Der Leitbefund dieser Einheit ist ein steigendes Kohlendioxid, am Kapnografen oder in der Blutgasanalyse. Bei einer extraperitonealen Leistenhernienoperation steigt der endexspiratorische Wert eine Stunde nach Anlage des Gasraums trotz unveränderter Beatmung von 36 auf 50 mmHg. Auf der Intensivstation hat ein Patient mit akutem Lungenversagen einen paCO₂ von 64 mmHg, obwohl das Beatmungsgerät 12 l pro Minute liefert. Und auf der Normalstation ist eine Patientin mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung am Morgen nach einer Hüftoperation unter Opioidanalgesie und hoch dosiertem Sauerstoff kaum weckbar, bei einer Sättigung von 99 Prozent und einem paCO₂ von 88 mmHg. Der Laborwert heißt jedes Mal gleich, doch im ersten Fall ist die Kohlendioxidlast gestiegen, im zweiten geht ein großer Teil der Ventilation ins Leere, und im dritten atmet die Patientin zu wenig.
Die Hyperkapnie ist damit ein Paradebeispiel für das Denken über mehrere Regelkreise: Stoffwechsel und Temperatur bestimmen die Produktion, Atemzentrum und Atempumpe die Ventilation, Lungenkreislauf und Herzzeitvolumen den Totraum. Die physiologischen Grundlagen stehen in Kachel 03 Atmung und Kreislauf, vor allem in den Einheiten „Alveolargasgleichung, A-a-Differenz und Ventilation", „V/Q-Verteilung, Shunt, Totraum und Atelektase unter Narkose", „Lungenvolumina, Atemsteuerung und Beatmungsmechanik unter Narkose" und „Sauerstoff bei COPD: Atemantrieb, Haldane-Effekt und Zieltitration". Die respiratorische Azidose mit ihrer Kompensation steht in Kachel 05 Inneres Milieu in der Einheit „Die vier Störungen und ihre Kompensation". Hier werden diese Bausteine zu einem Entscheidungsweg verbunden.

