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Klinische Physiologie, Kachel 05 · Stufe PJ
Bau und Durchblutung der Niere
Ein Organ mit dem höchsten Blutfluss je Gramm Gewebe und einem Abschnitt, der trotzdem ständig am Rand der Sauerstoffnot arbeitet: wie Bau, Gefäßsteuerung und Autoregulation zusammenhängen.
Lernziele
Den Bau der Niere von der Rinde bis zur Papille beschreiben und die beiden Nephrontypen mit ihrer jeweiligen Aufgabe unterscheiden.
Die drei Schichten der Filtrationsbarriere benennen und erklären, warum Albumin trotz passender Größe kaum filtriert wird.
Das Missverhältnis zwischen hohem Blutfluss und geringer Sauerstoffreserve des Marks begründen.
Die Wirkung von Angiotensin II, Prostaglandinen und der gebräuchlichen Wirkstoffe auf zuführende und abführende Arteriole ableiten.
Myogene Antwort und tubuloglomeruläre Rückkopplung als die beiden Mechanismen der Autoregulation darstellen und ihre Grenzen angeben.
Zieldruck und venösen Rückstau anhand der Studienlage in eine Entscheidung am Bett übersetzen.
Zu dieser Lerneinheit
Neun Lektionen mit vier Abbildungen, davon zwei eigens gezeichnet, einer Tabelle der Wirkstoffe und Zustände mit ihrer Wirkung auf zuführende und abführende Arteriole und der klinischen Folge, einer Tabelle der Zieldrücke mit Studienlage und Patientengruppe, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 7 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
Die Einheit setzt die Wasserräume und die Tonizität aus dem ersten Unterkapitel dieser Kachel voraus und bereitet die Einheiten zur glomerulären Filtration und zu den Transportleistungen der Tubulusabschnitte vor.
Die Grundlagen der Kapillarfiltration stehen in der Kachel Homöostase und Zellfunktion, Vasopressin, Aldosteron und die natriuretischen Peptide als Hormone in der Kachel Stress und Hormone; die Behandlung des akuten Nierenversagens und die Nierenersatzverfahren führt das Modul Intensivmedizin aus.
Lektion 1
Warum das klinisch zählt
Ein 71-jähriger Mann mit langjährigem Hochdruck wird nach einer Aortenoperation beatmet geführt. Der mittlere arterielle Druck liegt bei 68 mmHg, das Noradrenalin ist niedrig dosiert, die Bilanz ist deutlich positiv, der zentrale Venendruck beträgt 18 mmHg. Die Urinausscheidung fällt, das Kreatinin steigt. Zwei Vorschläge stehen im Raum: mehr Volumen oder ein höherer Zieldruck. Beide Vorschläge betreffen dieselbe Größe, nämlich den Druck, der über das glomeruläre Filter abfällt, und beide können richtig oder falsch sein. Welcher zutrifft, entscheidet sich an der Frage, ob der Zufluss zu schwach oder der Abfluss zu hoch ist. Die Schwelle, ab der aus einer Funktionsänderung ein akutes Nierenversagen wird, liegt niedrig: ein Kreatininanstieg um mindestens 0,3 mg je Deziliter in 48 Stunden, das 1,5-Fache des Ausgangswerts in sieben Tagen oder eine Urinausscheidung unter 0,5 ml je Kilogramm und Stunde über sechs Stunden.1
Die Niere ist dafür ein besonders lehrreiches Organ. Sie erhält etwa ein Fünftel des Herzzeitvolumens, verbraucht insgesamt nur wenig Sauerstoff und hat dennoch einen Abschnitt, in dem der Sauerstoffpartialdruck dauerhaft so niedrig liegt wie nirgends sonst. Sie ist das einzige Organ mit zwei regelbaren Widerständen in Reihe und einem Kapillarbett dazwischen, weshalb Durchblutung und Filtration getrennt steuerbar sind. Und sie liegt in einer festen Kapsel im Retroperitoneum, sodass jeder Anstieg des venösen oder des intraabdominellen Drucks unmittelbar auf ihre Perfusion durchschlägt. Aus diesen drei Eigenheiten lässt sich fast jede perioperative Nierenschädigung erklären.
Lektion 2
Von der Rinde zur Papille und die beiden Nephrontypen
Im Längsschnitt zeigt die Niere zwei deutlich unterschiedene Zonen. Die Rinde liegt außen, enthält alle Glomeruli und die gewundenen Anteile der Tubuli und ist reichlich durchblutet. Das Mark liegt innen und ist in Pyramiden gegliedert, deren Spitzen als Papillen in die Nierenkelche ragen; es enthält die geraden Tubulusabschnitte, die Schleifen und die Sammelrohre. Vom Rand der Pyramiden ziehen Markstrahlen in die Rinde hinein, zwischen ihnen liegen die Rindenlabyrinthe. Die Einteilung ist nicht nur anatomisch: Sie trennt den Ort der Filtration von dem Ort der Harnkonzentrierung, und sie trennt eine gut durchblutete von einer knapp versorgten Zone.
Funktionelle Einheit ist das Nephron, und jede Niere enthält davon etwa eine Million. Es beginnt mit dem Glomerulus in seiner Kapsel, geht in den proximalen Tubulus über, taucht als Schleife in das Mark ab, kehrt als dicker aufsteigender Schenkel zurück, passiert am eigenen Glomerulus die Macula densa und mündet über den distalen Tubulus und das Verbindungsstück in das Sammelrohr. Diese Rückkehr zum Ausgangspunkt ist kein Zufall der Faltung, sondern die anatomische Voraussetzung der tubuloglomerulären Rückkopplung.
Es gibt zwei Bauformen. Der weit überwiegende Teil sind kortikale Nephrone, deren Glomerulus in der äußeren Rinde liegt und deren Schleife nur kurz in das äußere Mark reicht. Der kleinere Teil sind juxtamedulläre Nephrone, deren Glomerulus an der Grenze zum Mark liegt und deren Schleife tief bis in die Papille hinabzieht, begleitet von haarnadelförmigen Gefäßen, den Vasa recta. Nur die langen Schleifen können mit ihrem Gegenstromprinzip den osmotischen Gradienten des Marks aufbauen, der von der Rinde zur Papille auf ein Mehrfaches der Plasmaosmolalität ansteigt. Die kurzen Schleifen nutzen diesen Gradienten, erzeugen ihn aber nicht. Daraus folgt unmittelbar, warum die Fähigkeit zur Harnkonzentrierung an einer Minderheit der Nephrone hängt und warum sie unter allen Nierenfunktionen als erste verloren geht: Schon eine mäßige Schädigung des Marks oder eine Störung der Vasa recta senkt die maximale Urinosmolalität, während Filtration und Ausscheidung noch normal erscheinen. Der Aufbau des Gradienten selbst wird in der Einheit zur Harnkonzentrierung dieser Kachel behandelt.
Abbildung 1: Die Bauform entscheidet über die Aufgabe: Nur die langen Schleifen der juxtamedullären Nephrone erzeugen den Markgradienten, und deshalb verliert die Niere die Konzentrierfähigkeit früher als die Filtrationsleistung. Eigene Darstellung
Für die Praxis heißt das: Werten Sie eine verminderte Urinkonzentrierung als frühes und empfindliches Zeichen, nicht als Nebensache. Ein Patient, dessen Urinosmolalität auch nach mehreren Stunden ohne Zufuhr nicht über den Plasmawert steigt, hat eine Funktionsstörung, auch wenn Kreatinin und Ausscheidungsmenge normal sind. Bestimmen Sie in dieser Lage die Urinosmolalität zusammen mit dem Urinnatrium, bevor Sie einen Volumenbolus geben. Erkennen Sie den Fehler daran, dass eine große Urinmenge als gute Nierenfunktion gedeutet wird, obwohl der Urin so dünn ist wie Wasser.
Übung 2.1
Lektion 3
Die Filtrationsbarriere und ihre Ladungsselektivität
Das Filter des Glomerulus besteht aus drei hintereinander liegenden Schichten, und jede hat eine eigene Aufgabe. Innen liegt das fenestrierte Endothel, dessen Poren ohne Diaphragma offen stehen und deshalb sehr hohe Filtrationsraten erlauben; überzogen ist es von einer dichten, stark negativ geladenen Glykokalix. Darauf folgt die glomeruläre Basalmembran, ein Geflecht aus Kollagen des Typs IV, Laminin und Proteoglykanen mit reichlich Heparansulfat, das die mechanische Festigkeit liefert und ebenfalls negativ geladen ist. Außen liegen die Podozyten, deren Fußfortsätze wie die Finger zweier Hände ineinandergreifen; zwischen ihnen spannt sich die Schlitzmembran mit Nephrin und Podocin als tragenden Bausteinen. Sie ist die eigentliche Feinsiebung.
Zwei Eigenschaften bestimmen, was durchgeht. Die erste ist die Größe: Kleine Moleküle passieren frei, mit zunehmendem Molekülradius fällt die Filtrierbarkeit steil ab, und oberhalb eines bestimmten Radius geht praktisch nichts mehr durch. Albumin mit rund 69 Kilodalton liegt genau im Übergangsbereich, wäre nach der Größe allein also teilweise filtrierbar. Die zweite Eigenschaft ist die Ladung: Weil alle drei Schichten negativ geladen sind, werden Anionen elektrostatisch abgestoßen. Albumin ist bei physiologischem pH negativ geladen, und aus dieser Abstoßung stammt der größte Teil seines Rückhalts. Zwei Stoffe gleicher Größe verhalten sich deshalb völlig verschieden, je nach Ladung, und die Barriere ist keine reine Porensiebung, sondern ein Ladungsfilter.
Daraus folgt die klinische Bedeutung der Albuminurie. Eine Schädigung der Glykokalix und der Heparansulfate, wie sie bei Diabetes mellitus, bei systemischer Entzündung und bei Präeklampsie auftritt, kostet zuerst die Ladungsselektivität und nicht die Porengröße. Es erscheint daher Albumin im Urin, lange bevor größere Proteine erscheinen und lange bevor die Filtrationsrate messbar sinkt. Die Albuminurie ist damit ein Marker der endothelialen und der podozytären Unversehrtheit, nicht ein Marker der Filtrationsmenge. Erschwerend kommt hinzu, dass Podozyten nach der Geburt praktisch nicht mehr teilungsfähig sind: Ein Verlust von Podozyten lässt sich nicht ersetzen, die verbleibenden dehnen sich und werden dadurch ihrerseits anfälliger. Genau hier liegt der Grund, warum eine Albuminurie nicht nur anzeigt, sondern selbst Teil eines fortschreitenden Prozesses ist.
Für die Praxis heißt das: Bestimmen Sie bei Patienten mit Diabetes, Hochdruck und bekannter Nierenerkrankung den Albumin-Kreatinin-Quotienten im Spontanurin und nicht nur das Kreatinin, denn der Quotient reagiert früher. Deuten Sie einen positiven Urinstreifentest auf Eiweiß nach großer körperlicher Belastung, bei Fieber und in der akuten Erkrankung zurückhaltend und wiederholen Sie ihn im beschwerdefreien Zustand. Erkennen Sie den Fehler daran, dass aus einer normalen errechneten Filtrationsrate auf eine gesunde Niere geschlossen wird, obwohl die Albuminurie den Schaden längst anzeigt. Dass Schaden und Funktion auseinanderfallen, greift auch der Entwurf der Leitlinie zum akuten Nierenversagen auf: Er ergänzt die Definition um ein Schädigungskriterium und schlägt für die Risikoeinschätzung TIMP-2 mal IGFBP7, NGAL und KIM-1 vor.2
Übung 3.1
Lektion 4
Hoher Fluss, geringe Reserve: das gefährdete Mark
Die beiden Nieren erhalten gemeinsam etwa 20 bis 25 Prozent des Herzzeitvolumens, also in Ruhe ungefähr einen Liter Blut in der Minute, und das bei einem Gewichtsanteil von weniger als einem halben Prozent. Kein anderes Organ wird je Gramm Gewebe so stark durchblutet. Bezogen auf den Sauerstoffverbrauch ist dieser Fluss weit überdimensioniert: Die arteriovenöse Sauerstoffdifferenz der Niere ist niedrig, das Nierenvenenblut noch reichlich gesättigt. Der Grund ist einfach: Der hohe Fluss dient nicht der Versorgung des Gewebes, sondern der Reinigung des Plasmas. Vom renalen Plasmafluss von etwa 600 Millilitern in der Minute werden ungefähr 20 Prozent filtriert, und diese Filtrationsfraktion ist die eigentliche Leistungsgröße.
Der Mittelwert verdeckt jedoch eine sehr ungleiche Verteilung. Die Rinde erhält den weit überwiegenden Teil des Blutes, das äußere Mark deutlich weniger und die innere Papille nur einen kleinen Bruchteil. Dazu kommt ein bauartbedingter Nachteil: Die Vasa recta laufen als absteigende und aufsteigende Schenkel eng beieinander, und der Sauerstoff diffundiert vom zuführenden in den abführenden Schenkel, noch bevor er die Tiefe erreicht. Derselbe Gegenstromaustausch, der den osmotischen Gradienten aufrechterhält, schließt also den Sauerstoff kurz. Der Sauerstoffpartialdruck im Mark liegt deshalb dauerhaft im Bereich von 10 bis 20 mmHg, also nahe an dem Wert, bei dem Zellen Schaden nehmen.
Ausgerechnet in dieses Gebiet fällt der Abschnitt mit dem höchsten Sauerstoffverbrauch der Niere, der dicke aufsteigende Schenkel im äußeren Mark. Seine Natrium-Kalium-ATPase arbeitet gegen einen steilen Gradienten und verbraucht dabei den größten Teil der renalen Energie. Damit liegt der hungrigste Abschnitt im ärmsten Gebiet, und das ist keine Fehlkonstruktion, sondern der Preis für die Fähigkeit zur Harnkonzentrierung. Zwei Folgerungen ergeben sich daraus. Erstens ist der Sauerstoffverbrauch der Niere an die Natriumrückresorption und damit an die Filtrationsmenge gekoppelt: Mehr Filtration bedeutet mehr Transportarbeit und mehr Verbrauch. Zweitens genügen eine mäßige Minderperfusion, eine Anämie oder eine Störung der Mikrozirkulation, um genau diesen Abschnitt über die Schwelle zu kippen, während die Rinde noch ausreichend versorgt ist. Die morphologische Entsprechung ist die typische Schädigung des äußeren Marks bei akuter Nierenschädigung.
Für die Praxis heißt das: Behandeln Sie Sauerstoffangebot und Perfusion der Niere als eine zusammengehörige Größe und nicht nur den Blutdruck. Vermeiden Sie in Risikosituationen die vermeidbare Anämie, beachten Sie den Beitrag eines hohen Beatmungsdrucks zum venösen Rückstau und prüfen Sie, welche Medikamente gerade die renale Selbstregelung lahmlegen. Der Gedanke, die Niere durch eine gesteigerte Diurese zu entlasten, führt in die falsche Richtung: Ein Schleifendiuretikum senkt zwar den Verbrauch im aufsteigenden Schenkel, doch eine Cochrane-Übersicht aus 7 Studien mit 681 Teilnehmern fand keinen Unterschied in Sterblichkeit, Verweildauer und Nierenschädigung.3 Das Problem liegt im Angebot und nicht in der Arbeit. Dass die Substratversorgung dagegen zählen kann, zeigt eine Studie an 3 511 herzchirurgischen Patienten, in der eine Aminosäureninfusion von 2 g je Kilogramm und Tag das akute Nierenversagen von 31,7 auf 26,9 Prozent senkte.4
Übung 4.1
Lektion 5
Zwei Widerstände in Reihe und die Angriffspunkte der Wirkstoffe
Die Gefäßarchitektur der Niere ist einzigartig. Aus der Nierenarterie entstehen Segment-, Interlobar- und Bogenarterien, aus ihnen die Rindenarterien und aus diesen die zuführenden Arteriolen. Jede zuführende Arteriole speist einen Glomerulus, dessen Kapillarknäuel sich nicht in eine Vene, sondern in eine zweite Arteriole entleert, die abführende Arteriole. Erst hinter ihr folgt das zweite Kapillarbett, das peritubuläre Netz der Rinde und die Vasa recta des Marks. Zwei regelbare Widerstände in Reihe und dazwischen ein Kapillarbett: Das ist der Bauplan, der es erlaubt, Durchblutung und Filtrationsdruck getrennt einzustellen.
Der Druck fällt nicht allmählich, sondern in zwei Stufen ab, und dazwischen liegt das einzige Kapillarbett des Körpers, in dem ein hoher Druck erwünscht ist. Wer an einem der beiden Widerstände eingreift, verändert Durchblutung und Filtration in unterschiedlicher Richtung.
Die Wirkungen der beiden Widerstände sind nicht symmetrisch, und darin liegt der ganze pharmakologische Nutzen. Eine Verengung der zuführenden Arteriole senkt sowohl die Durchblutung als auch den Druck im Glomeruluskapillarbett; Fluss und Filtration fallen gemeinsam. Eine Verengung der abführenden Arteriole senkt ebenfalls die Durchblutung, staut aber das Blut vor sich auf und hebt dadurch den Druck im Glomeruluskapillarbett; die Filtration bleibt erhalten oder steigt sogar, obwohl weniger Blut fließt. Das ist der Trick, mit dem die Niere bei sinkendem Perfusionsdruck ihre Filtration verteidigt, und es ist gleichzeitig der Grund, warum diese Verteidigung Grenzen hat: Wird die abführende Arteriole zu stark verengt, steigt die Filtrationsfraktion so weit an, dass das nachgeschaltete peritubuläre Netz und die Vasa recta zu wenig Blut erhalten, und genau dort liegt der sauerstoffarme Abschnitt.
Physiologisch verteilen sich die Aufgaben klar. Angiotensin II wirkt in niedriger Konzentration bevorzugt auf die abführende Arteriole und hält damit die Filtration bei fallendem Druck aufrecht. Prostaglandine, vor allem Prostaglandin E2 und Prostacyclin, werden bei sinkender Perfusion lokal gebildet und erweitern die zuführende Arteriole; sie sind das Gegengewicht, das den Zufluss offen hält, während Sympathikus und Angiotensin II verengen. Beim gesunden, normovolämen Menschen sind beide Systeme in Ruhe kaum aktiv, und ihre Blockade bleibt folgenlos. Sobald aber Hypovolämie, Herzinsuffizienz, Zirrhose oder Sepsis vorliegen, tragen sie die Nierenperfusion, und dann wird jede Blockade unmittelbar sichtbar.
Tabelle 1: Zwei Widerstände in Reihe und die Angriffspunkte der Wirkstoffe
Wirkstoff oder Zustand
Zuführende Arteriole
Abführende Arteriole
Klinische Folge
Angiotensin II
gering verengend
deutlich verengend
hält die Filtration bei niedrigem Perfusionsdruck; um den Preis einer hohen Filtrationsfraktion
Prostaglandin E2 und Prostacyclin
erweiternd
kaum beeinflusst
halten den Zufluss offen, sobald Sympathikus und Angiotensin II aktiv sind
Nichtsteroidale Antirheumatika
Erweiterung fällt weg, damit relativ verengt
kaum beeinflusst
Filtrationsabfall bei Hypovolämie, Herzinsuffizienz und Zirrhose; beim normovolämen Gesunden meist folgenlos
Hemmstoffe des angiotensinkonvertierenden Enzyms, Sartane
kaum beeinflusst
Verengung fällt weg
Kreatininanstieg bei Nierenarterienstenose und Hypovolämie; langfristig Senkung des glomerulären Drucks und damit nephroprotektiv
Alle drei zusammen mit einem Diuretikum
Erweiterung fehlt
Verengung fehlt
beide Schutzmechanismen ausgeschaltet bei gleichzeitig sinkendem Volumen; besonders riskante Kombination
Calcineurinhemmer
ausgeprägt verengend
gering verengend
dosisabhängiger Abfall von Fluss und Filtration, bei Dauergabe fibrotischer Umbau
Noradrenalin
verengend
verengend
bei Vasoplegie überwiegt der Gewinn an Perfusionsdruck; bei normalem Druck und Hypovolämie überwiegt der Nachteil
Hemmstoffe des Natrium-Glucose-Kotransporters
verengend über die tubuloglomeruläre Rückkopplung
kaum beeinflusst
initialer Kreatininanstieg, der die erwünschte Drucksenkung im Glomerulus anzeigt und nicht zum Absetzen zwingt
Für die Praxis heißt das: Sehen Sie die Medikamentenliste als Teil der Nierenphysiologie an. Prüfen Sie vor jedem Eingriff und bei jeder akuten Erkrankung, ob Ihr Patient nichtsteroidale Antirheumatika, einen Hemmstoff des angiotensinkonvertierenden Enzyms oder ein Sartan und zusätzlich ein Diuretikum erhält, denn diese Kombination nimmt der Niere beide Schutzmechanismen gleichzeitig. Werten Sie einen Kreatininanstieg um wenige Zehntel nach Beginn eines Sartans oder eines Hemmstoffs des Natrium-Glucose-Kotransporters als erwartete Folge der Drucksenkung im Glomerulus und nicht als Schaden. Erkennen Sie den echten Fehler daran, dass das Kreatinin nicht um einen kleinen Betrag ansteigt und dann stehen bleibt, sondern weiter klettert, während die Ausscheidung fällt; die Schwelle von 0,3 mg je Deziliter in 48 Stunden oder 0,5 ml je Kilogramm und Stunde über sechs Stunden ist dabei niedriger, als es der Verlauf am Bett vermuten lässt.1
Übung 5.1
Lektion 6
Autoregulation: myogene Antwort, tubuloglomeruläre Rückkopplung und ihre Grenzen
Die Niere hält Durchblutung und Filtration über einen weiten Bereich des mittleren arteriellen Drucks nahezu konstant, etwa von 80 bis 180 mmHg. Dafür sorgen zwei Mechanismen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und unterschiedlicher Regelgröße. Der erste ist die myogene Antwort: Steigt der Druck, wird die Wand der zuführenden Arteriole gedehnt, dehnungsabhängige Kanäle öffnen sich, Calcium strömt ein, und die glatte Muskulatur kontrahiert. Der Widerstand steigt, der Fluss bleibt gleich. Diese Antwort arbeitet innerhalb von Sekunden und fängt rasche Druckschwankungen ab, etwa beim Lagewechsel oder beim Husten.
Der zweite Mechanismus ist die tubuloglomeruläre Rückkopplung. Die Macula densa, eine Gruppe spezialisierter Zellen am Ende des dicken aufsteigenden Schenkels, liegt genau dort, wo der Tubulus seinen eigenen Glomerulus wieder berührt. Sie misst nicht den Druck, sondern das Angebot an Natrium und Chlorid, das über einen Natrium-Kalium-Chlorid-Kotransporter in die Zellen gelangt. Steigt das Angebot, weil zu viel filtriert wurde, gibt die Macula densa Adenosin und Adenosintriphosphat ab; diese verengen über Rezeptoren die zuführende Arteriole, und die Filtration sinkt wieder. Fällt das Angebot, geschieht das Gegenteil, und zusätzlich wird Renin aus den granulierten Zellen freigesetzt. Dieser Regelkreis arbeitet in der Zeitordnung von zehn Sekunden bis Minuten und hat eine andere Aufgabe als die myogene Antwort: Er stimmt die Filtrationsmenge auf das Transportvermögen des Tubulus ab und verhindert, dass der Tubulus mit mehr Flüssigkeit beschickt wird, als er verarbeiten kann.
Innerhalb des Plateaus ist der Blutdruck keine nützliche Steuergröße für die Niere, unterhalb und außerhalb wird er zur entscheidenden. Fällt die Autoregulation weg, folgt die Durchblutung dem Druck linear, und dann bestimmt jede Hypotonie unmittelbar die Perfusion.
So verlässlich dieses Doppelsystem wirkt, es hat klare Grenzen. Nach unten bricht die Autoregulation unterhalb des Plateaus ab, und die Durchblutung folgt dann dem Druck linear. Bei chronischer Hypertonie ist das gesamte Plateau nach rechts verschoben, sodass ein Druck, der für einen normotonen Menschen unbedenklich ist, bei diesem Patienten schon unterhalb der Grenze liegt. In der Sepsis geht die Autoregulation durch Stickstoffmonoxid, entzündliche Mediatoren und mikrozirkulatorische Umverteilung verloren; die Kurve wird flach und drucklinear, und zusätzlich stimmt die globale Durchblutung nicht mehr mit der örtlichen Versorgung überein. In der Allgemeinanästhesie setzen volatile Anästhetika und Propofol die myogene Antwort herab, die Überdruckbeatmung senkt den Zufluss und hebt den venösen Druck, und hohe Katecholamindosen verengen zusätzlich die zuführende Arteriole. Auch Calcineurinhemmer und ein hoher intraabdomineller Druck heben die Autoregulation auf. Der Patient im Schock und unter Narkose hat deshalb genau das nicht, worauf sich die Lehrbuchkurve stützt.
Abbildung 2: Solange die Autoregulation trägt, ist der Blutdruck für die Niere kein Steuerungsziel. Sobald sie ausfällt, und das ist in Narkose, Sepsis und Schock der Regelfall, wird jede Minute Hypotonie zu einer Minute Minderperfusion. Eigene Darstellung
Für die Praxis heißt das: Setzen Sie den individuellen Zieldruck nach dem gewohnten Druck des Patienten und nicht nach einem allgemeinen Wert, und schreiben Sie ihn auf. Halten Sie die Zeit unterhalb dieses Ziels kurz, denn bei fehlender Autoregulation zählt die Dauer der Unterschreitung und nicht nur ihre Tiefe. Beachten Sie, dass unter Narkose, in der Sepsis und unter Calcineurinhemmern die Kurve nicht mehr gilt, auf die sich Ihr physiologisches Gefühl stützt. Dass konsequent umgesetzte Basismaßnahmen wirken, zeigt eine Studie an 278 biomarkerselektierten Patienten, in der ein Maßnahmenbündel aus Druck, Volumen und Vermeidung schädigender Substanzen das mittelschwere bis schwere akute Nierenversagen von 23,9 auf 14,0 Prozent senkte.5 Erkennen Sie den Fehler daran, dass die Nierenfunktion eines Hochdruckpatienten nach einer Operation mit lange bestehenden Mitteldrücken um 60 mmHg schlechter geworden ist, obwohl dieser Wert für sich genommen unbedenklich aussah.
Übung 6.1
Lektion 7
Perfusionsdruck, venöser Rückstau und der Zieldruck
Über die Nierenperfusion entscheidet nicht der arterielle Druck allein, sondern die Differenz zwischen dem Druck davor und dem Druck danach. Der wirksame Perfusionsdruck ist der mittlere arterielle Druck minus dem venösen Abflussdruck, und wenn der intraabdominelle Druck höher ist als der venöse, tritt dieser an seine Stelle. Weil die Niere von einer festen Kapsel umschlossen und retroperitoneal eingebettet ist, wirkt jeder Druckanstieg von außen unmittelbar auf ihr Interstitium und von dort auf die dünnwandigen Vasa recta. Ein zentraler Venendruck von 18 mmHg entzieht dem Perfusionsdruck genauso viel wie ein Abfall des arteriellen Mitteldrucks um 18 mmHg, wird aber in der Regel viel weniger beachtet.
Der venöse Rückstau ist damit eine der am häufigsten übersehenen Ursachen der Nierenfunktionsstörung. Er entsteht bei Rechtsherzversagen und Pulmonalhypertonie, bei stark positiver Flüssigkeitsbilanz, bei hohem positivem endexspiratorischem Druck, bei Trikuspidalinsuffizienz und bei erhöhtem intraabdominellem Druck nach Bauchchirurgie oder bei Aszites. Am Bett erkennbar ist er an einer weiten, nicht atemvariablen unteren Hohlvene, an pulsatilem statt gleichmäßigem Fluss in Leber-, Pfortader- und Nierenvenen und an einem steigenden zentralen Venendruck bei gleichzeitig unauffälligem arteriellem Druck. Die Konsequenz ist ungewohnt, aber zwingend: Hier bessert nicht mehr, sondern weniger Volumen die Nierenfunktion. Die Leitlinie unterstützt diese Richtung, indem sie nach der Initialphase ein individualisiertes Vorgehen statt einer festen Menge fordert.6
Für die arterielle Seite liegen zwei große randomisierte Studien vor, die zusammen gelesen werden müssen. Bei 776 Patienten mit septischem Schock fand sich zwischen einem Zieldruck von 65 bis 70 und einem von 80 bis 85 mmHg kein Unterschied der Sterblichkeit; in der vorher festgelegten Untergruppe mit vorbestehender Hypertonie brauchten unter dem höheren Ziel jedoch weniger Patienten ein Nierenersatzverfahren, nämlich 31,7 gegenüber 42,2 Prozent.7 Bei 2 600 Patienten ab 65 Jahren senkte umgekehrt ein niedriger Zieldruck von 60 bis 65 mmHg die 90-Tage-Sterblichkeit von 43,8 auf 41,0 Prozent, ohne die Nierenersatzrate zu verändern.8 Die beiden Befunde widersprechen sich nicht, sondern beschreiben zwei verschiedene Gruppen: den vorgeschädigten Hochdruckpatienten mit nach rechts verschobener Autoregulationskurve und den älteren Patienten, bei dem die Katecholamindosis selbst den Schaden macht. Der Entwurf der Leitlinie zum akuten Nierenversagen nennt als allgemeine Untergrenze einen Mitteldruck über 65 mmHg.2
Tabelle 2: Perfusionsdruck, venöser Rückstau und der Zieldruck
Zielbereich des Mitteldrucks
Studienlage
Patientengruppe
Was daraus folgt
über 65 mmHg als Untergrenze
allgemeine Empfehlung des Leitlinienentwurfs2
alle Patienten mit Risiko für ein akutes Nierenversagen
gilt als Boden, nicht als Ziel; die Dauer der Unterschreitung mitzählen
65 bis 70 mmHg
gegenüber 80 bis 85 mmHg kein Unterschied der Sterblichkeit bei 776 Patienten7
septischer Schock ohne vorbestehende Hypertonie
höherer Zieldruck bringt keinen Nutzen und kostet Katecholamindosis
80 bis 85 mmHg
Nierenersatzverfahren 31,7 gegenüber 42,2 Prozent in der Untergruppe7
septischer Schock mit vorbestehender arterieller Hypertonie
höheres Ziel gezielt für diese Gruppe, wegen der nach rechts verschobenen Autoregulation
60 bis 65 mmHg
90-Tage-Sterblichkeit 41,0 gegenüber 43,8 Prozent bei 2 600 Patienten, Nierenersatzrate unverändert8
Vasodilatationsschock ab 65 Jahren
ein zurückhaltendes Ziel ist bei Älteren vertretbar und senkt die Katecholaminlast
Perfusionsdruck statt arterieller Druck
keine randomisierte Zielgröße; individualisiertes Vorgehen nach der Initialphase empfohlen6
alle Patienten mit hohem venösem oder intraabdominellem Druck
venösen Druck vom arteriellen abziehen; bei Rückstau entwässern statt füllen
Ein letzter, häufig überschätzter Faktor ist das iodhaltige Kontrastmittel. Ein relevantes Risiko einer kontrastmittelassoziierten Nierenschädigung besteht erst unterhalb einer errechneten Filtrationsrate von 30 Millilitern in der Minute, und zur Vorbeugung genügt eine isotone Volumengabe mit 1 bis 3 Millilitern je Kilogramm und Stunde.9 Eine dringend nötige Untersuchung wegen der Nierenwerte zu verschieben, schadet daher meist mehr als das Kontrastmittel.
Für die Praxis heißt das: Notieren Sie für jeden Risikopatienten einen individuellen Zieldruck mit Begründung und messen Sie den venösen Druck oder beurteilen Sie ihn sonographisch, bevor Sie Volumen geben. Ziehen Sie den venösen vom arteriellen Druck ab und arbeiten Sie mit der Differenz. Überprüfen Sie bei Oligurie zuerst, ob ein Rückstau vorliegt, und erst danach, ob Volumen fehlt. Erkennen Sie den Fehler daran, dass trotz normalem Mitteldruck und positiver Bilanz das Kreatinin steigt; dann ist der Abfluss das Problem und nicht der Zufluss.
Übung 7.1
Lektion 8
Funktionelles Modell
Stellen Sie sich die Niere als Filterpresse mit zwei Hähnen und einem Abfluss vor. Der erste Hahn sitzt vor dem Filter, das ist die zuführende Arteriole. Der zweite Hahn sitzt hinter dem Filter, das ist die abführende Arteriole. Der Abfluss ist das venöse System samt dem Druck, der von außen auf die Kapsel und das Retroperitoneum wirkt. Der Filtratstrom hängt vom Druck im Filter ab, und dieser Druck lässt sich auf drei Wegen verändern: durch mehr Vordruck, durch Zudrehen des hinteren Hahns oder durch Aufdrehen des vorderen. Die Durchblutung des Gewebes dagegen hängt vom Durchsatz ab, und der sinkt, sobald irgendein Hahn zugedreht wird.
Aus diesem Bild folgen drei Fragen, die jede renale Situation ordnen. Erstens: Wie hoch ist der Druck vor dem Filter, gemessen als mittlerer arterieller Druck und bewertet gegen den gewohnten Druck dieses Patienten? Zweitens: Wie frei ist der Abfluss, gemessen als venöser und intraabdomineller Druck? Drittens: Welcher der beiden Hähne wird gerade pharmakologisch bewegt, durch nichtsteroidale Antirheumatika, durch Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems, durch Calcineurinhemmer oder durch hohe Katecholamindosen? Wer diese drei Fragen beantwortet, hat die Ursache in der Regel gefunden, ohne einen einzigen zusätzlichen Laborwert zu benötigen.
Das Modell erklärt auch den scheinbaren Widerspruch zwischen Filtration und Versorgung. Wird der hintere Hahn zugedreht, steigt der Druck im Filter und die Filtration bleibt erhalten, doch hinter dem Hahn fließt weniger Blut, und dort liegt das Kapillarbett, das das sauerstoffarme Mark versorgt. Eine erhaltene Filtration ist deshalb kein Beweis für eine ausreichende Versorgung, und ein unverändertes Kreatinin schließt eine laufende Schädigung des Marks nicht aus. Genau darin liegt die Begründung dafür, dass der Leitlinienentwurf die Definition des akuten Nierenversagens um ein Schädigungskriterium und um Biomarker ergänzen will: Funktion und Schaden sind zwei verschiedene Dinge.2
Lektion 9
Klinische Übersetzung
Was verändert die Anästhesie?
Volatile Anästhetika und Propofol dämpfen die myogene Antwort und senken den Gefäßtonus. Die Autoregulation, auf die sich die Lehrbuchkurve stützt, ist damit in Narkose regelhaft eingeschränkt, und die Durchblutung folgt dem Druck stärker als im Wachzustand.
Überdruckbeatmung senkt den venösen Rückstrom und hebt gleichzeitig den venösen Abflussdruck der Niere. Ein hoher positiver endexspiratorischer Druck wirkt damit zweifach gegen den Perfusionsdruck, ohne dass der arterielle Druck sich ändert.
Hohe Katecholamindosen verengen die zuführende Arteriole. Bei Vasoplegie überwiegt trotzdem der Gewinn an Perfusionsdruck, bei unerkannter Hypovolämie überwiegt der Nachteil; die Reihenfolge Volumen und dann Vasopressor bleibt deshalb bestehen.
Eine Dauermedikation aus nichtsteroidalem Antirheumatikum, Hemmstoff des Renin-Angiotensin-Systems und Diuretikum schaltet beide Schutzmechanismen aus. Genau in dieser Konstellation werden Nüchternheit, Blutverlust und Anästhesie zur Ursache der Nierenschädigung.
Laparoskopie und ausgedehnte Bauchchirurgie heben den intraabdominellen Druck. Die Oligurie während des Kapnoperitoneums ist zu einem erheblichen Teil Folge des Drucks und nicht Folge eines Volumenmangels.
Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?
Perioperatives akutes Nierenversagen nach längeren Phasen niedrigen Mitteldrucks bei einem Hochdruckpatienten, dessen Autoregulationskurve nach rechts verschoben ist.
Kreatininanstieg nach Beginn eines Hemmstoffs des Renin-Angiotensin-Systems, der bei kleinem Betrag die erwünschte Drucksenkung im Glomerulus anzeigt und bei großem Betrag eine Stenose oder eine Hypovolämie aufdeckt.
Stauungsniere bei Rechtsherzversagen oder stark positiver Bilanz, mit steigendem Kreatinin bei normalem arteriellem Druck und weiter, nicht atemvariabler unterer Hohlvene.
Oligurie unter Kapnoperitoneum und bei erhöhtem intraabdominellem Druck, die sich nach Entlastung von selbst zurückbildet und keinen Bolus rechtfertigt.
Verlust der Konzentrierfähigkeit als Frühzeichen einer Markschädigung, mit dünnem Urin trotz Wasserdefizit und steigendem Natrium.
Albuminurie bei Diabetes oder Präeklampsie als Ausdruck der verlorenen Ladungsselektivität, lange bevor die Filtrationsrate fällt.
Vorsicht
Ein normaler arterieller Mitteldruck beweist keine ausreichende Nierenperfusion. Maßgeblich ist die Differenz zum venösen und, wenn dieser höher ist, zum intraabdominellen Druck. Bei positiver Bilanz, hohem zentralem Venendruck und steigendem Kreatinin verschlechtert ein weiterer Volumenbolus die Lage, weil er den Abflusswiderstand erhöht, den er senken soll.
Aktuelle Evidenz
Zum Zieldruck liegen zwei große randomisierte Studien vor, die zusammen gelesen werden müssen. Bei 776 Patienten mit septischem Schock unterschied sich die Sterblichkeit zwischen einem Ziel von 65 bis 70 und einem von 80 bis 85 mmHg nicht; in der vorher festgelegten Untergruppe mit vorbestehender Hypertonie brauchten unter dem höheren Ziel jedoch weniger Patienten ein Nierenersatzverfahren, 31,7 gegenüber 42,2 Prozent.7 Bei 2 600 Patienten ab 65 Jahren senkte umgekehrt ein Ziel von 60 bis 65 mmHg die 90-Tage-Sterblichkeit von 43,8 auf 41,0 Prozent, ohne die Nierenersatzrate zu verändern.8 Der Leitlinienentwurf nennt als allgemeine Untergrenze einen Mitteldruck über 65 mmHg und will die Definition des akuten Nierenversagens um ein Schädigungskriterium sowie um TIMP-2 mal IGFBP7, NGAL und KIM-1 zur Risikoeinschätzung ergänzen.2 Die geltende Definition bleibt ein Kreatininanstieg um mindestens 0,3 mg je Deziliter in 48 Stunden, das 1,5-Fache des Ausgangswerts in sieben Tagen oder eine Urinausscheidung unter 0,5 ml je Kilogramm und Stunde über sechs Stunden.1
Vorbeugen wirkt besser als behandeln. Bei 278 biomarkerselektierten Patienten senkte ein Maßnahmenbündel aus Druck, Volumen und Vermeidung schädigender Substanzen das mittelschwere bis schwere akute Nierenversagen von 23,9 auf 14,0 Prozent,5 und bei 3 511 herzchirurgischen Patienten senkte eine Aminosäureninfusion von 2 g je Kilogramm und Tag die Rate von 31,7 auf 26,9 Prozent.4 Der Furosemid-Stresstest schätzt die Progression mit einer Sensitivität von 0,81 und einer Spezifität von 0,88 ab,10 doch therapeutisch tragen Schleifendiuretika nicht: Eine Cochrane-Übersicht aus 7 Studien mit 681 Teilnehmern fand keinen Unterschied in Sterblichkeit, Verweildauer und Nierenschädigung.3 Das Risiko einer kontrastmittelassoziierten Schädigung ist erst unterhalb einer errechneten Filtrationsrate von 30 Millilitern in der Minute relevant, und zur Vorbeugung genügt eine isotone Volumengabe mit 1 bis 3 Millilitern je Kilogramm und Stunde.9
Beim Beginn des Nierenersatzverfahrens hat sich die Richtung gedreht. Bei 2 927 Patienten war die 90-Tage-Sterblichkeit mit 43,9 gegenüber 43,7 Prozent gleich, die Dialysepflichtigkeit an Tag 90 nach beschleunigtem Beginn aber höher, 10,4 gegenüber 6,0 Prozent.11 In einer Metaanalyse einzelner Patientendaten von 1 879 Patienten lag die Sterblichkeit bei 44 gegenüber 43 Prozent, und 42 Prozent der Patienten der Verzögerungsstrategie brauchten nie ein Verfahren.12 Ein weiteres Zuwarten über diesen Punkt hinaus brachte bei 278 Patienten keine dialysefreien Tage, dafür einen Hinweis auf höhere 60-Tage-Sterblichkeit mit einem Hazard Ratio von 1,65.13 Entsprechend bevorzugt der Leitlinienentwurf einen aufgeschobenen statt eines frühen Beginns.2 Nach der Akutphase wird die Überwässerung protokolliert mit Diuretika abgebaut und nicht routinemäßig ultrafiltriert.14
Lektion 10
Typische Fehlannahmen
Der hohe Nierenblutfluss bedeute eine große Sauerstoffreserve. Der Fluss dient der Reinigung des Plasmas, nicht der Versorgung des Gewebes; im äußeren Mark liegt der niedrigste Sauerstoffpartialdruck des Körpers bei gleichzeitig höchstem Verbrauch.
Jede Vasokonstriktion in der Niere sei schädlich. Die Verengung der abführenden Arteriole durch Angiotensin II hält die Filtration bei fallendem Druck aufrecht; ihr Wegfall ist der Grund für den Kreatininanstieg unter Sartanen bei Hypovolämie.
Eine erhaltene Filtration beweise eine ausreichende Versorgung. Sie kann durch efferente Konstriktion erkauft sein, während hinter dem Glomerulus weniger Blut fließt und das Mark schlechter versorgt wird.
Innerhalb des Autoregulationsbereichs sei jeder Druck gleich gut. Der Bereich ist individuell und bei chronischer Hypertonie nach rechts verschoben; in Sepsis und Narkose existiert er praktisch nicht mehr.
Eine Oligurie bedeute Volumenmangel. Sie kann ebenso Folge eines venösen oder intraabdominellen Rückstaus, eines hohen Beatmungsdrucks oder einer hormonellen Wasser- und Natriumretention sein.
Übung 10.1
Lektion 11
Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben
Fall 1: Fallende Diurese bei normalem Blutdruck nach Aortenersatz
Ein 71-jähriger Mann mit seit fünfzehn Jahren behandelter arterieller Hypertonie erhielt einen offenen Ersatz der infrarenalen Aorta. Seine Dauermedikation umfasst ein Sartan und ein Thiazid; wegen Rückenschmerzen nimmt er seit einer Woche zusätzlich ein nichtsteroidales Antirheumatikum, das perioperativ nicht abgesetzt wurde. Intraoperativ lag der mittlere arterielle Druck über längere Abschnitte zwischen 58 und 64 mmHg. Am zweiten postoperativen Tag ist er beatmet, der Mitteldruck beträgt 72 mmHg unter niedrig dosiertem Noradrenalin, der zentrale Venendruck 16 mmHg, der positive endexspiratorische Druck 12 mbar. Die kumulative Bilanz ist um 5,5 Liter positiv, das Gewicht um vier Kilogramm gestiegen. Die Urinausscheidung liegt seit sechs Stunden bei 0,3 ml je Kilogramm und Stunde, das Kreatinin ist um 0,5 mg je Deziliter über den Ausgangswert gestiegen. Der Bauch ist gespannt, das Laktat liegt bei 1,6 mmol pro Liter.
Fall 1, Frage 1
Fall 1, Frage 2
Fall 1, Frage 3
Merksätze
Die Niere ist das einzige Organ mit zwei regelbaren Widerständen in Reihe. Vor dem Glomerulus steuert man den Fluss, hinter dem Glomerulus die Filtration.
Prostaglandine halten den Zufluss offen, Angiotensin II hält den Filtrationsdruck hoch. Wer beides gleichzeitig blockiert und dazu entwässert, nimmt der Niere alle Reserven.
Der hungrigste Abschnitt der Niere liegt im sauerstoffärmsten Gebiet. Das ist der Preis der Harnkonzentrierung und die Ursache der typischen Schädigung.
Perfusionsdruck ist arterieller minus venöser Druck. Ein zentraler Venendruck von 18 mmHg kostet so viel wie ein Druckabfall um 18 mmHg.
Der Zieldruck ist individuell: höher beim vorbestehenden Hochdruck, zurückhaltender beim älteren Patienten, und mindestens 65 mmHg als Boden.
Aufgaben
Aufgabe 1: Wie argumentieren Sie?
Gegeben: Eine 74-jährige Patientin mit seit Jahren behandelter arterieller Hypertonie entwickelt einen septischen Schock. Der Zieldruck ist mit 65 mmHg angeordnet, das Kreatinin steigt über zwei Tage an. Ein Kollege möchte den Zieldruck unverändert lassen, weil er den Leitlinien entspricht.
Frage: Wie argumentieren Sie?
Lösung
Bei chronischer Hypertonie ist der gesamte Autoregulationsbereich nach rechts verschoben, sodass ein Mitteldruck von 65 mmHg für diese Patientin bereits unterhalb der unteren Grenze liegen kann, während er für einen normotonen Menschen unbedenklich wäre. Genau diese Gruppe wurde vorab untersucht: Bei 776 Patienten mit septischem Schock brachte ein Zieldruck von 80 bis 85 mmHg insgesamt keinen Vorteil, in der Untergruppe mit vorbestehender Hypertonie brauchten aber deutlich weniger Patienten ein Nierenersatzverfahren, 31,7 gegenüber 42,2 Prozent.7 Ein höheres Ziel ist hier also begründet, allerdings nur für diese Gruppe, denn bei Älteren ohne Hochdruck war umgekehrt ein Ziel von 60 bis 65 mmHg mit einer niedrigeren Sterblichkeit verbunden.8 Praktisch heben Sie das Ziel individuell an, notieren die Begründung, und prüfen gleichzeitig den venösen Druck, denn auch ein hoher Abflussdruck kann den Kreatininanstieg erklären.
Aufgabe 2: Erklären Sie den Mechanismus Schritt
Gegeben: Ein Patient mit chronischer Herzinsuffizienz erhält ein Sartan, ein Schleifendiuretikum und seit drei Tagen wegen Rückenschmerzen ein nichtsteroidales Antirheumatikum. Er wird mit Übelkeit, Exsikkose und einem Kreatininanstieg auf das Dreifache des Ausgangswerts aufgenommen.
Frage: Erklären Sie den Mechanismus Schritt für Schritt.
Lösung
Bei Herzinsuffizienz und Hypovolämie trägt nicht mehr der Perfusionsdruck allein die Nierenfunktion, sondern das Zusammenspiel zweier Gegenspieler. Prostaglandine erweitern die zuführende Arteriole und halten den Zufluss offen, Angiotensin II verengt die abführende Arteriole und hält den Filtrationsdruck hoch. Das nichtsteroidale Antirheumatikum nimmt die afferente Erweiterung, das Sartan nimmt die efferente Verengung, und das Diuretikum senkt zusätzlich das Volumen und damit den Vordruck. Damit sind beide Schutzmechanismen ausgeschaltet, während die auslösende Ursache verstärkt wird; die Filtration bricht zusammen. Praktisch setzen Sie das nichtsteroidale Antirheumatikum sofort ab, pausieren Sartan und Diuretikum, ersetzen vorsichtig isoton Volumen und kontrollieren Kalium, weil die Kombination auch eine Hyperkaliämie begünstigt. Nach der Erholung wird das Sartan wieder aufgenommen, denn langfristig ist es nierenprotektiv; das nichtsteroidale Antirheumatikum bleibt dagegen ein vermeidbares Risiko.
Aufgabe 3: Wie schätzen Sie die Nierenperfusion
Gegeben: Ein beatmeter Patient hat fünf Tage nach einer Bauchoperation einen Mitteldruck von 78 mmHg, einen zentralen Venendruck von 20 mmHg, einen positiven endexspiratorischen Druck von 14 mbar, eine positive Bilanz von acht Litern und eine Ausscheidung von 0,3 ml je Kilogramm und Stunde.
Frage: Wie schätzen Sie die Nierenperfusion ein und was tun Sie?
Lösung
Der wirksame Perfusionsdruck beträgt nur etwa 58 mmHg, denn vom arteriellen Mitteldruck ist der venöse Abflussdruck abzuziehen. Bei einer positiven Bilanz von acht Litern und einem hohen Beatmungsdruck ist das Problem der Abfluss und nicht der Zufluss, zumal ein erhöhter intraabdomineller Druck nach Bauchchirurgie zusätzlich auf die Kapsel und das Retroperitoneum wirkt. Ein weiterer Volumenbolus würde den venösen Druck weiter anheben und die Lage verschlechtern. Praktisch messen oder schätzen Sie den intraabdominellen Druck, beurteilen Sie sonographisch die untere Hohlvene und den Fluss in den Leber- und Nierenvenen, beginnen eine protokollierte Entwässerung und prüfen, ob der positive endexspiratorische Druck gesenkt werden kann. Die Leitlinie stützt nach der Initialphase ein individualisiertes Vorgehen statt einer festen Volumenmenge.6 Der Zieldruck bleibt erhalten, gearbeitet wird aber mit der Differenz und nicht mit dem arteriellen Wert allein.
Aufgabe 4: Wie bewerten Sie diese Entscheidung
Gegeben: Eine Patientin mit Typ-2-Diabetes und einer errechneten Filtrationsrate von 52 ml je Minute soll eine Computertomographie mit iodhaltigem Kontrastmittel erhalten. Die Untersuchung wird wegen der Nierenwerte um zwei Tage verschoben.
Frage: Wie bewerten Sie diese Entscheidung, und was hätten Sie stattdessen angeordnet?
Lösung
Die Verschiebung ist nicht begründet. Ein relevantes Risiko einer kontrastmittelassoziierten Nierenschädigung besteht erst unterhalb einer errechneten Filtrationsrate von 30 Millilitern in der Minute, und zur Vorbeugung genügt eine isotone Volumengabe mit 1 bis 3 Millilitern je Kilogramm und Stunde.9 Bei 52 Millilitern in der Minute wiegt der Verlust an diagnostischer Information den vermuteten Schaden nicht auf, und die Verzögerung einer nötigen Diagnose schadet regelhaft mehr. Sinnvoll wäre gewesen, die Untersuchung durchzuführen, vorher und nachher isoton Volumen zu geben, nichtsteroidale Antirheumatika abzusetzen und die Albuminurie als eigentlichen Risikomarker zu erheben. Wichtig ist außerdem, den Kreatininverlauf nicht für sich zu betrachten: Funktion und Schaden sind zwei verschiedene Dinge, weshalb der Leitlinienentwurf die Definition um ein Schädigungskriterium ergänzen will.2
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Zum Nachschlagen
Begriffe und Literatur
Begriff
Bedeutung
Kortikales und juxtamedulläres Nephron
Die überwiegende Bauform mit kurzer Schleife im äußeren Mark und die kleinere Gruppe mit langer Schleife bis in die Papille; nur die langen Schleifen erzeugen mit den Vasa recta den osmotischen Gradienten des Marks.
Filtrationsbarriere
Fenestriertes Endothel mit negativ geladener Glykokalix, glomeruläre Basalmembran und Podozyten mit ihrer Schlitzmembran aus Nephrin und Podocin; sie siebt nach Größe und nach Ladung.
Ladungsselektivität
Elektrostatische Abstoßung von Anionen durch alle drei negativ geladenen Schichten; sie erklärt, warum Albumin trotz grenzwertiger Größe kaum filtriert wird und warum Albuminurie ein Frühzeichen der Barrierestörung ist.
Filtrationsfraktion
Anteil des renalen Plasmaflusses, der filtriert wird, normalerweise etwa 20 Prozent; sie steigt, wenn die abführende Arteriole verengt wird, und geht dann zulasten der nachgeschalteten Kapillarbetten.
Gegenstromaustausch der Vasa recta
Diffusion zwischen absteigendem und aufsteigendem Schenkel, die den osmotischen Gradienten des Marks erhält und dabei den Sauerstoff kurzschließt; daraus folgt der dauerhaft niedrige Sauerstoffpartialdruck von 10 bis 20 mmHg im Mark.
Myogene Antwort
Dehnungsabhängige Kontraktion der zuführenden Arteriole innerhalb von Sekunden; sie fängt rasche Druckschwankungen ab und wird durch volatile Anästhetika und Propofol gedämpft.
Tubuloglomeruläre Rückkopplung
Messung des Natrium- und Chloridangebots durch die Macula densa mit Freisetzung von Adenosin und Verengung der zuführenden Arteriole; sie stimmt die Filtrationsmenge auf das Transportvermögen des Tubulus ab.
Nierenperfusionsdruck
Arterieller Mitteldruck minus venöser Abflussdruck, ersetzt durch den intraabdominellen Druck, wenn dieser höher ist; ein zentraler Venendruck von 18 mmHg kostet so viel Perfusionsdruck wie ein arterieller Abfall um 18 mmHg.
Literatur
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