Die Hypokaliämie entsteht durch renale Verluste, durch Verluste über den Verdauungstrakt oder durch Verschiebung nach innen. Renal verlieren Patienten unter Schleifendiuretika und Thiaziden, bei Hyperaldosteronismus, bei Erbrechen mit Alkalose, bei Magnesiummangel und unter einigen Antibiotika und Antimykotika. Im Elektrokardiogramm sehen Sie flache T-Wellen, eine Senkung der ST-Strecke, eine U-Welle und eine Verlängerung der Repolarisation, außerdem Extrasystolen bis zur Torsade de pointes. Ersetzt wird bevorzugt oral; intravenös nur verdünnt, über eine sichere Zuleitung und unter Monitorkontrolle, zusammen mit Magnesium. Wie hoch das Ziel liegen soll, ist weniger klar, als die Gewohnheit vermuten lässt: Nach Bypassoperationen war bei 1 690 Patienten eine Substitution erst unterhalb von 3,6 mmol je Liter der Substitution oberhalb von 4,5 mmol je Liter nicht unterlegen, mit Vorhofflimmern bei 27,8 gegenüber 26,2 Prozent.7 Bei Patienten mit implantiertem Defibrillator dagegen senkte die Anhebung des Kaliums auf 4,5 bis 5,0 mmol je Liter in einer Studie mit 1 200 Patienten den kombinierten Endpunkt von 29,2 auf 22,7 Prozent, mit einem Hazard Ratio von 0,76.8 Die Zielgröße richtet sich also nach dem Risiko des Patienten und nicht nach einer festen Zahl.
Die Hyperkaliämie ist die gefährlichere der beiden Störungen, weil sie ohne Vorwarnung zum Kammerflimmern führen kann. Ursachen sind eine verminderte Ausscheidung bei Nierenversagen, unter Mineralokortikoidantagonisten, unter Hemmstoffen des konvertierenden Enzyms und Rezeptorblockern, unter nichtsteroidalen Antirheumatika, Trimethoprim und Heparin, außerdem die Verschiebung nach außen bei Azidose und Zelluntergang. Denken Sie immer auch an eine Pseudohyperkaliämie durch Hämolyse in der Probe, durch Faustschluss beim Abnehmen oder bei sehr hohen Thrombozyten- und Leukozytenzahlen. Im Elektrokardiogramm erscheinen zuerst hohe spitze T-Wellen, dann eine Verlängerung der Überleitung mit Verlust der P-Welle, dann eine Verbreiterung des Kammerkomplexes bis zur Sinuswelle und schließlich der Kreislaufstillstand. Verlassen Sie sich jedoch nicht auf das Elektrokardiogramm: Ein unauffälliger Befund schließt eine bedrohliche Hyperkaliämie nicht aus. Als schwer gilt eine Hyperkaliämie ab 6,5 mmol je Liter.9
Tabelle 2: Hypokaliämie und Hyperkaliämie in der Praxis
| Maßnahme | Dosis | Wirkbeginn | Wirkdauer | Wirkprinzip |
| Calciumgluconat 10 Prozent | 30 ml über 10 Minuten9 | wenige Minuten | etwa 30 bis 60 Minuten | stabilisiert die Membran am Herzen, senkt das Kalium nicht; bei Zeichen im Elektrokardiogramm zuerst geben |
| Altinsulin mit Glukose | 10 Einheiten in 25 g Glukose9 | etwa 15 Minuten | 4 bis 6 Stunden | verschiebt Kalium in die Zelle; Blutzucker über Stunden kontrollieren, Hypoglykämie ist die häufigste Nebenwirkung |
| Salbutamol, vernebelt | 10 bis 20 mg9 | 15 bis 30 Minuten | etwa 2 Stunden | verschiebt Kalium über Beta-2-Rezeptoren; nur als Ergänzung, nicht als Einzelmaßnahme |
| Natriumbikarbonat | nur bei metabolischer Azidose | langsam | unsicher | Verschiebung über den pH-Wert; ohne Azidose unwirksam und mit Natrium- und Volumenlast behaftet |
| Schleifendiuretikum | nach Nierenfunktion | Minuten bis Stunden | Stunden | entfernt Kalium über die Niere; setzt eine erhaltene Ausscheidung und ausreichendes Volumen voraus |
| Natrium-Zirconium-Cyclosilicat | enteral nach Zulassung | etwa eine Stunde | solange gegeben wird | bindet Kalium im Verdauungstrakt; empfohlen, während Calciumpolystyrolsulfonat nicht mehr routinemäßig eingesetzt wird9 |
| Nierenersatzverfahren | nach Indikation | sofort wirksam | anhaltend | einzige Maßnahme, die den Bestand zuverlässig senkt; bei Anurie und schwerer Hyperkaliämie das Ziel |
Ein Sonderfall verdient eigene Aufmerksamkeit. Succinylcholin hebt das Serumkalium regelhaft an; in einer Untersuchung an 150 Patienten stieg es fünf Minuten nach der Gabe um 0,30 mmol je Liter, während es nach Rocuronium mit anschließendem Sugammadex um 0,06 mmol je Liter fiel.10 Dieser Anstieg ist beim Gesunden bedeutungslos. Gefährlich wird er, wenn extrajunktionale Acetylcholinrezeptoren hochreguliert sind, also nach Denervierung, nach Verbrennung, bei längerer Immobilisation, bei Sepsis und bei kritischer Krankheit; dann verteilen sich die depolarisierenden Rezeptoren über die gesamte Muskelfaser, und der Kaliumausstrom kann lebensbedrohlich werden.11 Verzichten Sie in diesen Situationen auf Succinylcholin und verwenden Sie ein nichtdepolarisierendes Relaxans.
Am Patienten heißt das: Bei einer schweren Hyperkaliämie handeln Sie in drei parallelen Schritten, nämlich Membran stabilisieren, Kalium verschieben, Kalium entfernen. Wiederholen Sie die Messung nach zwei bis vier Stunden, denn die verschiebenden Maßnahmen wirken vorübergehend und der Wert steigt wieder, solange der Bestand unverändert ist. Setzen Sie jedes Medikament ab, das die Ausscheidung hemmt. Und für den elektiven Eingriff gilt: Ein Kalium im Referenzbereich von etwa 3,5 bis 5,0 mmol je Liter ist ausreichend; korrigieren Sie vorher, wenn Symptome, Rhythmusstörungen oder eine Digitalistherapie vorliegen, und verschieben Sie einen Eingriff nicht wegen eines gering abweichenden Wertes allein.