Die metabolische Azidose des Leitfalls hat mehrere Quellen, und jede verlangt eine andere Antwort. Das Laktat stammt aus der Hypoperfusion des Darms, aus gesteigerter Glykolyse unter Stress und aus verminderter Verwertung in der Leber; seine Deutung und seine Grenzen als Steuergröße stehen in Einheit 4 dieser Kachel. Das Nierenversagen trägt zwei weitere Anteile bei: Die Niere scheidet die nicht flüchtigen Säuren nicht mehr aus und bildet kein neues Bikarbonat, wie in der Kachel 05 in der Einheit zu den Säure-Basen-Störungen beschrieben. Und große Mengen Kochsalzlösung senken über den Chloridanstieg die starke Ionendifferenz; die Sepsisleitlinie schlägt deshalb balancierte Kristalloide statt Kochsalzlösung vor, mit schwacher Empfehlung bei niedriger Evidenz.11
Als Schockzeichen hat die metabolische Azidose prognostisches Gewicht. Ein septischer Schock ist über ein Laktat über 2 mmol pro Liter bei Vasopressorbedarf trotz Volumengabe definiert.12 Beim Trauma trennte eine Einteilung nach dem Basendefizit in vier Klassen bei 16 305 Patienten Transfusionsbedarf und Sterblichkeit besser als die Einteilung nach geschätztem Blutverlust; die Sterblichkeit stieg von der günstigsten zur ungünstigsten Klasse von 7,4 auf 51,5 Prozent.13 Das Basendefizit misst dabei alle nicht respiratorischen Säuren gemeinsam und unterscheidet nicht, woher sie kommen; diese Frage beantworten erst Anionenlücke, Laktat und Chlorid.
Tabelle 3: Metabolische Azidose: Schockzeichen, Nierenzeichen und die Grenze der Kompensation
| Befundmuster | Mechanismus | Unterscheidender Test | Erste Handlung |
| Große Anionenlücke, Laktat hoch, Zeichen der Hypoperfusion | Laktatazidose bei Schock oder Ischämie | Perfusionsmarker, Fokus, Ischämiesuche | Perfusion und Ursache behandeln, Laktat im Verlauf |
| Große Anionenlücke, Laktat normal, Kreatinin und Harnstoff hoch | Retention nicht flüchtiger Säuren beim Nierenversagen | Verlauf der Nierenwerte, Phosphat, Sulfat nicht routinemäßig | Ursache des Nierenversagens behandeln, Nierenersatz bei Entgleisung |
| Große Anionenlücke mit großer osmotischer Lücke | Vergiftung mit Ethylenglykol oder Methanol | Gemessene gegen berechnete Osmolalität, Anamnese | Antidot, Hämodialyse |
| Große Anionenlücke, Glucose hoch, Ketone positiv | Ketoazidose | Ketone im Blut | Insulin, Volumen, Kalium kontrollieren |
| Normale Anionenlücke, Chlorid hoch nach Kochsalzlösung | Hyperchlorämie mit kleiner starker Ionendifferenz | Chlorid, Infusionsbilanz | Auf balancierte Lösung umstellen |
| Normale Anionenlücke, Diarrhö oder Fisteln | Bikarbonatverlust über den Darm | Stuhl- oder Fistelmenge, Urinanionenlücke | Verluste ersetzen, Kalium beachten |
Die Kompensation einer metabolischen Azidose ist respiratorisch, und sie wird gegen ihre Erwartung geprüft. Der erwartete paCO₂ ergibt sich aus dem 1,5-Fachen des Bikarbonats plus 8 mit einem Spielraum von 2 mmHg; die Formel ist in der Kachel 05 hergeleitet. Beim Leitfall mit einem Bikarbonat von 12 mmol pro Liter wären etwa 26 mmHg zu erwarten; gemessen sind 35 mmHg. Der Patient kompensiert also nicht ausreichend, und zur metabolischen kommt eine respiratorische Azidose hinzu, etwa durch Erschöpfung, Opioide, Sedierung oder eine unpassende Einstellung des Beatmungsgeräts. Die Kompensation hat eine harte Grenze: Weil der paCO₂ umgekehrt proportional zur alveolären Ventilation ist, verlangt jede weitere Halbierung eine Verdopplung der Ventilation, mit steigender Atemarbeit, steigendem Sauerstoffverbrauch und eigener Kohlendioxidproduktion der Atemmuskulatur. Die Ventilationsgleichung ist in Einheit 2 dieser Kachel dargestellt. Die Niere, die sonst langfristig kompensiert, fällt beim Nierenversagen aus.
Die Azidämie ist ihrerseits Ursache weiterer Störungen. Sie schwächt die Kontraktilität, mindert das Ansprechen der Gefäße auf Katecholamine, begünstigt Arrhythmien und verschiebt Kalium aus den Zellen, bei anorganischen Säuren stärker als bei Laktat. Die Behandlung mit Bikarbonat ist deshalb naheliegend, aber begrenzt belegt. Bei schwerer metabolischer Azidämie unterschied sich der kombinierte Endpunkt nicht, 66 gegenüber 71 Prozent, in der Untergruppe mit akutem Nierenversagen im Stadium 2 oder 3 lag die Sterblichkeit aber bei 46 gegenüber 63 Prozent.14 Die gezielte Folgestudie an 627 Patienten fand keine Änderung der 90-Tage-Sterblichkeit, 62,1 gegenüber 61,7 Prozent, aber seltener Nierenersatz, 34,7 gegenüber 50,2 Prozent.15 Bikarbonat erzeugt beim Puffern Kohlendioxid, das abgeatmet werden muss, senkt das ionisierte Calcium und bringt eine Natriumlast mit. Den Zeitpunkt des Nierenersatzes zu beschleunigen, brachte keinen Überlebensvorteil, 43,9 gegenüber 43,7 Prozent nach 90 Tagen, aber häufiger eine Dialysepflicht an Tag 90, 10,4 gegenüber 6,0 Prozent.16 Nierenersatz ist deshalb angezeigt, wenn Kalium, Azidose, Überwässerung oder urämische Komplikationen konservativ nicht beherrschbar sind, und nicht wegen eines Kreatininwerts allein.
Am Patienten heißt das: Prüfen Sie bei jeder metabolischen Azidose die Kompensation gegen die Erwartung und behandeln Sie eine unzureichende Kompensation als zweite Störung. Bei der Intubation eines Patienten mit schwerer metabolischer Azidose verliert er seine Kompensation genau in dem Moment, in dem die Apnoe beginnt; stellen Sie das Beatmungsgerät danach auf das Atemminutenvolumen ein, das der Patient vorher selbst geatmet hat, und kontrollieren Sie die Blutgase nach wenigen Minuten. Den Fehler erkennen Sie an einem Patienten, der vor der Einleitung mit einem pH-Wert von 7,20 wach war und zehn Minuten nach der Intubation mit einer Standardeinstellung bei einem pH-Wert unter 7,00 bradykard wird.