Notfallmedizin, Teil 1 · Stufe WBJ 1

Einsatztaktik: Unfallort, Luftrettung, technische Rettung und Massenanfall

Draußen entscheidet oft nicht die Medizin, sondern die Reihenfolge: erst die eigene Sicherheit, dann der Überblick, dann der Patient, dann der Weg in die Klinik. Diese Einheit übt die Taktik vom Einzeleinsatz bis zum Massenanfall.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus Empfehlungen zur Luftrettung, den Feuerwehr-Dienstvorschriften für die technische Rettung, den Konsensus-Konferenzen zur Sichtung, den Empfehlungen der DGU zu Terror- und Katastrophenlagen und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigene Schemata und Wegweiser.
Lernziele
  • Einen Notarzteinsatz in der richtigen Reihenfolge führen und dokumentieren.
  • Die Luftrettung indikationsgerecht und sicher einsetzen.
  • Unter erschwerten Bedingungen mit Feuerwehr und technischer Rettung zusammenarbeiten.
  • Gefahren durch Gefahrgut, Strom, Sauerstoff und Brand erkennen.
  • Einen Massenanfall sichten, strukturieren und nach Priorität abarbeiten.
  • Besonderheiten von Terror- und Infektionslagen kennen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Fünf Lektionen mit Fragenblöcken, ein Wegweiser, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Die Sichtung folgt regionalen Algorithmen; der Wegweiser ist vereinfacht.
  3. Zur Vertiefung passen Polytrauma, Organisation, Recht und Ausrüstung und Thermische Schäden.

Lektion 1

Ablauf des Notarzteinsatzes

Der Notarzt führt den Einsatz medizinisch, führt Maßnahmen durch und kommuniziert mit Leitstelle, Feuerwehr, Polizei und Klinik. Die ersten Aufgaben sind die Annahme des Einsatzes, die Anfahrt mit dem Fahrer, Schutzausrüstung anlegen und beim Eintreffen die Lage beurteilen: Gefahren, Zahl der Verletzten, nötige Kräfte; die Rückmeldung an die Leitstelle folgt sofort, wenn mehr Hilfe nötig ist. Zur persönlichen Schutzausrüstung gehören Warnjacke, Sicherheitsschuhe, Helm, Handschuhe und Schutzbrille.

Nach der Lagebeurteilung folgen lebensrettende Sofortmaßnahmen, dann Anamnese und Untersuchung. Die Notfallanamnese fragt nach Beschwerden, Verlauf, Vorerkrankungen, Medikamenten und Allergien, strukturiert nach SAMPLE: Symptome, Allergien, Medikamente, Patientenvorgeschichte, letzte Mahlzeit, Ereignis. Untersucht wird nach ABCDE mit Monitoring. Danach werden Transport und Zielklinik gewählt, die Transportfähigkeit hergestellt, voranmeldet und dokumentiert. Den Anfahrtsweg, den die Leitstelle vorgibt, hält die Besatzung ein; er kann Gefahren umgehen, die im Fahrzeug nicht erkennbar sind.

Lektion 2

Luftrettung

Der Rettungshubschrauber bringt den Notarzt schnell zum Patienten, wenn der bodengebundene Notarzt nicht rechtzeitig verfügbar ist, und transportiert Patienten schonend über große Strecken in das geeignete Zentrum; Intensivtransporthubschrauber verlegen zwischen Kliniken. Maschinen, die beides übernehmen, fliegen im Dual-Use. Einschränkungen sind Tageszeit, Wetter, Landemöglichkeit, Gewicht und Enge der Kabine.

Der Hubschrauber wird nur auf Zeichen der Besatzung und nur von vorn im Sichtfeld des Piloten angegangen, nie von hinten wegen des Heckrotors, am Hang von der Talseite. Beim Landen und Starten wird Abstand gehalten, lose Gegenstände werden gesichert. Eine Landefläche misst am Tag etwa 30 mal 30 Meter, ist eben, fest, frei von Hindernissen und Leitungen und wird von Personen freigehalten. Im Flug sind Überwachung und Behandlung eingeschränkt: Lärm, Enge, Vibration; der Patient wird vor dem Start stabilisiert, der Atemweg im Zweifel vorher gesichert. Beim Windeneinsatz im Gebirge oder über Wasser arbeitet nur speziell ausgebildetes Personal.

Evidence Box

Mit steigender Höhe sinkt der Umgebungsdruck. Nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte dehnen sich eingeschlossene Gase aus: Pneumothorax, Luft im Cuff, Ileus, Luft in Infusionssystemen. Nach dem Gesetz von Dalton sinkt der Sauerstoffpartialdruck; kritisch kranke Patienten brauchen mehr Sauerstoff. Für Hubschrauber in geringer Höhe ist das meist unbedeutend, für Flächenflugzeuge mit Kabinendruck von 2 000 bis 2 500 m aber wichtig.

Lektion 3

Erschwerte Bedingungen und technische Rettung

Unter erschwerten Bedingungen, etwa bei einem Unfall in einem Chemiewerk mit mehreren Brandverletzten, geht die Eigensicherung vor: Die Feuerwehr gibt den Bereich frei, Kontaminierte werden dekontaminiert, der Rettungsdienst bleibt außerhalb des Gefahrenbereichs. Bei einem brennenden Wohnhaus retten Feuerwehr und Atemschutz; der Rettungsdienst versorgt an der Übergabestelle. Mitgeführt werden alternative Atemwegshilfen wie Larynxmaske, Larynxtubus und Videolaryngoskop.

Bei eingeklemmten Unfallopfern werden eine Versorgungsöffnung für den Zugang zum Patienten und eine Rettungsöffnung für die Befreiung geschaffen. Um das Fahrzeug liegt der Arbeitsbereich für Gerät und Einsatzkräfte, darum der Absperrbereich. Die schonende Rettung ist Standard; die Crash-Rettung, eine besonders schnelle Befreiung unter Inkaufnahme weiterer Verletzungen, ist bei akuter Lebensgefahr angezeigt, etwa bei Atemwegsverlegung, Schock, Reanimation oder Gefahr durch Brand. Passt ein Patient nicht durch das Treppenhaus, rettet die Feuerwehr mit Drehleiter und Korbtrage.

Ein Kranführer mit Brustschmerz in 40 Meter Höhe wird durch die Höhenrettung der Feuerwehr gerettet; ein Notarzt ohne Ausbildung klettert nicht nach oben. Beim Sturz von einem Gerüst ist mit schweren Mehrfachverletzungen zu rechnen; es gelten die Regeln des Polytraumas.

Lektion 4

Gefahrgut, Strom und Sauerstoff

Die orangefarbene Warntafel an Gefahrguttransporten trägt oben die Gefahrnummer, etwa 33 für leicht entzündbare Flüssigkeiten, ein vorangestelltes X bedeutet: kein Wasser. Unten steht die UN-Nummer des Stoffes; mit ihr lassen sich Eigenschaften und Maßnahmen nachschlagen. Auch bei Zügen mit Diesellok drohen Gefahren durch Strom, weil die Heizleitungen der Wagen unter Spannung stehen können. Sauerstoffflaschen stehen unter hohem Druck; sie werden gegen Umfallen gesichert, nicht geworfen und von Öl und Fett ferngehalten, weil reiner Sauerstoff Brände heftig fördert.

Tabelle 1: Gefahren an der Einsatzstelle (Auswahl)
GefahrMaßnahme
VerkehrAbsichern, Warnkleidung, Fahrzeug als Schutz stellen
Feuer und RauchAbstand, Feuerwehr, Atemschutz nur durch Ausgebildete
GefahrgutWindrichtung, Abstand, Warntafel lesen, Feuerwehr, Dekontamination
StromAbschalten und Erden abwarten, Bahn verständigen
Absturz, EinsturzHöhenrettung, Freigabe abwarten
GewaltPolizei, Rückzug, nicht allein

Lektion 5

Massenanfall, Terror- und Infektionslagen

Beim Massenanfall von Verletzten übersteigt die Zahl der Patienten die verfügbaren Kräfte. Ziel ist nicht die bestmögliche Versorgung jedes Einzelnen, sondern das beste Ergebnis für möglichst viele. Die Phasen sind Sichtung, prioritätsgerechte Erstversorgung, Abtransport der kritischen und danach der übrigen Patienten. Geführt wird der Abschnitt Gesundheit gemeinsam vom Leitenden Notarzt und vom Organisatorischen Leiter Rettungsdienst. Erfahrungsgemäß sind etwa ein Fünftel der Patienten kritisch, knapp ein Drittel schwer und die Hälfte leicht verletzt.

Sichtungskategorien beim MassenanfallSK I, rotakute Lebens-gefahr, sofortSK II, gelbschwer verletzt,aufgeschobenSK III, grünleicht verletzt,späterSK IV, blauohne Überlebens-chance, betreuenex, schwarztotSK IV wird nur ausgerufen, wenn die Mittel nicht für alle reichen; die Entscheidung trifft der Leitende Notarzt.Die Sichtung wird wiederholt, weil sich Zustände ändern (nach den Konsensus-Konferenzen des Bundesamts fürBevölkerungsschutz). Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Sichtungskategorien. Eigene Darstellung

Vorsichtung, vereinfacht nach mSTaRT

Reihenfolge der Fragen wie im Algorithmus; die Endeinstufung erfolgt durch den Arzt am Behandlungsplatz. Lernhilfe (nach Kanz 2006).

gehfähig
spritzende Blutung
Atmung nach Freimachen
Atemfrequenz über 30
Radialispuls tastbar
befolgt Aufforderungen
Vorsichtung
Hinweis
Raumordnung beim MassenanfallSchadensgebietRettung durchFeuerwehrPatientenablageVorsichtung,SofortmaßnahmenBehandlungsplatzSichtung, Versorgungnach KategorieTransportZuweisung der Klinikennach PrioritätDazu kommen der Bereitstellungsraum für Kräfte und Material und der Halteplatz, auf dem Rettungsmittel auf Abrufwarten. Geführt wird gemeinsam vom Leitenden Notarzt und vom Organisatorischen Leiter Rettungsdienst; dieTransportorganisation verteilt so, dass keine Klinik überlastet wird. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 2: Raumordnung beim Massenanfall. Eigene Darstellung

Verstärkung kommt durch überörtliche Hilfe, Schnelleinsatzgruppen, Einsatzeinheiten und medizinische Task Forces. Bei Anschlägen gelten eigene Regeln: Freigabe durch Polizei abwarten, Gefahrenbereiche beachten, mit weiteren Anschlägen rechnen, schnell retten und kritische Blutungen mit Tourniquet stillen, wenig vor Ort, rasch in Kliniken, die vorbereitet sind. Bei biologischen und infektiösen Lagen führt das Gesundheitsamt mit; im Vordergrund stehen Schutzausrüstung, Isolierung und die Wahl geeigneter Kliniken und Sonderisolierstationen.

Lektion 6

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 7

Merksätze

Merksätze

  • Eigensicherung, Lage, Rückmeldung, dann Sofortmaßnahmen, SAMPLE und ABCDE.
  • Hubschrauber: nur auf Zeichen, von vorn, nie von hinten; Landefläche etwa 30 mal 30 Meter.
  • Boyle-Mariotte: Gase dehnen sich mit der Höhe; Dalton: Sauerstoffpartialdruck sinkt.
  • Versorgungsöffnung und Rettungsöffnung; Crash-Rettung bei akuter Lebensgefahr.
  • Warntafel: oben Gefahrnummer, unten UN-Nummer; X heißt kein Wasser.
  • Massenanfall: Sichten, prioritätsgerecht versorgen, verteilen; LNA und OrgL führen gemeinsam.
  • Terrorlage: Freigabe, Folgeanschläge, schnell retten, Tourniquet.

Aufgaben

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Dual-UseEinsatz eines Hubschraubers in Notfallrettung und Intensivverlegung
Crash-Rettungschnelle Befreiung unter Inkaufnahme weiterer Verletzungen
LNALeitender Notarzt
OrgLOrganisatorischer Leiter Rettungsdienst
mSTaRTmodifizierter Algorithmus zur Vorsichtung beim Massenanfall

Literatur

  1. Kanz KG, Hornburger P, Kay MV et al. mSTaRT-Algorithmus für Sichtung, Behandlung und Transport bei einem Massenanfall von Verletzten. Notfall Rettungsmed 2006;9:264–270.
  2. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Protokolle der Konsensus-Konferenzen zur Sichtung, aktuelle Fassungen.
  3. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. Terror and Disaster Surgical Care (TDSC), Empfehlungen zur Versorgung bei Terroranschlägen, aktuelle Fassung.
  4. Feuerwehr-Dienstvorschriften und Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren zur technischen Rettung, aktuelle Fassungen.
  5. Europäisches Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße (ADR), aktuelle Fassung.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.