Laktat entsteht nicht nur bei Sauerstoffmangel. Es fällt ebenso bei beschleunigter Glykolyse unter adrenerger Stimulation an, etwa unter hoch dosierten Katecholaminen und unter Beta-2-Sympathomimetika, sowie bei verminderter Verstoffwechslung in der Leber. Ein erhöhtes Laktat ist deshalb ein verlässlicher prognostischer Marker, aber kein validiertes Steuerungsziel; die alleinige Steuerung der Volumentherapie nach dem Laktatwert fördert die Übertherapie.4 Die Alternative ist die Beurteilung der Perfusion am Patienten. In einer Studie mit 424 Patienten im septischen Schock lag die Sterblichkeit unter Steuerung nach der Rekapillarisierungszeit bei 34,9 gegenüber 43,4 Prozent unter Laktatsteuerung, ohne statistische Signifikanz.8 Die Nachfolgestudie mit 1 501 Patienten gewann den hierarchischen Verbundendpunkt mit einer Win Ratio von 1,16, senkte die Sterblichkeit aber nicht.[[andromeda2_25]]
Die Ketoazidose ist inzwischen neu definiert: Glukose ab 200 mg je Deziliter oder ein bekannter Diabetes, Beta-Hydroxybutyrat ab 3,0 mmol je Liter und ein pH-Wert unter 7,3 oder ein Bikarbonat unter 18 mmol je Liter.5 Behandelt wird mit Volumen, Insulin in einer Dosis von 0,1 Einheiten je Kilogramm und Stunde und früher Kaliumsubstitution; balancierte Lösungen führen zu einer rascheren Rückbildung als Kochsalzlösung, und Bikarbonat wird nur unterhalb eines pH-Werts von 7,0 erwogen.5 Wichtig ist, dass hier das Beta-Hydroxybutyrat und nicht der Nachweis von Ketonen im Urin den Verlauf abbildet, denn der Urintest erfasst überwiegend Acetacetat und kann sich unter Besserung scheinbar verschlechtern.
Bleibt die Bikarbonatgabe. Sie ist verlockend, weil sie den Laborwert sofort verbessert, und sie ist deshalb seit Jahrzehnten umstritten. In einer Studie mit 389 Patienten mit schwerer metabolischer Azidämie unterschied sich der kombinierte Endpunkt nicht, 66 gegenüber 71 Prozent; in der Untergruppe mit akutem Nierenversagen im Stadium 2 oder 3 lag die Sterblichkeit bei 46 gegenüber 63 Prozent.9 Die größere Folgestudie mit 627 Patienten fand keine Änderung der 90-Tage-Sterblichkeit, 62,1 gegenüber 61,7 Prozent, wohl aber deutlich weniger Nierenersatzverfahren, 34,7 gegenüber 50,2 Prozent.10 Die Metaanalyse einzelner Patientendaten beider Studien mit zusammen 1 016 Patienten bestätigt dieses Bild: keine Senkung der Sterblichkeit, aber weniger Nierenersatzverfahren mit 34,8 gegenüber 50,7 Prozent; die Interaktion mit dem Schweregrad des Nierenversagens war nicht signifikant, das alte Untergruppensignal ist also nicht bestätigt.11
Am Patienten heißt das: Behandeln Sie die Ursache und nicht den pH-Wert. Bei der Laktatazidose ist die Maßnahme die Wiederherstellung der Perfusion, und das Laktat dient der Verlaufsbeurteilung, nicht der Zielsteuerung; beurteilen Sie Rekapillarisierung, Hautperfusion und Bewusstseinslage mit.4 Bei der Ketoazidose geben Sie Volumen, Insulin und Kalium und verzichten unterhalb eines pH-Werts von 7,0 nicht vorschnell auf Bikarbonat, oberhalb davon dagegen darauf.5 Und wenn Sie Bikarbonat geben, dann erwarten Sie davon einen Effekt auf den Bedarf an Nierenersatzverfahren und nicht auf das Überleben, und rechnen Sie mit den Nebenwirkungen Hypokaliämie, Hypokalzämie, Natrium- und Volumenlast und einem Anstieg des pCO2, der bei begrenzter Ventilation die Azidose in der Zelle sogar verstärken kann.