Die freie Wasserclearance ist kein Laborwert, sondern ein Denkwerkzeug. Man zerlegt das ausgeschiedene Urinvolumen gedanklich in zwei Anteile: in denjenigen Anteil, der genau plasmaisoton ist und alle ausgeschiedenen Teilchen enthält, und in den Rest, der reines Wasser ist. Ist der Urin verdünnter als das Plasma, bleibt nach dieser Zerlegung positives freies Wasser übrig, der Körper wird also Wasser los und das Serumnatrium steigt. Ist der Urin konzentrierter als das Plasma, ist der Wert negativ, der Körper gewinnt Wasser zurück und das Serumnatrium fällt. Für die tägliche Anwendung genügt die vereinfachte Fassung, in der man nur die Elektrolyte betrachtet: Liegt die Summe aus Natrium und Kalium im Urin über dem Serumnatrium, verliert der Patient trotz reichlicher Ausscheidung kein freies Wasser, und sein Natrium wird weiter fallen. Diese eine Abschätzung erklärt die meisten Hyponatriämien, die sich unter laufender Infusionstherapie verschlechtern.
Bei der Einordnung einer Hyponatriämie tragen genau zwei Messwerte. Der erste ist die Urinosmolalität: Liegt sie bei etwa 100 mosmol je Kilogramm oder darunter, arbeitet die Verdünnung, und die Ursache ist eine Wasserzufuhr, die die Ausscheidungskapazität übersteigt, oder eine sehr geringe osmotische Last. Liegt sie höher, ist Vasopressin wirksam, und dann entscheidet der zweite Wert, das Urinnatrium: ein niedriges Urinnatrium spricht für ein vermindertes effektives Blutvolumen, ein nicht niedriges für ein Syndrom der inadäquaten Antidiurese, für Diuretika oder für einen Mineralokortikoidmangel. Die europäische Leitlinie ordnet die Abklärung nach genau dieser Reihenfolge.6 Die Behandlung selbst, die Korrekturgrenzen und das osmotische Demyelinisierungssyndrom stehen im folgenden Unterkapitel zu Natrium und Kalium; hier genügt der Hinweis, dass eine zu rasche Anhebung das Risiko dieses Syndroms von 0,10 auf 0,73 Prozent steigert.7
Eine Polyurie, also eine Ausscheidung von mehr als drei Litern täglich, wird nach demselben Prinzip aufgetrennt. Entscheidend ist nicht die Menge, sondern die Frage, ob überwiegend Wasser oder überwiegend Teilchen ausgeschieden werden. Rechnen Sie dazu die Teilchenausscheidung aus Urinosmolalität mal Urinvolumen. Eine hohe Teilchenausscheidung bei einer Urinosmolalität über dem Plasmawert kennzeichnet die osmotische Diurese; eine niedrige Teilchenausscheidung bei sehr verdünntem Urin kennzeichnet die Wasserdiurese.
Tabelle 2: Freie Wasserclearance, Urinbefunde und die Einordnung der Polyurie
| Ursache der Polyurie | Urinosmolalität | Urinnatrium | Deutung und nächster Schritt |
| Arginin-Vasopressin-Mangel | niedrig, meist unter 200 mosmol je Kilogramm | variabel, meist niedrig | Wasserdiurese ohne Hormon; Natrium steigt; Copeptin im hypertonen Kochsalztest sichert die Diagnose1 |
| Arginin-Vasopressin-Resistenz | niedrig, trotz hohem Hormonspiegel | variabel | Sammelrohr antwortet nicht; Lithium, Hyperkalzämie, Hypokaliämie und Abflussstörung prüfen |
| Primäre Polydipsie | niedrig | variabel | Wasserdiurese bei normalem Regelkreis; Natrium eher niedrig statt hoch, Trinkmenge erfassen |
| Osmotische Diurese, etwa Glukose, Mannitol, hohe Harnstofflast | über dem Plasmawert, meist 300 bis 500 mosmol je Kilogramm | oft niedrig bei nichtsalzbedingter Last | hohe Teilchenausscheidung; Ursache der Last suchen, nicht die Menge ersetzen |
| Salzdiurese, etwa Schleifendiuretikum oder Volumenmobilisation | nahe dem Plasmawert | hoch | Teilchen sind Natrium und Chlorid; Volumenstatus und Kalium mitbeurteilen |
| Polyurische Phase nach akuter Nierenschädigung | nahe dem Plasmawert | hoch | Isosthenurie mit Verlust von Wasser und Salz; engmaschig bilanzieren und substituieren |
Praktisch gehen Sie in drei Schritten vor. Erstens messen Sie Urinosmolalität, Urinnatrium und Serumnatrium aus einer Spontanprobe, bevor Sie etwas geben. Zweitens entscheiden Sie mit dem Serumnatrium die Richtung: Ein steigendes Natrium bei Polyurie bedeutet Wasserverlust, ein fallendes bedeutet Wasserretention. Drittens ersetzen Sie, was verloren geht, und nicht das, was gemessen wird; bei der Wasserdiurese ist das freies Wasser, bei der Salzdiurese isotone Vollelektrolytlösung. Bei der Korrektur einer ausgeprägten Hypernatriämie ist die früher pauschal geforderte Langsamkeit überprüft worden: Bei 1 861 Intensivpatienten mit einem Natrium ab 155 mmol je Liter war eine Korrektur schneller als 0,5 mmol je Liter und Stunde mit einer niedrigeren 30-Tage-Sterblichkeit verbunden, mit einem Hazard Ratio von 0,49.8