Die Evidenzlage ist in diesem Punkt ungewöhnlich klar und ungewöhnlich unbequem, weil sie das wirksame Mittel dort verortet, wo es organisatorischen Aufwand verlangt, und es dort verneint, wo eine Verordnung genügen würde. Wirksam sind nichtmedikamentöse Mehrkomponentenprogramme: Orientierung, früher Kontakt zu Angehörigen, Rückgabe von Brille und Hörgerät, Schlafschutz, frühe Mobilisation, Flüssigkeits- und Ernährungszufuhr, Schmerzbehandlung und Vermeidung unnötiger Medikamente. Die Leitlinie spricht dafür eine starke Empfehlung aus, mit einem gepoolten relativen Risiko von 0,62.2 Eine Auswertung von neun randomisierten Studien mit 2 583 Patienten bestätigt, dass ein solches Programm die Delirhäufigkeit deutlich senkt.8 Kein einzelner Bestandteil trägt diesen Effekt; er entsteht aus der Summe und aus der Verlässlichkeit der Durchführung.
Für die medikamentöse Prophylaxe gilt das Gegenteil: die Leitlinie empfiehlt kein Medikament zur Vorbeugung.2 Die Einzelbefunde zeigen, warum. Für Dexmedetomidin liegt der günstigste Befund vor: bei 700 Patienten ab 65 Jahren senkte eine niedrig dosierte Gabe das Delir von 23 auf 9 Prozent, Odds Ratio 0,35.9 Dieser Befund ist aber nicht breit bestätigt, und die Substanz ist dosislimitierend durch Bradykardie und Hypotonie. Melatonin änderte bei 841 Intensivpatienten weder die delirfreien Beurteilungen, 79,2 gegenüber 80,0 Prozent, noch die 90-Tage-Sterblichkeit.10 Für die Behandlung des bestehenden Delirs änderte Haloperidol bei 1 000 Intensivpatienten die Tage lebend und außerhalb des Krankenhauses nicht, 35,8 gegenüber 32,9.11 Die Fokusaktualisierung der Sedierungsleitlinie sieht sich zu den Antipsychotika beim Delir zu keiner Empfehlung in der Lage und spricht eine bedingte Empfehlung für Dexmedetomidin anstelle von Propofol aus, wenn leichtere Sedierung und weniger Delir im Vordergrund stehen.12
Die Behandlung folgt daraus in drei Schritten. Erstens die Ursachensuche: Hypoxie, Hyperkapnie, Hypoglykämie, Elektrolytstörung, Infektion, Schmerz, Harnverhalt, Blutung, Entzug und Medikamente werden systematisch abgearbeitet, weil ein behebbarer Grund die wirksamste Behandlung ist. Zweitens die nichtmedikamentösen Maßnahmen, also dasselbe Programm wie in der Vorbeugung. Drittens, und nur wenn diese Maßnahmen versagen und Eigen- oder Fremdgefährdung besteht, niedrig dosiertes Haloperidol; Benzodiazepine sind zur Behandlung nicht empfohlen, ausgenommen das Alkoholentzugsdelir.2 Die Sedierungstiefe ist dabei selbst ein Risiko und kein Behandlungsziel: bei 703 Patienten sagte die Sedierungsintensität in den ersten 48 Stunden dosisabhängig das Sterberisiko mit einer Hazard Ratio von 1,29 und das Delir mit 1,25 voraus, und als klinisch günstigstes Ziel wird ein Wachheitsgrad von null genannt.6
Die Folgen rechtfertigen diesen Aufwand. Das Delir ist mit einem relativen Sterberisiko von 1,89 nach nicht-kardialer und 3,79 nach kardialer Chirurgie verbunden.2 Hinzu kommen längere Beatmungs- und Liegedauer, ein höherer Anteil an Patienten, die ihre Selbstständigkeit nicht wiedererlangen und in eine betreute Umgebung wechseln, sowie eine über Monate anhaltende kognitive Verschlechterung. Ob das Delir diese Verläufe verursacht oder nur anzeigt, ist nicht abschließend geklärt; für die Praxis genügt, dass es der früheste und billigste Marker einer schlechten Entwicklung ist, den eine Station erheben kann.
Für die Praxis heißt das: Setzen Sie das Bündel als festen Ablauf um und nicht als Empfehlung, denn seine Wirkung hängt an der Vollständigkeit. Verzichten Sie auf eine medikamentöse Prophylaxe und halten Sie Haloperidol für die Situation zurück, in der die nichtmedikamentösen Maßnahmen versagt haben. Beurteilen Sie die Sedierungstiefe täglich als eigene Risikogröße. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein unruhiger Patient ein Neuroleptikum erhält, bevor Sauerstoffsättigung, Blutzucker, Blase und Schmerz geprüft worden sind.