Isotone Kochsalzlösung enthält 154 mmol Natrium und 154 mmol Chlorid je Liter. Natrium liegt damit nahe am Plasmawert, Chlorid dagegen etwa die Hälfte über dem physiologischen Bereich von ungefähr 100 mmol je Liter. Der Name isoton beschreibt also nur die Summe, nicht die Zusammensetzung. Balancierte Vollelektrolytlösungen nähern sich dem Plasma an, senken das Chlorid auf etwa 100 bis 112 mmol je Liter und ersetzen die Differenz durch ein metabolisierbares Anion wie Acetat, Laktat oder Malat, das im Stoffwechsel zu Bikarbonat wird. Der Preis dafür ist eine geringfügig niedrigere gemessene Osmolarität, und genau daraus ergibt sich die einzige klare Gegenanzeige.
Physiologisch verbindet ein einziger Mechanismus beide Enden dieser Kachel. Eine große Chloridlast senkt die Differenz der starken Ionen im Plasma, und mit ihr fällt das Bikarbonat; es entsteht eine hyperchlorämische metabolische Azidose ohne vergrößerte Anionenlücke. Zusätzlich steigert ein hohes Chloridangebot an der Macula densa über die tubuloglomeruläre Rückkopplung den Widerstand der zuführenden Arteriole und senkt die renale Durchblutung. Der Zusammenhang ist auch klinisch beschrieben: In einer Auswertung von 34 Studien mit 175 021 Intensivpatienten war eine Hyperchlorämie mit einem Odds Ratio von 1,28 für Tod und 1,40 für akutes Nierenversagen verbunden, eine Hypochlorämie mit einem Odds Ratio von 1,55 für Tod.5 Die Säure-Basen-Seite dieses Mechanismus wird in der Einheit zur Blutgasanalyse dieser Kachel vertieft.
Die randomisierten Daten zeichnen ein differenzierteres Bild als der Mechanismus vermuten lässt. In der größten Einzelstudie mit 15 802 Intensivaufnahmen senkten balancierte Kristalloide den kombinierten Endpunkt aus Tod, neuem Nierenersatzverfahren und bleibender Nierenfunktionsstörung von 15,4 auf 14,3 Prozent, mit einem Odds Ratio von 0,90.8 Zwei spätere große Studien fanden keinen Unterschied der Sterblichkeit: bei 11 052 Patienten 26,4 gegenüber 27,2 Prozent nach 90 Tagen6 und bei 5 037 Patienten 21,8 gegenüber 22,0 Prozent.9 Die Metaanalyse einzelner Patientendaten aus 34 685 Patienten ergab eine Krankenhaussterblichkeit von 16,8 gegenüber 17,3 Prozent und damit einen Vorteil, der die statistische Schwelle nicht erreicht, bei einer Wahrscheinlichkeit eines Nutzens von 89,5 Prozent.7
Eine Untergruppe weicht davon konsistent ab. Beim Schädel-Hirn-Trauma lag die Sterblichkeit unter balancierter Lösung bei 31,3 gegenüber 21,1 Prozent,6 und in der Metaanalyse fand sich für diese Gruppe ein Odds Ratio von 1,424 zuungunsten der balancierten Lösung.7 Die Erklärung liegt in der leicht niedrigeren Tonizität: Beim geschädigten Gehirn genügen wenige Milliosmol, um den Wassergehalt und damit den intrakraniellen Druck zu verändern. Die Leitlinien ziehen daraus eine maßvolle Konsequenz und sprechen eine schwache Empfehlung für balancierte Kristalloide aus, mit ausdrücklichen Ausnahmen für Schädel-Hirn-Trauma und Leberzirrhose;2 die Sepsisleitlinie empfiehlt balancierte Kristalloide statt Kochsalzlösung.3
Für die Praxis heißt das: Verwenden Sie balancierte Vollelektrolytlösung als Standard, wählen Sie isotone Kochsalzlösung gezielt beim Schädel-Hirn-Trauma, bei erhöhtem Hirndruck und bei hypochlorämischer Alkalose, etwa nach anhaltendem Erbrechen. Kontrollieren Sie unter großen Kristalloidmengen Chlorid und Bikarbonat und nicht nur Natrium und Kalium. Erkennen Sie den Fehler daran, dass nach mehreren Litern Kochsalzlösung das Bikarbonat fällt, das Chlorid steigt und die Anionenlücke normal bleibt; das ist keine neue Erkrankung, sondern die Infusion.