Klinische Physiologie, Kachel 06 · Stufe PJ

Blut-Hirn-Schranke, Hirnödem und das neuronale Milieu

Warum das Gehirn sein eigenes Milieu baut, welche Wirkstoffe hineinkommen und welche nicht, und warum dieselbe Osmotherapie beim einen Ödem zieht und beim anderen nichts bewirkt.

Lernziele
  • Die neurovaskuläre Einheit aus Endothel, dichten Verbindungen, Basalmembran, Perizyten und Astrozytenfortsätzen beschreiben und ihre Aufgaben zuordnen.
  • Aus den Transportwegen ableiten, welche Stoffe und Wirkstoffe das Gehirn erreichen und welche nicht, und typische klinische Folgen daraus erklären.
  • Die zirkumventrikulären Organe als bewusste Lücken benennen und den Abtransport gelöster Stoffe über Liquor und perivaskuläre Räume darstellen.
  • Die Leistungen der Astrozyten für Kalium, Glutamat und Energie erklären und ihre Bedeutung für Anfälle und Ischämie ableiten.
  • Zytotoxisches, vasogenes und interstitielles Ödem an Ursache, Ort des Wassers, Zustand der Schranke, Bildbefund und Behandlung unterscheiden.
  • Begründen, warum die Osmotherapie eine intakte Schranke voraussetzt, und Natrium und Osmolalität als die steuernden Größen einsetzen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit zwei eigens gezeichneten Abbildungen zur neurovaskulären Einheit und zum Vergleich der Ödemformen, einer Tabelle der Stoffe und Wirkstoffe mit ihrem Weg über die Schranke und der klinischen Folge, einer Tabelle der drei Ödemformen mit Ursache, Ort des Wassers, Zustand der Schranke, Bildbefund und Behandlung, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt das vorangehende Unterkapitel zu Liquor, Hirndruck und Perfusionsdruck voraus; Osmolalität, Tonizität, Natriumstörungen und ihre Korrekturgeschwindigkeit stehen in der Kachel Inneres Milieu, Membrantransport und Membranpotenzial in der Kachel Homöostase und Zellfunktion.
  3. Die entzündliche Öffnung der Schranke ist die Brücke zum Unterkapitel über das Delir; die Pharmakokinetik der Anästhetika und ihre Steuerung führen die Einheiten zu Inhalationsanästhetika und zu Pharmakokinetik und zielgesteuerter Infusion im Modul Allgemeinanästhesie aus.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Zwei Patienten mit Hirnödem, zwei entgegengesetzte Entscheidungen. Der eine hat nach einem Kreislaufstillstand ein diffuses Ödem mit aufgehobener Mark-Rinden-Grenze; bei ihm zieht die Osmotherapie Wasser aus dem Gewebe, und Dexamethason nützt nichts. Die andere hat ein Glioblastom mit fingerförmigem Ödem der weißen Substanz; bei ihr wirkt Dexamethason binnen Stunden, und die Osmotherapie hält nur kurz. Der Unterschied liegt nicht im Ausmaß des Ödems, sondern in einer einzigen Frage: Ist die Blut-Hirn-Schranke noch dicht? Wer diese Frage nicht stellt, behandelt das eine Ödem mit dem Mittel des anderen.

Die Schranke entscheidet aber weit mehr als die Ödemtherapie. Sie bestimmt, warum ein Muskelrelaxans das Bewusstsein nicht berührt, warum Neostigmin peripher und Physostigmin zentral wirkt, warum Glycopyrronium keine Verwirrtheit erzeugt und Atropin sehr wohl, warum Antibiotika bei Meningitis höher dosiert werden und warum ein Teil der Opioidwirkung erst mit Verzögerung eintritt. Sie erklärt außerdem, warum eine Hyponatriämie das Gehirn früher trifft als jedes andere Organ und warum sie nicht zu rasch korrigiert werden darf. Und sie öffnet sich unter Entzündung, was die Brücke zu Sepsis, postoperativer Verwirrtheit und Delir schlägt. Die Osmolalität und die Natriumstörungen als solche sind in der Kachel Inneres Milieu dargestellt; hier geht es um das Organ, das sie trifft.

Lektion 2

Der Bau: die neurovaskuläre Einheit

Die Blut-Hirn-Schranke ist keine Membran, sondern ein Zellverband mit vier Bestandteilen, die man gemeinsam als neurovaskuläre Einheit bezeichnet. Den Kern bildet das Endothel der Hirnkapillaren. Es unterscheidet sich vom Endothel aller anderen Organe in drei Punkten: Es hat keine Fenster, es zeigt nur sehr wenig Vesikeltransport, und seine Zellen sind durch ausgedehnte dichte Verbindungen aus Claudinen und Occludinen verbunden. Diese Verbindungen verschließen den Weg zwischen den Zellen so vollständig, dass der elektrische Widerstand über der Hirnkapillare um Größenordnungen höher liegt als über einer Muskelkapillare. Damit ist der einfachste Weg, den ein gelöster Stoff in anderen Organen nimmt, nämlich der Weg zwischen den Zellen hindurch, im Gehirn praktisch geschlossen. Alles, was hinein will, muss durch die Zelle.

Außen liegt die Basalmembran, in die Perizyten eingebettet sind. Perizyten sind kontraktile Zellen, die die Kapillare umgreifen; sie stimmen die Durchblutung auf lokaler Ebene mit ab, steuern die Ausbildung der dichten Verbindungen und begrenzen den Vesikeltransport. Ihr Verlust ist ein früher Schritt bei der Öffnung der Schranke. Die äußerste Schicht bilden die Astrozytenfortsätze, deren Endfüße die Kapillare fast lückenlos überziehen. Sie bilden keine Barriere im Sinn einer Abdichtung, sondern sie unterhalten die Barriere: Sie geben Signalstoffe ab, die das Endothel zur Ausbildung der dichten Verbindungen veranlassen, und sie tragen in ihrer Membran die Wasserkanäle, über die praktisch aller Wasseraustausch zwischen Blut und Hirngewebe läuft. Über weitere Fortsätze stehen dieselben Astrozyten mit den Synapsen in Verbindung. Damit ist die Einheit vollständig: Das Gefäß, die Zellen, die es abdichten, und die Zellen, die gleichzeitig am Gefäß und an der Synapse sitzen.

Die neurovaskuläre Einheit im Querschnitt dichte Verbindung Kapillarlumen Endothel Basalmembran Astrozytenfuß Neuron 1 2 3 Perizyt 1 lipophile Diffusion Propofol, Opioide 2 Transporter Glucose, Aminosäuren 3 Auswärtspumpe hält Stoffe draußen
Der Weg zwischen den Endothelzellen ist durch die dichten Verbindungen versperrt, hier als roter Riegel gezeichnet. Übrig bleiben drei Wege: die freie Diffusion lipophiler Stoffe durch die Zellmembranen, der Transport über spezifische Carrier und eine aktive Rückpumpe, die bereits eingedrungene Moleküle wieder in das Blut befördert. Perizyten und Astrozytenfüße bilden keine Barriere, sondern unterhalten sie.

Für die Praxis heißt das: Behandeln Sie die Schranke nicht als Konstante, sondern als einen Zustand, der sich ändern kann. Fragen Sie bei jeder Entscheidung über Medikamente und Osmotherapie, ob Sie von einer intakten oder einer geschädigten Schranke ausgehen, und prüfen Sie diese Annahme am Bild und am Verlauf. Erwarten Sie in Bereichen mit sichtbarer Kontrastmittelanreicherung eine offene Schranke, denn Kontrastmittel tritt bei intakter Schranke nicht aus. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Substanz mit fehlender zentraler Wirkung höher dosiert wird, obwohl sie das Gehirn gar nicht erreicht.

Übung 2.1

Lektion 3

Wer durchkommt und wer nicht

Aus dem Bau folgen genau drei Wege hinein und ein Weg hinaus. Der erste ist die freie Diffusion durch die Zellmembranen. Sie steht kleinen, ungeladenen, lipophilen Molekülen offen, also Sauerstoff, Kohlendioxid, Stickstoffmonoxid, den volatilen Anästhetika, Propofol und den meisten Opioiden. Die Geschwindigkeit hängt an Lipophilie, Molekülgröße, Ladung und Eiweißbindung; nur der freie, ungeladene Anteil passiert. Deshalb wirken schwache Basen in einem sauren Milieu schlechter, und deshalb tritt ein Stoff mit hoher Eiweißbindung langsamer über, obwohl er lipophil ist.

Der zweite Weg ist der Transport über Carrier. Glucose gelangt über einen eigenen Transporter in das Gehirn, und zwar insulinunabhängig, aber sättigbar. Das erklärt zweierlei: Das Gehirn nimmt bei Hyperglykämie nicht beliebig mehr Glucose auf, und es leidet bei Hypoglykämie sofort, weil es keine nennenswerten Speicher hat. Große neutrale Aminosäuren nutzen ebenfalls einen eigenen Transporter, und dieser ist der Grund, warum sich die Vorstufe eines Botenstoffs verabreichen lässt, wo der Botenstoff selbst nicht hineinkäme. Weitere Systeme transportieren Monocarboxylate wie Laktat und Ketonkörper, die im Hunger und unter Belastung einen erheblichen Teil des Energiebedarfs decken.

Der dritte Weg ist der Transport großer Moleküle über Rezeptoren, etwa für Transferrin und Insulin; er ist mengenmäßig klein, aber pharmazeutisch interessant. Der Weg hinaus schließlich sind die aktiven Auswärtspumpen der luminalen Endothelmembran, allen voran das P-Glykoprotein. Sie befördern Substanzen, die bereits in die Endothelzelle eingedrungen sind, zurück in das Blut. Das ist der Grund, warum manche lipophilen Stoffe trotz guter Löslichkeitseigenschaften keine zentrale Wirkung entfalten, und der Grund, warum bestimmte Wechselwirkungen die Hirnwirkung eines Medikaments unerwartet verstärken können.

Tabelle 1: Wer durchkommt und wer nicht
Stoff oder WirkstoffWeg über die SchrankeKlinische Folge
Sauerstoff, Kohlendioxidfreie Diffusion, sehr schnellder Kohlendioxidpartialdruck steuert den Gefäßtonus in Sekunden; Hyperventilation wirkt sofort und ist deshalb so verführerisch1
Wasserüber Wasserkanäle der Astrozytenfüße, kaum zwischen den Zelleneine Hyponatriämie erzeugt Zellschwellung innerhalb von Stunden, weil Wasser folgt, Natrium aber nicht
Natrium, Mannitolpraktisch keine Passage bei intakter SchrankeGrundlage der Osmotherapie; bei zerstörter Schranke treten beide aus und die Wirkung kehrt sich um2
Glucoseeigener Transporter, insulinunabhängig, sättigbarkeine Speicher im Gehirn, Hypoglykämie wirkt sofort; Hyperglykämie steigert die Aufnahme nicht beliebig
Große neutrale Aminosäureneigener Transporter, konkurrierend besetztVorstufen von Botenstoffen kommen hinein, die Botenstoffe selbst nicht; Konkurrenz am Transporter verändert die Aufnahme
Propofol, volatile Anästhetika, Fentanyllipophile Diffusionrascher Wirkeintritt, Steuerung praktisch über die Blutkonzentration
Morphin und sein wirksamer AbbaustoffMorphin langsam, der polare Abbaustoff noch langsamer, aber wirksamverzögerter Wirkgipfel; bei eingeschränkter Nierenfunktion Anreicherung mit später Atemdepression
Muskelrelaxanzien, Neostigmin, Glycopyrroniumquaternäre Ammoniumverbindungen, keine Passagekeine zentrale Wirkung; Relaxanzien verändern weder Bewusstsein noch EEG, Glycopyrronium erzeugt kein zentrales anticholinerges Bild
Atropin, Physostigmin, Scopolamintertiäre Amine, Passage möglichzentrale Wirkungen bis zur Verwirrtheit; Physostigmin wird gerade deswegen zur Behandlung des zentralen anticholinergen Bildes genutzt
Betalactam-Antibiotikaschlechte Passage, besser bei entzündeten HirnhäutenMeningitisdosierung liegt deutlich über der üblichen; mit abklingender Entzündung sinkt die Konzentration im Liquor wieder

Für die Praxis heißt das: Ordnen Sie jedes Medikament, dessen zentrale Wirkung Sie beurteilen müssen, einem dieser Wege zu, bevor Sie über Dosis oder Wirksamkeit entscheiden. Nutzen Sie die Regel, dass quaternäre Verbindungen draußen bleiben und tertiäre Amine hineinkommen, als schnelle Entscheidungshilfe am Bett. Erwarten Sie bei entzündeten Hirnhäuten eine bessere und bei abklingender Entzündung eine wieder schlechtere Aufnahme und passen Sie die Dosierung entsprechend an, statt sie über den ganzen Verlauf gleich zu lassen. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein wacher Patient unter Relaxans als sediert gilt oder dass eine Verwirrtheit unter Atropin als Delir aus anderer Ursache gedeutet wird.

Übung 3.1

Lektion 4

Bewusste Lücken und der Abtransport

Die Schranke ist nicht überall geschlossen, und das aus gutem Grund. An mehreren Stellen um den dritten und vierten Ventrikel liegen die zirkumventrikulären Organe mit gefenstertem Endothel. Dazu gehören die Area postrema am Boden des vierten Ventrikels, die Eminentia mediana, die Neurohypophyse, das Subfornikalorgan und das Organum vasculosum der Lamina terminalis. Ihre Aufgabe ist Messen und Abgeben: Hier muss das Gehirn die Zusammensetzung des Blutes direkt prüfen können, und hier müssen Hormone direkt in das Blut gelangen. Das Subfornikalorgan und das Organum vasculosum registrieren die Osmolalität und lösen Durst und die Vasopressinfreisetzung aus; die Area postrema ist die Brechreizzone, die Giftstoffe im Blut erkennt und Erbrechen auslöst. Aus dieser Anatomie folgt unmittelbar, warum Substanzen, die das Gehirn sonst nicht erreichen, dennoch Übelkeit erzeugen können, und warum die Antiemetika an dieser Stelle angreifen.

Der zweite Punkt betrifft den Abtransport. Das Gehirn hat keine klassischen Lymphgefäße im Gewebe, muss aber Abbaustoffe und Eiweiße loswerden. Nach heutiger Vorstellung geschieht das über die perivaskulären Räume: Liquor tritt entlang der arteriellen Gefäße in das Gewebe ein, durchströmt den Interstitialraum unter Beteiligung der Wasserkanäle der Astrozytenfüße und verlässt ihn entlang der Venen; von dort gelangen die gelösten Stoffe über die Hirnhäute in die Lymphgefäße des Halses. Diese glymphatische Vorstellung ist gut begründet, in vielen Einzelheiten aber noch offen und beim Menschen nicht unmittelbar messbar; man sollte sie als Arbeitsmodell und nicht als gesicherte Größe behandeln. Zwei Beobachtungen sind konsistent: Der Austausch ist im Schlaf deutlich ausgeprägter als im Wachzustand, weil der Interstitialraum dann größer ist, und er ist bei gestörtem Liquorfluss und bei geschädigten Astrozytenfüßen vermindert.

Für die Praxis heißt das: Halten Sie den Liquorfluss und den venösen Abfluss frei, weil beide auch den Abtransport gelöster Stoffe tragen; die Lagerungsregeln aus dem vorangehenden Unterkapitel gelten damit doppelt. Behandeln Sie den Schlaf auf der Intensivstation als Behandlungsziel und nicht als Komfort, indem Sie nächtliche Störungen, Licht und unnötige Maßnahmen begrenzen. Erwarten Sie, dass Substanzen ohne zentrale Wirkung dennoch Übelkeit auslösen können, weil die Brechreizzone außerhalb der Schranke liegt. Den Fehler erkennen Sie daran, dass Übelkeit als Zeichen einer zentralen Wirkung gedeutet und deshalb eine Sedierung reduziert wird, die mit dem Symptom nichts zu tun hat.

Übung 4.1

Lektion 5

Das Milieu am Neuron: Kalium, Glutamat und Energie

Die Schranke erzeugt einen abgeschlossenen Raum, und in diesem Raum arbeiten die Astrozyten als Hausverwaltung. Ihre erste Aufgabe ist das Kaliumpuffern. Jedes Aktionspotenzial gibt Kalium in den engen Extrazellulärraum ab, der nur einen kleinen Teil des Hirnvolumens ausmacht. Ohne Gegenmaßnahme würde die extrazelluläre Kaliumkonzentration bei hoher Aktivität rasch steigen, das Ruhemembranpotenzial würde sich der Schwelle nähern und die Erregbarkeit unkontrolliert zunehmen. Astrozyten nehmen das Kalium über Kanäle und über ihre Natrium-Kalium-Pumpe auf und geben es über ihr ausgedehntes, untereinander gekoppeltes Netz an Orten geringerer Konzentration und an den Gefäßen wieder ab. Die Grundlagen des Membranpotenzials stehen in Kachel 01, die Erregungsleitung in Kachel 02; hier zählt die Folge: Versagt diese Pufferung, etwa bei Energiemangel, steigt das extrazelluläre Kalium, und aus einer lokalen Störung wird ein sich ausbreitender Erregungssturm.

Die zweite Aufgabe ist die Aufnahme von Glutamat. Glutamat ist der wichtigste erregende Botenstoff und zugleich ein Zellgift, sobald es im Extrazellulärraum verbleibt. Astrozyten nehmen es über Transporter auf, die vom Natriumgradienten angetrieben werden, und wandeln es zu Glutamin um, das sie an das Neuron zurückgeben; dort wird daraus wieder Glutamat. Dieser Kreislauf hält die extrazelluläre Konzentration außerordentlich niedrig. Bei Energiemangel bricht er zusammen, weil der Natriumgradient zusammenbricht und die Transporter dann sogar rückwärts arbeiten. Glutamat sammelt sich an, öffnet calciumdurchlässige Kanäle am Neuron, und der Calciumeinstrom löst die Kaskade aus, die als Exzitotoxizität den Zelltod nach Ischämie und Trauma trägt.

Die dritte Aufgabe ist der Energieaustausch. Astrozyten liegen mit einem Fortsatz am Gefäß und mit einem anderen an der Synapse und sind damit die logische Schnittstelle zwischen Durchblutung und Verbrauch. Sie nehmen Glucose auf, speichern einen kleinen Vorrat als Glykogen, der als einzige Energiereserve des Gehirns gilt, und geben bei hoher synaptischer Aktivität Laktat an die Neuronen ab, die es unmittelbar verwerten. Zugleich melden sie über ihre Endfüße den Bedarf an die Gefäße weiter und sind damit an der Kopplung von Aktivität und Durchblutung beteiligt, die im vorangehenden Unterkapitel dargestellt ist.

Für die Praxis heißt das: Behandeln Sie beim Anfall, bei der Ischämie und beim Trauma zuerst die Größen, von denen diese drei Leistungen abhängen, nämlich Sauerstoffangebot, Perfusionsdruck, Blutzucker und Temperatur. Beenden Sie einen Anfall rasch, weil jede weitere Minute Kaliumpufferung und Glutamataufnahme zusätzlich belastet. Vermeiden Sie Hyperthermie konsequent, weil sie den Verbrauch steigert, während das Angebot begrenzt bleibt. Den Fehler erkennen Sie daran, dass nach einem generalisierten Anfall die Ursachensuche beginnt, bevor der Anfall sicher beendet, der Blutzucker gemessen und die Oxygenierung gesichert ist.

Übung 5.1

Lektion 6

Die drei Ödemformen

Ein Hirnödem ist zusätzliches Wasser im Schädel, und es gibt drei grundsätzlich verschiedene Wege, auf denen es dorthin gelangt. Die Unterscheidung ist keine Feinheit der Pathologie, sondern bestimmt unmittelbar die Behandlung.

Beim zytotoxischen oder besser zellulären Ödem liegt das Wasser in den Zellen. Ursache ist ein Energiemangel: Die Natrium-Kalium-Pumpe versagt, Natrium sammelt sich in der Zelle an, Wasser folgt osmotisch, und die Zelle schwillt. Die Schranke ist zunächst intakt, das Gesamtwasser im Schädel steigt anfangs kaum, das Wasser wird nur umverteilt. Typische Auslöser sind Ischämie, Kreislaufstillstand, schwere Hypoxie, Leberversagen und die akute Hyponatriämie. Im Bild zeigt sich früh eine Aufhebung der Mark-Rinden-Grenze, in der Diffusionswichtung eine Einschränkung der Beweglichkeit der Wassermoleküle. Weil die Schranke steht, zieht die Osmotherapie hier zuverlässig, und die entscheidende Behandlung ist die Beseitigung der Ursache.

Beim vasogenen Ödem liegt das Wasser außerhalb der Zellen. Ursache ist eine geöffnete Schranke: Die dichten Verbindungen lockern sich, der Vesikeltransport nimmt zu, und Eiweiße treten mit Wasser in das Interstitium über. Typische Auslöser sind Tumoren, Abszesse, Entzündungen, das späte Stadium nach Trauma und Ischämie sowie die hypertensive Enzephalopathie. Das Ödem breitet sich bevorzugt in der weißen Substanz aus, weil dort der Widerstand entlang der Faserbündel geringer ist; im Bild entsteht das bekannte fingerförmige Muster mit Kontrastmittelaustritt. Hier wirkt Dexamethason, weil es die Durchlässigkeit der Tumorgefäße vermindert, und hier ist die Osmotherapie weniger verlässlich, weil das osmotisch wirksame Teilchen durch die undichte Stelle mit austritt.

Beim interstitiellen Ödem stammt das Wasser aus dem Liquor. Bei einem Aufstau in den Ventrikeln presst der erhöhte Liquordruck Flüssigkeit durch das Ependym in die periventrikuläre weiße Substanz. Die Schranke ist intakt, das Ödem ist Folge eines Druckgradienten und nicht einer Durchlässigkeitsstörung. Im Bild sieht man erweiterte Ventrikel mit einem Saum verminderter Dichte um die Vorderhörner. Weder Osmotherapie noch Steroide lösen das Problem; wirksam ist allein die Ableitung des Liquors.

Drei Ödemformen im Vergleich zytotoxisch vasogen interstitiell Ort des Wassers in der Zelle Zelle schwillt im Interstitium um die Gefäße im Gewebe vom Liquor her Schranke intakt Pumpen versagen geöffnet Proteine treten aus intakt Abfluss gestaut Maßnahme Osmotherapie zieht Ursache beheben Osmotherapie kaum Steroide bei Tumor Liquor ableiten Drainage, Shunt Die Maßnahme folgt dem Ort des Wassers und der Schranke
Nur beim zellulären Ödem steht die Schranke vollständig, und nur dort zieht die Osmotherapie zuverlässig. Beim vasogenen Ödem ist die Schranke selbst das Problem, weshalb Steroide wirken und Osmotika an der undichten Stelle mit austreten. Beim interstitiellen Ödem hilft weder das eine noch das andere, sondern allein die Ableitung des Liquors.
Tabelle 2: Die drei Ödemformen
FormUrsacheOrt des WassersSchrankeBildbefundBehandlung
Zytotoxisch, zellulärEnergiemangel bei Ischämie, Hypoxie, Kreislaufstillstand, Leberversagen, akute Hyponatriämieinnerhalb der Zellenzunächst intaktMark-Rinden-Grenze aufgehoben, eingeschränkte Diffusion in der DiffusionswichtungUrsache beseitigen, Natrium und Osmolalität steuern, Osmotherapie wirkt zuverlässig2
VasogenTumor, Abszess, Entzündung, spätes Stadium nach Trauma und Ischämie, hypertensive Enzephalopathieim Interstitium, bevorzugt in der weißen Substanzgeöffnet, Eiweißaustrittfingerförmiges Muster der weißen Substanz, KontrastmittelaustrittDexamethason beim Tumorödem, Ursache behandeln; Osmotherapie nur als Überbrückung, weil Osmotika mit austreten
InterstitiellLiquoraufstau bei Verschluss- oder Resorptionsstörungperiventrikuläre weiße Substanz, aus dem Liquor stammendintakt, reines Druckproblemerweiterte Ventrikel mit Saum verminderter Dichte um die VorderhörnerLiquorableitung über externe Drainage oder Shunt; Steroide und Osmotherapie unwirksam

In der Wirklichkeit treten die Formen selten rein auf. Nach einem großen Mediainfarkt beginnt das Ödem zellulär und wird über Tage zunehmend vasogen, sobald die Schranke zerfällt; genau dieser Übergang erklärt, warum die Osmotherapie am zweiten Tag noch wirkt und am vierten kaum noch. Nach einer Subarachnoidalblutung können alle drei Formen gleichzeitig bestehen. Die Frage ist deshalb nicht, welche Form vorliegt, sondern welche gerade überwiegt.

Für die Praxis heißt das: Bestimmen Sie vor jeder Ödembehandlung die Form anhand von Ursache und Bild und begründen Sie daraus die Maßnahme. Geben Sie Dexamethason beim Tumor- und Abszessödem und nicht beim ischämischen oder traumatischen Ödem, wo es keinen Nutzen hat. Erwarten Sie beim großen Infarkt eine nachlassende Wirkung der Osmotherapie im Verlauf und planen Sie die Entscheidung über eine operative Entlastung rechtzeitig statt in der Krise. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Osmotherapie wiederholt gegeben wird, obwohl Natrium und Osmolalität bereits hoch sind und der Druck jedes Mal nur kurz fällt.

Übung 6.1

Lektion 7

Osmotherapie, Natrium und die entzündete Schranke

Die Osmotherapie beruht auf einer einzigen Voraussetzung: Das gegebene Teilchen darf die Schranke nicht überqueren. Nur dann entsteht zwischen Blut und Hirngewebe ein Gefälle, dem Wasser folgen kann. Mannitol und Natrium erfüllen diese Bedingung bei intakter Schranke annähernd. Genau deshalb zieht die Osmotherapie beim zellulären Ödem und versagt dort, wo die Schranke zerstört ist: Das Teilchen tritt in das geschädigte Gewebe über, das Gefälle verschwindet, und beim Abklingen der Blutkonzentration kehrt es sich sogar um, was den bekannten Rückschlag erklärt. Dass beide Osmotika dabei gleichwertig sind, zeigte eine Auswertung von 15 Studien mit 637 Patienten mit vergleichbarer Drucksenkung ohne Unterschied in Sterblichkeit und Ergebnis, kürzerer Wirkdauer von Mannitol und kürzerer Intensivliegedauer unter hypertoner Kochsalzlösung.2 Ebenso wichtig ist die Abgrenzung von der Vorbeugung: Eine vorbeugende Dauerinfusion hypertoner Kochsalzlösung verbesserte bei 370 Patienten das neurologische Ergebnis nach sechs Monaten nicht, mit einer Odds Ratio von 1,02.3 Die Osmotherapie steht in den Eskalationsalgorithmen daher als Maßnahme einer mittleren Stufe und nicht als Dauerkonzept.4, 5

Die steuernden Größen sind Natrium und Osmolalität, und zwar beide. Die Osmolalität sagt, wie viele Teilchen insgesamt gelöst sind; die Tonizität sagt, wie viele davon die Schranke tatsächlich nicht überqueren und deshalb Wasser bewegen. Harnstoff steigt bei Niereninsuffizienz und hebt die Osmolalität, wirkt aber nicht tonisch, weil er langsam übertritt. Die Physiologie dahinter steht vollständig in der Kachel Inneres Milieu; entscheidend ist hier die Anwendung. Das Gehirn ist das Organ, das eine Hyponatriämie zuerst spürt, weil es in einem starren Behälter liegt und kein Ausweichvolumen hat. Es wehrt sich, indem die Zellen zunächst Kalium und Chlorid und über Tage organische Osmolyte abgeben, sodass sich das Zellvolumen wieder normalisiert. Diese Anpassung erklärt beide Gefahren: Eine rasch entstandene Hyponatriämie erzeugt ein Hirnödem, bevor die Anpassung greifen kann, und eine rasch korrigierte chronische Hyponatriämie entzieht den angepassten Zellen Wasser und führt zum osmotischen Demyelinisierungssyndrom.6 Deshalb gilt für die Korrektur eine Höchstgeschwindigkeit, und deshalb ist beim Hirndruckpatienten eine Hyponatriämie kein Nebenbefund, sondern eine behandlungsbedürftige Ursache.

Der letzte Punkt betrifft die Entzündung. Die Schranke ist keine feste Wand, sondern ein regulierter Zustand, und Entzündungsstoffe verändern ihn innerhalb von Stunden. Bei Sepsis, nach großen Operationen und nach Trauma steigen Botenstoffe im Blut, die Endothelzellen aktivieren, die dichten Verbindungen lockern, den Vesikeltransport steigern und Leukozyten anlocken. Die Folge ist eine durchlässigere Schranke mit vasogenem Ödem, gestörter Regulation der Durchblutung und veränderter Wirkung von Medikamenten, die nun in größerem Umfang in das Gehirn gelangen. Dieselbe Kette ist eine der plausibelsten Erklärungen für die septische Enzephalopathie und für einen Teil des postoperativen Delirs; die europäische Leitlinie nennt die operationsbedingte Entzündung ausdrücklich als einen der beteiligten Mechanismen und die Narkosetiefe, die Analgesie und die hämodynamische Stabilität als die beeinflussbaren Faktoren.7 Auch die Steuerung nach Hirngewebesauerstoffdruck setzt voraus, dass Gewebe und Gefäß als eine Einheit betrachtet werden.8 Wie sich daraus Prävention und Behandlung des Delirs ergeben, ist Gegenstand des Unterkapitels zum Delir.

Vorsicht

Bei chronischer Hyponatriämie hat sich das Gehirn durch Abgabe von Osmolyten bereits angepasst. Eine zu rasche Anhebung des Natriums entzieht diesen Zellen Wasser und kann ein osmotisches Demyelinisierungssyndrom auslösen, dessen Symptome erst nach Tagen auftreten und bleibend sein können.6 Beim akuten symptomatischen Verlauf gilt das Gegenteil: Dort ist die rasche Anhebung um wenige mmol je Liter lebensrettend.

Für die Praxis heißt das: Messen Sie Natrium und Osmolalität vor jeder weiteren Gabe eines Osmotikums und dokumentieren Sie eine obere Grenze, ab der Sie nicht weiter steigern. Fragen Sie bei ausbleibender Wirkung zuerst, ob die Schranke in diesem Bezirk überhaupt noch dicht ist, bevor Sie die Dosis erhöhen. Unterscheiden Sie bei jeder Hyponatriämie akut von chronisch, weil daraus entgegengesetzte Korrekturgeschwindigkeiten folgen. Und erwarten Sie bei Sepsis und nach großen Eingriffen eine durchlässigere Schranke mit stärkerer Wirkung zentral wirksamer Medikamente. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein septischer Patient unter unveränderter Sedierungsdosis immer tiefer sediert wird und dies als Verschlechterung der Grunderkrankung gedeutet wird.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Stellen Sie sich das Gehirn als ein Gebäude mit einer einzigen bewachten Tür vor. Es gibt keine Fenster und keine Lieferantentür: Der Weg zwischen den Mauersteinen, den in anderen Organen jeder nehmen kann, ist zugemauert. Wer hinein will, hat drei Möglichkeiten. Er geht als Lipophiler einfach durch die Wand, er wird als Glucose oder Aminosäure an der Tür mit einem Ausweis abgeholt, oder er wird, wenn er ohne Berechtigung hineingelangt ist, von der Pumpe wieder hinausbefördert. Alles, was Sie über die Wirkung eines Medikaments im Gehirn vorhersagen wollen, beantworten Sie, indem Sie prüfen, welche der drei Möglichkeiten es nutzen kann.

Der zweite Teil des Bildes betrifft das Wasser. Weil das Gebäude in einem starren Behälter steht, ist jede Wasserverschiebung ein Druckproblem. Drei Lecks sind möglich, und sie liegen an verschiedenen Stellen. Beim zellulären Ödem ist die Mauer dicht, aber die Bewohner pumpen nicht mehr und saugen sich voll. Beim vasogenen Ödem ist die Mauer undicht geworden, und Wasser dringt mitsamt Eiweiß von außen ein. Beim interstitiellen Ödem drückt das Leitungswasser von innen durch die Zwischenwände, weil der Abfluss verstopft ist. Aus der Stelle des Lecks folgt das Werkzeug: Beim ersten zieht man von außen mit Salz, beim zweiten dichtet man mit Steroiden beim Tumor ab, beim dritten öffnet man den Abfluss. Wer das Werkzeug des einen Lecks beim anderen einsetzt, verliert Zeit.

Der dritte Teil ist die Hausverwaltung. Die Astrozyten halten Kalium niedrig, Glutamat niedrig und liefern Energie nach. Alle drei Leistungen hängen an derselben Bedingung, nämlich einem funktionierenden Natriumgradienten, und der hängt an Sauerstoff und Glucose. Deshalb führen so verschiedene Ereignisse wie Ischämie, Hypoglykämie, Anfall und schwere Hypoxie in dasselbe Bild: Sobald die Pumpe stillsteht, steigen Kalium und Glutamat gemeinsam, die Erregbarkeit steigt, Calcium strömt ein, und die Zelle schwillt. Ein einziger Satz fasst das zusammen: Das Gehirn hat keine Reserve, weder an Volumen noch an Energie, und beide Reserven fehlen aus demselben Grund, nämlich weil es in einem geschlossenen Behälter hinter einer dichten Wand arbeitet.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Volatile Anästhetika entkoppeln Fluss und Stoffwechsel, senken also den Verbrauch und halten die Durchblutung gleich oder erhöhen sie, während Propofol beides gleichsinnig senkt und die Kopplung erhält.1 Bei geöffneter Schranke bedeutet mehr Fluss auch mehr Filtration in das Gewebe und damit mehr Ödem.
  • Der Kohlendioxidpartialdruck verändert die Hirndurchblutung im Bereich von 20 bis 80 mmHg um 1 bis 6 Prozent je mmHg,1 sodass die Beatmungseinstellung unmittelbar über das Blutvolumen im Kopf und über den Filtrationsdruck an der Schranke mitentscheidet.
  • Hypotone Infusionslösungen sind beim gefährdeten Gehirn kontraindiziert, weil freies Wasser die Zellschwellung unmittelbar verstärkt. Isotone Vollelektrolytlösungen sind die Regel, und der Natriumverlauf gehört zu den überwachten Größen.
  • Die Wirkung zentral angreifender Medikamente ist bei Entzündung und geöffneter Schranke stärker als erwartet; Sedierungsdosen, die vor der Operation passten, können danach zu tief wirken.7
  • Quaternäre Verbindungen bleiben draußen: Ein Muskelrelaxans verändert weder Bewusstsein noch EEG, und Neostigmin und Glycopyrronium haben keine zentrale Wirkung, während Atropin und Physostigmin zentral wirken.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Nachlassende Wirkung der Osmotherapie nach Tagen beim großen Infarkt, weil das anfangs zelluläre Ödem zunehmend vasogen wird und die Osmotika mit austreten.
  • Rasche Besserung unter Dexamethason beim Tumorödem und ausbleibende Wirkung derselben Substanz beim ischämischen oder traumatischen Ödem.
  • Verwirrtheit und Somnolenz bei Sepsis ohne fokalen Befund als Ausdruck einer durchlässigen Schranke mit gestörtem neuronalem Milieu.7
  • Unerwartet tiefe Sedierung bei unveränderter Dosis nach großen Eingriffen und bei Nierenfunktionsstörung, wenn ein polarer, aber wirksamer Abbaustoff sich anreichert.
  • Zentrales anticholinerges Bild nach Atropin oder Scopolamin mit Unruhe und Desorientiertheit, das unter Glycopyrronium nicht auftritt.
  • Neurologische Verschlechterung Tage nach zu rascher Natriumkorrektur als osmotisches Demyelinisierungssyndrom, dessen Latenz die Ursache leicht verschleiert.6
Aktuelle Evidenz

Die Osmotherapie ist der Ort, an dem der Zustand der Schranke unmittelbar über die Wirksamkeit entscheidet, und die Studienlage ordnet zugleich die Wahl des Wirkstoffs. In 15 Studien mit 637 Patienten senkten Mannitol und hypertone Kochsalzlösung den Hirndruck vergleichbar, ohne Unterschied in Sterblichkeit und Ergebnis; Mannitol wirkte kürzer, unter hypertoner Kochsalzlösung war die Intensivliegedauer kürzer.2 Die Leitlinie nennt Mannitol in einer Dosis von 0,25 bis 1 g je Kilogramm als wirksam,5 und die Eskalationsalgorithmen führen die Osmotherapie als Maßnahme einer mittleren Stufe, nicht als Dauerkonzept.4 Dazu passt, dass eine vorbeugende Dauerinfusion hypertoner Kochsalzlösung bei 370 Patienten das neurologische Ergebnis nach sechs Monaten nicht verbesserte, mit einer Odds Ratio von 1,02.3 Für die gemeinsame Steuerung nach Hirndruck und Hirngewebesauerstoffpartialdruck, die Gefäß und Gewebe als eine Einheit behandelt, gibt es einen eigenen Konsensalgorithmus.8

Die Anästhesie greift über die Kopplung von Fluss und Stoffwechsel in die Ödembildung ein. Volatile Anästhetika entkoppeln beides, senken den Sauerstoffverbrauch und halten die Durchblutung gleich oder erhöhen sie, während Propofol beides gleichsinnig senkt und die Kopplung erhält; akute Änderungen des Kohlendioxidpartialdrucks verändern die Hirndurchblutung im Bereich von 20 bis 80 Millimeter Quecksilbersäule um 1 bis 6 Prozent je Millimeter Quecksilbersäule.1 Bei geöffneter Schranke bedeutet mehr Fluss zugleich mehr Filtration in das Gewebe, sodass Narkoseführung und Beatmungseinstellung zur Ödemtherapie gehören.

Die entzündliche Öffnung der Schranke ist die Brücke zum Delir. Die europäische Leitlinie nennt die operationsbedingte Entzündung ausdrücklich als einen der beteiligten Mechanismen und Narkosetiefe, Analgesie und hämodynamische Stabilität als die beeinflussbaren Faktoren; sie gibt die Häufigkeit in der nicht-kardialen Chirurgie mit 5,5 bis 41,2 Prozent und in der Herzchirurgie mit 12,5 bis 35,9 Prozent an, verlangt die Erfassung mit einem validierten Instrument mindestens einmal täglich über mindestens drei Tage und spricht eine starke Empfehlung für nichtmedikamentöse Mehrkomponentenprogramme mit einem gepoolten relativen Risiko von 0,62 aus.7 Für die osmotisch gesteuerte Seite gilt zugleich die Grenze der Korrektur: Bei angepassten Hirnzellen kann eine zu rasche Anhebung des Natriums ein osmotisches Demyelinisierungssyndrom auslösen.6

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Die Blut-Hirn-Schranke sei eine Membran. Sie ist ein Zellverband aus Endothel mit dichten Verbindungen, Basalmembran, Perizyten und Astrozytenfortsätzen; die Abdichtung liegt zwischen den Endothelzellen, unterhalten wird sie von den Nachbarzellen.
  • Was lipophil ist, wirke zentral. Die aktiven Auswärtspumpen befördern einen Teil der bereits eingedrungenen Moleküle zurück in das Blut, sodass Lipophilie allein die zentrale Wirkung nicht sichert.
  • Osmotherapie wirke bei jedem Hirnödem. Sie setzt eine dichte Schranke voraus. Beim vasogenen Ödem tritt das Osmotikum mit aus, und beim interstitiellen Ödem liegt das Problem im Abfluss, nicht in der Durchlässigkeit.2
  • Steroide seien beim Hirnödem allgemein wirksam. Sie wirken beim vasogenen Ödem durch Tumor und Abszess und nicht beim zellulären Ödem nach Ischämie, Hypoxie oder Trauma.
  • Eine hohe Osmolalität bedeute immer Wasserentzug aus der Zelle. Nur Teilchen, die die Schranke nicht überqueren, bewegen Wasser; Harnstoff hebt die Osmolalität, ohne tonisch zu wirken.6

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Zwei Ödeme, zwei Entscheidungen

Eine 57-jährige Patientin wird am dritten Tag nach Kraniotomie wegen eines Glioblastoms zunehmend verlangsamt. Die Computertomographie zeigt ein ausgedehntes Ödem der weißen Substanz um die Resektionshöhle mit randständiger Kontrastmittelaufnahme, die Mittellinie ist um 6 Millimeter verlagert. Das Natrium beträgt 139 mmol je Liter, die Osmolalität 291 mosmol je Kilogramm, die Temperatur 37,2 Grad Celsius. Ein Bolus Mannitol senkt den Hirndruck von 24 auf 15 Millimeter Quecksilbersäule, nach etwa 70 Minuten liegt er bei 27 Millimeter Quecksilbersäule. Auf dem Nachbarplatz liegt ein 63-jähriger Mann am zweiten Tag nach Kreislaufstillstand mit diffusem Ödem, aufgehobener Mark-Rinden-Grenze und ohne Kontrastmittelaufnahme; bei ihm hält die Wirkung desselben Bolus mehrere Stunden an.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Die Schranke sitzt zwischen den Endothelzellen. Perizyten und Astrozytenfüße bilden sie nicht, sie unterhalten sie.
  • Drei Wege hinein und einer hinaus: lipophile Diffusion, Carrier, Rezeptortransport und die aktive Auswärtspumpe. Quaternär bleibt draußen, tertiär kommt hinein.
  • Wasser folgt der Tonizität, nicht der Osmolalität. Das Gehirn spürt eine Hyponatriämie zuerst, weil es kein Ausweichvolumen hat.
  • Zytotoxisch heißt Wasser in der Zelle bei dichter Schranke, vasogen heißt Wasser im Interstitium bei offener Schranke, interstitiell heißt Wasser aus dem Liquor bei gestautem Abfluss. Aus dem Ort folgt die Behandlung.
  • Die Osmotherapie zieht nur, solange die Schranke steht. Bleibt die Wirkung aus, prüfen Sie zuerst die Schranke und nicht die Dosis.

Aufgaben

Aufgabe 1: Erklären Sie beide Beobachtungen aus

Gegeben:
Ein Patient erhält zur Antagonisierung einer Muskelrelaxierung Neostigmin zusammen mit Glycopyrronium. Ein anderer Patient entwickelt nach Atropingabe Unruhe und Desorientiertheit.

Frage:
Erklären Sie beide Beobachtungen aus dem Bau der Schranke.

Lösung

Neostigmin und Glycopyrronium sind quaternäre Ammoniumverbindungen. Sie tragen eine permanente positive Ladung, sind damit nicht lipophil und können weder durch die Endothelmembranen diffundieren noch den versperrten Weg zwischen den Zellen nehmen. Ihre Wirkung bleibt deshalb auf die Peripherie beschränkt, was hier erwünscht ist: Die Blockade wird aufgehoben, ohne dass zentrale cholinerge Effekte entstehen. Atropin dagegen ist ein tertiäres Amin und liegt in nennenswertem Anteil ungeladen vor; dieser Anteil diffundiert durch die Membranen und blockiert zentrale muskarinerge Rezeptoren. Daraus entsteht das zentrale anticholinerge Bild mit Unruhe, Desorientiertheit und gelegentlich Halluzinationen. Aus demselben Grund wirkt Physostigmin, ebenfalls ein tertiäres Amin, zentral und wird zur Behandlung dieses Bildes eingesetzt, während Neostigmin dafür ungeeignet ist.

Aufgabe 2: Erklären Sie diesen Verlauf und

Gegeben:
Eine 61-jährige Patientin mit Glioblastom hat ein ausgedehntes Ödem der weißen Substanz mit Kontrastmittelaufnahme im Randbereich. Eine Gabe von Mannitol senkt den Druck für etwa eine Stunde, danach steigt er wieder über den Ausgangswert.

Frage:
Erklären Sie diesen Verlauf und nennen Sie die richtige Behandlung.

Lösung

Die Kontrastmittelaufnahme belegt, dass die Schranke in diesem Bezirk offen ist; es handelt sich um ein vasogenes Ödem. Die Osmotherapie beruht darauf, dass das gegebene Teilchen im Blut bleibt und ein Gefälle erzeugt. Bei offener Schranke tritt Mannitol in das geschädigte Gewebe über. Solange die Blutkonzentration hoch ist, wirkt noch ein Rest des Gefälles; sobald sie fällt, liegt das Osmotikum im Gewebe und zieht nun Wasser in die falsche Richtung. Das ist der Rückschlag über den Ausgangswert hinaus. Richtig ist beim Tumorödem Dexamethason, das die Durchlässigkeit der Tumorgefäße vermindert und in der Regel innerhalb von Stunden wirkt, zusammen mit der Behandlung der Grunderkrankung. Die Osmotherapie bleibt in dieser Lage eine Überbrückung für eine akute Krise und kein Konzept für Tage.

Aufgabe 3: Worauf achten Sie bei der

Gegeben:
Ein 48-jähriger Mann wird mit einem Natrium von 112 mmol je Liter und Verwirrtheit aufgenommen. Die Angehörigen berichten, er sei seit Wochen zunehmend müde.

Frage:
Worauf achten Sie bei der Korrektur, und warum?

Lösung

Entscheidend ist die Unterscheidung von akut und chronisch. Die Vorgeschichte über Wochen spricht für einen chronischen Verlauf. Die Hirnzellen haben sich angepasst, indem sie zunächst Kalium und Chlorid und über Tage organische Osmolyte abgegeben haben; das Zellvolumen ist dadurch weitgehend normalisiert. Wird das Natrium jetzt rasch angehoben, verlieren diese angepassten Zellen Wasser, und es droht ein osmotisches Demyelinisierungssyndrom, dessen Symptome erst nach Tagen auftreten und bleibend sein können. Die Korrektur erfolgt deshalb langsam und mit engmaschigen Kontrollen sowie mit einer vorher festgelegten Höchstgeschwindigkeit je 24 Stunden. Anders liegt der Fall bei akuter symptomatischer Hyponatriämie mit Krampfanfall oder drohender Einklemmung: Dort ist eine rasche Anhebung um wenige mmol je Liter die lebensrettende Maßnahme, weil die Anpassung noch nicht stattgefunden hat und ein Hirnödem besteht.

Aufgabe 4: Warum trifft eine Hypoglykämie das

Gegeben:
Die Angaben stehen in der Frage.

Frage:
Warum trifft eine Hypoglykämie das Gehirn innerhalb von Minuten, während andere Organe sie lange tolerieren, und was folgt daraus für die Überwachung des sedierten Patienten?

Lösung

Das Gehirn deckt seinen Energiebedarf im Normalfall fast vollständig aus Glucose, besitzt aber praktisch keine Speicher; die einzige nennenswerte Reserve ist das Glykogen der Astrozyten, das nur für kurze Zeit reicht. Die Aufnahme erfolgt über einen eigenen Transporter, der insulinunabhängig, aber sättigbar ist, sodass ein Mehrangebot im Blut die Aufnahme nicht beliebig steigert und ein Minderangebot unmittelbar durchschlägt. Fällt die Energieversorgung aus, versagt die Natrium-Kalium-Pumpe, das extrazelluläre Kalium steigt, die Glutamataufnahme der Astrozyten bricht zusammen, und es entsteht ein zelluläres Ödem mit Exzitotoxizität. Praktisch folgt daraus, dass der Blutzucker bei jedem sedierten oder bewusstseinsgestörten Patienten früh und wiederholt gemessen wird, denn die typischen Warnzeichen der Hypoglykämie sind unter Sedierung, Betablockade und Narkose nicht erkennbar. Bei jeder unklaren Verschlechterung gehört die Blutzuckermessung zu den ersten und nicht zu den letzten Schritten.

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Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Neurovaskuläre EinheitVerband aus Endothel mit dichten Verbindungen, Basalmembran, Perizyten und Astrozytenfortsätzen; die Abdichtung liegt im Endothel, die Nachbarzellen unterhalten sie.
Dichte VerbindungenVerschluss zwischen den Endothelzellen aus Claudinen und Occludinen; er versperrt den Weg zwischen den Zellen, sodass jeder Stoff durch die Zelle muss.
Aktive AuswärtspumpeTransporter der luminalen Endothelmembran, allen voran das P-Glykoprotein; er befördert eingedrungene Moleküle zurück in das Blut, weshalb Lipophilie allein keine zentrale Wirkung sichert.
Zirkumventrikuläre OrganeGebiete mit gefenstertem Endothel um den dritten und vierten Ventrikel, darunter die Brechreizzone und die Messfelder für Osmolalität; sie liegen bewusst außerhalb der Schranke.
Glymphatische VorstellungArbeitsmodell des Abtransports gelöster Stoffe über die perivaskulären Räume unter Beteiligung der Wasserkanäle der Astrozytenfüße; der Austausch ist im Schlaf ausgeprägter als im Wachzustand.
ExzitotoxizitätZellschädigung durch Anstieg des extrazellulären Glutamats bei zusammengebrochenem Natriumgradienten; calciumdurchlässige Kanäle öffnen, und der Calciumeinstrom löst den Zelltod aus.
Zytotoxisches ÖdemWasser innerhalb der Zellen bei versagender Natrium-Kalium-Pumpe und zunächst intakter Schranke; die Osmotherapie zieht hier zuverlässig.
Vasogenes ÖdemWasser im Interstitium bei geöffneter Schranke mit Eiweißaustritt, bevorzugt in der weißen Substanz; Dexamethason wirkt beim Tumor- und Abszessödem, Osmotika treten mit aus.
Interstitielles ÖdemWasser aus dem Liquor, das bei Aufstau durch das Ependym in die periventrikuläre weiße Substanz gepresst wird; wirksam ist allein die Liquorableitung.

Literatur

  1. Slupe AM, Kirsch JR. Effects of anesthesia on cerebral blood flow, metabolism, and neuroprotection. J Cereb Blood Flow Metab. 2018;38(12):2192-2208. doi:10.1177/0271678X18789273
  2. Karamian A, Seifi A, Lucke-Wold B. Comparing the effects of mannitol and hypertonic saline in severe traumatic brain injury patients with elevated intracranial pressure: a systematic review and meta-analysis. Neurol Res. 2024;46(9):883-892. doi:10.1080/01616412.2024.2360862
  3. Roquilly A, Moyer JD, Huet O et al. Effect of continuous infusion of hypertonic saline vs standard care on 6-month neurological outcomes in patients with traumatic brain injury: the COBI randomized clinical trial. JAMA. 2021;325(20):2056-2066. doi:10.1001/jama.2021.5561
  4. Hawryluk GWJ, Aguilera S, Buki A et al. A management algorithm for patients with intracranial pressure monitoring: the Seattle International Severe Traumatic Brain Injury Consensus Conference (SIBICC). Intensive Care Med. 2019;45(12):1783-1794. doi:10.1007/s00134-019-05805-9
  5. Carney N, Totten AM, O'Reilly C et al. Guidelines for the management of severe traumatic brain injury, fourth edition. Neurosurgery. 2017;80(1):6-15. doi:10.1227/NEU.0000000000001432
  6. Suppadungsuk S, Krisanapan P, Kazeminia S et al. Hyponatremia correction and osmotic demyelination syndrome risk: a systematic review and meta-analysis. Kidney Med. 2025;7(3):100953. doi:10.1016/j.xkme.2024.100953
  7. Aldecoa C, Bettelli G, Bilotta F et al. Update of the European Society of Anaesthesiology and Intensive Care Medicine evidence-based and consensus-based guideline on postoperative delirium in adult patients. Eur J Anaesthesiol. 2024;41(2):81-108. doi:10.1097/EJA.0000000000001876
  8. Chesnut RM, Aguilera S, Buki A et al. A management algorithm for adult patients with both brain oxygen and intracranial pressure monitoring: the Seattle International Severe Traumatic Brain Injury Consensus Conference (SIBICC). Intensive Care Med. 2020;46(5):919-929. doi:10.1007/s00134-019-05900-x

Standardwerke

  • Silbernagl S, Despopoulos A, Draguhn A. Taschenatlas Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. Grundlagen und Zellphysiologie.
  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Alberts B, Johnson A, Lewis J et al. Molecular Biology of the Cell. 6. Auflage. New York: Garland Science; 2015.
  • Lüllmann-Rauch R, Asan E. Taschenlehrbuch Histologie. 6. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.

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