Notfallmedizin, Teil 3 · Stufe WBJ 1

Leitsymptom Dyspnoe: Einordnen und Behandeln

Atemnot hat Dutzende Ursachen, aber wenige Befunde ordnen sie schnell: Hören, Sehen, Messen. Diese Einheit übt die Einordnung und die Behandlung, die für fast alle Ursachen gleich beginnt.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus den ESC-Leitlinien zu Herzinsuffizienz 2021 und Lungenembolie 2019, der S3-Leitlinie zur ambulant erworbenen Pneumonie, der S2k-Leitlinie zu myasthenen Syndromen und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigenes Schema und Wegweiser.
Lernziele
  • Häufige Ursachen der akuten Atemnot nennen und strukturiert untersuchen.
  • Die akute Herzinsuffizienz nach Klinik einordnen und behandeln.
  • Eine Blutgasanalyse nach Typ der respiratorischen Insuffizienz deuten.
  • Eine Lungenembolie vor der Klinik erkennen und behandeln.
  • Hyperventilation pathophysiologisch erklären und sicher als Ausschlussdiagnose behandeln.
  • Myasthene und cholinerge Krise unterscheiden.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Fünf Lektionen mit Fragenblöcken, ein Wegweiser, drei Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Die Einheit verknüpft Respiratorische Notfälle, Akutes Koronarsyndrom und Lungenembolie und Leitsymptom Thoraxschmerz.

Lektion 1

Ursachen, Untersuchung und Blutgasanalyse

Häufige Ursachen akuter Atemnot sind Herzinsuffizienz, COPD-Exazerbation, Asthma, Pneumonie, Lungenembolie, Pneumothorax, akutes Koronarsyndrom, Anaphylaxie, Atemwegsverlegung, Anämie, metabolische Azidose, neuromuskuläre Erkrankungen und Angst. Die orientierende Untersuchung umfasst Atemfrequenz und Atemmuster, Hautfarbe und Zyanose, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Halsvenen, Ödeme, Auskultation mit Giemen, Rasseln oder stiller Lunge, Perkussion, Puls und Blutdruck, Sättigung, Kapnographie, 12-Kanal-EKG und, wo verfügbar, den Ultraschall mit B-Linien, Erguss, Lungengleiten und rechtem Ventrikel.

Die ersten Maßnahmen sind für fast alle Ursachen gleich: beruhigen, Oberkörper hoch oder sitzend lagern, enge Kleidung lösen, Sauerstoff nach Zielsättigung, Monitoring und bei Bedarf CPAP oder NIV. Die Schwere der chronischen Atemnot beschreibt die NYHA-Klasse von I (keine Beschwerden) bis IV (Beschwerden in Ruhe); bei Pneumonie schätzt der CURB-65 mit Verwirrtheit, Harnstoff über 7 mmol/l, Atemfrequenz ab 30, niedrigem Blutdruck und Alter ab 65 die Schwere; präklinisch wird ohne Harnstoff der CRB-65 verwendet (Ewig 2021).

Blutgasanalyse: Art der Atemstörung

Arterielle Werte unter Raumluft. Lernhilfe; die Klinik bleibt maßgeblich.

Einordnung
Hinweis

Die Blutgasanalyse unterscheidet das hypoxämische Versagen (Typ 1) mit PaO₂ unter 60 mmHg bei normalem oder niedrigem CO₂ vom hyperkapnischen Versagen (Typ 2) mit PaCO₂ über 45 mmHg; ein pH unter 7,35 zeigt die akute Dekompensation an und ist bei COPD die Indikation zur NIV.

Lektion 2

Akute Herzinsuffizienz

Akute Herzinsuffizienz heißt, dass Beschwerden einer Herzinsuffizienz neu auftreten oder sich rasch verschlechtern und eine dringliche Behandlung erfordern. Symptome sind Atemnot, Orthopnoe, nächtliche Anfälle, Rasselgeräusche, gestaute Halsvenen, Ödeme, Tachykardie und bei schlechter Perfusion kalte Haut, Verwirrtheit und Oligurie. Auslöser fasst die ESC in einer Merkliste zusammen: akutes Koronarsyndrom, hypertensiver Notfall, Rhythmusstörung, mechanische Ursachen wie Klappenabriss, Lungenembolie, Infektion und Tamponade; häufig sind auch Therapiefehler.

Klinische Profile der akuten Herzinsuffizienztrocken (keine Stauung)feucht (Stauung)warmkalt(Perfusion gut)(Perfusion schlecht)warm und trockenkompensiert,Ursache behandelnwarm und feuchthäufigste Form: Nitrat,Diuretikum, NIVkalt und trockenselten: vorsichtigVolumenkalt und feuchtkardiogener Schock:Vasopressor, InotropieStauung zeigen Orthopnoe, Rasselgeräusche, gestaute Halsvenen und Ödeme; schlechte Perfusion kalte Haut,Verwirrtheit, niedriger Pulsdruck und Oligurie (nach McDonagh 2021). Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Klinische Profile der akuten Herzinsuffizienz. Eigene Darstellung

Nach der Klinik werden vier Profile unterschieden: warm oder kalt nach der Perfusion, trocken oder feucht nach der Stauung. Beim Infarkt beschreibt die Killip-Klasse die Schwere: I ohne Zeichen der Herzinsuffizienz, II mit Rasselgeräuschen, III mit Lungenödem, IV mit kardiogenem Schock. Allgemein gilt: sitzend lagern, Sauerstoff unter 90 %, CPAP oder NIV, Schleifendiuretikum bei Stauung, Nitrate bei systolisch über 110 mmHg. Bei hypertensivem Lungenödem wirken Nitrate in höherer Dosis zusammen mit NIV am schnellsten; die Nachlastsenkung verbessert die Auswurfleistung (McDonagh 2021).

Lektion 3

Lungenembolie vor der Klinik

Hinweise auf eine Lungenembolie sind plötzliche Atemnot, Tachypnoe, Tachykardie, atemabhängiger Schmerz, Synkope, Hämoptysen und Zeichen einer Beinvenenthrombose. In der Anamnese zählen Immobilisation, Operation, Krebs, frühere Thrombosen, Schwangerschaft und Wochenbett, Östrogene und lange Reisen. Präklinisch stehen Klinik, Wells-Score, EKG und der Ultraschall mit dilatiertem rechtem Ventrikel und Kompressionssonographie der Beinvenen zur Verfügung. Vor der Klinik werden Sauerstoff gegeben, bei hoher Wahrscheinlichkeit und ohne Kontraindikation unfraktioniertes Heparin, Analgesie, bei Hypotonie Noradrenalin, und beim Kreislaufstillstand wird lysiert (Konstantinides 2020). Eine Klinik mit Intensivstation und Möglichkeit zur Reperfusion wird vorab informiert.

Lektion 4

Hyperventilationssyndrom

Beim Hyperventilationssyndrom atmet der Patient mehr, als der Stoffwechsel verlangt. Das CO₂ sinkt, es entsteht eine respiratorische Alkalose. Dadurch bindet mehr Calcium an Albumin, das ionisierte Calcium sinkt: Kribbeln um den Mund und an den Händen, Pfötchenstellung, Muskelkrämpfe. Die Hirngefäße verengen sich, es kommt zu Schwindel und Benommenheit. Die Diagnose wird erst gestellt, wenn Lungenembolie, Asthma, Pneumothorax, Stoffwechselentgleisung und Herzerkrankung ausgeschlossen sind; behandelt wird mit Zuwendung und angeleiteter langsamer Atmung.

Lektion 5

Myasthene und cholinerge Krise

Die myasthene Krise ist eine lebensbedrohliche Schwäche der Atem- und Schluckmuskulatur bei Myasthenia gravis, ausgelöst durch Infekte, Operationen, Medikamente wie Aminoglykoside, Makrolide, Betablocker oder Magnesium, oder durch zu wenig Cholinesterasehemmer. Die cholinerge Krise entsteht durch zu viel Cholinesterasehemmer; neben der Schwäche zeigen sich muskarinerge Zeichen: enge Pupillen, Speichel- und Bronchialsekret, Schwitzen, Bradykardie, Durchfall und Faszikulationen. Präklinisch steht der Atemweg im Vordergrund: Sauerstoff, NIV nur bei erhaltenen Schutzreflexen, sonst Intubation, möglichst ohne depolarisierende Relaxanzien; nicht depolarisierende wirken stark und lange. Die Unterscheidung und Therapie mit Immunglobulinen, Plasmapherese oder Anpassung der Cholinesterasehemmer erfolgt auf der Intensivstation (S2k-Leitlinie Myasthenie).

Tabelle 1: Myasthene oder cholinerge Krise
Zeichenmyasthencholinerg
Pupillennormal oder weiteng
Sekret und Speichelnormalvermehrt
Herzfrequenznormal oder schnelllangsam
Faszikulationen, Durchfallfehlenhäufig
Cholinesterasehemmerzu wenig oder Auslöserzu viel

Lektion 6

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 7

Merksätze

Merksätze

  • Atemnot: beruhigen, aufsetzen, Sauerstoff nach Ziel, Monitoring, bei Bedarf CPAP oder NIV.
  • Untersuchung: Frequenz, Muster, Halsvenen, Ödeme, Auskultation, Sättigung, EKG, Ultraschall.
  • Typ 1 hypoxämisch, Typ 2 hyperkapnisch; pH unter 7,35 zeigt akute Dekompensation.
  • Herzinsuffizienz nach warm oder kalt und trocken oder feucht behandeln; hypertensives Lungenödem: Nitrat hoch und NIV.
  • Lungenembolie vor der Klinik: Sauerstoff, Heparin, Noradrenalin bei Hypotonie.
  • Hyperventilation ist eine Ausschlussdiagnose.
  • Myasthene Krise: Atemweg; kein Magnesium, keine Aminoglykoside.

Aufgaben

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Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
NYHAEinteilung der Herzinsuffizienz nach Belastbarkeit
Killip-KlasseSchwere der Herzinsuffizienz beim akuten Infarkt
respiratorische Insuffizienz Typ 1Hypoxämie ohne Hyperkapnie
respiratorische Insuffizienz Typ 2Hyperkapnie mit Ventilationsversagen
cholinerge KriseSchwäche und muskarinerge Zeichen durch zu viel Cholinesterasehemmer

Literatur

  1. McDonagh TA, Metra M, Adamo M et al. 2021 ESC Guidelines for the diagnosis and treatment of acute and chronic heart failure. Eur Heart J 2021;42:3599–3726.
  2. Konstantinides SV, Meyer G, Becattini C et al. 2019 ESC Guidelines for the diagnosis and management of acute pulmonary embolism. Eur Heart J 2020;41:543–603.
  3. Ewig S, Kolditz M, Pletz M et al. Behandlung von erwachsenen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie, Update 2021. S3-Leitlinie. Pneumologie 2021;75:665–729.
  4. Wiendl H, Meisel A et al. Diagnostik und Therapie myasthener Syndrome, S2k-Leitlinie. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, aktuelle Fassung.
  5. Killip T, Kimball JT. Treatment of myocardial infarction in a coronary care unit: a two year experience with 250 patients. Am J Cardiol 1967;20:457–464.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.