Notfallmedizin, Teil 3 · Stufe WBJ 1

Gastrointestinale und metabolische Notfälle

Blut aus dem Magen, ein Zucker von 42 oder 823, ein Kalium, das das Herz lähmt, und Hormonkrisen, an die man zu selten denkt: Diese Einheit ordnet die Notfälle aus Bauch und Stoffwechsel und übt ihre Erstbehandlung.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus dem Baveno-VII-Konsens, dem internationalen Konsens zu hyperglykämischen Krisen 2024, den ERC-Leitlinien 2025, Leitlinien zu Nebennierenkrise und thyreotoxischer Krise und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigenes Schema und Rechner.
Lernziele
  • Bewusstseinsstörungen bei Leberzirrhose differenzieren und eine Varizenblutung behandeln.
  • Pankreatitis, Divertikulitis und hypovolämischen Schock präklinisch versorgen.
  • Eine Opioidintoxikation mit Beatmung und titriertem Naloxon behandeln.
  • Hypo- und Hyperglykämie sicher behandeln und über den Verbleib entscheiden.
  • Eine Hyperkaliämie im EKG erkennen und behandeln.
  • Addison-Krise, Myxödemkoma und thyreotoxische Krise erkennen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Fragenblöcken, ein Rechner, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Dosierungen sind Richtwerte für Erwachsene; Kinderdosen sind eigens genannt.
  3. Zur Vertiefung passen Schock im Notfall, Reanimation und Leitsymptom Thoraxschmerz.

Lektion 1

Leberzirrhose und Varizenblutung

Wird ein Patient mit Leberzirrhose plötzlich schläfrig, kommen viele Ursachen in Frage: hepatische Enzephalopathie, oft ausgelöst durch eine gastrointestinale Blutung, eine Infektion wie die spontan bakterielle Peritonitis, Obstipation, Diuretika oder Sedativa; dazu Hypoglykämie, Hyponatriämie, Alkoholintoxikation oder Entzug, Wernicke-Enzephalopathie und ein subdurales Hämatom nach Sturz bei gestörter Gerinnung. Präklinisch werden Blutzucker, Vitalzeichen und Blutungszeichen geprüft; Thiamin wird vor Glukose gegeben, wenn Mangelernährung und Alkohol wahrscheinlich sind.

Hämatemesis bei Zirrhose ist bis zum Beweis des Gegenteils eine Ösophagusvarizenblutung. Behandelt wird mit einem vasoaktiven Medikament wie Terlipressin oder Somatostatin, einem Antibiotikum wie Ceftriaxon und restriktiver Transfusion mit einem Hämoglobin-Ziel von 7 bis 8 g/dl; der Atemweg wird bei Bewusstseinsstörung und massiver Blutung gesichert, die Endoskopie folgt innerhalb von 12 Stunden. Eine Ballontamponade überbrückt nur (de Franchis 2022).

Lektion 2

Pankreatitis, Divertikulitis und hypovolämischer Schock

Stärkste gürtelförmige Oberbauchschmerzen nach reichlich Alkohol und fettem Essen sprechen für eine akute Pankreatitis. Behandelt wird mit Volumen, Analgesie und Überwachung. Kein Analgetikum ist grundsätzlich verboten: Die frühere Warnung vor Morphin wegen eines Sphinkterspasmus ist klinisch nicht belegt; Opioide sind erlaubt und oft nötig. Die wichtigste primäre Maßnahme beim hypovolämischen Schock ist der Ersatz des Verlusts und die Behandlung der Ursache, bei Blutung die Blutstillung.

Fieber, linksseitige Unterbauchschmerzen und Blut im Stuhl beim älteren Menschen sprechen für eine Divertikulitis mit Blutung; Differenzialdiagnosen sind ischämische Kolitis, Kolonkarzinom, chronisch entzündliche Darmerkrankung und Angiodysplasie. Präklinisch helfen Analgesie, Volumen, Nahrungskarenz, Überwachung und der Transport in eine Klinik mit Chirurgie; bei Abwehrspannung ist an eine Perforation zu denken.

Lektion 3

Opioidintoxikation

Bei bekannter Heroinabhängigkeit mit Bewusstseinsstörung und Hypoventilation liegt meist eine Opioidintoxikation vor: enge Pupillen, flache und langsame Atmung, Bewusstlosigkeit. Zuerst wird mit Beutel und Maske beatmet und oxygeniert; dann wird Naloxon titriert, intravenös in kleinen Schritten von 0,04 bis 0,1 mg, intramuskulär 0,4 mg oder intranasal. Ziel ist eine ausreichende Atmung, nicht das volle Erwachen, denn ein abrupter Entzug löst Erbrechen, Agitation und Lungenödem aus. Naloxon wirkt kürzer als viele Opioide; der Patient wird überwacht, weil die Atemdepression zurückkehren kann.

Lektion 4

Hypo- und Hyperglykämie

Ein Diabetiker, der nicht ansprechbar ist und einen Blutzucker von 42 mg/dl hat, erhält Glukose intravenös, beim Erwachsenen etwa 10 bis 20 g, oder ohne Zugang Glukagon intramuskulär oder intranasal. Nach dem Erwachen isst er Kohlenhydrate. Ob er zu Hause bleiben kann, hängt von den Umständen ab: Typ-1-Diabetes mit erklärbarer, seltener Hypoglykämie, Blutzucker im Normbereich, voll orientiert, kann essen, eine Begleitperson ist da und es wurden weder Sulfonylharnstoffe noch lang wirksame Insuline überdosiert. Sonst wird er aufgenommen, weil die Hypoglykämie wiederkehren kann.

Glukose bei Hypoglykämie

Erwachsene erhalten etwa 10 bis 20 g intravenös, Kinder 0,2 g/kg. Konzentrierte Lösungen nur in sicher liegenden Zugang wegen Venenreizung. Lernhilfe.

Lösung
Volumen
Hinweis

Bei einem Blutzucker von 823 mg/dl mit Somnolenz liegt eine hyperglykämische Krise vor: diabetische Ketoazidose mit Azidose und Ketonen oder hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom mit extremer Dehydratation. Präklinisch wird vor allem Volumen gegeben, etwa 1 l balancierte Kristalloidlösung in der ersten Stunde; Insulin wird erst in der Klinik nach Kenntnis des Kaliums begonnen, weil es Kalium in die Zellen verschiebt und eine Hypokaliämie bis zum Kammerflimmern auslösen kann (Umpierrez 2024).

Tabelle 1: Hyperglykämische Krisen
Ketoazidosehyperosmolares Syndrom
typischTyp 1, jüngere PatientenTyp 2, ältere Patienten
BeginnStunden bis wenige TageTage bis Wochen
BefundKussmaul-Atmung, Ketongeruch, Bauchschmerzschwere Dehydratation, Bewusstseinsstörung
Blutzuckeroft 250 bis 600 mg/dloft über 600 mg/dl

Lektion 5

Hyperkaliämie

Herzstolpern, Schwäche und Parästhesien mit hohen T-Wellen und Extrasystolen sprechen für eine Hyperkaliämie, häufig bei Niereninsuffizienz, unter ACE-Hemmern, Spironolacton oder nach Muskelzerfall. Behandelt wird mit Calcium zur Membranstabilisierung, Insulin mit Glukose und vernebeltem Salbutamol zur Verschiebung in die Zellen, bei Azidose mit Bicarbonat; die Klinik entfernt Kalium durch Dialyse. Im Kreislaufstillstand mit Verdacht auf Hyperkaliämie werden Calciumchlorid, Insulin mit Glukose und Bicarbonat gegeben und eine Dialyse oder extrakorporale Reanimation erwogen (Soar 2025).

EKG bei steigendem Kaliumnormalhohe spitze T-WelleP flach, PQ lang, QRS breitSinuswelle, dann KammerflimmernDie Veränderungen korrelieren nur locker mit dem Kaliumwert; ein normales EKG schließt eine gefährlicheHyperkaliämie nicht aus. Präklinisch: Calcium, Insulin mit Glukose, Salbutamol, bei Azidose Bicarbonat (ERC2025). Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: EKG bei steigendem Kalium. Eigene Darstellung

Lektion 6

Addison-Krise, Myxödemkoma und thyreotoxische Krise

Hormonkrisen werden oft zu spät erkannt. Die Addison-Krise trifft Patienten mit Nebenniereninsuffizienz, besonders unter langjähriger Kortisontherapie, etwa bei rheumatoider Arthritis, wenn ein Infekt oder eine Operation den Bedarf steigert: Schwäche, Bauchschmerzen, Erbrechen, Hypotonie, Hypoglykämie, Hyponatriämie und Bewusstseinsstörung. Sofort werden 100 mg Hydrocortison intravenös gegeben, dazu Kochsalzlösung und bei Bedarf Glukose; auf die Bestätigung wird nicht gewartet.

Evidence Box

Das Myxödemkoma ist die schwerste Hypothyreose: Bewusstseinsstörung, Hypothermie, Bradykardie, Hypoventilation und Hypotonie, oft bei älteren Frauen im Winter oder nach Infekt. Präklinisch werden Atmung und Kreislauf gestützt, langsam gewärmt und die Klinik informiert; dort folgen Hydrocortison und Levothyroxin intravenös. Die thyreotoxische Krise zeigt Fieber, Tachykardie oder Vorhofflimmern, Agitation, Erbrechen und Durchfall, etwa nach Jodbelastung oder Radiojodtherapie; behandelt wird mit Sauerstoff, Volumen, Kühlung, Propranolol, Thiamazol und Hydrocortison.

Lektion 7

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 8

Merksätze

Merksätze

  • Zirrhose und Somnolenz: Blutung, Infekt, Enzephalopathie, Zucker, Natrium, Sturz bedenken; Thiamin vor Glukose.
  • Varizenblutung: Terlipressin, Ceftriaxon, Hb-Ziel 7 bis 8, Endoskopie in 12 Stunden.
  • Pankreatitis: Volumen und Analgesie; Opioide erlaubt.
  • Opioidintoxikation: erst beatmen, dann Naloxon titrieren, überwachen.
  • Hypoglykämie: Glukose 10 bis 20 g oder Glukagon; zu Hause nur bei klaren Bedingungen.
  • Hyperglykämische Krise: Volumen, kein Insulin präklinisch.
  • Hyperkaliämie: Calcium, Insulin mit Glukose, Salbutamol, Bicarbonat bei Azidose.
  • Addison-Krise: Hydrocortison 100 mg sofort; an Myxödemkoma und thyreotoxische Krise denken.

Aufgaben

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Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
hepatische EnzephalopathieHirnfunktionsstörung bei Leberversagen
TerlipressinVasopressinanalogon zur Senkung des Pfortaderdrucks
HHShyperosmolares hyperglykämisches Syndrom
Addison-Kriseakute Nebennierenrindeninsuffizienz
Myxödemkomalebensbedrohliche Hypothyreose

Literatur

  1. de Franchis R, Bosch J, Garcia-Tsao G et al. Baveno VII: renewing consensus in portal hypertension. J Hepatol 2022;76:959–974.
  2. Umpierrez GE, Davis GM, ElSayed NA et al. Hyperglycemic crises in adults with diabetes: a consensus report. Diabetes Care 2024;47:1257–1275.
  3. Soar J, Böttiger BW, Carli P et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110769.
  4. European Resuscitation Council. Guidelines 2025: Special Circumstances, Hyperkaliämie. Resuscitation 2025;215 Suppl 1.
  5. Bornstein SR, Allolio B, Arlt W et al. Diagnosis and treatment of primary adrenal insufficiency: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab 2016;101:364–389.
  6. Ross DS, Burch HB, Cooper DS et al. 2016 American Thyroid Association guidelines for diagnosis and management of hyperthyroidism and other causes of thyrotoxicosis. Thyroid 2016;26:1343–1421.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.