Klinische Physiologie, Kachel 06 · Stufe PJ

Wachheit, Schlaf, Bewusstsein und das Elektroenzephalogramm

Warum Wachheit und Bewusstseinsinhalt zwei verschiedene Größen sind, wie das Spektrogramm die Narkosetiefe sichtbar macht und wo die abgeleiteten Indexzahlen an ihre Grenzen stoßen.

Lernziele
  • Wachheit und Bewusstseinsinhalt als zwei unabhängige Größen trennen und daraus die Bewusstseinsstörungen ordnen.
  • Das aufsteigende aktivierende System und die thalamokortikalen Schleifen als Träger der Wachheit beschreiben und begründen, worin sich Narkose vom Schlaf unterscheidet.
  • Die Entstehung des Elektroenzephalogramms erklären und die Frequenzbänder im Wachzustand und unter Narkose deuten.
  • Die typischen Spektrogrammmuster unter Propofol, volatilen Anästhetika, Ketamin und Dexmedetomidin erkennen und auseinanderhalten.
  • Die Stufen der Vertiefung bis zur Burst-Suppression benennen und die Veränderung des Elektroenzephalogramms mit dem Alter berücksichtigen.
  • Die abgeleiteten Indexzahlen mit ihrem Prinzip, ihren Störquellen und ihren Grenzen bewerten und das Elektroenzephalogramm der Intensivmedizin einordnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zehn Lektionen mit zwei eigens gezeichneten Abbildungen, zwei Tabellen zu den Frequenzbändern und zu den typischen Wirkstoffmustern, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 7 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit baut unmittelbar auf dem vorangehenden Unterkapitel zu den Transmittersystemen auf; das Membranpotenzial und die postsynaptischen Potenziale stehen in den Kacheln 01 und 02.
  3. Die praktische Führung der Narkose mit den einzelnen Wirkstoffen behandelt das Modul Allgemeinanästhesie, die Prognosebeurteilung nach Reanimation das Modul Intensivmedizin.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Zwei Patienten liegen nebeneinander. Der eine öffnet die Augen, folgt mit dem Blick nicht, spricht nicht und reagiert nur ungerichtet auf Schmerz. Der andere liegt mit geschlossenen Augen völlig bewegungslos, gibt aber auf Aufforderung ein reproduzierbares Signal mit einem einzigen Finger. Der erste wirkt wacher, der zweite ist bewusster. Wer diese beiden Größen nicht trennt, ordnet Bewusstseinsstörungen falsch ein, und wer sie trennt, hat für Wachkoma, minimales Bewusstsein, Locked-in-Syndrom und Delir sofort ein Ordnungsschema.

Im Operationssaal stellt sich dieselbe Frage in anderer Form. Die Dosis eines Hypnotikums sagt wenig darüber aus, in welchem Zustand sich das Gehirn eines bestimmten Patienten befindet, weil die individuelle Empfindlichkeit über eine große Spanne streut. Berichtete intraoperative Wachheit tritt bei etwa einer von 19 600 Narkosen auf, mit einem Muskelrelaxans bei einer von 8 200, ohne Relaxans bei einer von 135 900 und beim Kaiserschnitt bei einer von 670.1 Am anderen Ende steht die unnötig tiefe Narkose, die Zeit, Kreislaufstabilität und möglicherweise kognitive Reserve kostet. Das Elektroenzephalogramm ist das einzige Signal, das den Zustand des Zielorgans unmittelbar zeigt. Diese Einheit erklärt, wie es entsteht, was es zeigt und warum die daraus errechnete Zahl weniger aussagt als das Bild, aus dem sie stammt.

Lektion 2

Wachheit und Bewusstseinsinhalt sind zwei Größen

Bewusstsein lässt sich sinnvoll nur beschreiben, wenn man es in zwei voneinander unabhängige Achsen zerlegt. Die erste Achse ist die Wachheit, also der Grad der Aktivierung. Sie wird vom Hirnstamm und vom Zwischenhirn erzeugt, sie ist von außen an Augenöffnung und Schlaf-Wach-Rhythmus ablesbar, und sie ist eine reine Voraussetzung. Die zweite Achse ist der Bewusstseinsinhalt, also das, was wahrgenommen, gedacht und erlebt wird. Er entsteht in weitverzweigten Netzwerken der Großhirnrinde und ihrer Verbindungen und ist von außen nur indirekt zugänglich, nämlich über gerichtetes Verhalten.

Beide Achsen können getrennt ausfallen, und daraus ergibt sich die Ordnung der Bewusstseinsstörungen. Im Koma sind beide Achsen erloschen, die Augen bleiben geschlossen, es gibt keinen Schlaf-Wach-Rhythmus. Im Wachkoma kehrt die Wachheit zurück, der Inhalt nicht: Die Augen öffnen sich, ein Rhythmus stellt sich ein, gerichtetes Verhalten fehlt. Im Zustand des minimalen Bewusstseins treten schwankend reproduzierbare, gerichtete Reaktionen auf; der Inhalt ist vorhanden, aber fluktuierend. Beim Locked-in-Syndrom sind beide Achsen intakt, allein die motorische Ausgangsbahn ist unterbrochen, sodass der Patient wach und bewusst, aber fast bewegungslos ist. Die Narkose schließlich senkt beide Achsen zugleich, und das Delir ist eine Störung vor allem der inhaltlichen Achse bei erhaltener und oft sogar gesteigerter Wachheit.

Diese Trennung hat unmittelbare Konsequenzen. Erstens ist eine Beurteilung, die nur die Wachheit misst, für die inhaltliche Achse blind; deshalb ist eine Sedierungsskala kein Delirscreening. Zweitens ist der schwerste Fehler die Verwechslung von fehlender Ausgangsbahn mit fehlendem Bewusstsein. Drittens muss das Delir eigens gesucht werden, weil die hypoaktive Form ohne Screening übersehen wird; die europäische Leitlinie verlangt deshalb die Erfassung mit einem validierten Instrument mindestens einmal täglich über mindestens drei Tage.2

Für die Praxis heißt das: Dokumentieren Sie bei jedem bewusstseinsgestörten Patienten beide Achsen getrennt, also einerseits Augenöffnung und Rhythmus, andererseits jede reproduzierbare gerichtete Reaktion. Suchen Sie aktiv nach einer erhaltenen Ausgangsbahn, etwa über Augenbewegungen, bevor Sie ein fehlendes Bewusstsein annehmen. Trennen Sie auf der Intensivstation die Sedierungsbeurteilung vom Delirscreening und führen Sie beide durch. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Patient als wach dokumentiert wird und niemand geprüft hat, ob er auch bewusst ist.

Übung 2.1

Lektion 3

Das aufsteigende aktivierende System, die thalamokortikalen Schleifen und der Schlaf

Die Wachheit wird von einer Gruppe kleiner Kerngebiete in der Formatio reticularis des Hirnstamms getragen, die ihre Fasern nach oben senden. Ein Weg zieht über den Thalamus zur Rinde, ein zweiter umgeht den Thalamus und erreicht über den Hypothalamus und das basale Vorderhirn die Rinde direkt. Getragen wird dieses System von genau den modulierenden Überträgerstoffen des vorangehenden Unterkapitels: Noradrenalin aus dem Locus coeruleus, Serotonin aus den Raphekernen, Acetylcholin aus Hirnstamm und basalem Vorderhirn, Histamin aus dem Hypothalamus, dazu Dopamin und Orexin. Weil dieses System eng gebündelt im oberen Hirnstamm verläuft, führt eine kleine Läsion dort zum Koma, während eine großflächige Rindenschädigung Wachheit bestehen lässt und nur den Inhalt auslöscht.

Der zweite Baustein sind die thalamokortikalen Schleifen. Thalamus und Rinde sind wechselseitig verbunden, und diese Schleife hat zwei Betriebsarten. Im wachen Zustand leiten die Thalamuszellen tonisch, also Impuls für Impuls, und geben damit Information weiter. Sinkt die Aktivierung, wechseln sie in einen rhythmischen Burstmodus, in dem sie Gruppen von Impulsen abgeben; dieser Modus erzeugt die langsamen Wellen und die Spindeln des Schlafs und unterbricht zugleich die Informationsübertragung zur Rinde. Der Thalamus schließt damit das Tor, und die Rinde arbeitet nur noch mit sich selbst. Genau dieser Wechsel der Betriebsart, nicht ein Abschalten einzelner Zellen, ist das gemeinsame Kennzeichen von Tiefschlaf und Narkose.

Der Schlaf zerfällt in den Non-REM-Schlaf mit drei Stadien und den REM-Schlaf. Im ersten Stadium verschwindet das Alpha des entspannten Wachzustands und weicht flacherer, gemischtfrequenter Aktivität. Im zweiten Stadium treten Schlafspindeln und K-Komplexe auf. Im dritten Stadium überwiegen hohe, langsame Deltawellen; das ist der Tiefschlaf. Im REM-Schlaf ähnelt das Elektroenzephalogramm dem Wachzustand, der Muskeltonus fällt jedoch fast vollständig aus, und es treten schnelle Augenbewegungen auf; hier findet der größte Teil des Traumerlebens statt.

Damit ist die Frage zu beantworten, ob Narkose Schlaf sei. Die Antwort lautet: teilweise, und die Ausnahmen sind das Lehrreiche. Gemeinsam ist beiden Zuständen der Verlust der thalamokortikalen Informationsübertragung und das Auftreten langsamer Wellen. Verschieden ist fast alles andere. Schlaf ist durch einen ausreichend starken Reiz jederzeit unterbrechbar, Narkose nicht. Schlaf durchläuft eine geordnete Abfolge von Stadien, Narkose nicht. Schlaf erfüllt Erholungsfunktionen, Narkose nicht; Patienten sind nach langer Narkose nicht ausgeschlafen, sondern schlafdefizitär. Eine Ausnahme bildet die Sedierung mit einem Alpha-2-Agonisten, die über den natürlichen Weg des Übergangs in den Tiefschlaf läuft und deshalb dem Non-REM-Schlaf tatsächlich nahekommt; die Fokusaktualisierung der Leitlinie empfiehlt Dexmedetomidin bedingt anstelle von Propofol, wenn leichtere Sedierung und weniger Delir im Vordergrund stehen.3

Für die Praxis heißt das: Werten Sie die Bewusstlosigkeit eines Patienten nach Hirnstammläsion nicht als Zeichen einer ausgedehnten Rindenschädigung, sondern suchen Sie gezielt nach der kleinen Läsion im oberen Hirnstamm. Rechnen Sie bei jedem länger sedierten Intensivpatienten mit einem Schlafdefizit und schützen Sie die Nachtruhe aktiv, weil Sedierung Schlaf nicht ersetzt. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Patient nach mehreren Tagen tiefer Sedierung als ausgeruht gilt und seine Verwirrtheit allein der Grunderkrankung zugeschrieben wird.

Übung 3.1

Lektion 4

Wie das Elektroenzephalogramm entsteht und was die Frequenzbänder bedeuten

Das Elektroenzephalogramm misst nicht Aktionspotenziale, sondern die Summe der langsamen postsynaptischen Potenziale vieler tausend Pyramidenzellen der Großhirnrinde. Diese Zellen sind senkrecht zur Oberfläche ausgerichtet und parallel zueinander angeordnet; nur deshalb addieren sich ihre kleinen Dipole zu einem an der Kopfhaut messbaren Signal. Daraus folgen drei Eigenschaften, die jede Deutung bestimmen. Erstens ist das Signal ein Maß für Synchronität: Viele Zellen, die gleichzeitig dasselbe tun, erzeugen große, langsame Wellen, während viele Zellen, die unabhängig voneinander arbeiten, ein kleines, schnelles Signal erzeugen. Eine große Amplitude bedeutet also nicht viel Aktivität, sondern viel Gleichtakt. Zweitens sieht das Oberflächensignal überwiegend die Rinde und kaum tiefe Strukturen. Drittens ist das Signal klein und wird von Muskelaktivität, Augenbewegungen, Elektrokauter und Bewegung leicht überlagert.

Für die Narkoseüberwachung genügt die frontale Ableitung, und das hat physiologische Gründe. Die für die Narkose charakteristischen Muster, insbesondere die frontale Alphakohärenz und die langsamen Wellen, entstehen in den Verbindungen zwischen Thalamus und Frontalhirn und sind dort am deutlichsten. Die Stirn ist zudem haarfrei, gut zugänglich und liegt außerhalb des Operationsfelds der meisten Eingriffe. Der Preis ist ein eingeschränkter Blick: Fokale Veränderungen anderer Hirnregionen, etwa ein Anfallsgeschehen über dem Schläfenlappen, entgehen der frontalen Ableitung. Für die Frage nach der Narkosetiefe genügt sie, für die neurologische Diagnostik nicht.

Tabelle 1: Wie das Elektroenzephalogramm entsteht und was die Frequenzbänder bedeuten
BandBereichBedeutung im WachzustandBedeutung unter Narkose
Delta0,5 bis 4 HertzTiefschlaf, im Wachzustand pathologisch, Hinweis auf Enzephalopathie oder LäsionKennzeichen ausreichender Narkosetiefe, entsteht aus dem Burstmodus der thalamokortikalen Schleife
Theta4 bis 8 HertzSchläfrigkeit, Einschlafphase, bei Erwachsenen im Wachzustand auffälligÜbergangsbereich zwischen Sedierung und chirurgischer Narkose
Alpha8 bis 13 Hertzentspannter Wachzustand mit geschlossenen Augen, hinten über dem Hinterhauptslappenwandert nach vorn: frontale Alphakohärenz als Kennzeichen der chirurgischen Narkose unter GABAergen Hypnotika
Beta13 bis 30 HertzAufmerksamkeit, Anspannung, geistige TätigkeitZunahme in der Einleitungsphase als paradoxe Erregung, später Rückgang
Gammaüber 30 HertzBindung verteilter Information zu einer Wahrnehmungunter Ketamin erhalten oder gesteigert, sonst kaum abgrenzbar von Muskelartefakten

Für die Praxis heißt das: Deuten Sie eine große Amplitude nie als viel Hirnaktivität, sondern als Gleichtakt und damit als Zeichen der Vertiefung. Beurteilen Sie ein flaches, schnelles Signal immer zuerst auf Artefakte, bevor Sie die Narkose vertiefen. Prüfen Sie den Elektrodensitz und die Impedanz, bevor Sie einer unerwarteten Anzeige folgen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass die Anzeige mit dem Elektrokauter springt und die Dosis daraufhin geändert wird.

Funktionelle Areale der Großhirnrinde, der motorische und somatosensorische Homunkulus, die Elektrodenpositionen des Zehn-zwanzig-Systems und die typischen EEG-Wellen von Alpha über Beta und Theta bis Delta
Abbildung 1: Das EEG misst nicht das Gehirn, sondern die Rinde unter der Elektrode, und zwar vor allem die frontale. Weil die Rinde funktionell gegliedert ist, sagt eine frontale Ableitung viel über den Zustand der thalamokortikalen Schleifen und wenig über einzelne Areale; das ist ihre Stärke in der Narkose und ihre Grenze in der Neurologie. Eigene Darstellung

Übung 4.1

Lektion 5

Das Spektrogramm und die Muster der Wirkstoffgruppen

Das eigentliche Werkzeug am Monitor ist nicht die Rohkurve und nicht die Indexzahl, sondern das Spektrogramm. Es entsteht, indem das Signal in kurze Abschnitte zerlegt, jeder Abschnitt in seine Frequenzanteile zerlegt und die Leistung jeder Frequenz als Farbe über die Zeit aufgetragen wird. Auf der waagerechten Achse steht die Zeit, auf der senkrechten die Frequenz, und die Farbe zeigt die Leistung. Der Vorteil gegenüber einer Zahl ist entscheidend: Das Spektrogramm zeigt den Verlauf und das Muster, also genau die beiden Informationen, die eine Zahl verwirft. Eine Verschiebung der Leistung zu tieferen Frequenzen ist als wandernder Farbstreifen unmittelbar sichtbar, lange bevor eine Indexzahl reagiert.

Jede Wirkstoffgruppe erzeugt ein eigenes Muster, und diese Muster sind so kennzeichnend, dass sich der geführte Wirkstoff am Bild ablesen lässt. Unter Propofol entsteht in chirurgischer Narkose ein gut erkennbares Band im Alphabereich über der Stirn, zusammen mit kräftigen langsamen Wellen; mit zunehmender Tiefe verschwindet das Alphaband und die langsamen Wellen dominieren, bis Pausen auftreten. Unter volatilen Anästhetika ähnelt das Bild dem unter Propofol, das Alphaband liegt jedoch bei etwas niedrigerer Frequenz und wird bei höheren Konzentrationen von einem breiteren, langsameren Muster abgelöst. Unter Ketamin fehlt das Alphaband vollständig; stattdessen bleibt schnelle Aktivität erhalten oder nimmt zu, sodass das Bild einem wachen Gehirn ähnelt, obwohl der Patient nicht ansprechbar ist. Unter Dexmedetomidin zeigen sich Spindeln und langsame Wellen wie im Non-REM-Schlaf, und der Patient ist weckbar.

Tabelle 2: Das Spektrogramm und die Muster der Wirkstoffgruppen
WirkstoffgruppeTypisches Muster im SpektrogrammFallstrick für die Indexzahl
Propofolfrontale Alphakohärenz mit kräftigen langsamen Wellen, bei Vertiefung Verlust des Alphabands und Pausendas Verhalten entspricht am ehesten dem, wofür die Indexverfahren entwickelt wurden; dennoch altersabhängig verschoben4
Volatile Anästhetikaähnliches Bild, Alphaband bei etwas niedrigerer Frequenz, bei hoher Konzentration breites langsames Musterdie Beziehung zwischen Konzentration und Index ist nicht deckungsgleich mit der unter Propofol; zusätzlich Entkopplung von Fluss und Stoffwechsel5
Ketaminkein Alphaband, erhaltene oder gesteigerte schnelle Aktivität, Bild ähnelt dem Wachzustanddie Indexzahl steigt trotz tiefer Bewusstlosigkeit und verleitet zur unnötigen Dosissteigerung des Hypnotikums6
DexmedetomidinSpindeln und langsame Wellen wie im Non-REM-Schlaf, Patient weckbarniedrige Werte bei erhaltener Weckbarkeit; die Zahl unterschätzt die Ansprechbarkeit3
LachgasZunahme schneller Anteile, keine Vertiefung des Mustersdie Indexzahl kann steigen, obwohl die Narkose nicht flacher wird
Opioide in üblicher Dosiskaum eigenes Muster, allenfalls geringe Verlangsamungdie Indexzahl zeigt die analgetische Komponente nicht an und ersetzt keine Beurteilung der Nozizeption1

Für die Praxis heißt das: Blicken Sie zuerst auf das Spektrogramm und erst danach auf die Zahl. Prüfen Sie, ob das Muster zu dem Wirkstoff passt, den Sie führen; passt es nicht, ist entweder das Signal gestört oder Ihre Annahme über den Zustand falsch. Erwarten Sie unter Ketamin einen hohen Indexwert bei tiefer Bewusstlosigkeit und steigern Sie das Hypnotikum deswegen nicht. Den Fehler erkennen Sie daran, dass die Dosis einer Zahl folgt, während das Bild unverändert bleibt.

Übung 5.1

Lektion 6

Die Stufen der Vertiefung und die Veränderung mit dem Alter

Die Vertiefung einer Narkose läuft in einer geordneten Abfolge ab, die sich im Elektroenzephalogramm ablesen lässt. Am Anfang steht der wache Zustand mit Alpha über dem Hinterkopf und schneller Aktivität vorn. Mit der Einleitung nimmt zunächst die Betaaktivität zu, was als paradoxe Erregung erscheinen kann. Danach wandert das Alpha nach vorn und wird kohärent; zugleich erscheinen langsame Wellen. Dieser Zustand entspricht der chirurgischen Narkose. Wird weiter vertieft, verschwindet das frontale Alpha, die langsamen Wellen überwiegen, und schließlich treten Pausen auf: Phasen hoher Aktivität wechseln mit Phasen elektrischer Stille, die Burst-Suppression. Bei weiterer Vertiefung werden die Pausen länger, bis nur noch die isoelektrische Linie bleibt.

Stufen der Vertiefung und das zugehörige EEG-Bild Stufe der Vertiefung EEG-Muster und klinische Entsprechung Wach Alpha hinten, wach und ansprechbar Sedierung Beta nimmt zu, schläfrig, leicht weckbar Chirurgische Narkose Frontale Alphakohärenz und langsame Wellen Tiefe Narkose Langsame Wellen überwiegen, Alpha schwindet Burst-Suppression Pausen im EEG, Hinweis auf Überdosierung Isoelektrisch Keine kortikale Aktivität mehr messbar
Die Vertiefung läuft in einer festen Reihenfolge ab, und jede Stufe hat ein eigenes Bild. Die hervorgehobene dritte Stufe ist das Ziel der meisten Eingriffe, die fünfte und sechste Stufe sind fast immer ein Zeichen zu hoher Dosis und nur bei ausdrücklicher Indikation gewollt.

Die Burst-Suppression ist deshalb bedeutsam, weil sie meist unbeabsichtigt entsteht und weil sie mit ungünstigen Verläufen einhergeht. In 14 Studien mit 6 435 Patienten war sie mit dem Delir verbunden, mit einer Odds Ratio von 1,49 bei allerdings sehr niedriger Evidenzqualität.7 Ob es sich um eine Ursache oder um ein Zeichen besonderer Empfindlichkeit handelt, ist damit nicht entschieden. Gewollt ist sie nur in wenigen Situationen, etwa bei der gezielten Senkung des Hirnstoffwechsels unter Barbituraten.

Die zweite große Einflussgröße ist das Alter. Mit zunehmendem Lebensalter nehmen die Gesamtleistung des Narkose-Elektroenzephalogramms und insbesondere die frontale Alphaleistung deutlich ab.4 Das hat zwei praktische Folgen. Erstens erreichen ältere Patienten bei gleicher Dosis regelhaft eine tiefere Narkose, weil die Empfindlichkeit steigt. Zweitens ist das Muster schwerer zu erkennen, weil der Alphagipfel, an dem man sich orientiert, klein oder gar nicht vorhanden ist. Eine Indexzahl, die stillschweigend ein kräftiges Alphaband erwartet, fällt dadurch systematisch zu niedrig aus und verleitet dazu, eine bereits ausreichende Narkose als flach zu beurteilen.

Frontale Alphaleistung unter Narkose in zwei Altersgruppen Leistung hoch gering 25 Jahre, hoher Alphagipfel 80 Jahre, Gipfel fehlt 0 5 10 15 20 25 30 Alphaband 8 bis 12 Hertz Frequenz in Hertz Gleiche Dosis, anderes Bild: der Alphagipfel verschwindet mit dem Alter
Beide Kurven stammen aus derselben chirurgischen Narkosetiefe. Beim jungen Patienten ragt der Alphagipfel deutlich heraus, beim alten Patienten fehlt er und die Gesamtleistung ist niedriger. Wer sich an der Amplitude orientiert, hält den alten Patienten für zu flach narkotisiert, obwohl er bei gleicher Dosis eher tiefer liegt.

Für die Praxis heißt das: Legen Sie das Ziel als Muster fest und nicht als Zahl, also frontale Alphakohärenz mit langsamen Wellen und keine Pausen. Reagieren Sie auf jede auftretende Burst-Suppression mit einer Prüfung von Dosis, Blutdruck und Temperatur, bevor Sie sie als individuelle Empfindlichkeit abtun. Erwarten Sie beim alten Patienten ein flacheres Bild bei gleicher Tiefe und reduzieren Sie die Dosis eher, als sie zu erhöhen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass bei einem 80-jährigen Patienten wegen einer scheinbar zu hohen Indexzahl nachdosiert wird und kurz darauf Pausen im Signal erscheinen.

Übung 6.1

Lektion 7

Indexzahlen, evozierte Potenziale und das EEG in der Intensivmedizin

Die gebräuchlichen Indexzahlen fassen das Signal zu einem Wert zwischen 0 und 100 zusammen. Im Prinzip geschieht das in drei Schritten: Das Rohsignal wird in Frequenzanteile zerlegt, aus deren Verhältnis werden mehrere Kennzahlen gebildet, etwa der Anteil hoher zu niedriger Frequenzen und der Anteil unterdrückter Abschnitte, und diese Kennzahlen werden nach einer an Patientendaten angepassten Vorschrift zu einem Wert verrechnet. Daraus folgen drei strukturelle Grenzen. Erstens ist die Vorschrift empirisch an bestimmten Wirkstoffen gewonnen und gilt für andere nur eingeschränkt. Zweitens braucht die Mittelung Zeit, sodass die Anzeige dem Zustand um einige Sekunden hinterherläuft. Drittens verwirft eine Zahl das Muster, aus dem sie stammt.

Dazu kommen die Störquellen: Elektromyogramm der Stirnmuskulatur, Augenbewegungen, Elektrokauter, Herzschrittmacher, Wärmedecken, schlechter Elektrodensitz, Hypothermie, Hypoglykämie und schwere Hypotonie. Muskelrelaxanzien senken die Anzeige, ohne die Narkose zu vertiefen, weil das Elektromyogramm wegfällt. Bei Ketamin und Lachgas steigt die Anzeige, ohne dass die Narkose flacher wird. Bei zerebraler Vorschädigung und im hohen Alter sind die hinterlegten Erwartungen ohnehin nicht erfüllt.

Die Studienlage ordnet den Nutzen nüchtern ein. Bei 1 213 Patienten senkte eine elektroenzephalogrammgesteuerte Narkoseführung die Suppressionsdauer von median 13 auf 7 Minuten, ohne die Delirhäufigkeit bis Tag 5 zu verändern, 26,0 gegenüber 23,0 Prozent.8 In der herzchirurgischen Untersuchung mit 1 140 Patienten sank die Suppressionsdauer von median 11,7 auf 4,0 Minuten bei einer Delirrate von 18,15 gegenüber 18,10 Prozent.9 Die Metaanalysen fallen günstiger aus: Zwölf randomisierte Studien mit 4 523 Patienten ergaben ein relatives Risiko des Delirs von 0,81, in der nicht-kardialen Chirurgie 0,78,10 und eine Auswertung aus 18 Studien fand ein relatives Risiko von 0,77 bei deutlich kürzerer Suppressionsdauer, jedoch ohne Effekt auf die kognitive Leistung nach einer Woche oder nach ein bis drei Monaten.11 Zur Tiefe selbst verglich eine Studie mit 6 644 Patienten einen bispektralen Index von 50 gegenüber 35 und fand eine Einjahressterblichkeit von 6,5 gegenüber 7,2 Prozent mit einer Hazard Ratio von 0,88.12 Eine Fachgesellschaft fasst die Datenlage zum intraoperativen Monitoring in der Delirprävention als nicht schlüssig zusammen und betont zugleich, dass die Hypotonie nach derzeitiger Datenlage nicht der Haupttreiber des Delirs ist.13 Die europäische Leitlinie nennt Narkosetiefe, Analgesie und hämodynamische Stabilität als beeinflussbare Faktoren.2

Die evozierten Potenziale ergänzen das Bild um eine andere Frage. Statt der Spontanaktivität wird die Antwort auf einen definierten Reiz gemessen und über viele Wiederholungen gemittelt. Akustisch evozierte Potenziale mittlerer Latenz reagieren auf Hypnotika und wurden zur Narkosetiefemessung genutzt. Somatosensibel evozierte Potenziale und motorisch evozierte Potenziale dienen der Überwachung von Bahnen während Eingriffen an Wirbelsäule, Aorta und Gehirn; hier ist zu beachten, dass Anästhetika die Antworten selbst dämpfen, sodass das Narkoseverfahren mit der Überwachung abgestimmt werden muss.

Auf der Intensivstation beantwortet das Elektroenzephalogramm zwei Fragen, die anders nicht zu beantworten sind. Die erste lautet: Krampft dieser Patient noch? Der nichtkonvulsive Status epilepticus ist eine häufige Ursache anhaltender Bewusstlosigkeit nach einem Anfall, nach Hirnblutung, nach Schädel-Hirn-Trauma und bei septischer Enzephalopathie; ohne Ableitung bleibt er unerkannt, weil die Motorik fehlt. Die zweite lautet: Wie ist die Prognose nach Reanimation? Hier wird das Elektroenzephalogramm als ein Baustein einer multimodalen Beurteilung verwendet, zusammen mit klinischer Untersuchung, Biomarkern, evozierten Potenzialen und Bildgebung; ungünstige Muster sind eine anhaltende Suppression und Burst-Suppression jenseits der ersten Tage sowie ein nicht reagibles Grundmuster. Eine Prognose wird niemals aus einem einzelnen Befund und niemals unter fortbestehender Sedierung gestellt.

Für die Praxis heißt das: Leiten Sie bei jedem Patienten, der nach einem Anfall oder nach einer akuten Hirnschädigung nicht erwacht, ein Elektroenzephalogramm ab, statt die fehlende Wachheit der Sedierung zuzuschreiben. Verwenden Sie die Indexzahl als Hinweis und das Spektrogramm als Befund. Halten Sie bei der Prognosebeurteilung nach Reanimation die Abfolge ein: erst Sedierung und Störfaktoren ausschließen, dann mehrere unabhängige Befunde erheben, dann beurteilen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Prognose aus einer einzigen Ableitung unter laufender Sedierung abgeleitet wird.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Denken Sie an ein großes Orchester. Die Wachheit ist die Frage, ob das Licht im Saal an ist und die Musiker auf ihren Plätzen sitzen; darüber entscheidet das aufsteigende aktivierende System aus wenigen Kernen im Hirnstamm. Der Bewusstseinsinhalt ist die Frage, ob tatsächlich ein Stück gespielt wird, also ob die verteilten Gruppen aufeinander hören und zusammen etwas hervorbringen; darüber entscheidet die Großhirnrinde mit ihren weitreichenden Verbindungen. Der Thalamus ist der Dirigent an der Schnittstelle: Er kann durchlassen, und er kann in den Taktmodus wechseln, in dem alle gleichzeitig dasselbe tun und nichts mehr übertragen wird.

Das Elektroenzephalogramm hört dieses Orchester von außen durch eine Wand. Es unterscheidet nicht die einzelnen Stimmen, sondern nur, ob viele gleichzeitig dasselbe tun oder ob jeder für sich arbeitet. Viele gleichzeitig ergibt laute, langsame Wellen; jeder für sich ergibt ein leises, schnelles Signal. Deshalb bedeutet ein großes Signal nicht viel Aktivität, sondern viel Gleichtakt, und deshalb ist die tiefe Narkose das lauteste und zugleich das leerste Bild.

Aus dem Bild folgen drei Sätze. Erstens: Eine Zahl beschreibt einen Zustand, ein Spektrogramm beschreibt einen Verlauf. Am Patienten interessiert fast immer der Verlauf. Zweitens: Jede Wirkstoffgruppe hat ihre eigene Handschrift. Wer die Handschrift kennt, erkennt sofort, ob das Bild zum geführten Wirkstoff passt. Drittens: Die Stufen der Vertiefung sind eine Reihenfolge und keine Skala. Eine Pause im Signal ist keine besonders gute Narkose, sondern ein Hinweis, dass die Dosis über das Ziel hinausgegangen ist.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Alle GABAergen Hypnotika erzeugen dieselbe Abfolge: Betazunahme in der Einleitung, dann frontale Alphakohärenz mit langsamen Wellen, dann Verlust des Alphabands, dann Burst-Suppression. Die Abfolge ist gleich, die dafür nötige Dosis ist individuell sehr verschieden.
  • Ketamin erzeugt ein Bild, das dem wachen Gehirn ähnelt, obwohl der Patient nicht ansprechbar ist. Die Indexzahl steigt dabei und darf nicht zur Dosissteigerung des Hypnotikums verleiten.6
  • Dexmedetomidin erzeugt Spindeln und langsame Wellen wie im Non-REM-Schlaf bei erhaltener Weckbarkeit; die Zahl unterschätzt hier die Ansprechbarkeit.3
  • Muskelrelaxanzien senken die Indexzahl allein durch Wegfall des Stirnmuskelsignals und entziehen dem Patienten zugleich jede Möglichkeit, eine zu flache Narkose anzuzeigen.1
  • Volatile Anästhetika entkoppeln Hirndurchblutung und Hirnstoffwechsel, senken also den Verbrauch bei gleichbleibender oder steigender Durchblutung; das ist bei erhöhtem intrakraniellem Druck nachteilig.5
  • Mit dem Alter sinken Gesamtleistung und frontale Alphaleistung, sodass dieselbe Dosis eine tiefere Narkose erzeugt und die Indexzahl systematisch niedriger ausfällt.4

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Intraoperative Wachheit unter Muskelrelaxans, weil das einzige klinische Warnzeichen, nämlich die Bewegung, ausgeschaltet ist; berichtet wird etwa eine von 8 200 Narkosen mit Relaxans gegenüber einer von 135 900 ohne.1
  • Unbeabsichtigte Burst-Suppression beim alten oder kreislaufinstabilen Patienten, die mit dem Delir verbunden ist, Odds Ratio 1,49 bei sehr niedriger Evidenzqualität.7
  • Hoher Indexwert unter Ketamin oder Lachgas bei tatsächlich ausreichender Narkosetiefe, mit der Gefahr einer unnötigen Vertiefung.
  • Anhaltende Bewusstlosigkeit nach einem Krampfanfall durch einen nichtkonvulsiven Status epilepticus, der ohne Ableitung unerkannt bleibt.
  • Prognosebeurteilung nach Reanimation, bei der eine anhaltende Suppression und ein nicht reagibles Grundmuster ungünstig sind, aber nur als Teil einer multimodalen Beurteilung und niemals unter fortbestehender Sedierung.
  • Postoperatives Delir trotz stabiler Kreislaufverhältnisse: Die Hypotonie ist nach derzeitiger Datenlage nicht der Haupttreiber, und die Daten zum intraoperativen Monitoring in der Delirprävention sind nicht schlüssig.13
Vorsicht

Eine Indexzahl ist ein aus dem Muster errechneter Hinweis und kein Messwert der Bewusstlosigkeit. Sie fällt unter Muskelrelaxanzien ohne Vertiefung, sie steigt unter Ketamin und Lachgas ohne Abflachung, und sie ist beim alten Patienten systematisch verschoben. Entscheiden Sie nach dem Spektrogramm und nach dem klinischen Bild.

Aktuelle Evidenz

Zur Frage, ob eine EEG-gesteuerte Narkose das Delir verhindert, liegen widersprüchliche Ebenen der Evidenz vor. Bei 1 213 Patienten senkte die Steuerung die Suppressionsdauer von median 13 auf 7 Minuten, ohne die Delirhäufigkeit bis Tag 5 zu ändern, 26,0 gegenüber 23,0 Prozent.8 In der herzchirurgischen Untersuchung mit 1 140 Patienten sank die Suppressionsdauer von median 11,7 auf 4,0 Minuten bei einer Delirrate von 18,15 gegenüber 18,10 Prozent.9 Die Metaanalysen fallen günstiger aus: Zwölf randomisierte Studien mit 4 523 Patienten ergaben ein relatives Risiko von 0,81, bei nicht-kardialer Chirurgie 0,78,10 und eine Auswertung aus 18 Studien fand 0,77 bei deutlich kürzerer Suppressionsdauer, jedoch ohne Effekt auf die kognitive Leistung nach einer Woche oder nach ein bis drei Monaten.11 Eine Fachgesellschaft bewertet die Daten zum intraoperativen Monitoring in der Delirprävention als nicht schlüssig und hält fest, dass die Hypotonie nach derzeitiger Datenlage nicht der Haupttreiber des Delirs ist.13

Der belegte Nutzen liegt in der Vermeidung unnötiger Tiefe. Die Burst-Suppression war in 14 Studien mit 6 435 Patienten mit dem Delir verbunden, Odds Ratio 1,49, allerdings bei sehr niedriger Evidenzqualität.7 Zur Tiefe selbst verglich eine Studie mit 6 644 Patienten einen bispektralen Index von 50 gegenüber 35 und fand eine Einjahressterblichkeit von 6,5 gegenüber 7,2 Prozent mit einer Hazard Ratio von 0,88.12 Am anderen Ende der Skala steht die Wachheit: berichtet bei etwa einer von 19 600 Narkosen, mit Muskelrelaxans bei einer von 8 200, ohne Relaxans bei einer von 135 900 und beim Kaiserschnitt bei einer von 670.1 Die Aufgabe des Monitorings ist damit die Vermeidung beider Extreme und nicht die Erzeugung einer Zielzahl.

Für die Einordnung in das Delirmanagement gilt der Rahmen der europäischen Leitlinie: Erfassung mit einem validierten Instrument mindestens einmal täglich über mindestens drei Tage, starke Empfehlung für nichtmedikamentöse Mehrkomponentenprogramme mit einem gepoolten relativen Risiko von 0,62 und Narkosetiefe, Analgesie und hämodynamische Stabilität als beeinflussbare Faktoren.2 Für die Sedierung auf der Intensivstation besteht eine bedingte Empfehlung für Dexmedetomidin anstelle von Propofol, wenn leichtere Sedierung und weniger Delir im Vordergrund stehen,3 und die altersabhängige Abnahme der frontalen Alphaleistung ist bei jeder Beurteilung des Bildes mitzudenken.4

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Ein wacher Patient sei ein bewusster Patient. Wachheit und Bewusstseinsinhalt sind zwei Achsen. Im Wachkoma ist die erste erhalten und die zweite erloschen, beim Locked-in-Syndrom sind beide erhalten und nur die motorische Ausgangsbahn ist unterbrochen.
  • Eine große Amplitude im Elektroenzephalogramm bedeute viel Hirnaktivität. Sie bedeutet Gleichtakt. Die tiefe Narkose erzeugt das größte und zugleich informationsärmste Signal, der wache Zustand das kleinste und schnellste.
  • Narkose sei ein tiefer Schlaf. Beide Zustände teilen die Unterbrechung der thalamokortikalen Übertragung, doch Narkose ist nicht weckbar, durchläuft keine Stadienabfolge und ersetzt die Erholungsfunktion des Schlafs nicht.
  • Die Indexzahl messe die Narkosetiefe unabhängig vom Wirkstoff. Die Rechenvorschrift ist empirisch an bestimmten Wirkstoffen gewonnen; unter Ketamin, Lachgas, Dexmedetomidin und im hohen Alter sind ihre Voraussetzungen nicht erfüllt.4
  • EEG-gesteuerte Narkose verhindere das Delir. Die größte Einzelstudie senkte die Suppressionsdauer von median 13 auf 7 Minuten, ohne die Delirhäufigkeit zu ändern, 26,0 gegenüber 23,0 Prozent; die Metaanalysen fallen mit relativen Risiken von 0,81 und 0,77 günstiger aus, und die Gesamtbewertung bleibt uneinheitlich.8, 10, 11, 13

Übung 10.1

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Der Patient, der nach der Narkose nicht erwacht

Ein 66-jähriger Mann wird nach einer viereinhalbstündigen offenen Hemikolektomie in den Aufwachraum übernommen. Die Narkose wurde mit Propofol und Remifentanil geführt, zuletzt lief die Propofolzufuhr über 30 Minuten unverändert weiter, während im Spektrogramm langsame Wellen mit wiederkehrenden Pausen zu sehen waren. Rocuronium wurde antagonisiert, das Train-of-four-Verhältnis beträgt quantitativ 0,98. Seit 40 Minuten laufen keine Anästhetika mehr. Der Patient öffnet die Augen nicht und reagiert nicht auf Ansprache, atmet aber spontan mit einem Atemzugvolumen von 480 ml. Der Blutdruck beträgt 104 zu 58 mmHg, die Herzfrequenz 58 pro Minute, die Temperatur 35,2 Grad Celsius, die Sauerstoffsättigung 97 Prozent. Der Blutzucker liegt bei 6,4 mmol pro Liter, das Natrium bei 141 mmol pro Liter, der Kohlendioxidpartialdruck bei 52 mmHg. Die Pupillen sind mittelweit und beidseits reagibel, es besteht keine Seitendifferenz der Motorik.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Wachheit und Bewusstseinsinhalt sind zwei Achsen. Erst ihre getrennte Beurteilung ordnet Koma, Wachkoma, minimales Bewusstsein, Locked-in-Syndrom und Delir.
  • Das Elektroenzephalogramm misst Synchronität, nicht Aktivität. Groß und langsam heißt gleichgeschaltet, klein und schnell heißt unabhängig arbeitend.
  • Das Ziel der Narkose ist ein Muster, nicht eine Zahl: frontale Alphakohärenz mit langsamen Wellen und keine Pausen im Signal.
  • Jede Wirkstoffgruppe hat ihre eigene Handschrift im Spektrogramm. Passt das Bild nicht zum geführten Wirkstoff, stimmt entweder das Signal nicht oder die Annahme über den Zustand.
  • Mit dem Alter verschwindet der frontale Alphagipfel. Dieselbe Dosis wirkt tiefer, und die Indexzahl fällt systematisch zu niedrig aus.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie beurteilen Sie die Lage?

Gegeben:
Bei einer 82-jährigen Patientin in Allgemeinanästhesie mit Sevofluran zeigt der Monitor einen Indexwert von 58. Ein Kollege möchte deshalb die Konzentration erhöhen. Im Spektrogramm sehen Sie kräftige langsame Wellen und ein schmales, schwaches Band im Alphabereich.

Frage:
Wie beurteilen Sie die Lage?

Lösung

Der Indexwert ist hier irreführend. Mit zunehmendem Alter nehmen die Gesamtleistung des Narkose-Elektroenzephalogramms und besonders die frontale Alphaleistung ab. Eine Rechenvorschrift, die ein kräftiges Alphaband erwartet, liefert dann systematisch zu hohe Werte für die tatsächliche Tiefe, während der Patient bei gleicher Dosis eher tiefer narkotisiert ist als ein junger. Das Spektrogramm zeigt hier bereits das Bild einer ausreichenden chirurgischen Narkose, nämlich langsame Wellen mit einem, wenn auch schwachen, frontalen Alphaanteil. Eine Erhöhung der Konzentration würde das Alphaband zum Verschwinden bringen und Pausen erzeugen, also Burst-Suppression, die mit dem Delir verbunden ist. Richtig ist, die Konzentration zu belassen oder eher zu senken, das Muster im Verlauf zu beobachten und die Beurteilung am Bild und nicht an der Zahl festzumachen.

Aufgabe 2: Was geschieht hier, und wie

Gegeben:
Ein 47-jähriger Patient erhält zur Einleitung Ketamin und Rocuronium. Der Indexwert steigt nach der Ketamingabe von 42 auf 74, der Patient ist nicht ansprechbar.

Frage:
Was geschieht hier, und wie reagieren Sie?

Lösung

Ketamin drosselt die Erregung am NMDA-Rezeptor, statt die GABAerge Hemmung zu verstärken. Dadurch fehlt das frontale Alphaband vollständig, und schnelle Aktivität bleibt erhalten oder nimmt zu. Das Elektroenzephalogramm ähnelt damit dem eines wachen Gehirns, obwohl der Patient tief bewusstlos ist. Die Rechenvorschrift der Indexzahl deutet den hohen Anteil schneller Frequenzen als flache Narkose und zeigt deshalb einen hohen Wert. Eine Dosissteigerung des Hypnotikums wäre falsch und würde nur Kreislaufdepression erzeugen. Richtig ist, das Spektrogramm zu beurteilen, das Bild dem geführten Wirkstoff zuzuordnen und die klinische Beurteilung heranzuziehen. Zu beachten ist zusätzlich, dass das Muskelrelaxans die Anzeige unabhängig davon senkt, weil das Stirnmuskelsignal entfällt, und dass es die einzige klinische Warnmöglichkeit des Patienten ausschaltet.

Aufgabe 3: Was veranlassen Sie, und warum?

Gegeben:
Eine Patientin wird nach einem generalisierten Krampfanfall intubiert und sediert. Nach 14 Stunden ist die Sedierung seit vier Stunden abgestellt, sie erwacht nicht. Die Pupillen sind mittelweit und reagibel, es besteht keine Hypoglykämie und keine Hypotonie.

Frage:
Was veranlassen Sie, und warum?

Lösung

Zu veranlassen ist unverzüglich eine Ableitung des Elektroenzephalogramms. Der wahrscheinlichste Grund für eine anhaltende Bewusstlosigkeit in dieser Lage ist ein nichtkonvulsiver Status epilepticus. Nach einem generalisierten Anfall kann die elektrische Aktivität fortbestehen, während die motorischen Zeichen verschwunden sind, und dann bleibt der Zustand ohne Ableitung unerkannt. Die Schädigung läuft dabei weiter, weil der anhaltende Anfall den Energiebedarf steigert und über die exzitotoxische Kaskade Zellen zerstört. Die klinische Untersuchung kann diese Frage grundsätzlich nicht beantworten. Parallel werden die übrigen Ursachen abgearbeitet, also Bildgebung, Elektrolyte, Leber- und Nierenfunktion, Temperatur, Infektion und verbliebene Wirkstoffe mit verlängerter Wirkdauer. Eine frontale Einkanalableitung des Narkosemonitors genügt hier nicht, weil sie fokale Muster anderer Regionen nicht erfasst.

Aufgabe 4: Wie antworten Sie mit der

Gegeben:
Ein Vorgesetzter sagt, EEG-gesteuerte Narkose verhindere das postoperative Delir und solle deshalb bei allen Patienten über 70 Jahren verpflichtend sein.

Frage:
Wie antworten Sie mit der Studienlage?

Lösung

Die Aussage ist in dieser Eindeutigkeit nicht belegt. Die größte Einzelstudie mit 1 213 Patienten senkte die Suppressionsdauer von median 13 auf 7 Minuten, änderte die Delirhäufigkeit bis Tag 5 aber nicht, 26,0 gegenüber 23,0 Prozent. In der herzchirurgischen Untersuchung mit 1 140 Patienten sank die Suppressionsdauer von median 11,7 auf 4,0 Minuten bei praktisch identischer Delirrate von 18,15 gegenüber 18,10 Prozent. Die Metaanalysen fallen günstiger aus, mit einem relativen Risiko von 0,81 in zwölf Studien mit 4 523 Patienten und von 0,77 in einer Auswertung aus 18 Studien, letztere allerdings ohne Effekt auf die kognitive Leistung nach einer Woche und nach ein bis drei Monaten. Eine Fachgesellschaft bewertet die Daten zum intraoperativen Monitoring in der Delirprävention als nicht schlüssig. Sinnvoll ist deshalb die folgende Formulierung: Das Verfahren vermeidet nachweislich unnötig tiefe Narkose und Burst-Suppression, die ihrerseits mit dem Delir verbunden ist, Odds Ratio 1,49 bei sehr niedriger Evidenzqualität. Als alleinige Maßnahme der Delirprävention ist es nicht belegt; stark empfohlen sind nichtmedikamentöse Mehrkomponentenprogramme mit einem gepoolten relativen Risiko von 0,62.

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Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
WachheitGrad der Aktivierung, erzeugt vom aufsteigenden System des Hirnstamms; von außen an Augenöffnung und Schlaf-Wach-Rhythmus ablesbar und bloße Voraussetzung des Bewusstseins.
BewusstseinsinhaltDas Wahrgenommene und Erlebte, getragen von weitverzweigten Netzwerken der Großhirnrinde; von außen nur über reproduzierbares gerichtetes Verhalten zugänglich.
Thalamokortikale SchleifeWechselseitige Verbindung von Thalamus und Rinde mit zwei Betriebsarten; der Wechsel vom tonischen in den rhythmischen Burstmodus unterbricht die Informationsübertragung.
Frontale AlphakohärenzNach vorn gewandertes, gleichphasiges Alphaband unter GABAergen Hypnotika; zusammen mit langsamen Wellen das Bild der chirurgischen Narkose.
SpektrogrammDarstellung der Leistung jeder Frequenz über die Zeit als Farbbild; sie zeigt Muster und Verlauf, die eine Indexzahl verwirft.
Burst-SuppressionWechsel von Phasen hoher Aktivität und elektrischer Stille als Zeichen zu tiefer Narkose; mit dem Delir verbunden und nur selten ausdrücklich gewollt.
Abgeleitete IndexzahlAus Frequenzanteilen und Suppressionsanteil nach empirischer Vorschrift errechneter Wert zwischen 0 und 100; wirkstoffabhängig, verzögert und störanfällig.
Nichtkonvulsiver Status epilepticusFortbestehende epileptische Aktivität ohne motorische Zeichen; häufige Ursache anhaltender Bewusstlosigkeit und nur durch Ableitung erkennbar.

Literatur

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Standardwerke

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