Der Alpha-2-Rezeptor sitzt präsynaptisch auf den noradrenergen Zellen des Locus coeruleus und wirkt dort als Rückmelder: Bindet Noradrenalin, öffnen Kaliumkanäle, die Zelle hyperpolarisiert und stellt ihre eigene Ausschüttung ein. Ein Agonist an dieser Stelle schaltet also nicht die Großhirnrinde ab, sondern nimmt ihr den Weckreiz. Genau darin unterscheidet sich Dexmedetomidin von Propofol. Weil der Weg über denselben Kern läuft, den der natürliche Übergang in den Tiefschlaf benutzt, bleibt der Patient auf Ansprache weckbar, der Atemantrieb bleibt weitgehend erhalten, und das Bild im Elektroenzephalogramm gleicht dem Non-REM-Schlaf mehr als einer Narkose.
Die Studienlage ordnet den Nutzen realistisch ein. Bei 4 000 Intensivpatienten änderte eine frühe Sedierung mit Dexmedetomidin die 90-Tage-Sterblichkeit nicht, sie lag in beiden Gruppen bei 29,1 Prozent, erzeugte aber deutlich mehr Bradykardien, 5,1 gegenüber 0,5 Prozent, und mehr Hypotonien, 2,7 gegenüber 0,5 Prozent.6 Bei 422 septischen Patienten waren Dexmedetomidin und Propofol in delir- und komafreien Tagen gleichwertig.8 Die Fokusaktualisierung der Leitlinie spricht deshalb eine bedingte Empfehlung für Dexmedetomidin anstelle von Propofol aus, wenn eine leichtere Sedierung und weniger Delir im Vordergrund stehen.9 In der Prävention nach Operationen senkte niedrig dosiertes Dexmedetomidin bei 700 Patienten ab 65 Jahren das Delir von 23 auf 9 Prozent mit einer Odds Ratio von 0,35.10 Zugleich gilt für jede Sedierung, dass die Intensität selbst ein Risiko ist: Bei 703 Patienten sagte die Sedierungsintensität der ersten 48 Stunden dosisabhängig das Sterberisiko mit einer Hazard Ratio von 1,29 und das Delir mit 1,25 voraus, und als günstigstes Ziel wird ein Wachheitsgrad von null genannt.11
Das cholinerge System ist die Gegenseite. Wachheit, Aufmerksamkeit und Gedächtnis hängen von der cholinergen Versorgung des Kortex ab, und diese Versorgung nimmt mit dem Alter ab. Jeder Wirkstoff mit muskarinischer Antagonistenwirkung verbraucht daher Reserve, und viele Wirkstoffe tragen eine solche Wirkung, ohne dafür gegeben zu werden: manche Antihistaminika, manche Antidepressiva, manche Spasmolytika, manche Antiemetika. Die Summe dieser Beiträge heißt anticholinerge Last. Sie erklärt, warum ein einzelnes neu angesetztes Präparat einen alten Patienten verwirrt, während es einen jungen nicht beeinträchtigt, und sie ist einer der wenigen gut beeinflussbaren Beiträge zum postoperativen Delir. Praktisch wichtig ist dabei die Trennung nach Passage der Blut-Hirn-Schranke: Atropin und Scopolamin wirken zentral, das quaternäre Glycopyrronium nicht. Das zentrale anticholinerge Syndrom mit Desorientierung, Unruhe, trockener Haut, weiten Pupillen und Tachykardie ist durch einen Hemmstoff des Acetylcholinabbaus umkehrbar; die europäische Leitlinie nennt die Erfassung mit einem validierten Instrument mindestens einmal täglich über mindestens drei Tage und stuft nichtmedikamentöse Mehrkomponentenprogramme mit einem gepoolten relativen Risiko von 0,62 als stark empfohlen ein.5
Schließlich die Plastizität. Synapsen sind keine festen Verbindungen. Wiederholte gemeinsame Aktivität verstärkt sie über den beschriebenen Calciumeintritt am NMDA-Rezeptor, seltene oder unpassend zeitlich verteilte Aktivität schwächt sie. Dieser Mechanismus trägt das Gedächtnis, er trägt die Erholung nach einer Hirnschädigung, und er trägt auch die Chronifizierung von Schmerz, wenn die Verstärkung an den falschen Synapsen stattfindet. Er ist damit die Brücke zu den folgenden Unterkapiteln über Nozizeption und chronischen Schmerz.
Für die Praxis heißt das: Prüfen Sie beim älteren Patienten vor dem Eingriff die Dauermedikation auf anticholinerge Beiträge und verzichten Sie perioperativ auf weitere. Bevorzugen Sie Glycopyrronium, wenn Sie eine periphere Wirkung wollen und keine zentrale. Wählen Sie eine Sedierungstiefe, die den Patienten weckbar lässt, und überprüfen Sie das Ziel täglich statt die Laufrate fortzuschreiben.11 Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein verwirrter Patient ein zusätzliches Medikament erhält, obwohl die Ursache in der bereits verabreichten Liste steht.