Klinische Physiologie, Kachel 06 · Stufe PJ

Nozizeption: Peripherie, Sensibilisierung und spinale Verarbeitung

Warum Nozizeption und Schmerz zwei verschiedene Vorgänge sind, wie ein Gewebeschaden die Reizantwort dauerhaft verschiebt und welche Bausteine der multimodalen Analgesie tatsächlich belegt sind.

Lernziele
  • Nozizeption und Schmerz voneinander abgrenzen und begründen, warum diese Trennung beim narkotisierten und beim beatmeten Patienten über die Beurteilung entscheidet.
  • Die Fasertypen A-delta und C mit erstem und zweitem Schmerz verbinden und die Transduktionskanäle der freien Nervenendigung benennen.
  • Periphere Sensibilisierung als Verschiebung der Reiz-Antwort-Kurve beschreiben und Allodynie von Hyperalgesie unterscheiden.
  • Die Verschaltung im Hinterhorn mit Laminae, Wind-up über den NMDA-Rezeptor und der Gate-Control-Vorstellung erläutern und die spinalen Angriffspunkte der Wirkstoffgruppen zuordnen.
  • Viszeralen, übertragenen und neuropathischen Schmerz in ihrer Entstehung unterscheiden.
  • Die Bausteine der multimodalen Analgesie mit ihrer Evidenz einordnen, auch dort, wo sie negativ ist, und die Grenzen von Nozizeptionsmonitoring und opioidfreier Anästhesie angeben.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit zwei eigens gezeichneten Abbildungen, einer Tabelle der Bausteine der multimodalen Analgesie mit Angriffspunkt, belegtem Effekt und Einschränkung, einer Tabelle der Fasertypen mit Leitungsgeschwindigkeit, Empfindungscharakter und klinischem Korrelat, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt die chemische Synapse und die Kanaleigenschaften der Kachel Erregung, Nerv und Muskel voraus sowie die Rezeptoren und zweiten Botenstoffe der Kachel Homöostase und Zellfunktion; sie beschreibt den aufsteigenden Weg und bereitet die Unterkapitel zur körpereigenen Schmerzhemmung und zur Chronifizierung vor.
  3. Die Behandlung akuter perioperativer Schmerzen führt das Modul Allgemeinanästhesie aus, die Behandlung chronischer Schmerzsyndrome das Modul Schmerzmedizin; die Wirkstoffe selbst sind dort und nicht hier dargestellt.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Ein 63-jähriger Patient ist nach Ösophagusresektion beatmet und tief sediert. Über 20 Minuten steigen die Herzfrequenz von 78 auf 112 je Minute und der arterielle Mitteldruck von 74 auf 102 mmHg, die Stirn ist feucht, die Pupillen sind weit. Hat dieser Patient Schmerzen? Die Frage ist so nicht beantwortbar, denn Schmerz ist ein Erleben, und ein tief sedierter Patient kann keines berichten. Beobachtbar ist etwas anderes, nämlich die Verarbeitung eines schädigenden Reizes im Nervensystem mit ihren vegetativen und motorischen Folgen. Diese Verarbeitung heißt Nozizeption, sie läuft unabhängig vom Bewusstsein ab, und sie ist behandlungsbedürftig, ohne dass die Frage nach dem Erleben geklärt wäre.

Die Trennung von Nozizeption und Schmerz ist keine Begriffsklauberei, sondern die Voraussetzung für drei alltägliche Entscheidungen. Erstens: Bei narkotisierten und tief sedierten Patienten wird nicht Schmerz behandelt, sondern Nozizeption, und zwar anhand von Reizantwort, Eingriffsart und erwartetem Verlauf, nicht anhand einer Selbstauskunft. Zweitens: Bei wachen Patienten ist die Selbstauskunft die maßgebliche Größe, auch wenn sie nicht zum sichtbaren Gewebeschaden passt, denn Schmerz kann ohne fortbestehende Nozizeption bestehen. Drittens: Die Behandlung greift an vier klar unterscheidbaren Stellen an, und nur wer weiß, welche Stelle ein Wirkstoff erreicht, kann eine sinnvolle Kombination bauen. Die deutsche Leitlinie zur Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen ist entsprechend aufgebaut,1 und die eingriffsspezifischen Empfehlungen sind an die Stelle pauschaler multimodaler Rezepte getreten.2

Lektion 2

Nozizeption und Schmerz: zwei Vorgänge, vier Stationen

Nozizeption ist die Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung eines gewebeschädigenden oder potenziell gewebeschädigenden Reizes im Nervensystem. Sie ist ein messbarer Vorgang: Man kann die Entladung einer Faser ableiten, die Reflexantwort eines Muskels registrieren und die vegetative Antwort von Herzfrequenz, Blutdruck, Hautleitwert und Pupillenweite aufzeichnen. Schmerz ist dagegen die unangenehme Sinnes- und Gefühlsempfindung, die daraus entstehen kann, aber nicht muss. Schmerz ist ein Erleben und damit nur über die Auskunft der betroffenen Person zugänglich. Aus dieser Asymmetrie folgt beides: Nozizeption ohne Schmerz, etwa in Narkose, und Schmerz ohne fortbestehende Nozizeption, etwa beim Phantomschmerz.

Der Weg von der Peripherie zum Erleben lässt sich in vier Stationen gliedern, und diese Gliederung ist die brauchbarste Ordnung für die Behandlung. Die Transduktion ist die Umwandlung eines mechanischen, thermischen oder chemischen Reizes in ein elektrisches Signal an der freien Nervenendigung. Die Transmission ist die Fortleitung dieses Signals über die Nervenfaser zum Rückenmark und von dort über aufsteigende Bahnen weiter. Die Modulation ist die Verrechnung des Signals im Hinterhorn, wo es verstärkt oder gedämpft wird, und die Wahrnehmung ist die Entstehung des Erlebens in einem Netzwerk aus sensorischen, limbischen und frontalen Rindengebieten. Nur die vierte Station erzeugt Schmerz; die ersten drei sind Nozizeption.

Von der Transduktion zur Wahrnehmung, mit den Angriffspunkten Transduktion Nozizeptor Transmission A-delta und C Modulation Hinterhorn Wahrnehmung Rinde, limbisch nichtsteroidale Entzündungshemmer Lokalanästhetika Regionalverfahren Opioide, Alpha-2 Ketamin spinal Hypnotika Benzodiazepine Nur die Wahrnehmung erzeugt Schmerz, die drei Stufen davor Nozizeption
Die vier Stationen sind keine Theorie, sondern die Ordnung der Behandlung: Jede Wirkstoffgruppe greift an einer anderen Stelle der Kette an, und genau daraus folgt der Sinn einer Kombination. Hervorgehoben sind die Modulation, weil dort Verstärkung und Dämpfung entschieden werden, und die Wahrnehmung, weil nur dort Schmerz entsteht.

Für die Beurteilung des einzelnen Patienten folgt daraus eine klare Rangordnung der Messgrößen. Beim wachen, äußerungsfähigen Patienten gilt die Selbstauskunft, erhoben mit einer einfachen Skala, und zwar in Ruhe und unter Belastung, weil der Belastungsschmerz über Mobilisation und Atemtiefe entscheidet. Beim nicht äußerungsfähigen Patienten treten Verhaltensbeobachtungen an ihre Stelle, also Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Muskeltonus und Toleranz der Beatmung. Vegetative Größen sind die schwächste Ebene, weil sie durch Hypovolämie, Fieber, Entzug, Angst und Wirkstoffe gleichermaßen verändert werden. Der aufsteigende Tachykardie- und Blutdruckverlauf des Eingangsbeispiels ist damit ein Hinweis auf Nozizeption und kein Messwert für Schmerz.

Für die Praxis heißt das: Legen Sie bei jedem Patienten fest, mit welcher der drei Ebenen Sie arbeiten, und wechseln Sie nicht unbemerkt zwischen ihnen. Erheben Sie bei wachen Patienten immer auch den Belastungsschmerz. Behandeln Sie beim tief sedierten Patienten die erwartete Nozizeption nach Eingriff und Verlauf und nicht nach der Kreislaufreaktion allein. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein wacher Patient mit hoher Selbstauskunft unbehandelt bleibt, weil Herzfrequenz und Blutdruck unauffällig sind.

Übung 2.1

Lektion 3

Die Nozizeptoren: Fasertypen, Transduktionskanäle, erster und zweiter Schmerz

Nozizeptoren sind keine spezialisierten Sinneskörperchen, sondern freie Nervenendigungen. Genau daraus folgen zwei Eigenschaften. Erstens sind sie überall dort vorhanden, wo Gewebeschaden droht, also in Haut, Muskel, Gelenkkapsel, Knochenhaut, Hornhaut, Gefäßwand und den Hüllen der inneren Organe, dagegen nicht im Hirngewebe selbst. Zweitens sind sie zumeist polymodal, antworten also auf mehrere Reizarten. Die Endigung ist gleichzeitig Empfänger und Sender: Bei Erregung setzt sie aus ihren Verzweigungen Substanz P und das Calcitonin-Gen-verwandte Peptid frei, was örtlich Gefäßerweiterung, Plasmaaustritt und Mastzellaktivierung erzeugt. Diese neurogene Entzündung ist der Grund, warum eine Verletzung nicht nur dort schmerzt, wo sie liegt, sondern ein ganzes Gebiet empfindlich macht.

Die Transduktion geschieht über Ionenkanäle in der Membran der Endigung. Hitze und Protonen öffnen einen Kationenkanal aus der Familie der Vanilloidrezeptoren, denselben, der auch auf den Scharfstoff der Paprika antwortet; Kälte und reizende Stoffe öffnen verwandte Kanäle; mechanische Verformung öffnet dehnungsabhängige Kanäle; gewebsständiges Adenosintriphosphat aus zerstörten Zellen wirkt über eigene purinerge Kanäle. Alle diese Kanäle erzeugen einen einwärtsgerichteten Strom und damit ein Rezeptorpotenzial. Überschreitet es die Schwelle, öffnen spannungsgesteuerte Natriumkanäle, und es entsteht ein Aktionspotenzial. In nozizeptiven Neuronen kommen Untertypen dieser Natriumkanäle vor, die im Herzen und im Zentralnervensystem kaum vertreten sind; sie sind der Angriffspunkt der selektiven Blocker und der Grund, warum eine analgetische Wirkung ohne kardiale Wirkung denkbar ist. Die Einzelheiten dieser Kanäle stehen in der Kachel Erregung, Nerv und Muskel.

Die Fortleitung erfolgt über zwei Fasertypen, und aus ihrer unterschiedlichen Geschwindigkeit entsteht ein alltäglich erlebbares Phänomen. Die dünn myelinisierten A-delta-Fasern leiten schnell und erzeugen den ersten Schmerz: hell, stechend, gut lokalisiert, kurz, gefolgt von einer sofortigen Schutzreaktion. Die unmyelinisierten C-Fasern leiten langsam und erzeugen den zweiten Schmerz: dumpf, brennend, schlecht lokalisiert, anhaltend, mit vegetativer Begleitung. Wer sich den Finger stößt, erlebt beide nacheinander. Eine dritte Gruppe sind die stillen Nozizeptoren, unmyelinisierte Fasern, die im gesunden Gewebe auf keinen physiologischen Reiz antworten und erst unter Entzündung erregbar werden. Sie erklären, warum ein entzündetes Gebiet nicht nur empfindlicher reagiert, sondern zusätzlich Kanäle für Signale öffnet, die zuvor gar nicht bestanden.

Tabelle 1: Die Nozizeptoren: Fasertypen, Transduktionskanäle, erster und zweiter Schmerz
FasertypMyelinisierung und LeitungsgeschwindigkeitCharakter der EmpfindungKlinisches Korrelat
A-betadick myelinisiert, etwa 30 bis 70 Meter je SekundeBerührung, Druck, Vibration, kein Schmerzträgt die segmentale Hemmung; Reiben, Kühlen und transkutane Nervenstimulation wirken über diesen Weg
A-deltadünn myelinisiert, etwa 5 bis 30 Meter je Sekundeerster Schmerz: hell, stechend, gut lokalisiert, kurzWegziehreflex und Schutzreaktion; der Nadelstich, der sofort zugeordnet wird
C, somatischunmyelinisiert, etwa 0,5 bis 2 Meter je Sekundezweiter Schmerz: dumpf, brennend, schlecht lokalisiert, anhaltendder Wundschmerz nach dem Eingriff; hier entstehen Wind-up und zentrale Sensibilisierung
C, viszeralunmyelinisiert, langsam, wenige Fasern mit weiten Aufnahmefelderndumpf, krampfartig, nicht lokalisierbar, vegetativ begleitetübertragene Schmerzempfindung in Dermatome, Übelkeit, Schwitzen, Bradykardie
Stille Nozizeptoren, Cunmyelinisiert, langsamim gesunden Gewebe auf keinen physiologischen Reiz erregbarwerden unter Entzündung erregbar und erweitern das Eingangssignal über die bloße Schwellensenkung hinaus

Für die Praxis heißt das: Ordnen Sie die Schmerzschilderung des Patienten dem Fasertyp zu, weil daraus die Behandlung folgt. Ein heller, klar lokalisierter Schmerz spricht für einen gut zugänglichen peripheren Reiz und damit für ein örtliches Verfahren. Ein dumpfer, brennender, schlecht lokalisierter Schmerz mit vegetativer Begleitung spricht für die C-Faser-Ebene und für einen systemischen Zugang. Nutzen Sie bei umschriebenen Schmerzen die A-beta-Ebene, also Ruhigstellung, Kühlung und Gegenreizverfahren, als kostenfreie Zusatzmaßnahme. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Schmerz mit wechselndem Charakter und Ausbreitung unverändert weiter mit steigenden Opioiddosen behandelt wird, statt die Ursache neu zu prüfen.

Weg vom Reiz zur Wahrnehmung mit Reizaufnahme am Rezeptor, Umwandlung in ein Rezeptorpotenzial, Kodierung der Reizstärke über die Frequenz und über die Zahl rekrutierter Rezeptoren sowie Adaptation und zentrale Verarbeitung
Abbildung 1: Die Reizstärke wird zweifach kodiert, über die Frequenz der Aktionspotenziale und über die Zahl der beteiligten Fasern. Das erklärt, warum ein sensibilisiertes Gewebe nicht nur früher, sondern auch heftiger meldet, und warum die Empfindung nicht am Rezeptor endet, sondern erst zentral entsteht. Eigene Darstellung

Übung 3.1

Lektion 4

Periphere Sensibilisierung: die Entzündungssuppe, Allodynie und Hyperalgesie

Nozizeptoren sind keine Messgeräte mit fester Eichung. Nach einer Gewebeschädigung ändert die Umgebung der Endigung ihre Zusammensetzung, und mit ihr ändert sich die Empfindlichkeit. Aus zerstörten Zellen, aus Mastzellen, aus eingewanderten Entzündungszellen und aus der Endigung selbst entsteht ein Gemisch, das seit langem als Entzündungssuppe bezeichnet wird: Protonen aus dem anaeroben Stoffwechsel, Adenosintriphosphat und Kalium aus zerstörten Zellen, Bradykinin aus dem Plasma, Prostaglandine aus der Cyclooxygenase, Serotonin und Histamin aus Thrombozyten und Mastzellen, Zytokine aus Immunzellen und Nervenwachstumsfaktor aus dem geschädigten Gewebe.

Diese Stoffe wirken auf zwei Zeitachsen. Kurzfristig binden sie an Rezeptoren der Endigung und lösen über zweite Botenstoffe die Anhängung von Phosphatgruppen an die Transduktionskanäle aus. Dadurch öffnen die Kanäle bei kleineren Reizen und leiten mehr Strom. Längerfristig ändern sie die Genexpression des Neurons, sodass mehr Kanäle gebildet und zur Endigung transportiert werden. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe, nämlich eine Verschiebung der Reiz-Antwort-Kurve nach links und nach oben: Die Schwelle sinkt, und oberhalb der Schwelle ist die Antwort auf jeden Reiz größer.

Periphere Sensibilisierung verschiebt die Reiz-Antwort-Kurve Schmerzstärke Reizstärke sensibilisiert normal Allodynie Hyperalgesie Allodynie: Schmerz auf harmlosen Reiz. Hyperalgesie: verstärkter Schmerz
Die Sensibilisierung verschiebt die Kurve nach links und macht sie steiler. Links vom früheren Schwellenpunkt entsteht Schmerz durch Reize, die zuvor keinen erzeugten, also Allodynie; rechts davon ist die Antwort auf einen bereits schmerzhaften Reiz verstärkt, also Hyperalgesie. Beide Bereiche sind Erscheinungen derselben Verschiebung und keine zwei verschiedenen Krankheiten.

Die beiden klinischen Begriffe beschreiben damit zwei Abschnitte derselben Kurve. Allodynie ist Schmerz auf einen Reiz, der normalerweise keinen Schmerz erzeugt, etwa die Berührung durch das Bettlaken oder lauwarmes Wasser auf einem Sonnenbrand. Hyperalgesie ist eine verstärkte Schmerzantwort auf einen Reiz, der ohnehin schmerzhaft ist. Zu unterscheiden ist außerdem der Ort: Die primäre Hyperalgesie im geschädigten Gebiet selbst beruht überwiegend auf der peripheren Sensibilisierung, die sekundäre Hyperalgesie im umgebenden, unverletzten Gebiet dagegen auf der Verstärkung im Rückenmark. Diese Unterscheidung ist praktisch verwertbar: Ein Wirkstoff, der an der Endigung angreift, verkleinert die primäre, nicht die sekundäre Hyperalgesie.

Genau an dieser Station greifen zwei Wirkstoffgruppen an. Die nichtsteroidalen Entzündungshemmer hemmen die Cyclooxygenase und damit die Bildung der Prostaglandine, also einen der wichtigsten Sensibilisatoren. Sie wirken deshalb nicht als allgemeine Dämpfer, sondern gezielt gegen die Schwellensenkung, was ihre besondere Wirksamkeit bei entzündlichen, knöchernen und operativen Schmerzen erklärt. Ihre Grenzen sind organbezogen: Nierendurchblutung, Magenschleimhaut, Thrombozytenfunktion und, bei einzelnen Vertretern, die Knochenheilung. Die Lokalanästhetika greifen eine Station später an und blockieren den spannungsgesteuerten Natriumkanal, sodass kein Aktionspotenzial mehr entsteht; nur die ungeladene Form dieser Wirkstoffe erreicht ihren Wirkort in der Membran, weshalb ihre Wirkung im sauren, entzündeten Gewebe abnimmt. Für ihre praktische Bedeutung spricht das langfristige Ergebnis: Regionalanästhesie senkte in 158 Studien mit 18 794 Teilnehmern das Risiko chronischer postoperativer Schmerzen relativ um 27 Prozent, mit einem relativen Risiko von 0,73 und Effekten bis zwölf Monate.3

Für die Praxis heißt das: Beginnen Sie die Analgesie an der Peripherie, weil dort die Sensibilisierung entsteht, und geben Sie den Entzündungshemmer nach Möglichkeit vor dem Einsetzen der vollen Sensibilisierung und nicht erst bei starkem Schmerz. Untersuchen Sie das Gebiet auf Allodynie mit einem einfachen Wattetupfer und kartieren Sie es; eine über Tage wachsende Allodyniezone ist ein Warnzeichen für eine zunehmende zentrale Beteiligung. Erwarten Sie im entzündeten und sauren Gewebe eine schwächere Wirkung des Lokalanästhetikums. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein nichtsteroidaler Entzündungshemmer bei einem Patienten mit Hypovolämie und laufender Hemmung des Renin-Angiotensin-Systems gegeben wird, weil die Nierendurchblutung dann von den Prostaglandinen abhängt.

Die Hautsinne für Berührung, Druck, Vibration und Temperatur mit ihren Rezeptoren in Epidermis, Dermis und Subkutis sowie der Darstellung des rezeptiven Feldes und der unterschiedlichen Felddichte
Abbildung 2: Nozizeptoren sind nicht die einzigen Fühler der Haut, und genau darauf beruht die Schmerzhemmung im Hinterhorn: Die dicken Berührungsfasern erreichen das Hinterhorn früher als die dünnen Schmerzfasern und dämpfen deren Weiterleitung. Reiben, Kühlen und die transkutane Nervenstimulation nutzen diesen Weg. Eigene Darstellung

Übung 4.1

Lektion 5

Das Hinterhorn: Laminae, Umschaltung, Wind-up und Gate Control

Die nozizeptiven Fasern treten über die Hinterwurzel ein und enden im Hinterhorn, das in Schichten gegliedert ist. A-delta-Fasern enden überwiegend in der oberflächlichsten Schicht und in der fünften, C-Fasern überwiegend in der zweiten. Die dick myelinisierten A-beta-Fasern der Berührung ziehen tiefer und erreichen die dritte bis fünfte Schicht. In der fünften Schicht liegen Neurone mit weitem Antwortbereich, die Eingänge aus Haut, Muskel und inneren Organen gleichzeitig erhalten; diese Konvergenz ist die Grundlage der übertragenen Schmerzempfindung. Überträgerstoff der Umschaltung ist Glutamat, begleitet von den Peptiden Substanz P und Calcitonin-Gen-verwandtem Peptid, die die Wirkung verlängern und verstärken.

Auf der Empfängerseite sitzen zwei Glutamatrezeptoren mit verschiedener Aufgabe. Der AMPA-Rezeptor öffnet schnell und überträgt den einzelnen Reiz getreu. Der NMDA-Rezeptor ist im Ruhezustand von einem Magnesiumion verstopft und bleibt deshalb stumm, obwohl Glutamat bindet. Erst wenn die Zelle durch anhaltende oder wiederholte Reize ausreichend depolarisiert ist, verlässt das Magnesium den Kanal, und der Rezeptor wird wirksam. Er ist damit ein Detektor für Wiederholung. Trifft eine Serie gleich starker C-Faser-Reize mit kurzem Abstand ein, wird die Antwort des Hinterhornneurons von Reiz zu Reiz größer, obwohl der Reiz unverändert bleibt. Dieses Wind-up ist der Kern der zentralen Sensibilisierung. Über den Calciumeinstrom am NMDA-Rezeptor folgen Phosphorylierungen, eine Verlagerung weiterer Rezeptoren in die Membran, eine Aktivierung der umgebenden Gliazellen und schließlich eine Änderung der Genexpression. Aus einer kurzfristigen Verstärkung wird so eine dauerhafte, und dieselbe Maschinerie, die im Hippocampus das Gedächtnis trägt, erzeugt hier ein Schmerzgedächtnis.

Dem steht die Gate-Control-Vorstellung gegenüber. Sie beschreibt das Hinterhorn nicht als Durchgang, sondern als Tor mit einem Stellglied: Die Aktivität der dicken A-beta-Fasern erregt hemmende Zwischenneurone, die die Weitergabe des nozizeptiven Signals dämpfen. In ihren Einzelheiten hat sich die ursprüngliche Schaltung als zu einfach erwiesen, doch ihre Kernaussage hat sich bestätigt und ist täglich nutzbar: Der Eingang wird nicht nur weitergeleitet, sondern gewichtet, und die Gewichtung hängt von anderen Eingängen ab. Reiben einer Prellung, Kühlen, Vibration und die transkutane Nervenstimulation wirken über diesen Weg. Dazu kommen die absteigenden Bahnen aus Mittelhirn und Hirnstamm, die dasselbe Tor von oben steuern; sie werden im folgenden Unterkapitel ausgeführt.

Auf derselben Ebene greifen drei Wirkstoffgruppen an, und ihre Angriffspunkte liegen nebeneinander. Opioide wirken über mü-Rezeptoren prä- und postsynaptisch: Präsynaptisch schließen sie Calciumkanäle der C-Faser-Endigung und verringern die Überträgerstofffreisetzung, postsynaptisch öffnen sie Kaliumkanäle und hyperpolarisieren das Hinterhornneuron. Alpha-2-Agonisten hemmen die Freisetzung an derselben Stelle über einen eigenen Rezeptor und verstärken zusätzlich die absteigende noradrenerge Hemmung. Ketamin blockiert den NMDA-Rezeptor und greift damit genau in den Verstärkungsmechanismus ein; es senkt nicht in erster Linie das Signal, sondern verhindert, dass aus Wiederholung Verstärkung wird. Daraus folgt, warum Ketamin in sehr niedriger Dosis antihyperalgetisch wirken kann, ohne zu sedieren, und warum sein Nutzen dort am größten ist, wo Wiederholung die Hauptrolle spielt.

Für die Praxis heißt das: Setzen Sie die Analgesie an, bevor die Reizserie beginnt, denn ein nicht entstandenes Wind-up ist leichter zu verhindern als ein bestehendes zu beseitigen. Führen Sie bei absehbar starker und anhaltender Nozizeption eine niedrig dosierte NMDA-Blockade als eigenen Baustein und nicht als Opioidersatz. Nutzen Sie die A-beta-Ebene mit einfachen Mitteln. Den Fehler erkennen Sie an dem typischen Verlauf, in dem die Opioiddosis über Stunden steigt, während die Wirkung nachlässt und die empfindliche Zone größer wird; das ist das Bild einer laufenden Verstärkung und kein Hinweis auf eine zu niedrige Dosis.

Übung 5.1

Lektion 6

Viszeraler, übertragener und neuropathischer Schmerz

Der viszerale Schmerz folgt anderen Regeln als der Oberflächenschmerz, und zwar aus drei anatomischen Gründen. Erstens ist die Zahl der nozizeptiven Fasern aus den inneren Organen klein, verglichen mit der Haut, und ihre Aufnahmefelder sind groß; eine punktgenaue Zuordnung ist damit unmöglich. Zweitens läuft die Afferenz zum großen Teil mit den sympathischen Bahnen, weshalb die vegetative Begleitreaktion aus Übelkeit, Schwitzen, Blutdruckabfall und Bradykardie zum Bild gehört. Drittens sind die wirksamen Reize andere: Dehnung, Spasmus der glatten Muskulatur, Ischämie und Entzündung erzeugen Schmerz, während Schneiden und Brennen am Organ selbst kaum empfunden werden. Deshalb ist ein Eingriff am Darm ohne Zug am Aufhängeapparat weniger schmerzhaft als ein Ileus.

Die übertragene Schmerzempfindung ist die unmittelbare Folge der Konvergenz in der fünften Schicht. Dort treffen viszerale und somatische Eingänge auf dasselbe Neuron. Da das Gehirn im Laufe des Lebens gelernt hat, Signale dieses Neurons der Haut zuzuordnen, wird ein viszeraler Reiz in das zugehörige Dermatom verlegt. Das erzeugt die bekannten Muster: Herz in Brust, Schulter und linken Arm, Zwerchfell in die Schulterhöhe, Gallenblase in die rechte Schulter, Harnleiter in Flanke und Leiste. Diese Muster sind kein Kuriosum, sondern Untersuchungswerkzeug, denn sie folgen der segmentalen Herkunft des Organs und bleiben dadurch vorhersagbar.

Der neuropathische Schmerz entsteht nicht durch Reizung eines gesunden Nozizeptors, sondern durch eine Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Systems selbst. Vier Mechanismen wirken zusammen. Erstens bilden geschädigte Axone in der Umgebung der Läsion und im Spinalganglion vermehrt Natriumkanäle, sodass Aktionspotenziale ohne jeden Reiz entstehen, also ektope Spontanentladungen. Zweitens können benachbarte Fasern ihre Erregung übersprechen, sodass Berührungssignale in nozizeptive Bahnen geraten. Drittens fällt Hemmung aus, sowohl segmental im Hinterhorn als auch über die absteigenden Bahnen. Viertens verändert sich die Verschaltung selbst, indem A-beta-Fasern in die oberflächlichen Schichten einwachsen und die Gliazellen dauerhaft aktiviert bleiben. Klinisch entsteht daraus ein charakteristisches Bild: brennender Dauerschmerz mit einschießenden Attacken, Allodynie und gleichzeitig ein sensibles Defizit im selben Gebiet, also Minus- und Plussymptome nebeneinander, in einem Verteilungsmuster, das einem Nerv oder einer Bahn folgt.

Weil nicht jeder anhaltende Schmerz in diese zwei Kategorien passt, ist ein dritter Deskriptor eingeführt worden, der eine veränderte Nozizeption ohne nachweisbaren Gewebeschaden und ohne Nervenläsion beschreibt, mit eigenen klinischen Kriterien und einem Graduierungssystem.4 Für die Behandlung des neuropathischen Schmerzes gilt eine eigene Rangfolge: Trizyklische Antidepressiva sind in 313 Studien mit 48 789 Teilnehmern mit einer Zahl notwendiger Behandlungen von 4,6 erste Wahl, gefolgt von Alpha-2-delta-Liganden mit 8,9 und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern mit 7,4; Opioide stehen erst in dritter Linie.5 Die Behandlung chronischer Schmerzsyndrome führt das Modul Schmerzmedizin aus.

Für die Praxis heißt das: Fragen Sie bei jedem Schmerz nach Charakter und Verteilung, bevor Sie die Dosis ändern. Ein brennender, einschießender Schmerz mit Allodynie in einem Nervenversorgungsgebiet ist ein anderes Problem und verlangt eine andere Substanzklasse, nicht mehr Opioid. Nehmen Sie eine vegetative Begleitreaktion mit dumpfem, nicht lokalisierbarem Schmerz als Hinweis auf eine viszerale Ursache und suchen Sie sie. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Schulterschmerz nach laparoskopischem Eingriff als Lagerungsschaden behandelt wird, obwohl er der übertragenen Empfindung des gedehnten Zwerchfells entspricht.

Übung 6.1

Lektion 7

Multimodale Analgesie, Nozizeptionsmonitoring und opioidfreie Anästhesie

Aus der Kette der vier Stationen folgt der Gedanke der multimodalen Analgesie: Mehrere Wirkstoffe mit verschiedenen Angriffspunkten ergänzen sich, sodass niedrigere Einzeldosen genügen und die unerwünschten Wirkungen sich nicht addieren. Der Gedanke ist schlüssig, doch er ist kein Beleg, und die Überprüfung der einzelnen Bausteine hat einige gängige Bestandteile ihres Rufs beraubt. Deshalb sind die eingriffsspezifischen Empfehlungen an die Stelle des pauschalen Rezepts getreten.2

Gut belegt sind die peripher und spinal angreifenden Bausteine. Für Ketamin in niedriger Dosis ergab die Zusammenfassung von 130 Studien mit 8 341 Teilnehmern einen kleinen, aber durchgehenden Effekt: Der Ruheschmerz nach 24 Stunden lag um 5 von 100 Millimetern niedriger, der Opioidverbrauch über 24 Stunden um 8 mg Morphinäquivalent, die erste Analgetikaanforderung erfolgte 54 Minuten später, und Übelkeit und Erbrechen sanken von 27 auf 23 Prozent.6 Für Dexamethason in einer Dosis von 8 mg ist die Wirkung auf Übelkeit und Erbrechen in einer Studie mit 8 880 Patienten belegt, nämlich eine Senkung von 53,9 auf 42,2 Prozent, ohne Anstieg der Wundinfektionen mit 8,1 gegenüber 9,1 Prozent.7

Nicht belegt sind zwei Bausteine, die lange selbstverständlich waren. Für die Gabapentinoide ergab die Auswertung von 281 randomisierten Studien keinen klinisch bedeutsamen analgetischen Effekt, dafür mehr Schwindel und Sehstörungen und keine Verhinderung chronischer Schmerzen.8 Eine große randomisierte Studie mit 1 195 Patienten bestätigte das für den harten Endpunkt: Die Krankenhausverweildauer war mit median 5,94 gegenüber 6,15 Tagen unverändert, und die schweren unerwünschten Ereignisse lagen bei 31,7 gegenüber 32,6 Prozent; der primäre Endpunkt war dabei ausdrücklich die Verweildauer und nicht der Schmerzwert.9 Für intravenöses Lidocain zeigte eine Studie mit 557 Patienten weder eine Beschleunigung der Darmfunktion, 57,3 gegenüber 59,0 Prozent, noch eine analgetische Wirkung.10 Diese Ergebnisse widerlegen nicht das Prinzip der Kombination, sondern die Annahme, jeder plausible Baustein trage auch etwas bei.

Tabelle 2: Multimodale Analgesie, Nozizeptionsmonitoring und opioidfreie Anästhesie
BausteinAngriffspunkt in der KetteBelegter EffektEinschränkung
Nichtsteroidale Entzündungshemmer und ParacetamolTransduktion, ProstaglandinbildungGrundbaustein nahezu jedes eingriffsspezifischen Schemas2, 1Nierendurchblutung, Magenschleimhaut, Thrombozytenfunktion; Auswahl eingriffs- und patientenabhängig
Lokalanästhetika und RegionalverfahrenTransmission, spannungsgesteuerter Natriumkanalsenken chronische postoperative Schmerzen relativ um 27 Prozent, relatives Risiko 0,73, mit Effekten bis zwölf Monate3eingriffsabhängig; bei Thorakotomie waren rückenmarknahe Verfahren wirksamer als periphere3
Ketamin, niedrig dosiertModulation, NMDA-Rezeptor und Wind-upRuheschmerz nach 24 Stunden um 5 von 100 Millimetern niedriger, Opioidverbrauch um 8 mg Morphinäquivalent geringer, erste Anforderung 54 Minuten später, Übelkeit von 27 auf 23 Prozent6Effekte klein; psychomimetische Wirkungen begrenzen die Dosis
Alpha-2-AgonistenModulation, präsynaptisch spinal und absteigende HemmungTeil der einzigen opioidfreien Kombination mit belegtem Effekt auf Opioidverbrauch und Übelkeit11Bradykardie und Hypotonie; Wirkdauer schwer steuerbar
Dexamethason 8 mgTransduktion, EntzündungsmediatorenÜbelkeit und Erbrechen innerhalb von 24 Stunden von 53,9 auf 42,2 Prozent, Wundinfektionen nicht erhöht, 8,1 gegenüber 9,1 Prozent7belegt ist die Wirkung auf Übelkeit; die analgetische Wirkung ist nachrangig
GabapentinoideModulation, Alpha-2-delta-Untereinheit des Calciumkanalskein klinisch bedeutsamer analgetischer Effekt in 281 Studien8; Verweildauer unverändert, median 5,94 gegenüber 6,15 Tage9mehr Schwindel und Sehstörungen, keine Verhinderung chronischer Schmerzen8
Lidocain intravenösTransmission, Natriumkanal und ektope Entladungenkeine Beschleunigung der Darmfunktion, 57,3 gegenüber 59,0 Prozent, keine analgetische Wirkung10als Einzelbaustein nicht belegt; nur als Teil einer Dreierkombination mit Effekt11
OpioideModulation, mü-Rezeptor spinal und supraspinalwirksam und weiterhin Rückfallebene bei starkem Schmerz1hoch dosiertes Remifentanil erhöhte den Schmerz nach einer Stunde um 9,4 von 100 Millimetern12; niedrigere Dosen gingen mit geringeren Schmerzwerten einher13

Weil die Nozizeption im narkotisierten Patienten unsichtbar ist, liegt der Gedanke eines Nozizeptionsmonitorings nahe. Die verfügbaren Verfahren leiten aus Pulswellenform, Hautleitwert, Pupillenreaktion oder Herzfrequenzvariabilität einen Index ab, der das Gleichgewicht zwischen nozizeptivem Eingang und antinozizeptiver Abschirmung beschreiben soll. Der Nachweis eines klinischen Nutzens ist bisher nicht gelungen: In neun randomisierten Studien mit 519 Patienten senkte das Nozizeptionsmonitoring den intraoperativen Opioidverbrauch nicht belegbar, mit einer standardisierten Mittelwertdifferenz von minus 0,26.14 Die strukturelle Grenze liegt darin, dass alle diese Verfahren vegetative Größen messen, die von Volumenstatus, Temperatur, Wirkstoffen und Vorerkrankungen mindestens so stark beeinflusst werden wie von der Nozizeption.

Dieselbe Nüchternheit gilt für die opioidfreie Anästhesie. In 42 Studien mit 4 666 Patienten war kein opioidfreies Regime der opioidbasierten Anästhesie beim Schmerz innerhalb von 24 Stunden überlegen; einen Effekt auf Opioidverbrauch und Übelkeit zeigte allein die Kombination aus Ketamin, einem Alpha-2-Agonisten und Lidocain.11 Die sinnvolle Schlussfolgerung ist deshalb nicht der Verzicht auf Opioide, sondern deren sparsame und begründete Verwendung. Dafür gibt es einen physiologischen Grund: Nach hoch dosiertem intraoperativem Remifentanil war der Schmerz nach einer Stunde um 9,4 von 100 Millimetern höher und der Morphinverbrauch nach 24 Stunden größer,12 während niedrigere Remifentanildosen in 31 Studien mit 2 019 Patienten mit geringeren Schmerzwerten und deutlich geringerem Bedarf an Zusatzanalgesie einhergingen.13 Der chronische postoperative Schmerz betrifft nach den gängigen Übersichten 10 bis 30 Prozent der Operierten und ist damit kein Randphänomen.15

Für die Praxis heißt das: Bauen Sie das Analgesiekonzept aus Bausteinen mit belegtem Effekt und lassen Sie die unwirksamen weg, statt die Liste zu verlängern. Richten Sie sich nach den Empfehlungen für den jeweiligen Eingriff und nicht nach einem einheitlichen Schema. Nutzen Sie ein Regionalverfahren, wo es möglich ist, weil es als einziger Baustein auch den Langzeitverlauf verbessert. Halten Sie die Remifentanildosis niedrig und planen Sie den Übergang zur postoperativen Analgesie, bevor die Zufuhr endet. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Patient nach opioidbetonter Narkose im Aufwachraum trotz hoher Opioidgaben zunehmend schmerzempfindlicher wird.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Denken Sie an eine Meldekette mit vier Stationen und einem Verstärker. Die erste Station ist der Melder in der Peripherie, und sein Ansprechpunkt ist einstellbar: Die Entzündungssuppe dreht ihn empfindlicher. Die zweite Station ist die Leitung, und sie ist die einzige Stelle, an der ein Signal vollständig unterbrochen werden kann; das ist der Grund für die besondere Stellung der Regionalverfahren. Die dritte Station ist die Vermittlung im Hinterhorn, und dort sitzt der Verstärker: Der NMDA-Rezeptor zählt Wiederholungen und erhöht die Ausgangslautstärke, während hemmende Zwischenneurone, absteigende Bahnen und die dicken Berührungsfasern sie senken. Die vierte Station ist die Zentrale, die aus dem Eingang ein Erleben macht und dabei Bedeutung, Erwartung und Stimmung mit einrechnet.

Aus diesem Bild folgen drei Sätze. Erstens: Jede Wirkstoffgruppe hat ihre Station, und eine Kombination ist nur dann sinnvoll, wenn die Bausteine verschiedene Stationen bedienen. Zweitens: Der Verstärker lässt sich leichter am Einschalten hindern als nachträglich zurückdrehen, weshalb der Zeitpunkt der Analgesie über ihre Wirksamkeit mitentscheidet. Drittens: Was die Zentrale meldet, ist nicht der Eingang, sondern das Ergebnis der Verrechnung. Ein starker Schmerz bei kleinem Befund ist deshalb kein Widerspruch, sondern die erwartbare Folge einer hohen Verstärkung.

Der zweite Teil des Modells betrifft die Zeit. Nozizeption ist ein Ereignis, Sensibilisierung ein Prozess. Innerhalb von Minuten arbeitet die Phosphorylierung, innerhalb von Stunden die Verlagerung von Rezeptoren in die Membran, innerhalb von Tagen die geänderte Genexpression. Wer die Kette in den ersten Stunden dämpft, verhindert Zustände, die später nur schwer rückgängig zu machen sind. Genau darin liegt der Sinn der frühen, mehrgleisigen Behandlung, und genau dort liegt der Übergang zum chronischen Schmerz.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Die Narkose hebt die Wahrnehmung auf, nicht die Nozizeption. Reizantwort des Kreislaufs, Wind-up im Hinterhorn und die Sensibilisierung im Wundgebiet laufen unter Narkose weiter und bestimmen den postoperativen Schmerz.
  • Volatile Anästhetika und Propofol dämpfen die spinale Verarbeitung nur begrenzt; die eigentliche Abschirmung übernehmen Opioide, Alpha-2-Agonisten, Ketamin und die Regionalverfahren.
  • Hoch dosiertes Remifentanil erzeugt eine gegenläufige Wirkung: Der Schmerz lag nach einer Stunde um 9,4 von 100 Millimetern höher und der Morphinverbrauch nach 24 Stunden größer als unter niedrigerer Dosis.12, 13
  • Muskelrelaxanzien und Hypnotika entfernen die sichtbaren Zeichen der Nozizeption, ohne sie zu beeinflussen. Die Beurteilung stützt sich dann auf Eingriffsart und erwarteten Verlauf.
  • Ein Nozizeptionsmonitoring ersetzt diese Abschätzung nicht: In neun Studien mit 519 Patienten senkte es den intraoperativen Opioidverbrauch nicht belegbar.14
  • Ein Regionalverfahren wirkt über den Eingriff hinaus und senkte das Risiko chronischer postoperativer Schmerzen relativ um 27 Prozent.3

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Wachsende Allodyniezone um eine Wunde über mehrere Tage als Zeichen zunehmender zentraler Beteiligung, nicht als Zeichen einer Wundinfektion.
  • Steigender Opioidbedarf bei nachlassender Wirkung nach opioidbetonter Narkose, das typische Bild einer Verstärkung und einer opioidbedingten Hyperalgesie.12
  • Schulterschmerz nach laparoskopischem Eingriff als übertragene Empfindung des gedehnten Zwerchfells über die Segmente des Nervus phrenicus.
  • Brennender Dauerschmerz mit einschießenden Attacken und gleichzeitigem Sensibilitätsdefizit nach Thorakotomie, Mastektomie oder Leistenhernienoperation als neuropathischer Schmerz mit eigener Behandlungsrangfolge.5
  • Unruhe, Tachykardie und Beatmungsintoleranz beim tief sedierten Patienten, die auf Nozizeption zurückgehen und mit einer Erhöhung der Sedierung scheinbar gebessert, tatsächlich nur verdeckt werden.
  • Kolikartiger Schmerz mit Übelkeit, Schwitzen und Bradykardie als viszerales Bild, dessen wirksame Reize Dehnung, Spasmus und Ischämie sind und nicht der Schnitt.
  • Chronischer Schmerz im Operationsgebiet nach Monaten bei 10 bis 30 Prozent der Operierten, dessen Grundstein perioperativ gelegt wird.15
Vorsicht

Ein tief sedierter oder relaxierter Patient kann keine Schmerzen berichten, aber die Nozizeption läuft weiter. Eine Erhöhung der Sedierung beseitigt die sichtbaren Zeichen, nicht ihre Ursache, und ersetzt keine Analgesie. Prüfen Sie bei jeder vegetativen Reaktion zuerst, ob die Analgesie ausreicht.

Aktuelle Evidenz

Die multimodale Analgesie ist als Prinzip unbestritten, doch ihre Bausteine sind einzeln geprüft worden, und die Ergebnisse fallen sehr unterschiedlich aus. Für niedrig dosiertes Ketamin ergab die Zusammenfassung von 130 Studien mit 8 341 Teilnehmern kleine, aber durchgehende Effekte: Der Ruheschmerz nach 24 Stunden lag um 5 von 100 Millimetern niedriger, der Opioidverbrauch über 24 Stunden um 8 mg Morphinäquivalent, die erste Analgetikaanforderung erfolgte 54 Minuten später, und Übelkeit und Erbrechen sanken von 27 auf 23 Prozent.6 Für Dexamethason in einer Dosis von 8 mg sank bei 8 880 Patienten die Übelkeit innerhalb von 24 Stunden von 53,9 auf 42,2 Prozent, ohne Anstieg der Wundinfektionen mit 8,1 gegenüber 9,1 Prozent.7 Regionalanästhesie wirkt über den Eingriff hinaus: In 158 Studien mit 18 794 Teilnehmern sank das Risiko chronischer postoperativer Schmerzen relativ um 27 Prozent, mit einem relativen Risiko von 0,73 und Effekten bis zwölf Monate.3

Zwei lange selbstverständliche Bausteine haben die Prüfung nicht bestanden. Für die Gabapentinoide fand die Auswertung von 281 randomisierten Studien keinen klinisch bedeutsamen analgetischen Effekt, dafür mehr Schwindel und Sehstörungen und keine Verhinderung chronischer Schmerzen;8 eine randomisierte Studie mit 1 195 Patienten zeigte keine Verkürzung der Krankenhausverweildauer, median 5,94 gegenüber 6,15 Tage, und keine Senkung schwerer unerwünschter Ereignisse, 31,7 gegenüber 32,6 Prozent.9 Für intravenöses Lidocain ergab eine Studie mit 557 Patienten weder eine Beschleunigung der Erholung der Darmfunktion, 57,3 gegenüber 59,0 Prozent, noch eine analgetische Wirkung.10 Daraus folgt die Abkehr vom pauschalen Rezept zugunsten eingriffsspezifischer Empfehlungen,2 wie sie auch die deutsche Leitlinie zur Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen trägt.1

Zwei weitere Entwicklungen verlangen dieselbe Nüchternheit. Das Nozizeptionsmonitoring senkte in neun randomisierten Studien mit 519 Patienten den intraoperativen Opioidverbrauch nicht belegbar, mit einer standardisierten Mittelwertdifferenz von minus 0,26.14 Und in 42 Studien mit 4 666 Patienten war kein opioidfreies Regime der opioidbasierten Anästhesie beim Schmerz innerhalb von 24 Stunden überlegen; nur die Kombination aus Ketamin, einem Alpha-2-Agonisten und Lidocain senkte Opioidverbrauch und Übelkeit.11 Die sinnvolle Folgerung ist nicht der Verzicht auf Opioide, sondern ihre sparsame Verwendung: Nach hoch dosiertem intraoperativem Remifentanil lag der Schmerz nach einer Stunde um 9,4 von 100 Millimetern höher und der Morphinverbrauch nach 24 Stunden größer,12 während niedrigere Dosen in 31 Studien mit 2 019 Patienten mit geringeren Schmerzwerten und deutlich geringerem Bedarf an Zusatzanalgesie einhergingen.13 Der chronische postoperative Schmerz betrifft in der gängigen Größenordnung 10 bis 30 Prozent der Operierten.15

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Nozizeption und Schmerz seien dasselbe. Nozizeption ist ein messbarer Vorgang im Nervensystem, Schmerz ein Erleben. Unter Narkose besteht das eine ohne das andere, beim Phantomschmerz das andere ohne das eine.
  • Ein Nozizeptor sei ein Messgerät mit fester Eichung. Die Entzündungssuppe senkt die Schwelle und steigert die Antwort; aus derselben Verschiebung entstehen Allodynie und Hyperalgesie.
  • Multimodale Analgesie bedeute, möglichst viele Bausteine zu kombinieren. Gabapentinoide zeigten in 281 Studien keinen klinisch bedeutsamen Effekt,8 intravenöses Lidocain wirkte in einer Studie mit 557 Patienten nicht analgetisch.10 Sinnvoll ist eine eingriffsspezifische Auswahl.2
  • Steigender Opioidbedarf bedeute eine zu niedrige Dosis. Er kann Ausdruck von Wind-up und opioidbedingter Hyperalgesie sein; hoch dosiertes Remifentanil erhöhte den Schmerz nach einer Stunde um 9,4 von 100 Millimetern.12
  • Opioidfreie Anästhesie sei grundsätzlich besser. In 42 Studien mit 4 666 Patienten war kein opioidfreies Regime beim Schmerz innerhalb von 24 Stunden überlegen; nur eine bestimmte Dreierkombination senkte Opioidverbrauch und Übelkeit.11

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Die wachsende Zone und der steigende Bedarf

Ein 58-jähriger Patient ist am dritten Tag nach Thorakotomie wegen eines Bronchialkarzinoms auf der Überwachungsstation. Ein Periduralkatheter wurde am Vortag wegen Dislokation entfernt. Der Patient erhält Piritramid über eine patientengesteuerte Pumpe; der Verbrauch ist über 24 Stunden von 18 auf 42 mg gestiegen, die Schmerzangabe in Ruhe liegt bei 5 von 10 und unter Husten bei 9 von 10. Eine Berührung mit dem Wattetupfer löst neben der Narbe Schmerz aus; die empfindliche Zone reicht heute zwei Querfinger weiter nach unten als gestern. Der Patient hustet kaum ab, die Sättigung beträgt 92 Prozent unter 2 Litern Sauerstoff je Minute. Ein nichtsteroidaler Entzündungshemmer ist nicht angesetzt, das Kreatinin liegt bei 0,9 mg je Deziliter. Der Patient ist zunehmend erschöpft und ängstlich.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Nozizeption läuft ohne Bewusstsein, Schmerz nicht. Beim sedierten Patienten behandeln Sie das Erste und können das Zweite nicht messen.
  • Vier Stationen, vier Angriffspunkte: Transduktion, Transmission, Modulation, Wahrnehmung. Eine Kombination ist nur sinnvoll, wenn die Bausteine verschiedene Stationen bedienen; Charakter und Lokalisierbarkeit des Schmerzes verraten dabei den Fasertyp und damit den Zugang.
  • Allodynie und Hyperalgesie sind zwei Abschnitte derselben nach links verschobenen Kurve, nicht zwei Krankheiten.
  • Der NMDA-Rezeptor zählt Wiederholungen. Wind-up verhindern ist leichter als Wind-up beseitigen, deshalb entscheidet der Zeitpunkt der Analgesie.
  • Plausibel ist nicht belegt. Gabapentinoide und intravenöses Lidocain haben die Prüfung nicht bestanden, Regionalverfahren und niedrig dosiertes Ketamin haben sie bestanden.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie begründen Sie ein anderes

Gegeben:
Ein 63-jähriger Patient ist nach großem abdominellem Eingriff beatmet und tief sediert. Über 20 Minuten steigen Herzfrequenz und Blutdruck, die Pupillen sind weit, die Haut ist feucht. Ein Kollege möchte die Sedierung vertiefen.

Frage:
Wie begründen Sie ein anderes Vorgehen?

Lösung

Die beobachteten Größen sind vegetative Zeichen der Nozizeption und keine Messung von Schmerz, denn Schmerz ist ein Erleben und beim tief sedierten Patienten nicht erhebbar. Eine Vertiefung der Sedierung beseitigt die Zeichen, nicht deren Ursache: Die nozizeptive Verarbeitung im Hinterhorn läuft weiter, das Wind-up über den NMDA-Rezeptor ebenso, und die Sensibilisierung im Wundgebiet nimmt zu. Richtig ist, zuerst die Analgesie zu prüfen und zu verstärken, dabei eine Kombination mit verschiedenen Angriffspunkten zu nutzen und ein Regionalverfahren zu erwägen. Gleichzeitig sind die konkurrierenden Erklärungen abzuarbeiten, weil vegetative Größen unspezifisch sind: Hypovolämie, Fieber, Harnverhalt, Entzug, Hypoxämie und Beatmungsprobleme erzeugen dasselbe Bild. Ein Nozizeptionsmonitoring würde diese Abschätzung nicht ersetzen, denn es senkte in neun Studien mit 519 Patienten den intraoperativen Opioidverbrauch nicht belegbar.

Aufgabe 2: Ordnen Sie diesen Befund ein

Gegeben:
Eine Patientin berichtet am zweiten Tag nach Thorakotomie, dass schon die Berührung durch das Hemd im Narbengebiet schmerzt, und das empfindliche Gebiet ist größer als am Vortag.

Frage:
Ordnen Sie diesen Befund ein und leiten Sie das Vorgehen ab.

Lösung

Der Schmerz auf einen normalerweise nicht schmerzhaften Reiz ist eine Allodynie. Dass das empfindliche Gebiet über die Wunde hinausgeht und wächst, spricht für eine sekundäre Hyperalgesie und damit für eine Verstärkung im Rückenmark und nicht allein für eine periphere Sensibilisierung. Zugrunde liegt das Wind-up über den NMDA-Rezeptor, der bei wiederholten C-Faser-Reizen seine Magnesiumblockade verliert, mit nachfolgender Verlagerung weiterer Rezeptoren in die Membran und Aktivierung der Gliazellen. Praktisch folgt daraus: die Analgesie verstärken und dabei ausdrücklich die Modulationsebene bedienen, also niedrig dosiertes Ketamin als eigenen Baustein erwägen, das Regionalverfahren auf Funktion und Lage prüfen und die Basisanalgesie mit einem nichtsteroidalen Entzündungshemmer sichern, sofern die Nierenfunktion es erlaubt. Zugleich ist die Zone zu kartieren und zu dokumentieren, weil ihre Ausdehnung der einfachste Verlaufsparameter ist. Nach Thorakotomie ist das Risiko eines chronischen Schmerzes erhöht; Regionalanästhesie senkte es relativ um 27 Prozent, bei Thorakotomie mit besserer Wirkung rückenmarknaher Verfahren.

Aufgabe 3: Welche Bausteine würden Sie mit

Gegeben:
Für einen Eingriff wird ein Analgesiekonzept vorgeschlagen, das Paracetamol, einen nichtsteroidalen Entzündungshemmer, Pregabalin, eine Lidocain-Dauerinfusion und Dexamethason enthält.

Frage:
Welche Bausteine würden Sie mit welcher Begründung streichen?

Lösung

Streichen würde ich Pregabalin und die Lidocain-Dauerinfusion. Für die Gabapentinoide ergab die Auswertung von 281 randomisierten Studien keinen klinisch bedeutsamen analgetischen Effekt, dafür mehr Schwindel und Sehstörungen und keine Verhinderung chronischer Schmerzen; eine Studie mit 1 195 Patienten fand keine Verkürzung der Verweildauer, median 5,94 gegenüber 6,15 Tage, und keine Senkung schwerer unerwünschter Ereignisse. Für intravenöses Lidocain als Einzelbaustein zeigte eine Studie mit 557 Patienten weder eine Beschleunigung der Darmfunktion, 57,3 gegenüber 59,0 Prozent, noch eine analgetische Wirkung. Beibehalten würde ich Paracetamol und den Entzündungshemmer als Basis an der Transduktion, sofern Nierenfunktion, Volumenstatus und Begleitmedikation es erlauben, sowie Dexamethason 8 mg, dessen Wirkung auf Übelkeit und Erbrechen mit einer Senkung von 53,9 auf 42,2 Prozent bei 8 880 Patienten belegt ist, ohne Anstieg der Wundinfektionen. Ergänzen würde ich ein passendes Regionalverfahren und, bei absehbar starker Nozizeption, niedrig dosiertes Ketamin. Die Auswahl richtet sich nach eingriffsspezifischen Empfehlungen und nicht nach einem einheitlichen Schema.

Aufgabe 4: Wie deuten Sie das, und

Gegeben:
Ein Patient beschreibt drei Monate nach Leistenhernienoperation einen brennenden Dauerschmerz mit einschießenden Attacken in der Leiste; im selben Gebiet ist die Berührungsempfindung herabgesetzt, ein Wattetupfer löst Schmerz aus.

Frage:
Wie deuten Sie das, und was folgt daraus?

Lösung

Das Nebeneinander von Minussymptomen, also dem Sensibilitätsdefizit, und Plussymptomen, also Brennen, Attacken und Allodynie, in einem Nervenversorgungsgebiet ist das Kennzeichen eines neuropathischen Schmerzes. Er entsteht nicht durch Reizung eines gesunden Nozizeptors, sondern durch eine Läsion des somatosensorischen Systems selbst. Vier Mechanismen wirken zusammen: ektope Spontanentladungen aus vermehrt gebildeten Natriumkanälen, Übersprechen benachbarter Fasern, Ausfall segmentaler und absteigender Hemmung sowie eine Umgestaltung der Verschaltung mit dauerhaft aktivierten Gliazellen. Daraus folgt eine andere Substanzklasse: Erste Wahl sind trizyklische Antidepressiva mit einer Zahl notwendiger Behandlungen von 4,6, danach Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer mit 7,4 und Alpha-2-delta-Liganden mit 8,9; Opioide stehen erst in dritter Linie. Eine Steigerung der Opioiddosis ist hier also gerade nicht der richtige Weg. Die weitere Behandlung gehört in die Hände der Schmerzmedizin, einschließlich der Prüfung interventioneller Verfahren.

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Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Nozizeption und SchmerzNozizeption ist die messbare Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung eines schädigenden Reizes und läuft ohne Bewusstsein ab; Schmerz ist das Erleben, das daraus entstehen kann, und nur über die Auskunft der betroffenen Person zugänglich.
Die vier StationenTransduktion an der freien Nervenendigung, Transmission über die Faser, Modulation im Hinterhorn und Wahrnehmung in Rinde und limbischem System; jede Wirkstoffgruppe greift an einer anderen Station an, und genau daraus folgt der Sinn einer Kombination.
Erster und zweiter SchmerzDie schnell leitenden A-delta-Fasern erzeugen den hellen, stechenden, gut lokalisierten ersten Schmerz mit Schutzreaktion, die langsam leitenden C-Fasern den dumpfen, brennenden, schlecht lokalisierten zweiten Schmerz mit vegetativer Begleitung.
EntzündungssuppeGemisch aus Protonen, Adenosintriphosphat, Kalium, Bradykinin, Prostaglandinen, Serotonin, Histamin, Zytokinen und Nervenwachstumsfaktor, das die Transduktionskanäle phosphoryliert und ihre Zahl erhöht; Ergebnis ist eine Reiz-Antwort-Kurve, die nach links und oben verschoben ist.
Allodynie und HyperalgesieAllodynie ist Schmerz auf einen normalerweise nicht schmerzhaften Reiz, Hyperalgesie eine verstärkte Antwort auf einen ohnehin schmerzhaften Reiz; primäre Hyperalgesie im Wundgebiet ist überwiegend peripher, sekundäre Hyperalgesie im Umfeld überwiegend spinal bedingt.
Wind-upZunahme der Antwort eines Hinterhornneurons bei einer Serie gleich starker C-Faser-Reize, weil der NMDA-Rezeptor bei anhaltender Depolarisation seine Magnesiumblockade verliert; über Calciumeinstrom, Rezeptorverlagerung und Gliaaktivierung entsteht daraus eine dauerhafte Verstärkung.
Gate ControlVorstellung des Hinterhorns als gewichtetes Tor: Aktivität dicker A-beta-Fasern erregt hemmende Zwischenneurone und dämpft die Weitergabe des nozizeptiven Signals; die ursprüngliche Schaltung war zu einfach, die Kernaussage trägt und begründet Reiben, Kühlen und transkutane Stimulation.
Neuropathischer SchmerzSchmerz durch Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Systems selbst, getragen von ektopen Entladungen, Übersprechen benachbarter Fasern, Ausfall von Hemmung und Umbau der Verschaltung; kennzeichnend ist das Nebeneinander von Sensibilitätsdefizit und Allodynie im selben Gebiet.

Literatur

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Standardwerke

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  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Hall JE, Hall ME. Guyton and Hall Textbook of Medical Physiology. 14. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2021.
  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.

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