Die Osmotherapie beruht auf einer einzigen Voraussetzung: Das gegebene Teilchen darf die Schranke nicht überqueren. Nur dann entsteht zwischen Blut und Hirngewebe ein Gefälle, dem Wasser folgen kann. Mannitol und Natrium erfüllen diese Bedingung bei intakter Schranke annähernd. Genau deshalb zieht die Osmotherapie beim zellulären Ödem und versagt dort, wo die Schranke zerstört ist: Das Teilchen tritt in das geschädigte Gewebe über, das Gefälle verschwindet, und beim Abklingen der Blutkonzentration kehrt es sich sogar um, was den bekannten Rückschlag erklärt. Dass beide Osmotika dabei gleichwertig sind, zeigte eine Auswertung von 15 Studien mit 637 Patienten mit vergleichbarer Drucksenkung ohne Unterschied in Sterblichkeit und Ergebnis, kürzerer Wirkdauer von Mannitol und kürzerer Intensivliegedauer unter hypertoner Kochsalzlösung.2 Ebenso wichtig ist die Abgrenzung von der Vorbeugung: Eine vorbeugende Dauerinfusion hypertoner Kochsalzlösung verbesserte bei 370 Patienten das neurologische Ergebnis nach sechs Monaten nicht, mit einer Odds Ratio von 1,02.3 Die Osmotherapie steht in den Eskalationsalgorithmen daher als Maßnahme einer mittleren Stufe und nicht als Dauerkonzept.4, 5
Die steuernden Größen sind Natrium und Osmolalität, und zwar beide. Die Osmolalität sagt, wie viele Teilchen insgesamt gelöst sind; die Tonizität sagt, wie viele davon die Schranke tatsächlich nicht überqueren und deshalb Wasser bewegen. Harnstoff steigt bei Niereninsuffizienz und hebt die Osmolalität, wirkt aber nicht tonisch, weil er langsam übertritt. Die Physiologie dahinter steht vollständig in der Kachel Inneres Milieu; entscheidend ist hier die Anwendung. Das Gehirn ist das Organ, das eine Hyponatriämie zuerst spürt, weil es in einem starren Behälter liegt und kein Ausweichvolumen hat. Es wehrt sich, indem die Zellen zunächst Kalium und Chlorid und über Tage organische Osmolyte abgeben, sodass sich das Zellvolumen wieder normalisiert. Diese Anpassung erklärt beide Gefahren: Eine rasch entstandene Hyponatriämie erzeugt ein Hirnödem, bevor die Anpassung greifen kann, und eine rasch korrigierte chronische Hyponatriämie entzieht den angepassten Zellen Wasser und führt zum osmotischen Demyelinisierungssyndrom.6 Deshalb gilt für die Korrektur eine Höchstgeschwindigkeit, und deshalb ist beim Hirndruckpatienten eine Hyponatriämie kein Nebenbefund, sondern eine behandlungsbedürftige Ursache.
Der letzte Punkt betrifft die Entzündung. Die Schranke ist keine feste Wand, sondern ein regulierter Zustand, und Entzündungsstoffe verändern ihn innerhalb von Stunden. Bei Sepsis, nach großen Operationen und nach Trauma steigen Botenstoffe im Blut, die Endothelzellen aktivieren, die dichten Verbindungen lockern, den Vesikeltransport steigern und Leukozyten anlocken. Die Folge ist eine durchlässigere Schranke mit vasogenem Ödem, gestörter Regulation der Durchblutung und veränderter Wirkung von Medikamenten, die nun in größerem Umfang in das Gehirn gelangen. Dieselbe Kette ist eine der plausibelsten Erklärungen für die septische Enzephalopathie und für einen Teil des postoperativen Delirs; die europäische Leitlinie nennt die operationsbedingte Entzündung ausdrücklich als einen der beteiligten Mechanismen und die Narkosetiefe, die Analgesie und die hämodynamische Stabilität als die beeinflussbaren Faktoren.7 Auch die Steuerung nach Hirngewebesauerstoffdruck setzt voraus, dass Gewebe und Gefäß als eine Einheit betrachtet werden.8 Wie sich daraus Prävention und Behandlung des Delirs ergeben, ist Gegenstand des Unterkapitels zum Delir.
VorsichtBei chronischer Hyponatriämie hat sich das Gehirn durch Abgabe von Osmolyten bereits angepasst. Eine zu rasche Anhebung des Natriums entzieht diesen Zellen Wasser und kann ein osmotisches Demyelinisierungssyndrom auslösen, dessen Symptome erst nach Tagen auftreten und bleibend sein können.6 Beim akuten symptomatischen Verlauf gilt das Gegenteil: Dort ist die rasche Anhebung um wenige mmol je Liter lebensrettend.
Für die Praxis heißt das: Messen Sie Natrium und Osmolalität vor jeder weiteren Gabe eines Osmotikums und dokumentieren Sie eine obere Grenze, ab der Sie nicht weiter steigern. Fragen Sie bei ausbleibender Wirkung zuerst, ob die Schranke in diesem Bezirk überhaupt noch dicht ist, bevor Sie die Dosis erhöhen. Unterscheiden Sie bei jeder Hyponatriämie akut von chronisch, weil daraus entgegengesetzte Korrekturgeschwindigkeiten folgen. Und erwarten Sie bei Sepsis und nach großen Eingriffen eine durchlässigere Schranke mit stärkerer Wirkung zentral wirksamer Medikamente. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein septischer Patient unter unveränderter Sedierungsdosis immer tiefer sediert wird und dies als Verschlechterung der Grunderkrankung gedeutet wird.