Die gebräuchlichen Indexzahlen fassen das Signal zu einem Wert zwischen 0 und 100 zusammen. Im Prinzip geschieht das in drei Schritten: Das Rohsignal wird in Frequenzanteile zerlegt, aus deren Verhältnis werden mehrere Kennzahlen gebildet, etwa der Anteil hoher zu niedriger Frequenzen und der Anteil unterdrückter Abschnitte, und diese Kennzahlen werden nach einer an Patientendaten angepassten Vorschrift zu einem Wert verrechnet. Daraus folgen drei strukturelle Grenzen. Erstens ist die Vorschrift empirisch an bestimmten Wirkstoffen gewonnen und gilt für andere nur eingeschränkt. Zweitens braucht die Mittelung Zeit, sodass die Anzeige dem Zustand um einige Sekunden hinterherläuft. Drittens verwirft eine Zahl das Muster, aus dem sie stammt.
Dazu kommen die Störquellen: Elektromyogramm der Stirnmuskulatur, Augenbewegungen, Elektrokauter, Herzschrittmacher, Wärmedecken, schlechter Elektrodensitz, Hypothermie, Hypoglykämie und schwere Hypotonie. Muskelrelaxanzien senken die Anzeige, ohne die Narkose zu vertiefen, weil das Elektromyogramm wegfällt. Bei Ketamin und Lachgas steigt die Anzeige, ohne dass die Narkose flacher wird. Bei zerebraler Vorschädigung und im hohen Alter sind die hinterlegten Erwartungen ohnehin nicht erfüllt.
Die Studienlage ordnet den Nutzen nüchtern ein. Bei 1 213 Patienten senkte eine elektroenzephalogrammgesteuerte Narkoseführung die Suppressionsdauer von median 13 auf 7 Minuten, ohne die Delirhäufigkeit bis Tag 5 zu verändern, 26,0 gegenüber 23,0 Prozent.8 In der herzchirurgischen Untersuchung mit 1 140 Patienten sank die Suppressionsdauer von median 11,7 auf 4,0 Minuten bei einer Delirrate von 18,15 gegenüber 18,10 Prozent.9 Die Metaanalysen fallen günstiger aus: Zwölf randomisierte Studien mit 4 523 Patienten ergaben ein relatives Risiko des Delirs von 0,81, in der nicht-kardialen Chirurgie 0,78,10 und eine Auswertung aus 18 Studien fand ein relatives Risiko von 0,77 bei deutlich kürzerer Suppressionsdauer, jedoch ohne Effekt auf die kognitive Leistung nach einer Woche oder nach ein bis drei Monaten.11 Zur Tiefe selbst verglich eine Studie mit 6 644 Patienten einen bispektralen Index von 50 gegenüber 35 und fand eine Einjahressterblichkeit von 6,5 gegenüber 7,2 Prozent mit einer Hazard Ratio von 0,88.12 Eine Fachgesellschaft fasst die Datenlage zum intraoperativen Monitoring in der Delirprävention als nicht schlüssig zusammen und betont zugleich, dass die Hypotonie nach derzeitiger Datenlage nicht der Haupttreiber des Delirs ist.13 Die europäische Leitlinie nennt Narkosetiefe, Analgesie und hämodynamische Stabilität als beeinflussbare Faktoren.2
Die evozierten Potenziale ergänzen das Bild um eine andere Frage. Statt der Spontanaktivität wird die Antwort auf einen definierten Reiz gemessen und über viele Wiederholungen gemittelt. Akustisch evozierte Potenziale mittlerer Latenz reagieren auf Hypnotika und wurden zur Narkosetiefemessung genutzt. Somatosensibel evozierte Potenziale und motorisch evozierte Potenziale dienen der Überwachung von Bahnen während Eingriffen an Wirbelsäule, Aorta und Gehirn; hier ist zu beachten, dass Anästhetika die Antworten selbst dämpfen, sodass das Narkoseverfahren mit der Überwachung abgestimmt werden muss.
Auf der Intensivstation beantwortet das Elektroenzephalogramm zwei Fragen, die anders nicht zu beantworten sind. Die erste lautet: Krampft dieser Patient noch? Der nichtkonvulsive Status epilepticus ist eine häufige Ursache anhaltender Bewusstlosigkeit nach einem Anfall, nach Hirnblutung, nach Schädel-Hirn-Trauma und bei septischer Enzephalopathie; ohne Ableitung bleibt er unerkannt, weil die Motorik fehlt. Die zweite lautet: Wie ist die Prognose nach Reanimation? Hier wird das Elektroenzephalogramm als ein Baustein einer multimodalen Beurteilung verwendet, zusammen mit klinischer Untersuchung, Biomarkern, evozierten Potenzialen und Bildgebung; ungünstige Muster sind eine anhaltende Suppression und Burst-Suppression jenseits der ersten Tage sowie ein nicht reagibles Grundmuster. Eine Prognose wird niemals aus einem einzelnen Befund und niemals unter fortbestehender Sedierung gestellt.
Für die Praxis heißt das: Leiten Sie bei jedem Patienten, der nach einem Anfall oder nach einer akuten Hirnschädigung nicht erwacht, ein Elektroenzephalogramm ab, statt die fehlende Wachheit der Sedierung zuzuschreiben. Verwenden Sie die Indexzahl als Hinweis und das Spektrogramm als Befund. Halten Sie bei der Prognosebeurteilung nach Reanimation die Abfolge ein: erst Sedierung und Störfaktoren ausschließen, dann mehrere unabhängige Befunde erheben, dann beurteilen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Prognose aus einer einzigen Ableitung unter laufender Sedierung abgeleitet wird.