Drei Messgrößen beschreiben die metabolische Seite, und ihre Verwechslung ist eine der häufigsten Fehlerquellen. Das aktuelle Bikarbonat ist die tatsächlich in der Probe vorliegende Konzentration. Sie wird nicht gemessen, sondern aus pH-Wert und Kohlendioxidpartialdruck berechnet, und sie ist deshalb von der Atmung abhängig: Eine reine respiratorische Störung verändert das aktuelle Bikarbonat, ohne dass am Stoffwechsel irgendetwas geschehen wäre. Das Standardbikarbonat beseitigt genau diesen Einfluss. Es ist die Bikarbonatkonzentration, die sich ergäbe, wenn die Probe bei 37 Grad Celsius auf einen Kohlendioxidpartialdruck von 40 mmHg eingestellt und voll mit Sauerstoff gesättigt würde; der Normwert liegt bei etwa 22 bis 26 mmol je Liter. Weicht es ab, liegt eine metabolische Störung vor.
Die Basenabweichung, meist als Basenüberschuss angegeben, beantwortet eine praktische Frage: Wie viel starke Säure oder starke Base müsste man einem Liter Blut zusetzen, um bei einem Kohlendioxidpartialdruck von 40 mmHg wieder einen pH-Wert von 7,40 zu erreichen. Der Normwert liegt bei null, mit einer Spanne von etwa plus und minus 2 mmol je Liter. Ein negativer Wert heißt Basendefizit und bedeutet eine metabolische Azidose. Weil die Bestimmung im Reagenzglas nur das Blut erfasst, der Puffer aber den gesamten Extrazellulärraum betrifft, wird heute der Standard-Basenüberschuss verwendet, der rechnerisch auf die Extrazellulärflüssigkeit mit einem verdünnten Hämoglobin bezogen ist und den Verlauf am Patienten besser abbildet.
Der zweite Zugang zur metabolischen Seite fragt nicht nach dem Bikarbonat, sondern danach, wodurch es überhaupt zustande kommt. Dieser Ansatz betrachtet drei unabhängige Größen: den Kohlendioxidpartialdruck, die Konzentration der schwachen Säuren, also vor allem Albumin und Phosphat, und die starke Ionendifferenz. Letztere ist die Differenz zwischen den vollständig dissoziierten Kationen und Anionen des Plasmas, praktisch also Natrium plus Kalium plus Calcium plus Magnesium abzüglich Chlorid und Laktat; sie beträgt normalerweise etwa 40 mmol je Liter. Der Gedanke dahinter ist einfach: Weil die Lösung elektrisch neutral sein muss, wird eine positive Differenz durch Bikarbonat und die negativ geladenen schwachen Säuren aufgefüllt. Fällt die Differenz, etwa weil Chlorid steigt, muss Bikarbonat weichen, und es entsteht eine Azidose, ohne dass eine einzige Säure zugeführt worden wäre.
Dieser Zugang ist in seiner vollständigen Form rechenaufwendig, und es gibt eine praktikable Abkürzung. Der Standard-Basenüberschuss lässt sich in einen Anteil der starken Ionendifferenz, einen Albuminanteil und einen Rest ungemessener Ionen zerlegen; damit wird sichtbar, welcher Mechanismus welchen Teil der Abweichung trägt. Diese Zerlegung ist außerhalb des pH-Bereichs von 7,30 bis 7,50 allerdings unzuverlässig und sollte dort nicht verwendet werden.2 Für den Alltag ist die entscheidende Erkenntnis ohnehin einfacher: Der klassische Zugang genügt, wenn man die Anionenlücke auf das Albumin korrigiert. In 500 Blutgasanalysen von 128 Intensivpatienten übersah die unkorrigierte Anionenlücke 11,6 Prozent der Störungen, nach Albuminkorrektur nur noch 1,6 Prozent, und die korrigierte Anionenlücke war dem aufwendigeren Ansatz praktisch gleichwertig.3 Dass die Albuminkorrektur nötig ist, ist seit Langem bekannt,4 und mit modernen Analysatoren liegt der Referenzbereich der Anionenlücke bei 3 bis 9 mmol je Liter statt der früher gelehrten 8 bis 16; je 1 g je Deziliter Albuminabfall unter 4 g je Deziliter sind 2,5 mmol je Liter zur berechneten Anionenlücke zu addieren.1 Eine strukturierte Schrittfolge aus primärer Störung, Prüfung der Kompensation, albuminkorrigierter Anionenlücke und Delta-Verhältnis führt beim Intensivpatienten zuverlässig zum Ziel.5
Aus der starken Ionendifferenz folgt unmittelbar, warum Infusionslösungen den pH-Wert verändern, und zwar über das Chlorid. Eine Lösung mit einer Ionendifferenz von null, also Kochsalzlösung mit 154 mmol je Liter Natrium und 154 mmol je Liter Chlorid, senkt die Ionendifferenz des Plasmas, sobald sie in größerer Menge infundiert wird; die Folge ist eine hyperchlorämische Azidose mit normaler Anionenlücke. Eine Lösung, deren wirksame Ionendifferenz nach Verstoffwechslung der metabolisierbaren Anionen ungefähr der Bikarbonatkonzentration des Plasmas entspricht, verändert den pH-Wert praktisch nicht. Liegt die Differenz darüber, wirkt die Lösung alkalisierend.
Tabelle 2: Standardbikarbonat, Basenabweichung und die starke Ionendifferenz
| Lösung | Chlorid und Besonderheit | Wirksame Ionendifferenz | Erwartete Wirkung auf den pH-Wert |
| Kochsalzlösung 0,9 Prozent | Chlorid 154 mmol je Liter, keine weiteren Anionen | null | senkt den pH-Wert; hyperchlorämische Azidose mit normaler Anionenlücke, zunehmend ab etwa zwei Litern |
| Balancierte Vollelektrolytlösung mit Acetat und Malat | Chlorid deutlich niedriger, metabolisierbare Anionen ersetzen einen Teil des Chlorids | nach Verstoffwechslung etwa im Bereich des Plasmabikarbonats | nahezu neutral; die Ionendifferenz des Plasmas bleibt erhalten |
| Ringer-Laktat | Chlorid mäßig, Laktat als metabolisierbares Anion | nach Verstoffwechslung leicht oberhalb des Plasmabikarbonats | leicht alkalisierend; der gemessene Laktatwert steigt vorübergehend und ist dann kein Perfusionsmarker |
| Natriumbikarbonat 8,4 Prozent | Natrium ohne Chlorid | sehr hoch | hebt den pH-Wert an; erzeugt Hypernatriämie und Kohlendioxid, das abgeatmet werden muss |
| Glucose 5 Prozent | praktisch keine Ionen | null, aber sehr geringe Teilchenzahl | verdünnt Ionendifferenz und Albumin zugleich; in großer Menge Verdünnungsazidose ohne eigene Säurezufuhr |
Die klinische Bedeutung dieses Mechanismus ist belegt. In einer Auswertung von 34 Studien mit 175 021 Intensivpatienten war eine Hyperchlorämie mit einer Odds Ratio von 1,28 für Tod und von 1,40 für ein akutes Nierenversagen verbunden, eine Hypochlorämie mit einer Odds Ratio von 1,55 für Tod.6 In der größten Einzelstudie zum Vergleich der Lösungen senkten balancierte Kristalloide bei 15 802 Intensivaufnahmen den kombinierten Endpunkt aus Tod, neuem Nierenersatzverfahren und bleibender Nierenfunktionsstörung von 15,4 auf 14,3 Prozent.7 Eine spätere Studie mit 5 037 Patienten fand keinen Unterschied der 90-Tage-Sterblichkeit, 21,8 gegenüber 22,0 Prozent,8 und die Metaanalyse einzelner Patientendaten aus 34 685 Patienten ergab eine Krankenhaussterblichkeit von 16,8 gegenüber 17,3 Prozent mit einer Wahrscheinlichkeit eines Nutzens von 89,5 Prozent, also einen Vorteil, der die übliche statistische Schwelle nicht erreicht.9
Für die Praxis heißt das: Bewerten Sie bei jeder metabolischen Azidose zuerst das Chlorid, bevor Sie nach exotischen Ursachen suchen; eine Azidose mit hohem Chlorid und normaler Anionenlücke nach mehreren Litern Kochsalzlösung ist eine Diagnose und keine Verschlechterung des Patienten. Korrigieren Sie die Anionenlücke immer auf das Albumin, weil Ihre Intensivpatienten fast alle hypalbuminämisch sind. Nutzen Sie den Standard-Basenüberschuss für den Verlauf und das Standardbikarbonat für die Frage, ob überhaupt eine metabolische Störung vorliegt. Und erkennen Sie den Fehler daran, dass ein steigender Laktatwert nach Ringer-Laktat als Perfusionsstörung gedeutet wird.