Ab wann ein niedriger Druck schadet, lässt sich nicht aus einer einzelnen Schwelle ablesen, weil Tiefe und Dauer zusammenwirken und weil die Autoregulation der Organe individuell verschoben ist. Große Beobachtungsstudien zeigen einen dosisabhängigen Zusammenhang. In einer Kohorte nichtkardiochirurgischer Patienten entwickelten 7,4 Prozent eine akute Nierenschädigung und 2,3 Prozent einen Myokardschaden, und das Risiko beider stieg stufenweise mit der Dauer eines Mitteldrucks unter 55 mmHg, von 1 bis 5 Minuten bis zu mehr als 20 Minuten.3 Eine systematische Übersicht fand ein erhöhtes Risiko für Endorganschäden bereits bei einem Mitteldruck unter 80 mmHg über mindestens 10 Minuten und bei kürzerer Dauer unter 70 mmHg; das Risiko steigt mit der Dauer unterhalb von 65 bis 60 mmHg und bei jeder Exposition unterhalb von 55 bis 50 mmHg.4
Ein internationaler Konsens empfiehlt, den intraoperativen Mitteldruck bei Risikopatienten mindestens bei 60 mmHg zu halten, betont, dass die postoperative Hypotonie häufig unerkannt, länger und unbehandelt bleibt und möglicherweise bedeutsamer ist als die intraoperative, und hält fest, dass eine kontinuierliche Messung Schwere und Dauer der Hypotonie verringert.5 Randomisierte Studien, die mehr als die Vermeidung tiefer Hypotonie verlangten, blieben dagegen ohne Vorteil. Ein individualisiertes Ziel auf der Grundlage des nächtlichen Mitteldrucks verbesserte bei 1 142 Patienten mit großen Bauchoperationen den kombinierten Endpunkt aus Organschaden und Tod nicht gegenüber einem Mitteldruck von mindestens 65 mmHg.6 Ein proaktives, nach Risiko gestuftes Druckmanagement bei 3 247 Patienten änderte die Funktion nach sechs Monaten nicht.7 Und bei 2 603 Hochrisikopatienten unterschieden sich eine Strategie der Hypotonievermeidung und eine der Hypertonievermeidung weder beim Delir, 7,3 gegenüber 7,0 Prozent, noch bei der kognitiven Verschlechterung nach einem Jahr.8
Diese Befunde widersprechen sich nicht, wenn sie physiologisch gelesen werden. Die Beobachtungsdaten zeigen, dass tiefe und lange Hypotonie mit Organschaden verbunden ist; ein Teil dieses Zusammenhangs ist Kausalität, ein anderer Teil spiegelt nur, dass kranke Patienten häufiger hypoton werden. Die randomisierten Studien zeigen, dass jenseits der Vermeidung tiefer Hypotonie ein höherer oder individuell berechneter Zielwert keinen zusätzlichen Nutzen bringt. Im septischen Schock gilt dieselbe Lesart. Die Leitlinie empfiehlt einen Mitteldruck von 65 mmHg mit starker Empfehlung.1 Ein Ziel von 80 bis 85 mmHg senkte bei 776 Patienten die Sterblichkeit nicht, 36,6 gegenüber 34,0 Prozent nach 28 Tagen; lediglich Patienten mit chronischer Hypertonie brauchten unter dem höheren Ziel seltener einen Nierenersatz.9 Bei Patienten ab 65 Jahren mit vasodilatatorischer Hypotonie verkürzte ein Zielbereich von 60 bis 65 mmHg die Vasopressordauer und senkte die Noradrenalindosis, ohne die Sterblichkeit zu erhöhen, 41,0 gegenüber 43,8 Prozent nach 90 Tagen.10 Die Leitlinie von 2026 schlägt für diese Altersgruppe entsprechend bedingt einen Bereich von 60 bis 65 mmHg vor.11
Tabelle 3: Intraoperative Hypotonie, Organschaden und Zielwerte
| Situation | Zielbereich des Mitteldrucks | Begründung | Einschränkung |
| Operation, Risikopatient | mindestens 60 mmHg, Dauer tiefer Werte minimieren | Konsens; dosisabhängiger Zusammenhang mit Nieren- und Myokardschaden5, 3 | Höhere oder individualisierte Ziele ohne belegten Zusatznutzen6 |
| Septischer Schock | 65 mmHg | Starke Empfehlung, moderate Evidenz1 | 80 bis 85 mmHg ohne Vorteil für das Überleben9 |
| Vasodilatatorische Hypotonie ab 65 Jahren | 60 bis 65 mmHg | Weniger Vasopressor ohne Nachteil beim Überleben10, 11 | Bedingte Empfehlung, niedrige Sicherheit der Evidenz |
| Chronische Hypertonie | Eher oberer Bereich innerhalb der Ziele | Nach rechts verschobene Autoregulation; unter höherem Ziel seltener Nierenersatz9 | Kein Überlebensvorteil |
Am Patienten heißt das: Legen Sie vor jeder Narkose bei Risikopatienten eine Untergrenze fest, orientiert am Ausgangsdruck und mindestens bei 60 mmHg, und behandeln Sie ihre Unterschreitung innerhalb von Minuten, nicht nach einer Viertelstunde. Übergeben Sie diese Untergrenze in den Aufwachraum und auf die Station, denn dort wird die Hypotonie seltener gemessen und länger toleriert. Im septischen Schock zielen Sie auf 65 mmHg und beim Älteren auf 60 bis 65 mmHg und steigern nicht über das Ziel hinaus, weil Vasopressor kein neutrales Medikament ist. Den Fehler erkennen Sie daran, dass der Druck im Protokoll gut aussieht, weil nur alle fünf Minuten gemessen wurde, oder dass ein hohes Druckziel mit steigender Katecholamindosis verfolgt wird, ohne dass sich die Perfusion verbessert.