Notfallmedizin, Teil 3 · Stufe WBJ 1

Geriatrische Notfälle: alt, vielfach krank, oft untypisch

Ein großer und wachsender Teil der Notarzteinsätze betrifft alte Menschen. Sie zeigen ihre Krankheit oft anders, vertragen Medikamente anders und haben eigene Wünsche an Behandlung und Lebensende. Diese Einheit übt den Blick dafür.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus den ERC-Leitlinien 2025 einschließlich Ethik, der S3-Leitlinie Polytrauma 2022, der PRISCUS-2.0-Liste, dem 4AT-Delirtest, der Leitlinie zum Status epilepticus und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigenes Schema und Rechner.
Lernziele
  • Besonderheiten geriatrischer Notfälle und ihre Ursachen kennen.
  • Delir und Demenz unterscheiden und ein Delir mit dem 4AT erkennen.
  • Medikamente im Alter sicher dosieren.
  • Atypische Präsentationen von Infarkt und Schock erkennen.
  • Alte Traumapatienten richtig einstufen und versorgen.
  • Reanimation und Therapieziele am Willen des Patienten ausrichten.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Fünf Lektionen mit Fragenblöcken, ein Rechner, drei Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Der 4AT ist frei verwendbar; die Formulierungen hier sind sinngemäß.
  3. Zur Vertiefung passen Polytrauma, Reanimation, Leitsymptom Thoraxschmerz und Gastrointestinale und metabolische Notfälle.

Lektion 1

Demografie, Ursachen und Besonderheiten

Knapp ein Drittel der Menschen in Deutschland ist 60 Jahre oder älter, und ihr Anteil an Rettungsdiensteinsätzen ist noch höher. Notfälle entstehen bei ihnen durch akute Verschlechterung chronischer Erkrankungen, Stürze, Infektionen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Medikamenten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle und durch das Scheitern der Versorgung zu Hause. Häufige kardiale Vorerkrankungen sind KHK, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, Aortenklappenstenose, Hypertonie und Störungen der Reizleitung. Die Herzinsuffizienz gehört in Deutschland seit Jahren zu den häufigsten Diagnosen einer Krankenhausaufnahme, meist ist sie die häufigste.

Die Präsentation ist oft unspezifisch. Häufig zeigt sich eine akute Erkrankung nur als Trias aus Sturz, akuter Verwirrtheit und Nicht-mehr-Können im Alltag; dahinter stecken Infektionen, Exsikkose, Medikamente, Infarkt oder Schlaganfall. Die geriatrischen I-Syndrome beschreiben, woran alte Menschen scheitern.

Geriatrische I-SyndromeImmobilitätBettlägerigkeit,DruckstellenInstabilitätSturz, Gang-unsicherheitInkontinenzHarn und Stuhl,HarnverhaltintellektuellerAbbau: Demenz,DeliriatrogeneSchädigung:PolypharmazieIsolationsozial,Versorgung zu HauseInsuffizienzenHerz, Niere,SinnesorganeDie I-Syndrome beschreiben, woran alte Menschen im Alltag scheitern. Sie erklären, warum sich ein Harnwegsinfektals Sturz oder Verwirrtheit zeigen kann und warum der Notfall oft ein soziales Problem mit sich bringt. EigeneDarstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Geriatrische I-Syndrome. Eigene Darstellung

Die Erstuntersuchung braucht mehr Zeit: Hörgerät und Brille einsetzen, langsam und deutlich sprechen, Angehörige und Pflegende befragen, Medikamentenplan, Patientenverfügung und den gewohnten Zustand erfragen. Schwierig sind Demenz, Schwerhörigkeit, maskierte Vitalzeichen, Unterkühlung und empfindliche Haut.

Lektion 2

Delir und Demenz

Das Delir beginnt akut, verläuft schwankend, stört vor allem die Aufmerksamkeit und oft das Bewusstsein und hat eine körperliche Ursache, die gesucht werden muss. Die Demenz entwickelt sich über Monate bis Jahre, betrifft vor allem das Gedächtnis, das Bewusstsein ist klar. Beide kommen zusammen vor; ein Delir bei Demenz wird leicht übersehen.

Delir-Screening mit dem 4AT

Vier Punkte, sinngemäß nach Bellelli 2014; der Test ist frei verwendbar und dauert etwa zwei Minuten. Lernhilfe.

Wachheit
Orientierung: Alter, Geburtsdatum, Ort, Jahr
Aufmerksamkeit: Monate rückwärts
akute Änderung oder schwankender Verlauf
4AT
Einordnung

Akute Verwirrtheit wird abgegrenzt von Demenz, Depression, Psychose und nichtkonvulsivem Status epilepticus. Häufige Ursachen des Delirs sind Infektionen, Exsikkose, Medikamente, Hypoglykämie, Hypoxie, Schlaganfall, subdurales Hämatom, Harnverhalt, Obstipation und Schmerz.

Lektion 3

Medikamente, Reizleitung und Krampfanfälle

Im Alter sinken Nieren- und Leberfunktion, der Fettanteil steigt, der Wasseranteil sinkt; viele Medikamente wirken länger und stärker, besonders auf das Gehirn. Polypharmazie führt zu Wechselwirkungen. Die PRISCUS-2.0-Liste nennt Medikamente, die im Alter möglichst gemieden werden (Mann 2023). Im Notfall gilt: niedrig beginnen, langsam steigern. Das Reizleitungssystem fibrosiert; Sinusknotenerkrankung, AV-Blockierungen und Vorhofflimmern sind häufig, die Herzfrequenz steigt unter Belastung weniger an, und Atropin wirkt manchmal schwächer.

Beim Krampfanfall im Alter liegt oft eine Ursache vor: Schlaganfall, Blutung, Tumor, Stoffwechselstörung, Medikamente oder Entzug. Benzodiazepine wirken stärker und atemdepressiv, deshalb niedriger dosieren; Blutzucker messen; Levetiracetam hat wenige Wechselwirkungen. An einen nichtkonvulsiven Status wird gedacht, wenn die Bewusstseinsstörung anhält.

Lektion 4

Atypischer Infarkt, Trauma und Schock im Alter

Nur ein Teil alter Menschen mit Herzinfarkt hat typische Brustschmerzen; mit zunehmendem Alter stehen Luftnot, Schwäche, Verwirrtheit, Übelkeit oder Synkope im Vordergrund. Deshalb wird bei jedem unklaren Zustand ein 12-Kanal-EKG geschrieben.

Evidence Box

Der Sturz aus dem Stand ist die führende Traumaursache im Alter. Die physiologischen Reserven sind gering, Betablocker verhindern die Tachykardie, ein Blutdruck von 110 mmHg kann bei gewohnter Hypertonie bereits Schock bedeuten, Gerinnungshemmer verstärken Blutungen. Alte Traumapatienten werden deshalb häufig untertriagiert. Die S3-Leitlinie empfiehlt, sie großzügiger in Traumazentren zu versorgen und bei Gerinnungshemmung nach Kopfanprall ein CT durchzuführen.

Bei der Versorgung werden Kyphose und Gelenkversteifungen beim Lagern berücksichtigt und unterpolstert, Unterkühlung und Druckstellen verhindert, Analgetika reduziert dosiert und ein Delir durch Orientierung, Brille, Hörgerät und Begleitung vorgebeugt.

Lektion 5

Reanimation, Patientenwille und Grundsätze

Für die Reanimation alter Menschen gelten dieselben ERC-Leitlinien; das Alter allein ist kein Grund, auf sie zu verzichten. Entscheidend sind der Wille des Patienten, etwa in einer Patientenverfügung oder einem Notfallbogen, die Gebrechlichkeit, gemessen zum Beispiel mit der Clinical Frailty Scale, und die Aussicht auf ein Leben, das der Patient selbst als lebenswert ansieht (ERC 2025).

Die Grundsätze lauten: alte Menschen genauso ernst nehmen, Autonomie achten, Wille und Gebrechlichkeit bedenken, weder zu viel noch zu wenig behandeln, Medikamente überprüfen, Angehörige einbeziehen und früh eine geriatrische Einschätzung anstoßen.

Lektion 6

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 7

Merksätze

Merksätze

  • Alte Menschen zeigen Krankheit oft als Sturz, Verwirrtheit oder Nicht-mehr-Können.
  • Delir ist akut und schwankend; Ursache suchen. 4AT ab 4: Delir möglich.
  • Medikamente: niedrig beginnen, langsam steigern; PRISCUS 2.0 beachten.
  • Infarkt oft ohne Brustschmerz: bei jedem unklaren Zustand ein EKG.
  • Trauma: Betablocker und Hypertonie maskieren den Schock; Kopfanprall unter Gerinnungshemmern braucht ein CT.
  • Reanimation nach denselben Leitlinien; Wille und Gebrechlichkeit bestimmen die Ziele.

Aufgaben

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Delirakute, schwankende Störung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein mit körperlicher Ursache
4ATkurzer Delir-Screeningtest mit vier Punkten
PRISCUS 2.0Liste potenziell inadäquater Medikamente für ältere Menschen
Clinical Frailty ScaleEinstufung der Gebrechlichkeit
I-Syndromegeriatrische Kernprobleme wie Immobilität, Instabilität, Inkontinenz, intellektueller Abbau

Literatur

  1. Bellelli G, Morandi A, Davis DHJ et al. Validation of the 4AT, a new instrument for rapid delirium screening. Age Ageing 2014;43:496–502.
  2. Mann NK, Mathes T, Sönnichsen A et al. Potentially inadequate medications in the elderly: PRISCUS 2.0. Dtsch Arztebl Int 2023;120:3–10.
  3. European Resuscitation Council. Guidelines 2025: Ethics in Resuscitation and End of Life Decisions. Resuscitation 2025;215 Suppl 1.
  4. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. AWMF-Registernummer 187-023, Fassung 2022.
  5. Rockwood K, Song X, MacKnight C et al. A global clinical measure of fitness and frailty in elderly people. CMAJ 2005;173:489–495.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.