Notfallmedizin, Teil 3 · Stufe WBJ 2

Akutes Koronarsyndrom, akute Herzinsuffizienz und Lungenembolie

Beim akuten Koronarsyndrom und bei der Lungenembolie entscheiden das EKG in den ersten zehn Minuten und die Zeit bis zur Wiedereröffnung. Diese Einheit führt vom Brustschmerz bis zur richtigen Zielklinik.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus den ESC-Leitlinien zum akuten Koronarsyndrom 2023, zur Herzinsuffizienz 2021 mit Aktualisierung 2023 und zur Lungenembolie 2019 sowie der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigene Schemata und Rechner.
Lernziele
  • Ein akutes Koronarsyndrom anhand von Beschwerden, Risikofaktoren und 12-Kanal-EKG erkennen und einteilen.
  • Infarkte im EKG lokalisieren und die Rolle des Troponins einordnen.
  • Die präklinische Therapie mit ihren Wirkmechanismen begründen.
  • Zwischen primärer PCI und Lyse nach Zeit und Kontraindikationen entscheiden.
  • Die akute Linksherzinsuffizienz behandeln.
  • Eine Lungenembolie nach Risiko einordnen und behandeln, auch in der Schwangerschaft.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Fragenblöcken, ein Wegweiser, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Die Dosierungen folgen den ESC-Leitlinien und sind Richtwerte; örtliche Protokolle für Lyse und Antikoagulation gelten zusätzlich.
  3. Die Fortsetzung mit Herzinsuffizienz, hypertensiven Notfällen und Rhythmusstörungen folgt als zweite Einheit zu den kardialen Notfällen.

Lektion 1

Akutes Koronarsyndrom: Einteilung und erste Untersuchung

Das akute Koronarsyndrom (ACS) umfasst den ST-Hebungsinfarkt (STEMI), den Infarkt ohne ST-Hebung (NSTEMI) und die instabile Angina pectoris, also neu aufgetretene, zunehmende oder in Ruhe auftretende Beschwerden ohne Troponinanstieg. Ursache ist meist die Ruptur oder Erosion eines atherosklerotischen Plaques mit aufgelagertem Thrombus, der die Koronararterie teilweise oder ganz verschließt. Risikofaktoren sind Rauchen, Hypertonie, Diabetes, Fettstoffwechselstörung, familiäre Belastung, Alter, männliches Geschlecht, Adipositas und eine bekannte KHK.

Die wichtigste präklinische Untersuchung ist das 12-Kanal-EKG, geschrieben und beurteilt innerhalb von zehn Minuten nach dem ersten Kontakt. Es entscheidet über den Weg: ST-Hebungsinfarkt direkt ins Katheterlabor, sonst in eine Klinik mit Chest-Pain-Unit. Jeder Verdacht auf ein ACS wird stationär abgeklärt; eine ambulante Behandlung vor Ort ist nicht möglich, weil erst EKG-Verlauf und Troponin die Diagnose sichern.

Lektion 2

EKG, Infarktlokalisation und Troponin

Präklinisch zeigen sich beim frischen Infarkt ST-Hebungen, spiegelbildliche Senkungen in gegenüberliegenden Ableitungen und manchmal überhöhte T-Wellen als frühestes Zeichen; ein neuer Linksschenkelblock oder ein ventrikulärer Schrittmacherrhythmus bei typischer Klinik wird wie ein STEMI behandelt. Im Verlauf folgen in der Klinik der R-Verlust, Q-Zacken und negative T-Wellen. Ein ST-Hebungsinfarkt liegt vor, wenn die ST-Strecke in zwei benachbarten Ableitungen um mindestens 1 mm gehoben ist, in V2 und V3 je nach Alter und Geschlecht um mindestens 1,5 bis 2,5 mm.

Tabelle 1: Infarktlokalisation im EKG
LokalisationAbleitungenmeist betroffene Arterie
VorderwandV1 bis V4, oft V5Ramus interventricularis anterior
SeitenwandI, aVL, V5, V6Ramus circumflexus oder Diagonalast
Hinterwand (inferior)II, III, aVFrechte Koronararterie, seltener Ramus circumflexus
strikt posteriorST-Senkung V1 bis V3, Hebung in V7 bis V9Ramus circumflexus
rechter VentrikelHebung in V4Rproximale rechte Koronararterie

Hochsensitives Troponin ist in der Klinik der Marker der Wahl; mit schnellen Algorithmen nach 0 und 1 Stunde lässt sich ein NSTEMI früh ein- oder ausschließen. Präklinisch entscheidet das Troponin nicht, weil es in der ersten Stunde noch normal sein kann; beim STEMI wird ohnehin nicht gewartet.

Lektion 3

Präklinische Therapie und Wirkmechanismen

Die präklinische Therapie ist schlank. Acetylsalicylsäure wird als Aufsättigung gegeben, oral 150 bis 300 mg oder intravenös 75 bis 250 mg; sie hemmt die Cyclooxygenase der Thrombozyten irreversibel für deren Lebensdauer. Beim STEMI mit geplanter PCI folgt unfraktioniertes Heparin; es verstärkt über Antithrombin die Hemmung von Thrombin und Faktor Xa, niedermolekulare Heparine wirken überwiegend gegen Xa. Ein P2Y12-Hemmer wie Prasugrel oder Ticagrelor wird heute meist erst im Katheterlabor gegeben; eine routinemäßige Vorbehandlung beim NSTE-ACS wird nicht mehr empfohlen (Byrne 2023).

Sauerstoff erhalten nur Patienten mit einer Sättigung unter 90 %. Nitrate erweitern Venen und Koronararterien, senken Vor- und Nachlast und lindern den Schmerz; sie sind kontraindiziert bei Hypotonie, rechtsventrikulärem Infarkt und nach Einnahme von Phosphodiesterase-5-Hemmern. Opioide werden bei starken Schmerzen erwogen, Morphin verzögert aber die Aufnahme oraler P2Y12-Hemmer. Bei großer Angst hilft eine kleine Dosis Midazolam. Betablocker senken Herzfrequenz, Kontraktilität und Sauerstoffverbrauch; intravenös werden sie nur bei hypertensiven, tachykarden Patienten ohne Herzinsuffizienz erwogen, sonst oral in der Klinik.

Tabelle 2: Dauer der Thrombozytenhemmung nach Absetzen
SubstanzWirkweiseDauer
AcetylsalicylsäureirreversibelLebensdauer der Thrombozyten, 7 bis 10 Tage
Clopidogrel, Prasugrelirreversibeletwa 5 bis 7 Tage
Ticagrelorreversibeletwa 3 bis 5 Tage
Tirofiban, EptifibatidreversibelStunden
Evidence Box

Die häufigste Todesursache in der ersten Stunde nach Infarktbeginn ist das Kammerflimmern. Jeder Patient mit ACS wird deshalb am Monitor überwacht, der Defibrillator ist angeschlossen oder griffbereit.

Lektion 4

Reperfusion: PCI oder Lyse

Beim STEMI zählt die Zeit bis zur Wiedereröffnung. Die primäre PCI ist der Standard, wenn sie innerhalb von 120 Minuten nach der Diagnose möglich ist. Ist das nicht erreichbar und besteht keine Kontraindikation, wird innerhalb von zehn Minuten nach der Diagnose lysiert und der Patient danach in ein PCI-Zentrum verlegt, mit Angiographie nach 2 bis 24 Stunden oder sofort, wenn die Lyse versagt (pharmakoinvasive Strategie). Patienten im kardiogenen Schock gehören immer ins PCI-Zentrum. Das Katheterlabor wird direkt angefahren; der Umweg über die Notaufnahme kostet Zeit.

Reperfusion beim ST-HebungsinfarktErstkontakt12-Kanal-EKGin 10 MinutenDiagnose STEMIASS, Heparin,VoranmeldungPCI in 120 minab Diagnoseerreichbar?ja: primäre PCIKatheterlabor direkt,Notaufnahme umgehennein: Lyse in 10 mindann Verlegung,Angiographie 2 bis 24 hZeitziele nach der ESC-Leitlinie 2023: Von der Diagnose bis zur Wiedereröffnung höchstens 120 Minuten; ist dasnicht erreichbar, wird innerhalb von zehn Minuten lysiert, sofern keine Kontraindikation besteht (Byrne 2023).Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Reperfusion beim ST-Hebungsinfarkt. Eigene Darstellung

Wegweiser Reperfusion beim STEMI

Nach der ESC-Leitlinie 2023. Lernhilfe; maßgeblich sind das örtliche Netzwerk und die Absprache mit dem Katheterlabor.

Symptombeginn
PCI ab Diagnose
Kontraindikation für Lyse
Kardiogener Schock
Strategie
Hinweis
Tabelle 3: Kontraindikationen der Lyse (Auswahl nach ESC)
absolutrelativ
frühere intrakranielle Blutung oder Schlaganfall unklarer UrsacheTIA in den letzten 6 Monaten
ischämischer Schlaganfall in den letzten 6 Monatenorale Antikoagulation
Tumor oder Fehlbildung des ZentralnervensystemsSchwangerschaft oder erste Woche nach Entbindung
schweres Trauma, Operation oder Kopfverletzung im letzten Monattherapierefraktäre Hypertonie über 180/110 mmHg
gastrointestinale Blutung im letzten Monatfortgeschrittene Lebererkrankung, Endokarditis, aktives Ulkus
bekannte Blutungsneigung, Aortendissektionlange oder traumatische Reanimation

Lektion 5

Akute Linksherzinsuffizienz

Die akute Herzinsuffizienz beim Infarkt entsteht durch den Ausfall kontraktiler Muskulatur, durch Rhythmusstörungen und durch mechanische Komplikationen wie Papillarmuskelabriss oder Ventrikelseptumruptur. Das Leitsymptom ist die Luftnot mit Lungenödem. Behandelt wird mit aufrechter Lagerung, Sauerstoff bei Sättigung unter 90 %, früh mit CPAP oder NIV, mit Nitraten bei systolischem Druck über 110 mmHg und mit Schleifendiuretika bei Stauung. Positiv inotrope Substanzen bleiben der Hypoperfusion vorbehalten, weil sie Tachykardie, Rhythmusstörungen und einen höheren Sauerstoffbedarf verursachen (McDonagh 2021). Bessert sich die Luftnot trotz Furosemid und Nitraten nicht, ist die NIV der nächste Schritt, bei Versagen die Intubation.

Lektion 6

Lungenembolie

Die Lungenembolie zeigt sich mit Luftnot, Brustschmerz, Tachykardie, Synkope oder Kreislaufstillstand; Zeichen einer Beinvenenthrombose fehlen oft. Nur ein Teil der Patienten zeigt Zeichen der rechtsventrikulären Druckbelastung im EKG oder Ultraschall; ein unauffälliger Befund schließt die Embolie nicht aus. Die ESC-Leitlinie teilt nach Risiko ein: hohes Risiko bei Schock oder anhaltender Hypotonie, intermediäres Risiko bei auffälligem Score, rechtsventrikulärer Dysfunktion oder erhöhtem Troponin, niedriges Risiko ohne diese Zeichen (Konstantinides 2020).

Risikostratifizierung der LungenembolieVerdachtLuftnot, Schmerz,Synkope, TachykardieKreislaufSchock oderHypotonie?sPESI, RV,Troponinin der KlinikTherapienach Risikohohes Risikosystemische Lyse,Heparin, NoradrenalinintermediärHeparin, Überwachung,Rettungslyse bereitniedriges RisikoAntikoagulation,frühe Entlassung möglichNach der ESC-Leitlinie 2019 entscheidet zuerst die Hämodynamik: Instabile Patienten werden lysiert; bei stabilenbestimmen Score, rechter Ventrikel und Troponin die Überwachung (Konstantinides 2020). Eigene Darstellung, nichtmaßstabsgetreu.
Abbildung 2: Risikostratifizierung der Lungenembolie. Eigene Darstellung

Beim hohen Risiko wird systemisch lysiert und mit unfraktioniertem Heparin antikoaguliert; Noradrenalin stützt den Kreislauf. Der rechte Ventrikel wird anders als der linke in Systole und Diastole durchblutet; steigt sein Druck und fällt der Aortendruck, sinkt seine Perfusion, er wird ischämisch und versagt. Deshalb sind Hypotonie und große Volumengaben gefährlich, und der Mitteldruck wird früh mit Noradrenalin gehalten.

In der Schwangerschaft ist die Lungenembolie eine führende Todesursache. Diagnostik und Therapie werden nicht aus Sorge um das Kind unterlassen: Die Bildgebung ist mit geringer Strahlendosis vertretbar, niedermolekulares Heparin ist das Antikoagulans der Wahl, und bei lebensbedrohlicher Embolie wird auch in der Schwangerschaft lysiert.

Lektion 7

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 8

Merksätze

Merksätze

  • 12-Kanal-EKG in 10 Minuten; jeder ACS-Verdacht wird stationär abgeklärt.
  • Vorderwand V1 bis V4, Seitenwand I, aVL, V5, V6, Hinterwand II, III, aVF; rechter Ventrikel V4R.
  • ASS und Heparin; Sauerstoff nur unter 90 %; Nitrate nicht bei Hypotonie, RV-Infarkt oder PDE-5-Hemmern.
  • Kammerflimmern ist die häufigste frühe Todesursache: Monitor und Defibrillator.
  • PCI in 120 Minuten ab Diagnose, sonst Lyse in 10 Minuten und Verlegung; Schock immer ins PCI-Zentrum.
  • Akute Linksherzinsuffizienz: aufrecht, CPAP, Nitrat, Diuretikum; Inotropika nur bei Hypoperfusion.
  • Lungenembolie: Hämodynamik entscheidet; hohes Risiko lysieren, Noradrenalin, wenig Volumen.
  • Schwangerschaft: Lungenembolie abklären und behandeln, niedermolekulares Heparin.

Aufgaben

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
ACSakutes Koronarsyndrom: STEMI, NSTEMI und instabile Angina
pharmakoinvasive StrategieLyse mit anschließender Verlegung zur Angiographie
sPESIvereinfachter Score zur Prognose der Lungenembolie
V4Rrechtspräkordiale Ableitung zum Nachweis eines rechtsventrikulären Infarkts

Literatur

  1. Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ et al. 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. Eur Heart J 2023;44:3720–3826.
  2. McDonagh TA, Metra M, Adamo M et al. 2021 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure. Eur Heart J 2021;42:3599–3726.
  3. Konstantinides SV, Meyer G, Becattini C et al. 2019 ESC Guidelines for the diagnosis and management of acute pulmonary embolism. Eur Heart J 2020;41:543–603.
  4. van der Pol LM, Tromeur C, Bistervels IM et al. Pregnancy-adapted YEARS algorithm for diagnosis of suspected pulmonary embolism. N Engl J Med 2019;380:1139–1149.
  5. Thygesen K, Alpert JS, Jaffe AS et al. Fourth universal definition of myocardial infarction (2018). Eur Heart J 2019;40:237–269.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.