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Klinische Physiologie, Kachel 05 · Stufe PJ
Glomeruläre Filtration, Clearance und die Messung der Nierenfunktion
Vier Drücke erzeugen den Primärharn, eine einzige Formel misst ihn, und der Messwert, den Sie täglich ablesen, hinkt der Wirklichkeit um Stunden bis Tage hinterher.
Lernziele
Die vier Drücke an der Filtrationsbarriere benennen und den effektiven Filtrationsdruck daraus herleiten.
Erklären, warum die glomeruläre Filtration über einen weiten Blutdruckbereich konstant bleibt und welche Medikamente diese Autoregulation aufheben.
Das Clearancekonzept an Inulin entwickeln und daraus die fraktionelle Ausscheidung ableiten.
Die Fehlerquellen des Serumkreatinins nach Richtung des Fehlers ordnen und angeben, wann Cystatin C oder eine gemessene Clearance nötig ist.
Die augmentierte renale Clearance erkennen und ihre Folgen für die Dosierung antiinfektiver Substanzen begründen.
Das akute Nierenversagen nach Kreatinin und Urinausscheidung einteilen und begründen, warum diese Definition die Schädigung systematisch zu spät abbildet.
Zu dieser Lerneinheit
Sieben Lektionen mit zwei eigens gezeichneten Abbildungen und zwei Abbildungen zur Clearance und zu den Transportwegen, einer Tabelle der Fehlerquellen des Kreatinins mit der Richtung des Fehlers und der besseren Messgröße, einer Tabelle der Stadien des akuten Nierenversagens mit Kreatinin- und Urinkriterium, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
Die Einheit setzt die Kompartimente, den kolloidosmotischen Druck und die Osmose aus der Kachel Homöostase und Zellfunktion voraus; Vasopressin, Aldosteron und die natriuretischen Peptide als Hormone stehen in der Kachel Stress, Hormone und metabolische Regulation.
Der tubuläre Transport mit den Angriffspunkten der Diuretika folgt unmittelbar im nächsten Unterkapitel; die Durchführung der Nierenersatzverfahren und die Behandlung des Schocks führt das Modul Intensivmedizin aus, das perioperative Flüssigkeitskonzept die Einheit zur Flüssigkeitstherapie im Modul Allgemeinanästhesie.
Lektion 1
Warum das klinisch zählt
Ein 24-jähriger Mann kommt nach einem Verkehrsunfall auf die Intensivstation, wird beatmet und erhält ein Betalaktam in Standarddosis. Sein Kreatinin beträgt 0,5 mg je Deziliter, die geschätzte Filtrationsrate liegt über 120 mL je Minute, und am vierten Tag ist die Pneumonie trotz empfindlichen Erregers nicht besser. Zwei Zimmer weiter liegt eine 81-jährige Frau nach Hemikolektomie mit einem Kreatinin von 0,9 mg je Deziliter; die Schätzformel meldet eine fast normale Nierenfunktion, obwohl die Frau 48 Kilogramm wiegt und kaum Muskulatur hat. Beide Werte sind richtig gemessen, und beide führen in die Irre.
Die Nierenfunktion ist die einzige Organfunktion, die wir im Alltag fast ausschließlich über ein Abbauprodukt beurteilen, dessen Bildung von einem völlig anderen Organ abhängt. Wer versteht, wie der Primärharn entsteht, was eine Clearance eigentlich misst und welche Annahmen in jeder Schätzformel stecken, liest denselben Laborwert anders: als ein träges, durch Muskelmasse und Wasserbilanz verzerrtes Signal, das eine Schädigung erst meldet, wenn sie längst geschehen ist. Genau daraus folgen die praktischen Entscheidungen dieser Einheit, von der Antibiotikadosis über die Kontrastmittelgabe bis zur Frage, wann eine Oligurie eine Diagnose ist und wann nur ein Befund.
Lektion 2
Die Kräftebilanz an der Filtrationsbarriere
Der Primärharn entsteht als reine Druckfiltration. Das Blut passiert ein Kapillarknäuel, dessen Wand aus drei Schichten besteht: einem gefensterten Endothel, einer Basalmembran mit dichtem Netz negativ geladener Makromoleküle und den Fußfortsätzen der Podozyten mit ihrer Schlitzmembran. Diese Barriere siebt nach Größe und nach Ladung. Wasser, Elektrolyte, Glucose, Harnstoff und Kreatinin gehen frei hindurch, Albumin wird wegen seiner Größe und seiner negativen Ladung fast vollständig zurückgehalten. Der Verlust dieser Ladungsselektivität ist der Grund, warum eine Albuminurie ein früher und empfindlicher Schädigungsmarker ist, lange bevor sich eine Filtrationsrate ändert.
Wie viel filtriert wird, entscheidet die Summe von vier Drücken. Der hydrostatische Druck in der glomerulären Kapillare treibt nach außen und liegt mit etwa 48 Millimeter Quecksilbersäule weit höher als in jeder anderen Kapillare des Körpers, weil zwischen zwei Widerstandsgefäßen filtriert wird. Ihm entgegen stehen der kolloidosmotische Druck des Plasmas mit anfangs etwa 25 Millimeter Quecksilbersäule und der hydrostatische Druck in der Bowman-Kapsel mit etwa 13 Millimeter Quecksilbersäule. Was übrig bleibt, sind zu Beginn der Kapillare rund 10 Millimeter Quecksilbersäule effektiver Filtrationsdruck. Weil entlang der Kapillare Wasser austritt, steigt der kolloidosmotische Druck des verbleibenden Plasmas an, und der effektive Filtrationsdruck nähert sich gegen Ende der Strecke der Null. Die Filtrationsrate ist das Produkt aus diesem Druck und einem Filtrationskoeffizienten, der Fläche und Durchlässigkeit der Barriere zusammenfasst.
Filtriert wird nur der Rest. Weil dieser Rest klein ist, schlagen Änderungen der drei großen Drücke überproportional durch: Ein Abfall des Kapillardrucks um wenige Millimeter Quecksilbersäule oder ein Harnstau halbieren die Filtration, ohne dass sich an der Barriere selbst etwas ändert.
Der entscheidende Kunstgriff der Niere ist, dass sie zwei Widerstände unabhängig verstellen kann. Eine Verengung der zuführenden Arteriole senkt den Kapillardruck und damit die Filtration, eine Verengung der abführenden Arteriole hebt ihn und hält die Filtration aufrecht, obwohl die Durchblutung sinkt. Genau das leistet Angiotensin II, das bevorzugt an der abführenden Arteriole angreift, und genau das erklärt, warum ein Hemmstoff des angiotensinkonvertierenden Enzyms bei kritisch niedrigem Perfusionsdruck die Filtrationsrate einbrechen lässt. Prostaglandine halten umgekehrt die zuführende Arteriole offen; nichtsteroidale Antiphlogistika nehmen der Niere diesen Schutz. Die Kombination aus einem Hemmstoff des Renin-Angiotensin-Systems, einem nichtsteroidalen Antiphlogistikum und einem Diuretikum trifft alle drei Stellglieder gleichzeitig und ist deshalb eine der häufigsten vermeidbaren Ursachen eines perioperativen Nierenversagens. Über diese hormonellen Einflüsse hinaus hält die Niere ihre Durchblutung zwischen etwa 80 und 180 Millimeter Quecksilbersäule mittlerem Druck selbst konstant, über eine myogene Antwort der zuführenden Arteriole und über die Rückmeldung der Macula densa, die das Chloridangebot am distalen Tubulus misst. Ein Fünftel des Plasmas, das den Glomerulus erreicht, wird filtriert; diese Filtrationsfraktion von etwa 20 Prozent steigt, wenn die abführende Arteriole enger gestellt wird.
Für die Praxis heißt das: Fragen Sie bei jedem Abfall der Urinausscheidung zuerst nach dem Perfusionsdruck, dann nach dem Abfluss und erst danach nach dem Volumen. Ein Mitteldruck über 65 Millimeter Quecksilbersäule gilt als Zielgröße der Nierenprotektion.1 Bei 776 Patienten im septischen Schock brachte ein höheres Druckziel von 80 bis 85 Millimeter Quecksilbersäule keinen Überlebensvorteil, senkte aber bei vorbestehender Hypertonie die Rate der Nierenersatzverfahren von 42,2 auf 31,7 Prozent.2 Umgekehrt war bei 2 600 Patienten ab 65 Jahren ein Zieldruck von 60 bis 65 Millimeter Quecksilbersäule ohne Nachteil für die Nierenersatzrate und ohne Unterschied der 90-Tage-Sterblichkeit, 41,0 gegenüber 43,8 Prozent.3 Den Fehler erkennen Sie daran, dass der Druck steigt, die Ausscheidung aber nicht folgt; dann liegt das Problem nicht vor dem Glomerulus, sondern im Tubulus oder im Abfluss, und eine Sonographie klärt die Frage schneller als jede weitere Volumengabe.
Übung 2.1
Lektion 3
Clearance: was der Begriff wirklich misst
Die Clearance eines Stoffes ist das Plasmavolumen, das je Zeiteinheit vollständig von diesem Stoff befreit wird. Sie ist also keine Menge, sondern eine virtuelle Rate, und sie folgt aus einer einfachen Bilanz: Was im Urin erscheint, muss aus dem Plasma verschwunden sein. Multiplizieren Sie die Konzentration im Urin mit dem Harnzeitvolumen und teilen Sie durch die Konzentration im Plasma, so erhalten Sie die Clearance in Milliliter je Minute. Diese Rechnung gilt für jeden Stoff, aber nur ein Stoff mit drei Eigenschaften misst damit die Filtration selbst: Er muss frei filtriert werden, er darf nicht rückresorbiert und er darf nicht sezerniert werden. Inulin, ein Polysaccharid aus Pflanzen, erfüllt alle drei Bedingungen und ist deshalb der Maßstab, an dem alle anderen Verfahren gemessen werden.
Abbildung 1: Die Clearance eines Stoffes verrät, was der Tubulus mit ihm macht: Liegt sie unter der Filtrationsrate, wird zurückgeholt, liegt sie darüber, wird zusätzlich sezerniert. Deshalb ist jede Clearance zugleich eine Aussage über den Transport und nicht nur über die Filtration. Eigene Darstellung
Aus diesem Vergleich entsteht die zweite wichtige Größe. Setzen Sie die Clearance eines Stoffes ins Verhältnis zur Filtrationsrate, so erhalten Sie die fraktionelle Ausscheidung, also den Anteil der filtrierten Menge, der tatsächlich im Urin erscheint. Für Glucose und Aminosäuren liegt sie beim Gesunden praktisch bei null, für Natrium unter einem Prozent, für Harnstoff bei etwa 40 Prozent und für sezernierte organische Anionen über hundert Prozent. Ein Stoff, der nahezu vollständig sezerniert wird, misst deshalb etwas ganz anderes: Die Clearance der Paraaminohippursäure entspricht annähernd dem renalen Plasmafluss, weil das Blut sie bei einer einzigen Passage fast restlos abgibt. Filtrationsrate und Plasmafluss zusammen ergeben wieder die Filtrationsfraktion.
Praktisch nutzen Sie dieses Konzept zweimal am Tag, ohne es so zu nennen. Jede Dosisanpassung eines renal eliminierten Medikaments ist eine Clearancerechnung, und jede Beurteilung eines Urinbefundes ist ein Vergleich zwischen dem, was filtriert wurde, und dem, was ankommt. Wenn Sie die Nierenfunktion wirklich wissen müssen, etwa vor der Gabe eines nephrotoxischen Zytostatikums oder bei extremer Körpermasse, lassen Sie eine gemessene Clearance im Sammelurin bestimmen, statt einer Formel zu vertrauen. Achten Sie dabei auf die häufigste Fehlerquelle, den unvollständig gesammelten Urin; ein zu niedriges Ergebnis bei plausiblem Kreatinin im Serum spricht eher für einen Sammelfehler als für eine Nierenfunktionsstörung.
Übung 3.1
Lektion 4
Kreatinin, Cystatin C und die Richtung des Fehlers
Kreatinin entsteht nichtenzymatisch aus Kreatin und Kreatinphosphat der Skelettmuskulatur, und zwar mit einer Rate, die vor allem von der Muskelmasse abhängt. Es wird frei filtriert, aber zu etwa 10 bis 15 Prozent zusätzlich tubulär sezerniert, weshalb die Kreatininclearance die wahre Filtrationsrate leicht überschätzt. Der schwerwiegendere Punkt ist jedoch die Form des Zusammenhangs: Plasmakonzentration und Filtrationsrate verhalten sich umgekehrt proportional zueinander. Bei guter Ausgangsfunktion kann die Filtration um die Hälfte fallen, ohne dass das Kreatinin den oberen Referenzwert überschreitet; in diesem kreatininblinden Bereich sieht der Laborbericht normal aus, während die Hälfte der Funktion bereits fehlt. Bei eingeschränkter Ausgangsfunktion dagegen führt derselbe absolute Anstieg zu einem viel kleineren Funktionsverlust.
Dazu kommt, dass die Formel nur im Gleichgewicht gilt. Fällt die Filtration akut auf null, steigt das Kreatinin dennoch nur langsam an, weil es sich erst in seinem Verteilungsraum anreichern muss. Umgekehrt verdünnt eine große Volumengabe den Wert, ohne dass sich die Funktion gebessert hätte, und eine Sepsis senkt die Kreatininbildung, weil Muskelproteine anders umgesetzt werden und die Muskulatur weniger arbeitet. Beide Effekte zeigen in dieselbe Richtung und verschleiern die Schädigung. Umgekehrt gibt es Substanzen, die die tubuläre Sekretion hemmen, etwa Trimethoprim und Cimetidin; sie heben das Kreatinin an, ohne die Filtration zu verändern.
Cystatin C umgeht einen Teil dieser Probleme. Es wird von allen kernhaltigen Zellen mit annähernd konstanter Rate gebildet, hängt also nicht an der Muskelmasse, wird frei filtriert und im proximalen Tubulus vollständig aufgenommen und abgebaut. Deshalb lässt sich damit keine Urinclearance messen, wohl aber eine Schätzung berechnen, und die Kombination beider Marker ist genauer als jeder einzelne. Auch Cystatin C hat Störgrößen: Glukokortikoide in höherer Dosis, eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse, ausgeprägte Entzündung und eine sehr große Fettmasse verschieben den Wert. Es ist also kein besserer, sondern ein anders gestörter Marker, und genau darin liegt sein Nutzen, denn die Störgrößen überlappen kaum.
Tabelle 1: Kreatinin, Cystatin C und die Richtung des Fehlers
Hemmung der tubulären Sekretion, etwa Trimethoprim oder Cimetidin
steigt ohne Funktionsverlust
Schädigung wird vorgetäuscht
Cystatin C, Verlauf nach Absetzen
Am Patienten heißt das: Lesen Sie ein Kreatinin nie ohne die Muskelmasse, die Bilanz und die Medikamentenliste daneben. Bestimmen Sie Cystatin C, wenn die Entscheidung von der Zahl abhängt und die Muskelmasse vom Durchschnitt abweicht, also bei alten, kachektischen, querschnittgelähmten und sehr muskulösen Menschen. Erwarten Sie nach einer akuten Schädigung einen Anstieg über ein bis zwei Tage und werten Sie ein gleichbleibendes Kreatinin unter laufender positiver Bilanz nicht als Entwarnung. Den Fehler erkennen Sie daran, dass der Wert bei sinkender Ausscheidung stabil bleibt; das ist kein Zeichen von Stabilität, sondern von Verdünnung.
Übung 4.1
Lektion 5
Schätzformeln, ihre Grenzen und die augmentierte renale Clearance
Die gängigen Schätzformeln rechnen aus Kreatinin, Alter und Geschlecht, bei Bedarf zusätzlich aus Cystatin C, eine Filtrationsrate aus. Sie sind an stabilen ambulanten Kohorten entwickelt worden, und alle teilen dieselbe Grundannahme: dass sich Bildung und Ausscheidung des Markers im Gleichgewicht befinden. Beim Intensivpatienten ist diese Annahme praktisch nie erfüllt. Die Muskelmasse schwindet binnen Tagen, die Bilanz ist positiv, die Filtration schwankt von Stunde zu Stunde, und genau in dieser Lage liefert die Formel eine Zahl mit zwei Nachkommastellen. Hinzu kommt ein formaler Fallstrick: Die geschätzte Rate wird auf eine Körperoberfläche von 1,73 Quadratmetern normiert. Für die Beurteilung eines Stadiums ist das richtig, für eine Dosierung ist es falsch, denn das Medikament wird nicht von einer Normperson eliminiert. Bei sehr kleinen und bei sehr großen Menschen muss deshalb auf die absolute Clearance zurückgerechnet werden.
Die umgekehrte Störung wird noch häufiger übersehen. Als augmentierte renale Clearance bezeichnet man eine Filtrationsrate oberhalb des Normbereichs, typischerweise bei jungen Erwachsenen nach Polytrauma, Verbrennung oder in der frühen Sepsis, also immer dann, wenn Herzzeitvolumen und Nierendurchblutung gesteigert sind und noch keine Schädigung besteht. Das Kreatinin liegt dann im unteren Normbereich oder darunter, die Schätzformel meldet eine hervorragende Funktion, und die Standarddosis eines renal eliminierten Antibiotikums ist zu niedrig. Betroffen sind gerade die Substanzen, deren Wirkung von der Zeit oberhalb der minimalen Hemmkonzentration abhängt, also Betalaktame, sowie Glykopeptide und Aminoglykoside. Die Folge ist ein Therapieversagen bei empfindlichem Erreger, und das Problem betrifft bevorzugt junge Patienten mit guter Prognose.
In der Praxis erkennen Sie die Lage an einer einfachen Kombination: junger Mensch, Trauma oder Sepsis, Kreatinin unter 0,7 mg je Deziliter, hohes Herzzeitvolumen. Bestätigen Sie den Verdacht nicht mit einer weiteren Formel, sondern mit einer gemessenen Kreatininclearance aus einer Sammelperiode von acht bis vierundzwanzig Stunden, die auf der Intensivstation ohne Aufwand möglich ist. Passen Sie anschließend nicht die Substanz, sondern die Zufuhr an, also höhere Tagesdosis, verlängerte oder kontinuierliche Infusion bei Betalaktamen und Spiegelbestimmung, wo sie verfügbar ist. Umgekehrt gilt bei der Kontrastmittelgabe, dass ein relevantes Risiko einer kontrastmittelassoziierten Nierenschädigung erst unterhalb einer errechneten Filtrationsrate von 30 mL je Minute besteht und dass als Prophylaxe eine isotone Volumengabe mit 1 bis 3 mL je Kilogramm und Stunde genügt.4 Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine dringliche Untersuchung wegen eines grenzwertigen Kreatinins verschoben wird, obwohl die Verzögerung der Diagnose mehr schadet als das Kontrastmittel.
Übung 5.1
Lektion 6
Fraktionelle Ausscheidung von Natrium und Harnstoff
Die fraktionelle Ausscheidung überträgt das Clearancekonzept auf die Bettseite. Weil sich das Harnzeitvolumen aus der Rechnung herauskürzt, genügen vier Werte aus einer einzigen Spontanurinprobe und der gleichzeitigen Blutprobe: Natrium und Kreatinin im Urin, Natrium und Kreatinin im Plasma. Das Ergebnis sagt, welchen Anteil des filtrierten Natriums die Niere durchgelassen hat. Liegt er unter einem Prozent, arbeitet der Tubulus maximal sparsam, wie es bei einer Minderperfusion mit intaktem Tubulusapparat zu erwarten ist. Liegt er über zwei Prozent, gelingt das Natriumsparen nicht mehr, was für eine tubuläre Schädigung spricht.
Abbildung 2: Jede fraktionelle Ausscheidung ist eine Momentaufnahme des Tubulus, nicht des Glomerulus. Deshalb beantwortet sie die Frage nach dem Mechanismus einer Oligurie und nicht die Frage nach der Höhe der Filtrationsrate. Eigene Darstellung
Diese schöne Trennschärfe hat allerdings enge Grenzen. Jedes Schleifendiuretikum und jedes Thiazid treibt Natrium in den Urin und hebt die fraktionelle Ausscheidung an, unabhängig davon, ob eine Schädigung vorliegt. Unter laufender Diuretikatherapie ist der Wert daher nicht verwertbar, und das ist genau die Situation, in der er am häufigsten angefordert wird. Ausweichen können Sie auf die fraktionelle Ausscheidung des Harnstoffs, denn Harnstoff wird überwiegend im proximalen Tubulus rückresorbiert und damit vor dem Angriffspunkt der Schleifendiuretika; Werte unter etwa 35 Prozent sprechen für eine prärenale Situation. Auch dieser Marker versagt unter Acetazolamid, bei sehr hoher Eiweißzufuhr und bei gastrointestinaler Blutung.
Weitere Fallstricke betreffen die Krankheitsbilder selbst. Bei der Sepsis ist die fraktionelle Natriumausscheidung häufig niedrig, obwohl der Tubulus geschädigt ist, weil die neurohumorale Natriumretention überwiegt. Auch nach Kontrastmittelgabe, bei Rhabdomyolyse und bei Leberzirrhose finden sich niedrige Werte trotz Schädigung. Bei fortgeschrittener chronischer Niereninsuffizienz liegt die fraktionelle Ausscheidung dagegen ohnehin hoch, weil weniger Nephrone dieselbe Natriummenge ausscheiden müssen. Der Wert ist deshalb ein Argument im Zusammenhang, kein Beweis.
Für die Praxis heißt das: Nehmen Sie die Urinprobe ab, bevor Sie das erste Diuretikum geben, nicht danach. Bewerten Sie das Ergebnis immer zusammen mit der Urinosmolalität, dem Volumenstatus und der Sonographie. Bei einem Patienten unter Schleifendiuretikum verwenden Sie die fraktionelle Harnstoffausscheidung und halten die Aussage für schwächer. Und erkennen Sie den Fehler daran, dass eine niedrige fraktionelle Natriumausscheidung als Beweis für Volumenmangel gelesen und mit einem weiteren Bolus beantwortet wird, obwohl der Patient längst überwässert ist.
Übung 6.1
Lektion 7
Die Definition des akuten Nierenversagens und ihr Zeitverzug
Definiert wird das akute Nierenversagen über zwei Größen, die beide Funktion und nicht Schädigung messen. Es liegt vor bei einem Kreatininanstieg um mindestens 0,3 mg je Deziliter innerhalb von 48 Stunden, beim Erreichen des 1,5-Fachen des Ausgangswerts innerhalb von sieben Tagen oder bei einer Urinausscheidung unter 0,5 mL je Kilogramm und Stunde über sechs Stunden.5 Der Schweregrad wird in drei Stadien eingeteilt, wobei für jedes Stadium das jeweils höhere Kriterium gilt, gleich ob es das Kreatinin oder die Ausscheidung ist.
Tabelle 2: Die Definition des akuten Nierenversagens und ihr Zeitverzug
Stadium
Kreatininkriterium
Urinkriterium
Konsequenz am Bett
1
Anstieg um mindestens 0,3 mg je Deziliter in 48 Stunden oder das 1,5- bis 1,9-Fache des Ausgangswerts
unter 0,5 mL je Kilogramm und Stunde über 6 bis 12 Stunden
unter 0,5 mL je Kilogramm und Stunde über mindestens 12 Stunden
Ursache aktiv klären, Sonographie, Kontrastmittel und nichtsteroidale Antiphlogistika vermeiden, Maßnahmenbündel umsetzen
3
das 3-Fache des Ausgangswerts, ein Kreatinin ab 4,0 mg je Deziliter oder der Beginn eines Nierenersatzverfahrens
unter 0,3 mL je Kilogramm und Stunde über mindestens 24 Stunden oder Anurie über mindestens 12 Stunden
Indikation zum Nierenersatzverfahren nach absoluten Kriterien prüfen, nicht allein nach dem Stadium
Diese Definition hat einen eingebauten Nachteil: Sie kann eine Schädigung erst melden, wenn die Funktion messbar eingebrochen ist. Zwischen dem schädigenden Ereignis und dem Anstieg des Kreatinins liegen typischerweise ein bis zwei Tage, und in dieser Zeit ist der Patient bereits krank, das Labor aber noch unauffällig. Die Urinausscheidung reagiert früher, ist aber unspezifisch, weil Schmerz, Beatmung und Stresshormone die Ausscheidung auch ohne jede Schädigung senken. Schädigungsbiomarker steigen dagegen innerhalb weniger Stunden an: Der Quotient aus einem Gewebeinhibitor der Metalloproteinasen und einem insulinähnlichen Wachstumsfaktor-Bindungsprotein zeigt einen Zellzyklusarrest der Tubuluszellen an, weitere Marker sind ein an Gelatinase gebundenes Lipocalin der Neutrophilen und ein Molekül der Nierenschädigung. Der Entwurf der überarbeiteten Definition ergänzt die Einteilung deshalb um ein Schädigungskriterium und schlägt eine dreiteilige Stadieneinteilung aus Kreatinin, Urinausscheidung und Biomarker vor.1
Der Zeitversatz ist systematisch und nicht zufällig: Die Schädigung ist vorbei, bevor der Funktionsmarker sie meldet. Genau in der blinden Phase liegen die Maßnahmen, die noch etwas ändern können, nämlich das Absetzen von Nephrotoxinen, die Sicherung von Druck und Abfluss und die Anpassung der Dosierungen.
Was sich in dieser blinden Phase erreichen lässt, zeigen zwei Ansätze. Bei 278 biomarkerselektierten Patienten senkte ein strukturiertes Maßnahmenbündel das mittelschwere bis schwere akute Nierenversagen von 23,9 auf 14,0 Prozent.6 Bei 3 511 herzchirurgischen Patienten senkte eine Aminosäureninfusion mit 2 g je Kilogramm und Tag die Rate des akuten Nierenversagens von 31,7 auf 26,9 Prozent.7 Die funktionelle Reserve prüft der Furosemid-Stresstest: Über 11 Studien mit 1 366 Patienten erreichte er eine Sensitivität von 0,81 und eine Spezifität von 0,88 für die Vorhersage einer Progression.8
Am Patienten heißt das: Behandeln Sie das Stadium 1 als Aufforderung zum Handeln und nicht als Randnotiz. Setzen Sie nichtsteroidale Antiphlogistika, Aminoglykoside und, bei instabilem Kreislauf, Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems ab, sichern Sie Perfusionsdruck und Abfluss, passen Sie alle Dosierungen an und erfassen Sie die Ausscheidung stündlich statt in Achtstundensummen. Erwarten Sie, dass das Kreatinin dem Ereignis um ein bis zwei Tage hinterherläuft, und datieren Sie die Schädigung deshalb rückwärts auf die Operation, den Schock oder die Kontrastmittelgabe. Den Fehler erkennen Sie daran, dass in der Kurve nach dem ersten unauffälligen Kreatinin keine weitere Bestimmung folgt.
Übung 7.1
Lektion 8
Funktionelles Modell
Denken Sie an die Niere als ein Klärwerk mit einem einzigen Zulaufventil und einem trägen Messfühler am Auslauf. Das Ventil ist die Kombination aus zuführender und abführender Arteriole; sie stellt den Druck ein, der über die Barriere filtriert, und sie hält ihn über einen weiten Bereich konstant, solange Autoregulation, Prostaglandine und Angiotensin II arbeiten dürfen. Die durchgesetzte Menge ist die Filtrationsrate, und alles, was danach im Tubulus geschieht, verändert die Zusammensetzung des Urins, nicht mehr die Menge des Primärharns.
Der Messfühler am Auslauf ist das Kreatinin, und er hat drei Eigenschaften, die man kennen muss. Er ist träge, weil er sich erst anreichern muss. Er ist verzerrt, weil seine Zulaufmenge von der Muskelmasse abhängt und seine Konzentration von der Wasserbilanz. Und er ist nichtlinear, weil dieselbe Zahlenänderung bei guter Funktion viel mehr bedeutet als bei schlechter. Aus diesen drei Eigenschaften folgen alle Fehlschlüsse dieser Einheit, und aus ihrer Kenntnis folgt die Korrektur: Ergänzen Sie den trägen Fühler um einen schnellen, nämlich die stündliche Ausscheidung, und um einen unverzerrten, nämlich Cystatin C oder eine gemessene Clearance.
Der dritte Gedanke ist der Unterschied zwischen Funktion und Schädigung. Eine Niere kann geschädigt sein und normal filtrieren, weil die Reserve die Lücke deckt, und sie kann bei völlig unversehrtem Gewebe kaum filtrieren, weil ihr der Druck fehlt oder der Abfluss verlegt ist. Die geläufige Einteilung in prärenal, renal und postrenal ist nichts anderes als die Frage, welches der drei Elemente fehlt: der Druck, das Gewebe oder der Weg. Stellen Sie diese Frage zuerst, dann ordnen sich Laborwert, Urinbefund und Sonographie von selbst.
Lektion 9
Klinische Übersetzung
Was verändert die Anästhesie?
Jede Allgemeinanästhesie senkt den arteriellen Mitteldruck und den Sympathikotonus; solange die Autoregulation arbeitet, bleibt die Filtration erhalten. Bei vorbestehender Hypertonie ist der autoregulierte Bereich nach oben verschoben, weshalb derselbe Druck dort bereits eine Minderperfusion bedeutet.2
Die Überdruckbeatmung senkt den venösen Rückstrom und erhöht den Druck in der Nierenvene; beides vermindert den effektiven Filtrationsdruck, ohne dass sich der arterielle Druck ändern muss.
Ein erhöhter intraabdomineller Druck bei Laparoskopie, Ileus oder nach großen Transfusionsmengen wirkt wie ein von außen angelegter Kapseldruck und ist eine der wenigen unmittelbar behebbaren Ursachen einer Oligurie.
Nichtsteroidale Antiphlogistika nehmen der zuführenden Arteriole ihre prostaglandinvermittelte Weitstellung. In Kombination mit einem Hemmstoff des Renin-Angiotensin-Systems und einem Diuretikum entsteht daraus eine perioperativ relevante Gefährdung.
Die intraoperative Oligurie ist zu einem erheblichen Teil hormonell bedingte Wasser- und Natriumretention. Ein restriktives Regime war bei 3 000 Patienten in großer Bauchchirurgie jedoch nicht harmlos: Die akute Nierenschädigung trat darunter häufiger auf, 8,6 gegenüber 5,0 Prozent.9
Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?
Therapieversagen bei empfindlichem Erreger beim jungen Traumapatienten mit augmentierter renaler Clearance und unauffälligem Kreatinin, das eine normale Dosis rechtfertigt, die in Wahrheit zu niedrig ist.
Scheinbar stabiles Kreatinin unter stark positiver Bilanz, das nach Entwässerung plötzlich ansteigt, ohne dass sich die Nierenfunktion verschlechtert hätte.
Normale Schätzformel bei kachektischer alter Patientin, die zu einer Standarddosis eines renal eliminierten Medikaments und damit zur Überdosierung führt.
Oligurie trotz gutem Blutdruck bei erhöhtem intraabdominellem Druck oder bei Harnstau, zwei Ursachen, die kein Volumenbolus behebt und die eine Sonographie in Minuten klärt.
Anstieg des Kreatinins unter Trimethoprim ohne jede Funktionsstörung, der zu unnötigem Absetzen wirksamer Therapie führt.
Verschobene Diagnostik wegen eines grenzwertigen Kreatinins, obwohl das Risiko der kontrastmittelassoziierten Schädigung erst unterhalb von 30 mL je Minute relevant wird.4
Vorsicht
Ein unverändertes Kreatinin unter laufender positiver Bilanz ist kein Beleg für eine erhaltene Nierenfunktion. Die Verdünnung kann einen Anstieg vollständig maskieren; beurteilen Sie deshalb immer Ausscheidung, Bilanz und Verlauf gemeinsam und wiederholen Sie die Bestimmung.
Aktuelle Evidenz
Der Zeitpunkt des Nierenersatzverfahrens ist durch drei große Untersuchungen geklärt, und zwar gegen den frühen Beginn. Bei 2 927 Patienten war die 90-Tage-Sterblichkeit mit 43,9 gegenüber 43,7 Prozent unverändert, die Dialysepflichtigkeit an Tag 90 nach beschleunigtem Beginn aber häufiger, 10,4 gegenüber 6,0 Prozent.10 Eine Metaanalyse einzelner Patientendaten aus 1 879 Patienten bestätigte die gleiche Sterblichkeit von 44 gegenüber 43 Prozent und zeigte, dass 42 Prozent der Patienten der Verzögerungsstrategie nie ein Nierenersatzverfahren benötigten.11 Grenzenlos ist das Zuwarten jedoch nicht: Bei 278 Patienten brachte ein weiteres Hinauszögern keine zusätzlichen dialysefreien Tage, wohl aber einen Hinweis auf eine höhere 60-Tage-Sterblichkeit mit einem Hazard Ratio von 1,65.12 Der Entwurf der überarbeiteten Leitlinie folgt dieser Linie mit der Empfehlung eines aufgeschobenen statt frühen Beginns.1
Beim Perfusionsdruck gilt kein einheitliches Ziel. Bei 776 Patienten im septischen Schock änderte ein Zieldruck von 80 bis 85 gegenüber 65 bis 70 Millimeter Quecksilbersäule die Sterblichkeit nicht, senkte aber bei vorbestehender Hypertonie die Rate der Nierenersatzverfahren von 42,2 auf 31,7 Prozent.2 Umgekehrt war bei 2 600 Patienten ab 65 Jahren ein Ziel von 60 bis 65 Millimeter Quecksilbersäule ohne Nachteil, mit einer 90-Tage-Sterblichkeit von 41,0 gegenüber 43,8 Prozent und unveränderter Nierenersatzrate.3 Als allgemeine Zielgröße nennt der Leitlinienentwurf einen Mitteldruck über 65 Millimeter Quecksilbersäule.1
Vorbeugung ist wirksamer als jede Früherkennung allein. Ein strukturiertes Maßnahmenbündel bei 278 biomarkerselektierten Patienten senkte das mittelschwere bis schwere akute Nierenversagen von 23,9 auf 14,0 Prozent,6 und eine Aminosäureninfusion mit 2 g je Kilogramm und Tag senkte es bei 3 511 herzchirurgischen Patienten von 31,7 auf 26,9 Prozent.7 Für die Abschätzung der tubulären Reserve steht der Furosemid-Stresstest mit einer Sensitivität von 0,81 und einer Spezifität von 0,88 zur Verfügung.8 Das Kontrastmittel ist dagegen seltener das Problem, als lange angenommen: Ein relevantes Risiko besteht erst unterhalb einer errechneten Filtrationsrate von 30 mL je Minute, und als Prophylaxe genügt eine isotone Volumengabe mit 1 bis 3 mL je Kilogramm und Stunde.4
Lektion 10
Typische Fehlannahmen
Ein normales Kreatinin bedeute eine normale Nierenfunktion. Wegen des umgekehrt proportionalen Zusammenhangs kann die Filtrationsrate um die Hälfte gefallen sein, bevor der Wert den Referenzbereich verlässt.
Die geschätzte Filtrationsrate tauge zur Dosierung. Sie ist auf 1,73 Quadratmeter Körperoberfläche normiert und setzt ein Gleichgewicht voraus; bei extremer Körpermasse und beim instabilen Patienten muss auf die absolute Clearance zurückgerechnet oder gemessen werden.
Eine niedrige fraktionelle Natriumausscheidung beweise Volumenmangel. Sie ist unter Diuretika nicht verwertbar und bei Sepsis, Kontrastmittelschädigung und Leberzirrhose auch bei geschädigtem Tubulus niedrig.
Oligurie sei gleichbedeutend mit Volumenmangel. Erhöhter intraabdomineller Druck, Harnstau, hoher zentralvenöser Druck und die hormonelle Antwort auf Operationsstress erzeugen dasselbe Bild bei völlig anderer Behandlung.
Kontrastmittel sei bei jeder Nierenfunktionsstörung verboten. Ein relevantes Risiko besteht erst unterhalb von 30 mL je Minute, und die Prophylaxe besteht in isotoner Volumengabe, nicht im Verzicht auf die Diagnose.4
Lektion 11
Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben
Fall 1: Unauffälliges Kreatinin bei steigendem Gewicht
Ein 63-jähriger Mann wird am vierten Tag nach notfallmäßiger Sigmaresektion bei Perforation auf der Intensivstation behandelt. Er ist beatmet, erhält 0,18 Mikrogramm Noradrenalin je Kilogramm und Minute, der Mitteldruck beträgt 72 Millimeter Quecksilbersäule. Seit der Aufnahme hat er 9,4 Liter positive Bilanz und 8 Kilogramm Gewicht zugelegt. Das Kreatinin lag am Aufnahmetag bei 1,0 mg je Deziliter und beträgt heute 1,1 mg je Deziliter. Die Urinausscheidung ist von 70 auf 22 mL je Stunde gefallen, das Körpergewicht bei Aufnahme betrug 78 Kilogramm. Am zweiten Tag war zur Fokussuche eine Computertomographie mit Kontrastmittel erfolgt. Die Medikation enthält Ibuprofen zur Fiebersenkung und ein Aminoglykosid.
Fall 1, Frage 1
Fall 1, Frage 2
Fall 1, Frage 3
Merksätze
Filtriert wird nur der Rest: Kapillardruck minus kolloidosmotischer Druck minus Kapseldruck. Jede der drei Größen kann die Filtration allein beenden.
Clearance ist das Plasmavolumen, das je Minute vollständig gereinigt wird. Nur ein frei filtrierter, nicht rückresorbierter und nicht sezernierter Stoff misst damit die Filtrationsrate.
Kreatinin ist ein träger, durch Muskelmasse und Wasserbilanz verzerrter und nichtlinearer Fühler. Ergänzen Sie ihn um die stündliche Ausscheidung und bei Bedarf um Cystatin C.
Das junge Trauma- und Sepsiskollektiv hat nicht zu wenig, sondern zu viel Clearance; dort ist die Standarddosis des Antibiotikums das Risiko.
Die Definition des akuten Nierenversagens misst Funktion, nicht Schädigung. Wer erst auf das Kreatinin wartet, handelt ein bis zwei Tage zu spät.
Aufgaben
Aufgabe 1: Wie erklären Sie das Therapieversagen
Gegeben: Ein 27-jähriger Mann liegt am dritten Tag nach Polytrauma auf der Intensivstation. Er wiegt 90 Kilogramm, das Kreatinin beträgt 0,5 mg je Deziliter, das Herzzeitvolumen ist hoch, die Körpertemperatur 38,6 Grad Celsius. Unter Standarddosis eines Betalaktams bessert sich die Pneumonie nicht, der Erreger ist empfindlich.
Frage: Wie erklären Sie das Therapieversagen, und was tun Sie?
Lösung
Das Bild passt zur augmentierten renalen Clearance. Bei jungen Patienten nach Trauma oder in der frühen Sepsis steigen Herzzeitvolumen und Nierendurchblutung, die Filtrationsrate liegt über dem Normbereich, und das ohnehin niedrige Kreatinin bestätigt das nur scheinbar günstige Bild. Renal eliminierte Substanzen werden dann schneller ausgeschieden als angenommen, und gerade bei Betalaktamen, deren Wirkung von der Zeit oberhalb der minimalen Hemmkonzentration abhängt, unterschreitet der Spiegel zwischen den Gaben die wirksame Schwelle. Bestätigen Sie den Verdacht mit einer gemessenen Kreatininclearance aus einer Sammelperiode von acht bis vierundzwanzig Stunden statt mit einer weiteren Schätzformel. Erhöhen Sie anschließend die Tagesdosis und verlängern Sie die Infusionsdauer, geben Sie also dieselbe Substanz über mehrere Stunden oder kontinuierlich, und nutzen Sie eine Spiegelbestimmung, wo sie verfügbar ist.
Aufgabe 2: Wie bewerten Sie die Lage?
Gegeben: Eine 78-jährige Patientin, 46 Kilogramm, wird nach Schenkelhalsfraktur operiert. Präoperativ betrug das Kreatinin 0,8 mg je Deziliter, die Schätzformel meldete 74 mL je Minute je 1,73 Quadratmeter. Am zweiten Tag beträgt die Ausscheidung 15 mL je Stunde, das Kreatinin ist auf 1,1 mg je Deziliter gestiegen.
Frage: Wie bewerten Sie die Lage?
Lösung
Beide Werte täuschen in dieselbe Richtung. Bei geringer Muskelmasse entsteht wenig Kreatinin, sodass die Ausgangsfunktion in Wahrheit deutlich schlechter war, als die Schätzformel angibt; zusätzlich ist die Rate auf 1,73 Quadratmeter normiert und für eine 46 Kilogramm schwere Patientin nach oben verzerrt. Der Anstieg um 0,3 mg je Deziliter innerhalb von 48 Stunden erfüllt für sich genommen bereits die Definition des akuten Nierenversagens, und die Ausscheidung von 15 mL je Stunde entspricht bei diesem Gewicht etwa 0,33 mL je Kilogramm und Stunde und damit ebenfalls einem Kriterium. Wegen des trägen Anstiegs ist von einer Schädigung auszugehen, die am Operationstag begann. Praktisch bedeutet das: alle Dosierungen überprüfen, nichtsteroidale Antiphlogistika und Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems absetzen, Perfusionsdruck und Blasenkatheter kontrollieren, sonographisch einen Harnstau ausschließen und die Ausscheidung stündlich erfassen.
Aufgabe 3: Was halten Sie davon?
Gegeben: Ein Patient mit dekompensierter Herzinsuffizienz erhält seit zwei Tagen Furosemid als Dauerinfusion. Die Ausscheidung ist rückläufig, das Kreatinin steigt. Ein Kollege fordert die fraktionelle Natriumausscheidung an, um zwischen prärenaler und renaler Ursache zu unterscheiden.
Frage: Was halten Sie davon?
Lösung
Unter laufender Therapie mit einem Schleifendiuretikum ist die fraktionelle Natriumausscheidung nicht verwertbar, weil das Medikament genau die Größe verändert, die gemessen werden soll; sie liegt auch bei intaktem Tubulus hoch. Sinnvoller ist die fraktionelle Harnstoffausscheidung, denn Harnstoff wird überwiegend im proximalen Tubulus und damit vor dem Angriffspunkt der Schleifendiuretika rückresorbiert; Werte unter etwa 35 Prozent sprechen für eine prärenale Situation. Auch dieser Wert ist nur ein Argument im Zusammenhang und kein Beweis, denn eine hohe Eiweißzufuhr, eine gastrointestinale Blutung und Acetazolamid verschieben ihn ebenfalls. Entscheidend bleibt die Gesamtbeurteilung aus Volumenstatus, Sonographie, Bilanz und Verlauf der Ausscheidung.
Aufgabe 4: Erklären Sie, warum ein Patient
Gegeben: Die Angaben stehen in der Frage.
Frage: Erklären Sie, warum ein Patient nach herzchirurgischem Eingriff eine relevante Nierenschädigung erlitten haben kann, obwohl das Kreatinin am ersten postoperativen Morgen unverändert ist.
Lösung
Kreatinin misst Funktion, nicht Schädigung, und es misst sie mit Verzug. Nach einem akuten Ereignis muss sich das Molekül erst in seinem Verteilungsraum anreichern, was ein bis zwei Tage dauert; zusätzlich verdünnt die perioperative Volumengabe den Wert, und die verminderte Muskelarbeit senkt die Bildungsrate. Schädigungsbiomarker steigen dagegen innerhalb weniger Stunden, weil sie den Zellzyklusarrest und die Schädigung des Tubulusepithels direkt anzeigen; der Entwurf der überarbeiteten Definition sieht deshalb ein eigenes Schädigungskriterium vor.1 Praktisch bedeutet das, die stündliche Ausscheidung als schnellen Fühler zu nutzen, die Schädigung zeitlich auf den Eingriff zurückzudatieren und in dieser blinden Phase zu handeln, statt auf den nächsten Laborwert zu warten. Dass sich in diesem Fenster etwas erreichen lässt, zeigt das strukturierte Maßnahmenbündel bei biomarkerselektierten Patienten, das das mittelschwere bis schwere Nierenversagen von 23,9 auf 14,0 Prozent senkte.6
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Begriffe und Literatur
Begriff
Bedeutung
Effektiver Filtrationsdruck
Rest aus hydrostatischem Kapillardruck abzüglich kolloidosmotischem Druck und Kapseldruck; er beträgt zu Beginn der Kapillare etwa 10 Millimeter Quecksilbersäule und nähert sich am Ende der Null.
Filtrationsfraktion
Anteil des Nierenplasmaflusses, der filtriert wird, etwa 20 Prozent; er steigt, wenn die abführende Arteriole enger gestellt wird.
Clearance
Plasmavolumen, das je Zeiteinheit vollständig von einem Stoff befreit wird; berechnet aus Urinkonzentration mal Harnzeitvolumen geteilt durch Plasmakonzentration.
Fraktionelle Ausscheidung
Anteil der filtrierten Menge eines Stoffes, der im Urin erscheint; für Natrium unter einem Prozent bei intaktem Tubulus, unter Diuretika nicht verwertbar.
Kreatininblinder Bereich
Bereich guter Ausgangsfunktion, in dem die Filtrationsrate um die Hälfte fallen kann, ohne dass das Serumkreatinin den Referenzbereich verlässt.
Cystatin C
Von allen kernhaltigen Zellen gebildeter Marker, der nicht an der Muskelmasse hängt, aber von Glukokortikoiden, Schilddrüsenfunktion, Entzündung und Fettmasse beeinflusst wird.
Augmentierte renale Clearance
Übernormale Filtrationsrate bei jungen Patienten nach Trauma, Verbrennung oder in der frühen Sepsis; sie führt zur Unterdosierung renal eliminierter Antibiotika.
Furosemid-Stresstest
Standardisierte intravenöse Einzeldosis zur Prüfung der tubulären Reserve; Sensitivität 0,81 und Spezifität 0,88 für die Vorhersage einer Progression.
Literatur
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Standardwerke
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