Eine 68-jährige Frau wird mit Fieber und rechtsseitigem Flankenschmerz in die Notaufnahme gebracht. Die Temperatur beträgt 39,4 Grad, die Atemfrequenz 28 pro Minute, die Sättigung unter Raumluft 91 Prozent. Sie ist verlangsamt und verkennt die Situation, der Blutdruck liegt bei 92 zu 44 mmHg, der Mitteldruck damit bei 60 mmHg, die Herzfrequenz bei 122 pro Minute. Das Laktat beträgt 3,8 mmol pro Liter, die Thrombozyten 88 000 pro Mikroliter, das Kreatinin 2,1 mg je Deziliter bei einem Vorwert von 0,9, das Bilirubin 2,2 mg je Deziliter. Die Sonografie zeigt ein gestautes rechtes Nierenbecken mit einem Stein im Harnleiter. Die Infektion sitzt in einer einzigen Niere; versagen aber tun Kreislauf, Gehirn, Lunge, Gerinnung, beide Nieren und die Leber.
Dieser Widerspruch ist der Kern der Sepsis. Nicht der Erreger allein, sondern die Antwort des Organismus auf ihn erzeugt das Organversagen, und sie tut es über Strukturen, die alle Organe gemeinsam haben: das Endothel, den Gefäßtonus, die Mikrozirkulation, die Gerinnung und die Mitochondrien. Diese Einheit führt vom Leitbefund einer Infektion mit neuer Organdysfunktion über die Mechanismen der Wirtsantwort zu den Entscheidungen der ersten Stunden. Sie setzt die angeborene Immunabwehr und das Endothel mit Glykokalyx und Gerinnung aus der Kachel 04 voraus, die Mikrozirkulation und die Sauerstoffversorgung aus der Kachel 03, das septische Nierenversagen aus der Kachel 05 und die Stressantwort mit Cortisol und Vasopressin aus der Kachel 07. Schockformen, Laktat, Perfusionsmarker und Vasopressoren stehen in Einheit 4 dieser Kachel und werden hier nicht wiederholt.
