Die Burst-Suppression ist der Zustand, in dem Phasen kräftiger Aktivität mit Phasen elektrischer Stille wechseln. Sie ist kein Ziel und in der Routinenarkose kein notwendiger Zwischenschritt, sondern in der Regel Ausdruck einer relativen Überdosierung. Ihr Zusammenhang mit dem Delir ist in Beobachtungsdaten beschrieben, mit einer Odds Ratio von 1,49 bei allerdings sehr niedriger Evidenzqualität.11 Genau diese Konstellation erklärt die widersprüchliche Studienlage der vorigen Lektion: Die Suppression ist ein guter Kandidat für eine Ursache, aber der Nachweis, dass ihre Vermeidung das Delir verhindert, ist in den großen Einzelstudien nicht gelungen.5, 6 Unabhängig davon bleibt sie ein sinnvolles Warnsignal, weil sie fast immer gleichzeitig mit einem Blutdruckabfall auftritt und beides dieselbe Ursache hat, nämlich zu viel Wirkstoff für diesen Patienten in dieser Situation.
Das Aufwachen ist kein Rückwärtsdurchlaufen der Einleitung. Zwischen dem Verlust und der Wiederkehr des Bewusstseins liegt eine Hysterese: Die Konzentration, bei der das Bewusstsein zurückkehrt, ist niedriger als die, bei der es verloren ging. Der Grund liegt nicht allein in der Verteilung des Wirkstoffs, sondern in einer Trägheit des Netzwerks selbst. Ein Zustand, in dem viele Zellen im Gleichtakt arbeiten, ist stabil und muss aktiv verlassen werden; die aufsteigende Aktivierung, die thalamokortikale Übertragung und die weiträumige Verknüpfung müssen sich wieder aufbauen, und das geschieht in einer eigenen Abfolge. Praktisch zeigt sich das an mehreren Beobachtungen: Das Aufwachen verläuft in Stufen, es kann von paradoxer Erregung begleitet sein, es dauert nach langer und tiefer Narkose überproportional länger, und die Rückkehr der Reaktionsfähigkeit geht der Rückkehr der Orientierung deutlich voraus. Die Phase zwischen erster Reaktion und geordneter Orientierung ist der Zeitraum, in dem Verwirrtheit, Fehlhandlungen und die Selbstgefährdung durch Zug an Kathetern und Schläuchen entstehen.
Bei alten Patienten verschieben sich alle genannten Größen in dieselbe Richtung. Im Narkose-EEG nehmen die frontale Alphaleistung und die Gesamtleistung mit dem Alter ab, weshalb dieselbe Dosis bei einem älteren Patienten regelmäßig eine tiefere Narkose erzeugt und Burst-Suppression früher auftritt.12 Gleichzeitig sinkt die minimale alveoläre Konzentration, die Wirkstoffverteilung ändert sich, das Delirrisiko ist erhöht, und die Kreislaufreserve gegenüber der gefäßerweiternden Wirkung ist kleiner. Die Häufigkeit des postoperativen Delirs liegt in der nicht-kardialen Chirurgie zwischen 5,5 und 41,2 Prozent, in der Herzchirurgie zwischen 12,5 und 35,9 Prozent und bei hüftnaher Fraktur bei etwa 20 Prozent.1 Eine reflexartige Dosisreduktion allein nach Lebensalter ist dennoch nicht die Lösung, denn sie verlagert das Risiko auf die zu flache Narkose; die Lösung ist eine Dosisführung am Signalmuster mit gleichzeitiger Beachtung des Kreislaufs.
Damit ist das Zusammenspiel mit Blutdruck und Perfusion angesprochen, das in der Praxis schwer zu trennen ist. Tiefe Narkose und Hypotonie treten fast immer gemeinsam auf, weil sie eine gemeinsame Ursache haben. Der naheliegende Schluss, dass dann die Hypotonie das Delir erzeugt, hält der Prüfung jedoch nicht stand. Bei 2 603 Hochrisikopatienten änderte eine Strategie der Hypotonievermeidung gegenüber einer Strategie der Hypertonievermeidung weder die Delirhäufigkeit, 7,3 gegenüber 7,0 Prozent, noch die kognitive Verschlechterung nach einem Jahr, 37,2 gegenüber 33,1 Prozent.13 Eine aktuelle Stellungnahme empfiehlt daher ein vorausschauendes und individualisiertes Blutdruckmanagement und hält ausdrücklich fest, dass die Hypotonie nach derzeitiger Datenlage nicht der Haupttreiber des Delirs ist.10 Zu beachten bleibt die Entkopplung von Fluss und Stoffwechsel unter volatilen Anästhetika, die eine Beurteilung der Hirnperfusion aus dem Fluss allein verbietet.3
Für die Praxis heißt das: Behandeln Sie jede Episode von Burst-Suppression als Aufforderung, die Dosis zu prüfen, und dokumentieren Sie sie, weil sie gemeinsam mit Hypotonie den Verlauf der Dosisführung sichtbar macht. Planen Sie das Aufwachen als eigenen Vorgang, also frühzeitige Reduktion, Normothermie, geregelte Analgesie und eine ruhige Umgebung, statt die Narkose bis zum Verband laufen zu lassen. Erwarten Sie bei älteren Patienten bei gleicher Dosis ein tieferes Bild und steuern Sie am Muster. Den Fehler erkennen Sie daran, dass Hypotonie mit einem Vasopressor beantwortet wird, während die überhöhte Hypnotikumdosis, die beides verursacht, unverändert weiterläuft.