Aus der Kette der vier Stationen folgt der Gedanke der multimodalen Analgesie: Mehrere Wirkstoffe mit verschiedenen Angriffspunkten ergänzen sich, sodass niedrigere Einzeldosen genügen und die unerwünschten Wirkungen sich nicht addieren. Der Gedanke ist schlüssig, doch er ist kein Beleg, und die Überprüfung der einzelnen Bausteine hat einige gängige Bestandteile ihres Rufs beraubt. Deshalb sind die eingriffsspezifischen Empfehlungen an die Stelle des pauschalen Rezepts getreten.2
Gut belegt sind die peripher und spinal angreifenden Bausteine. Für Ketamin in niedriger Dosis ergab die Zusammenfassung von 130 Studien mit 8 341 Teilnehmern einen kleinen, aber durchgehenden Effekt: Der Ruheschmerz nach 24 Stunden lag um 5 von 100 Millimetern niedriger, der Opioidverbrauch über 24 Stunden um 8 mg Morphinäquivalent, die erste Analgetikaanforderung erfolgte 54 Minuten später, und Übelkeit und Erbrechen sanken von 27 auf 23 Prozent.6 Für Dexamethason in einer Dosis von 8 mg ist die Wirkung auf Übelkeit und Erbrechen in einer Studie mit 8 880 Patienten belegt, nämlich eine Senkung von 53,9 auf 42,2 Prozent, ohne Anstieg der Wundinfektionen mit 8,1 gegenüber 9,1 Prozent.7
Nicht belegt sind zwei Bausteine, die lange selbstverständlich waren. Für die Gabapentinoide ergab die Auswertung von 281 randomisierten Studien keinen klinisch bedeutsamen analgetischen Effekt, dafür mehr Schwindel und Sehstörungen und keine Verhinderung chronischer Schmerzen.8 Eine große randomisierte Studie mit 1 195 Patienten bestätigte das für den harten Endpunkt: Die Krankenhausverweildauer war mit median 5,94 gegenüber 6,15 Tagen unverändert, und die schweren unerwünschten Ereignisse lagen bei 31,7 gegenüber 32,6 Prozent; der primäre Endpunkt war dabei ausdrücklich die Verweildauer und nicht der Schmerzwert.9 Für intravenöses Lidocain zeigte eine Studie mit 557 Patienten weder eine Beschleunigung der Darmfunktion, 57,3 gegenüber 59,0 Prozent, noch eine analgetische Wirkung.10 Diese Ergebnisse widerlegen nicht das Prinzip der Kombination, sondern die Annahme, jeder plausible Baustein trage auch etwas bei.
Tabelle 2: Multimodale Analgesie, Nozizeptionsmonitoring und opioidfreie Anästhesie
| Baustein | Angriffspunkt in der Kette | Belegter Effekt | Einschränkung |
| Nichtsteroidale Entzündungshemmer und Paracetamol | Transduktion, Prostaglandinbildung | Grundbaustein nahezu jedes eingriffsspezifischen Schemas2, 1 | Nierendurchblutung, Magenschleimhaut, Thrombozytenfunktion; Auswahl eingriffs- und patientenabhängig |
| Lokalanästhetika und Regionalverfahren | Transmission, spannungsgesteuerter Natriumkanal | senken chronische postoperative Schmerzen relativ um 27 Prozent, relatives Risiko 0,73, mit Effekten bis zwölf Monate3 | eingriffsabhängig; bei Thorakotomie waren rückenmarknahe Verfahren wirksamer als periphere3 |
| Ketamin, niedrig dosiert | Modulation, NMDA-Rezeptor und Wind-up | Ruheschmerz nach 24 Stunden um 5 von 100 Millimetern niedriger, Opioidverbrauch um 8 mg Morphinäquivalent geringer, erste Anforderung 54 Minuten später, Übelkeit von 27 auf 23 Prozent6 | Effekte klein; psychomimetische Wirkungen begrenzen die Dosis |
| Alpha-2-Agonisten | Modulation, präsynaptisch spinal und absteigende Hemmung | Teil der einzigen opioidfreien Kombination mit belegtem Effekt auf Opioidverbrauch und Übelkeit11 | Bradykardie und Hypotonie; Wirkdauer schwer steuerbar |
| Dexamethason 8 mg | Transduktion, Entzündungsmediatoren | Übelkeit und Erbrechen innerhalb von 24 Stunden von 53,9 auf 42,2 Prozent, Wundinfektionen nicht erhöht, 8,1 gegenüber 9,1 Prozent7 | belegt ist die Wirkung auf Übelkeit; die analgetische Wirkung ist nachrangig |
| Gabapentinoide | Modulation, Alpha-2-delta-Untereinheit des Calciumkanals | kein klinisch bedeutsamer analgetischer Effekt in 281 Studien8; Verweildauer unverändert, median 5,94 gegenüber 6,15 Tage9 | mehr Schwindel und Sehstörungen, keine Verhinderung chronischer Schmerzen8 |
| Lidocain intravenös | Transmission, Natriumkanal und ektope Entladungen | keine Beschleunigung der Darmfunktion, 57,3 gegenüber 59,0 Prozent, keine analgetische Wirkung10 | als Einzelbaustein nicht belegt; nur als Teil einer Dreierkombination mit Effekt11 |
| Opioide | Modulation, mü-Rezeptor spinal und supraspinal | wirksam und weiterhin Rückfallebene bei starkem Schmerz1 | hoch dosiertes Remifentanil erhöhte den Schmerz nach einer Stunde um 9,4 von 100 Millimetern12; niedrigere Dosen gingen mit geringeren Schmerzwerten einher13 |
Weil die Nozizeption im narkotisierten Patienten unsichtbar ist, liegt der Gedanke eines Nozizeptionsmonitorings nahe. Die verfügbaren Verfahren leiten aus Pulswellenform, Hautleitwert, Pupillenreaktion oder Herzfrequenzvariabilität einen Index ab, der das Gleichgewicht zwischen nozizeptivem Eingang und antinozizeptiver Abschirmung beschreiben soll. Der Nachweis eines klinischen Nutzens ist bisher nicht gelungen: In neun randomisierten Studien mit 519 Patienten senkte das Nozizeptionsmonitoring den intraoperativen Opioidverbrauch nicht belegbar, mit einer standardisierten Mittelwertdifferenz von minus 0,26.14 Die strukturelle Grenze liegt darin, dass alle diese Verfahren vegetative Größen messen, die von Volumenstatus, Temperatur, Wirkstoffen und Vorerkrankungen mindestens so stark beeinflusst werden wie von der Nozizeption.
Dieselbe Nüchternheit gilt für die opioidfreie Anästhesie. In 42 Studien mit 4 666 Patienten war kein opioidfreies Regime der opioidbasierten Anästhesie beim Schmerz innerhalb von 24 Stunden überlegen; einen Effekt auf Opioidverbrauch und Übelkeit zeigte allein die Kombination aus Ketamin, einem Alpha-2-Agonisten und Lidocain.11 Die sinnvolle Schlussfolgerung ist deshalb nicht der Verzicht auf Opioide, sondern deren sparsame und begründete Verwendung. Dafür gibt es einen physiologischen Grund: Nach hoch dosiertem intraoperativem Remifentanil war der Schmerz nach einer Stunde um 9,4 von 100 Millimetern höher und der Morphinverbrauch nach 24 Stunden größer,12 während niedrigere Remifentanildosen in 31 Studien mit 2 019 Patienten mit geringeren Schmerzwerten und deutlich geringerem Bedarf an Zusatzanalgesie einhergingen.13 Der chronische postoperative Schmerz betrifft nach den gängigen Übersichten 10 bis 30 Prozent der Operierten und ist damit kein Randphänomen.15
Für die Praxis heißt das: Bauen Sie das Analgesiekonzept aus Bausteinen mit belegtem Effekt und lassen Sie die unwirksamen weg, statt die Liste zu verlängern. Richten Sie sich nach den Empfehlungen für den jeweiligen Eingriff und nicht nach einem einheitlichen Schema. Nutzen Sie ein Regionalverfahren, wo es möglich ist, weil es als einziger Baustein auch den Langzeitverlauf verbessert. Halten Sie die Remifentanildosis niedrig und planen Sie den Übergang zur postoperativen Analgesie, bevor die Zufuhr endet. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Patient nach opioidbetonter Narkose im Aufwachraum trotz hoher Opioidgaben zunehmend schmerzempfindlicher wird.