In einer einzigen Nacht werden auf einer operativen Intensivstation drei Patienten als „auffällig" gemeldet. Ein 81-jähriger Mann zwei Tage nach Versorgung einer Schenkelhalsfraktur zieht an seinen Zugängen, ruft nach seiner Frau und schlägt nach der Pflegekraft; er hat seit dem Nachmittag kein Wasser gelassen. Eine 58-jährige Patientin im septischen Schock ist mit 39,9 Grad heiß, wird mit Kühlmatten behandelt, beginnt zu zittern und benötigt eine Stunde später mehr Noradrenalin und eine höhere Sauerstofffraktion. Ein 66-jähriger Mann nach einer achtstündigen Tumoroperation am Pankreas wacht nicht auf: Die Kerntemperatur beträgt 34,6 Grad, das Relaxans wurde vor drei Stunden zuletzt gegeben, und er hat eine Niereninsuffizienz. Drei Bilder, ein gemeinsamer Leitbefund: Das Gehirn verhält sich anders als erwartet.
In keinem dieser Fälle liegt die Ursache primär im Gehirn. Der erste Patient hat eine volle Harnblase, Schmerzen bei jeder Bewegung und wahrscheinlich ein Delir mit mehreren Auslösern. Die zweite Patientin verbraucht durch Kältezittern gegen einen hoch gestellten Sollwert mehr Sauerstoff, als ihr Kreislauf liefern kann. Beim dritten verlängern Unterkühlung und eingeschränkte Ausscheidung die Wirkung von Hypnotika, Opioiden und Relaxans. Diese Einheit lehrt keine neue Physiologie. Bewusstsein, Delir und Schmerz stehen in Kachel 06 Gehirn, Bewusstsein und Schmerz, besonders in den Einheiten „Wachheit, Schlaf, Bewusstsein und das Elektroenzephalogramm", „Aufsteigende Bahnen, absteigende Hemmung und das Opioidsystem" und „Gestörte Hirnfunktion: Delir, chronischer Schmerz und zentrale Sensibilisierung"; Thermoregulation, Fieber und Hypothermie stehen in Kachel 08 Temperatur, Energie und Verdauung; der Alpha-2-Rezeptor steht in Kachel 02 in der Einheit „Sympathikus, Parasympathikus und ihre Rezeptoren". Hier werden diese Grundlagen zu einem Denkweg verbunden, der am Bett in wenigen Minuten gelingt.
