrom durch spannungsabhängige Kanäle der nozizeptiven Endigungen vermindert, sodass weniger erregender Überträgerstoff freigesetzt wird. Weil die Substanz unmittelbar an diesen Wirkort gebracht wird und nicht erst über den Kreislauf dorthin gelangen muss, genügen sehr kleine Mengen. Die verminderte Freisetzung an der Quelle erklärt außerdem, warum die Analgesie die nachgeschaltete Verarbeitung breit erfasst, während die dosisabhängigen systemischen Wirkungen geringer ausfallen.

Aufgabe 4: Warum ist das Nervensystem chemisch

Gegeben:
Die Angaben stehen in der Frage.

Frage:
Warum ist das Nervensystem chemisch und nicht elektrisch verschaltet, obwohl die elektrische Synapse schneller ist?

Lösung

Die elektrische Synapse verbindet zwei Zytosole unmittelbar über Kanäle im Bereich der Gap Junctions und überträgt praktisch ohne Verzögerung, dafür aber in beiden Richtungen und ohne jede Steuerungsmöglichkeit. Die chemische Synapse kostet etwa eine halbe Millisekunde, gewinnt dafür aber vier Eigenschaften: die Ventilfunktion mit gerichteter Übertragung, die Umkehrbarkeit des Vorzeichens je nach Rezeptor, die Verrechnung vieler Eingänge und die Möglichkeit der Bahnung und Hemmung. Ohne diese Eigenschaften wäre weder Informationsverarbeitung noch eine gezielte pharmakologische Beeinflussung möglich. Elektrische Synapsen finden sich deshalb dort, wo eine gleichförmige und rasche Erregungsausbreitung erwünscht ist, etwa im Herzmuskel und im glatten Muskel.

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Abschlussquiz, etwa 8 Minuten

Abschlussquiz

Acht Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Aktive ZoneBereich der präsynaptischen Membran mit angedockten, sofort freisetzbaren Vesikeln.
TransmitterquantumDer Inhalt eines einzelnen Vesikels; an der motorischen Endplatte etwa 7 000 Moleküle Acetylcholin.
Synaptische VerzögerungLatenz von etwa 0,5 Millisekunden zwischen Aktionspotenzial und postsynaptischem Potenzial, verursacht durch Freisetzung und Diffusion.
Ionotroper RezeptorRezeptor, der selbst ein Ionenkanal ist und deshalb innerhalb von Millisekunden wirkt.
Metabotroper RezeptorRezeptor, der über ein G-Protein und gegebenenfalls zweite Botenstoffe Kanäle steuert; verzögerter Beginn, längere Wirkung, hohe Verstärkung.
EPSPErregendes postsynaptisches Potenzial von höchstens etwa 20 Millivolt durch Einstrom von Kationen.
IPSPHemmendes postsynaptisches Potenzial von höchstens etwa 4 Millivolt; es wirkt vor allem durch Kurzschluss erregender Ströme über Chlorid- und Kaliumkanäle.
Synaptische BahnungVerstärkte Freisetzung beim zweiten von zwei rasch aufeinanderfolgenden Reizen, weil das Restcalcium der Endigung noch nicht abgeklungen ist.

Literatur

  1. Chen ZW, Bracamontes JR, Budelier MM et al. Three classes of propofol binding sites on GABA-A receptors. J Biol Chem. 2024;300(10):107778. doi:10.1016/j.jbc.2024.107778
  2. Zhang J, Ma B. The effect of low-dose ketamine compared to morphine on the severity of acute pain in emergency situations: a systematic review and meta-analysis. Scand J Trauma Resusc Emerg Med. 2025;33:189. doi:10.1186/s13049-025-01500-5
  3. Heinke B, Gingl E, Sandkühler J. Multiple targets of mu-opioid receptor-mediated presynaptic inhibition at primary afferent A-delta and C fibers. J Neurosci. 2011;31(4):1313-1322. doi:10.1523/JNEUROSCI.4060-10.2011
  4. Gibson AW, Cooper NE, Albrecht E, Forget P. Intrathecal morphine versus other techniques for postoperative pain management in the context of multimodal analgesia: a meta-analysis. Pharmaceuticals. 2025;18(4):512. doi:10.3390/ph18040512
  5. Wang XD, Zhang Y, Liu H et al. Dexmedetomidine for postoperative delirium in surgical patients: a mini-review of mechanisms, clinical evidence and practical implementation. Front Pharmacol. 2025;16:1702862. doi:10.3389/fphar.2025.1702862
  6. Lewis K, Balas MC, Stollings JL et al. A focused update to the clinical practice guidelines for the prevention and management of pain, anxiety, agitation and sedation, delirium, immobility and sleep disruption in adult patients in the ICU. Crit Care Med. 2025;53(3):e711-e727. doi:10.1097/CCM.0000000000006574
  7. Walsh TS, Parker RA, Aitken LM et al. Dexmedetomidine- or clonidine-based sedation compared with propofol in critically ill patients: the A2B randomized clinical trial. JAMA. 2025;334(1):32-45. doi:10.1001/jama.2025.7200

Standardwerke

  • Silbernagl S, Despopoulos A, Draguhn A. Taschenatlas Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. Grundlagen und Zellphysiologie.
  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Hall JE, Hall ME. Guyton and Hall Textbook of Medical Physiology. 14. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2021.
  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.

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