Notfallmedizin, Teil 4 · Stufe WBJ 2

Extremitäten- und Beckentrauma

Extremitätenverletzungen sehen oft dramatisch aus, töten aber selten; das Becken tut es häufig, ohne aufzufallen. Diese Einheit übt die Reihenfolge: erst die lebensbedrohliche Blutung, dann die Extremität.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus der S3-Leitlinie Polytrauma 2022, der europäischen Leitlinie zur Blutung nach Trauma 2023 und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigene Schemata und Rechner.
Lernziele
  • Eine instabile Beckenverletzung am Mechanismus und am Kreislauf vermuten und mit der Beckenschlinge behandeln.
  • Den Blutverlust aus Frakturen abschätzen.
  • Extremitätenblutungen stufenweise bis zum Tourniquet stillen.
  • Amputate richtig versorgen und die Zielklinik wählen.
  • Typische Frakturen und Luxationen erkennen und entscheiden, wann präklinisch reponiert wird.
  • Offene Frakturen und kindliche Frakturen sachgerecht versorgen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Fragenblöcken, ein Rechner, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Tourniquet, Beckenschlinge und Schienen werden praktisch geübt; die Einheit ersetzt das Training nicht.
  3. Zur Vertiefung passen Schockraum, Thorax- und Abdominaltrauma und Analgesie, Sedierung und Narkose.

Lektion 1

Instabile Beckenverletzung

Das vital bedrohende Problem der instabilen Beckenverletzung ist die Blutung aus dem venösen Plexus, aus Frakturflächen und seltener aus Arterien; in das kleine Becken und den Retroperitonealraum können mehrere Liter fließen. Typische Mechanismen sind Hochrasanzunfälle, Motorradunfälle, Stürze aus großer Höhe und Überrolltraumen. Beim Überrollen drohen zusätzlich eine Öffnung des Beckenrings wie ein aufgeschlagenes Buch, Verletzungen von Blase, Harnröhre und Rektum und ausgedehnte Weichteilschäden. Begleitverletzungen an Kopf, Thorax und Abdomen sind häufig.

Klinisch ist die Instabilität schwer zu erkennen. Die manuelle Prüfung durch Kompression und Distraktion ist unzuverlässig und kann Gerinnsel lösen; sie wird höchstens einmal behutsam durchgeführt oder ganz unterlassen. Entscheidend sind Mechanismus, Schmerz im Becken und ein nicht erklärter Schock. Dann wird eine Beckenschlinge in Höhe der großen Trochanteren angelegt, nicht über den Beckenkämmen; die Beine werden in Innenrotation aneinander fixiert. Eine Vakuummatratze allein stabilisiert das Becken nicht, ergänzt aber die Schlinge beim Transport.

Evidence Box

Die Grundpfeiler der Behandlung sind Beckenschlinge, Blutungsmanagement mit Tranexamsäure und permissiver Hypotonie, Wärmeerhalt und der schnelle Transport in ein Traumazentrum, das Beckenstabilisierung, Beckentamponade und interventionelle Radiologie rund um die Uhr bietet (Spahn 2023). Eine Harnröhren- oder Blasenruptur hat präklinisch vor allem eine Konsequenz: kein Blasenkatheter bei Blut am Meatus.

Lektion 2

Blutverlust und Verletzungsmuster

Geschlossene Frakturen bluten in das umgebende Gewebe. Eine Oberschenkelfraktur kann 1 bis 2 l kosten, eine instabile Beckenfraktur bis zu 5 l. Mehrere Frakturen addieren sich; beidseitige Oberschenkelbrüche nach einem Sturz aus großer Höhe reichen allein für einen schweren Schock. Bei axialer Stauchung durch Sprung oder Sturz auf die Füße sind zusätzlich Fersenbein- und Wirbelkörperfrakturen zu erwarten.

Geschätzter Blutverlust bei geschlossenen Frakturen0 l1 l2 l3 l4 l5 lBeckenOberschenkelUnterschenkelOberarmUnterarmRichtwerte je Fraktur beim Erwachsenen; offene Frakturen bluten zusätzlich nach außen. Mehrere Frakturenaddieren sich: Zwei Oberschenkelbrüche können allein einen lebensbedrohlichen Schock verursachen. EigeneDarstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Geschätzter Blutverlust bei geschlossenen Frakturen. Eigene Darstellung

Blutverlust aus Frakturen abschätzen

Richtwerte je geschlossener Fraktur beim Erwachsenen; offene Frakturen und äußere Blutungen kommen hinzu. Lernhilfe.

geschätzter Verlust
Einordnung

Beim Frontalaufprall überträgt das Armaturenbrett die Kraft über die Kniescheibe auf den Oberschenkel bis in die Hüfte. Die Kette umfasst Patellafraktur, Oberschenkelschaftfraktur, hintere Hüftluxation und Acetabulumfraktur. Beim Seitaufprall auf der Fahrerseite drohen Beckenfrakturen durch laterale Kompression, Thoraxverletzungen links und Milzruptur.

Lektion 3

Blutstillung, Tourniquet und Amputation

Lebensbedrohliche Blutungen werden vor allem anderen gestillt; im Schema cABCDE steht das kleine c für diese kritische Blutung ganz vorn. Die Stufen sind direkter Druck, Druckverband, bei Durchbluten ein zweiter Verband über dem ersten oder das Austamponieren der Wunde mit hämostyptischer Gaze und schließlich das Tourniquet.

Stufen der Blutstillung an der ExtremitätDruckdirekt auf die Wunde,HochlagernDruckverbandfest, über derBlutungsquellePackinghämostyptische Gazein die WundeTourniquet5 bis 7 cm proximal,nicht über Gelenkzweites Tourniquetdirekt proximaldes erstenZeit notierennicht lockern,AnalgesieKlinikUmwandlunginnerhalb von etwa 2 hBei lebensbedrohlicher Blutung, Amputation, mehreren Verletzten oder Gefahr am Einsatzort wird die Stufenfolgeübersprungen und sofort das Tourniquet angelegt (S3-Leitlinie Polytrauma 2022). Eigene Darstellung, nichtmaßstabsgetreu.
Abbildung 2: Stufen der Blutstillung an der Extremität. Eigene Darstellung

Das Tourniquet ist angezeigt bei lebensbedrohlicher Blutung, die sich durch Druck nicht beherrschen lässt, bei Amputationen, bei mehreren Verletzten mit Blutungen, bei Gefahr am Einsatzort und wenn andere lebensrettende Maßnahmen die Hände brauchen. Es wird 5 bis 7 cm proximal der Wunde und nicht über einem Gelenk angelegt und so fest angezogen, dass die Blutung steht und distal kein Puls mehr tastbar ist. Die Uhrzeit wird notiert, präklinisch wird es nicht gelockert. Reicht eines nicht, wird ein zweites direkt proximal gesetzt. Das Anlegen ist schmerzhaft; Analgesie gehört dazu. In einer großen Militärserie verbesserte die frühe Anlage vor Eintritt des Schocks das Überleben (Kragh 2009).

Nach einer vollständigen Amputation wird der Stumpf komprimiert oder mit Tourniquet versorgt. Das Amputat wird trocken in sterile Kompressen gewickelt, in einen Beutel gelegt und dieser in einen zweiten Beutel mit Eiswasser; es darf nicht direkt auf Eis liegen. Ziel ist ein Replantationszentrum. Unvollständige Amputationen werden geschient und nicht durchtrennt.

Lektion 4

Frakturen und Luxationen

Frakturen werden auch bei unsicheren Zeichen ruhiggestellt, also bei Schmerz, Schwellung und Funktionsverlust; sichere Zeichen wie Fehlstellung, abnorme Beweglichkeit oder sichtbare Knochenteile braucht es dafür nicht. Ruhiggestellt wird unter Einschluss der benachbarten Gelenke mit Vakuumschiene oder formbarer Schiene, am Unterarm vom Ellenbogen bis zu den Fingergrundgelenken. Grob fehlgestellte Frakturen mit gefährdeter Durchblutung werden unter Analgesie mit Längszug achsengerecht gebracht. Vor und nach jeder Maßnahme werden Durchblutung, Motorik und Sensibilität geprüft.

Tabelle 1: Typische Befunde
BefundVerdacht
Bein verkürzt und außenrotiertSchenkelhalsfraktur
Bein verkürzt, innenrotiert, federnd fixierthintere Hüftluxation
Sturz auf die ausgestreckte Hand bei älterer Fraudistale Radiusfraktur
Humerusschaftfraktur mit FallhandLäsion des N. radialis
instabiles Knie nach AnprallKnieluxation mit Gefahr für die A. poplitea
Schmerz beim Bücken nach Hüftprothese, Bein fixiertLuxation der Hüftprothese

Ob eine Luxation oder eine Fraktur vorliegt, lässt sich präklinisch oft nicht sicher unterscheiden; häufig besteht beides. Luxationen werden deshalb nicht routinemäßig vor Ort reponiert. Ausnahmen sind eine bedrohte Durchblutung bei langer Transportzeit und die Patellaluxation, die sich durch Streckung leicht und ohne Risiko für die Gefäße reponieren lässt. Die Knieluxation ist dagegen gefährlich: Die A. poplitea ist häufig verletzt; jeder Patient braucht eine Gefäßdiagnostik, auch wenn die Luxation sich spontan reponiert hat. Hüftluxationen werden in der Klinik in Narkose reponiert, möglichst innerhalb weniger Stunden, um eine Hüftkopfnekrose zu vermeiden; Schulterluxationen ohne Durchblutungsstörung ebenfalls.

Nach einem Leitersturz sind distale Radiusfraktur, Fersenbeinfraktur, Tibiakopffraktur und Wirbelkörperfrakturen typisch. Bei einem Humerusschaftbruch, etwa beim Armdrücken, wird der N. radialis geprüft.

Lektion 5

Offene Frakturen und Frakturen im Kindesalter

Offene Frakturen werden steril abgedeckt, ohne Knochenfragmente zurückzuschieben; ein Foto erspart das wiederholte Aufdecken in der Klinik. Antibiotika werden so früh wie möglich gegeben, spätestens in der Notaufnahme. Bei der offenen Sprunggelenkluxationsfraktur mit gespannter, blasser Haut wird unter Analgesie mit Längszug reponiert, um Haut und Gefäße zu entlasten, danach steril abgedeckt und geschient. Wird ein Unterschenkel eingeklemmt, ist nach der Befreiung auf ein Kompartmentsyndrom zu achten: zunehmender Schmerz, Spannung und Schmerz bei passiver Dehnung.

Kinderknochen sind elastischer, das Periost ist dick. Typisch sind Grünholzfrakturen, Wulstbrüche und Verletzungen der Wachstumsfuge; das Korrekturpotenzial ist groß. Bei der suprakondylären Humerusfraktur des Kindes sind die A. brachialis und die Nerven medianus, radialis und ulnaris gefährdet.

Lektion 6

Life before limb und besondere Lagen

Life before limb heißt: Das Leben geht vor der Extremität. Bei Mehrfachverletzten wird zuerst die kritische Blutung gestillt, dann werden Atemweg, Atmung und Kreislauf gesichert; Frakturen werden danach geschient, ohne den Transport unnötig zu verzögern. Im Rettungswagen gehören dazu die Beckenschlinge, Tranexamsäure, permissive Hypotonie ohne Schädel-Hirn-Trauma, Wärmeerhalt, Analgesie und die Lagerung in der Vakuummatratze. Sind alle vier Extremitäten verletzt, eignen sich die V. jugularis externa und der intraossäre Zugang an einer unverletzten Stelle, etwa am Humeruskopf oder an der Tibia der weniger verletzten Seite.

Bei Einklemmung in Maschinen sind die enge Absprache mit der Feuerwehr, eine gute Analgesie, das bereitgelegte Tourniquet und die Vorbereitung auf ein Crush-Syndrom nach der Befreiung entscheidend; eine Amputation am Einsatzort ist die seltene letzte Möglichkeit. Bei suizidalen Schnittverletzungen wird die Blutung gestillt, der Patient nicht allein gelassen und psychiatrisch mitbetreut.

Lektion 7

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 8

Merksätze

Merksätze

  • Becken: Blutung ist das Problem; Mechanismus, Schmerz und Schock genügen für die Schlinge.
  • Beckenschlinge in Höhe der Trochanteren, nicht wiederholt prüfen.
  • Blutverlust: Becken bis 5 l, Oberschenkel bis 2 l, mehrere Frakturen addieren sich.
  • Tourniquet 5 bis 7 cm proximal, fest bis distal kein Puls, Zeit notieren, nicht lockern.
  • Amputat trocken in Kompressen, Beutel in Eiswasser, nie direkt auf Eis.
  • Luxationen nicht routinemäßig reponieren; Knieluxation braucht immer Gefäßdiagnostik.
  • Offene Fraktur: steril abdecken, nichts zurückschieben, früh Antibiotika.
  • Life before limb: erst die kritische Blutung, dann ABCDE, dann die Extremität.

Aufgaben

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
cABCDESchema mit Blutstillung der kritischen Blutung vor dem Atemweg
BeckenschlingeKompressionsgurt zur Stabilisierung des Beckenrings
TourniquetAbbindesystem zur Stillung lebensbedrohlicher Extremitätenblutungen
Crush-SyndromMuskelzerfall nach Einklemmung mit Hyperkaliämie und Nierenversagen

Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. AWMF-Registernummer 187-023, Fassung 2022.
  2. Spahn DR, Bouillon B, Cerny V et al. The European guideline on management of major bleeding and coagulopathy following trauma: sixth edition. Crit Care 2023;27:80.
  3. Kragh JF Jr, Walters TJ, Baer DG et al. Survival with emergency tourniquet use to stop bleeding in major limb trauma. Ann Surg 2009;249:1–7.
  4. CRASH-2 collaborators. Effects of tranexamic acid on death, vascular occlusive events, and blood transfusion in trauma patients with significant haemorrhage (CRASH-2). Lancet 2010;376:23–32.
  5. American College of Surgeons Committee on Trauma. Advanced Trauma Life Support, Student Course Manual. 10. Auflage, Chicago 2018.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.