Jeder Regelkreis des Körpers besitzt eine Reserve, also einen Bereich, in dem er eine Störung ausgleichen kann, ohne dass die Regelgröße entgleist. Das Herz kann sein Zeitvolumen vervielfachen, die Atmung ihre Ventilation, die Niere ihre Ausscheidung, und das Gewebe kann bei sinkendem Angebot mehr Sauerstoff ausschöpfen. Krankheit verbraucht diese Reserve, und das Alter verkleinert sie. Solange eine Reserve besteht, zeigt sich eine Störung zunächst nur in den Stellgrößen: Die Herzfrequenz steigt, die Atmung wird tiefer, der Urin konzentrierter. Erst wenn die Reserve erschöpft ist, entgleist die Regelgröße selbst. Sterben lässt sich physiologisch als der Zustand beschreiben, in dem mehrere Regelkreise gleichzeitig ohne Reserve arbeiten, sodass jeder Ausfall den nächsten nach sich zieht.
Der Weg dorthin folgt je nach Grunderkrankung einem erkennbaren Verlauf. Bei vielen Krebserkrankungen bleibt die Funktion lange erhalten und nimmt dann in wenigen Wochen rasch ab. Bei Herz-, Lungen- und Leberinsuffizienz verläuft der Weg in Schüben, bei denen sich der Patient nach jeder Dekompensation erholt, aber auf ein niedrigeres Niveau zurückkehrt, bis eine Dekompensation nicht mehr ausgeglichen wird. Bei Gebrechlichkeit und Demenz ist der Verlauf flach und lang. Die Kenntnis dieser Verläufe erklärt, warum dieselbe Pneumonie bei einem Patienten eine behandelbare Episode und bei einem anderen der Beginn des Sterbens ist: Entscheidend ist nicht die Störung, sondern die verbliebene Reserve.
Daraus ergibt sich die erste und wichtigste Aufgabe: Vor der Einordnung als Sterbephase wird nach reversiblen Ursachen gesucht, deren Behandlung wenig belastet und viel gewinnt. Dazu gehören eine Hyperkalzämie bei Tumorleiden, die Müdigkeit, Übelkeit, Obstipation und Verwirrtheit erzeugt, eine Hypoglykämie oder Hyponatriämie, die Kumulation von Opioiden und ihren Metaboliten bei nachlassender Nierenfunktion, eine Infektion, ein Harnverhalt oder eine schwere Obstipation, eine Blutung und eine medikamentöse Ursache wie eine anticholinerge Last. Ob eine gefundene Ursache behandelt wird, ist dann keine physiologische, sondern eine Frage des Therapieziels und des Willens der Patientin oder des Patienten; physiologisch zu beantworten ist nur, ob eine Behandlung überhaupt Aussicht auf eine Besserung hat und welche Last sie mit sich bringt.
Die Zeit spielt dabei eine eigene Rolle. Ein über Stunden bis wenige Tage entstandener Einbruch bei bis dahin stabilem Verlauf spricht eher für eine reversible Ursache; eine über Wochen fortschreitende Abnahme von Kraft, Nahrungsaufnahme und Wachheit, in der jede Ursache schon behandelt wurde, spricht eher für das Erschöpfen der Reserve. Das gilt auf der Intensivstation genauso wie auf der Palliativstation: Das septische Multiorganversagen am zweiten Tag ist eine akute Störung mit offener Prognose, das Versagen eines weiteren Organs am zehnten Tag unter maximaler Unterstützung ist ein anderer Befund.
Am Patienten heißt das: Wenn sich ein schwer kranker Mensch rasch verschlechtert, fragen Sie zuerst, was sich in den letzten Tagen verändert hat, messen Sie Glucose, Natrium, Calcium und Kreatinin, prüfen Sie Blase, Darm und Infektzeichen und gehen Sie die Medikamente mit Blick auf Kumulation durch. Stellen Sie die gefundenen Ursachen dann in den Rahmen des Therapieziels. Den Fehler erkennen Sie an zwei entgegengesetzten Situationen: an einem Patienten, dessen Somnolenz als Sterben gedeutet wurde, obwohl sie von einer Morphinkumulation bei Nierenversagen herrührte, und an einem Sterbenden, bei dem Tag für Tag Laborwerte korrigiert werden, ohne dass sich an seinem Befinden etwas ändern kann.