Notfallmedizin, Teil 4 · Stufe WBJ 2

Polytrauma: Erkennen, Priorisieren, Transportieren

Beim Polytrauma entscheidet nicht die einzelne Maßnahme, sondern die Reihenfolge: das Richtige zuerst, nichts Unnötiges vor Ort und die passende Klinik ohne Umweg. Diese Einheit übt diese Priorisierung vom ersten Blick bis zur Übergabe im Schockraum.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus der S3-Leitlinie Polytrauma 2022, der Berliner Definition, dem ATLS-Konzept, der europäischen Blutungsleitlinie 2023, den ERC-Leitlinien 2025 und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigene Schemata und Rechner.
Lernziele
  • Ein Polytrauma nach Berliner Definition und ISS einordnen.
  • Aus dem Mechanismus Verletzungsschwere ableiten und die Zielklinik im TraumaNetzwerk wählen.
  • Primary und Secondary Survey nach cABCDE strukturiert durchführen.
  • Blutungsquellen und Schockschwere erkennen und Volumen gezielt einsetzen.
  • Einen Schwerverletzten beatmen, analgesieren und strukturiert übergeben.
  • Den traumatischen Kreislaufstillstand nach seinen Ursachen behandeln.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sieben Lektionen mit Fragenblöcken, ein Rechner, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Die Einheit bündelt, was die Einheiten zu SHT, Thorax, Abdomen, Becken und Extremitäten im Einzelnen vertiefen.
  3. Zur Vertiefung passen Schockraum, Analgesie, Sedierung und Narkose und Reanimation.

Lektion 1

Definition, Verletzungsschwere und ISS

Nach der Berliner Definition liegt ein Polytrauma vor, wenn mindestens zwei Körperregionen mit einem AIS von 3 oder mehr verletzt sind und mindestens ein physiologischer Risikofaktor besteht: systolischer Blutdruck von 90 mmHg oder weniger, GCS von 8 oder weniger, Basenexzess von minus 6 oder niedriger, INR von 1,4 oder mehr beziehungsweise PTT von 40 Sekunden oder mehr, oder ein Alter von 70 Jahren und mehr (Pape 2014). Die ältere klinische Umschreibung lautet: gleichzeitige Verletzung mehrerer Körperregionen, von denen eine oder die Kombination lebensbedrohlich ist.

Der Injury Severity Score (ISS) fasst die anatomische Schwere zusammen. Jede Verletzung erhält einen AIS-Wert von 1 bis 6; aus den sechs Körperregionen werden die drei höchsten Werte quadriert und addiert. Der ISS reicht von 0 bis 75; ein ISS von 16 oder mehr gilt als schwere Verletzung (Baker 1974). Am häufigsten sind bei Schwerverletzten Kopf und Thorax betroffen, gefolgt von Extremitäten und Becken; Abdomen und Wirbelsäule sind seltener, werden aber leichter übersehen.

Injury Severity Score

Je Körperregion den höchsten AIS-Wert wählen (0 keine, 1 gering bis 6 nicht überlebbar). Der ISS ist die Summe der Quadrate der drei höchsten Regionen; ein AIS von 6 ergibt immer 75. Lernhilfe.

Kopf und Hals
Gesicht
Thorax
Abdomen und Beckenorgane
Extremitäten und Beckenring
Haut und Weichteile
ISS
Einordnung

Lektion 2

Mechanismus, Zielklinik und Voranmeldung

Die S3-Leitlinie nennt Mechanismen, bei denen ein Schockraumteam aktiviert werden soll, auch wenn der Patient stabil wirkt: Sturz aus mehr als drei Metern, Herausschleudern aus dem Fahrzeug, Tod eines Insassen, Frontalaufprall mit starker Deformierung, Fußgänger oder Radfahrer mit hoher Geschwindigkeit angefahren, Motorradunfall mit hoher Geschwindigkeit, Überschlag und Einklemmung. Äußerlich weisen instabile Vitalwerte, Bewusstseinsstörung, Prellmarken am Körperstamm, offene Frakturen großer Knochen und multiple Verletzungen auf ein Polytrauma hin.

Das Ziel der präklinischen Versorgung ist, die Vitalfunktionen zu sichern, kritische Blutungen zu stillen und den Patienten ohne Verzögerung in eine geeignete Klinik zu bringen. Im TraumaNetzwerk DGU sind Kliniken als lokale, regionale und überregionale Traumazentren zertifiziert; Schwerverletzte gehören in ein Zentrum mit Schockraumteam rund um die Uhr, CT, Notfall-OP, interventioneller Radiologie, Intensivstation und je nach Verletzung Neurochirurgie. Die Luftrettung bringt den Notarzt schnell zum Patienten und den Patienten über größere Strecken direkt ins richtige Zentrum.

Angemeldet wird so früh wie möglich, sobald die Schwere erkennbar ist, über die Leitstelle oder direkt, strukturiert nach einem Schema wie ATMIST: Alter, Zeit des Unfalls, Mechanismus, Verletzungen, Vitalzeichen und bisherige Therapie. Die Verfahren „scoop and run“, „stay and play“ und „treat and go“ beschreiben, wie viel vor Ort geschieht; heute gilt: nur lebensrettende Maßnahmen vor Ort, alles andere unterwegs oder in der Klinik.

Zeitliche Verteilung der Todesfälle nach TraumaMinutennicht überlebbare Verletzungenvon Hirn, Herz, großen GefäßenStundenBlutung, SHT, Hypoxie:hier wirkt die VersorgungTage bis WochenSepsis,MultiorganversagenKlassisches Modell nach Trunkey. Moderne Traumasysteme haben den zweiten Gipfel deutlich abgeflacht; vermeidbarefrühe Todesfälle gehen vor allem auf unkontrollierte Blutung, Hypoxie und Spannungspneumothorax zurück. EigeneDarstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Zeitliche Verteilung der Todesfälle nach Trauma. Eigene Darstellung

Lektion 3

Primary und Secondary Survey nach cABCDE

Der erste Kontakt beginnt mit der Sicherheit der Einsatzstelle und einem Gesamteindruck in wenigen Sekunden: Lebt der Patient, blutet er massiv, atmet er, wie ist sein Bewusstsein? Dann folgt der Primary Survey nach cABCDE. Das kleine c steht für die kritische äußere Blutung, die vor allem anderen gestillt wird. A prüft den Atemweg mit Stabilisierung der Halswirbelsäule: Sprechen, Stridor, Blut, Erbrochenes, Verletzungen im Gesicht. B prüft Atemfrequenz, Sättigung, Thoraxbewegung, Atemgeräusch, Halsvenen und Hautemphysem. C prüft Puls, Rekapillarisierung, Hautfarbe und Temperatur, Blutdruck und die Blutungsquellen. D erfasst GCS, Pupillen und Seitenzeichen, E das Entkleiden mit Wärmeerhalt. Jede Störung wird sofort behandelt, bevor der nächste Buchstabe folgt.

Der Secondary Survey ist die vollständige Untersuchung von Kopf bis Fuß mit Anamnese nach Mechanismus, Vorerkrankungen, Medikamenten wie Gerinnungshemmern und letzter Mahlzeit; er findet meist unterwegs oder im Schockraum statt. Sauerstoff erhalten Schwerverletzte, weil Lungenverletzungen, Schock und erhöhter Verbrauch die Oxygenierung gefährden und weil Hypoxie das verletzte Gehirn schädigt; Ziel ist eine Sättigung von etwa 94 bis 98 %.

Versorgungsphasen beim PolytraumaPräklinikcABCDE, Blutung,zügiger TransportSchockraumÜbergabe, Survey,eFAST, CTDamage ControlBlutung undKontamination stoppenIntensivstationWärme, Gerinnung,Säure-BasendefinitiveVersorgung nachStabilisierungRehabilitationFrühmobilisation,NachsorgePräklinisch und im Schockraum zählen die lebensrettenden Maßnahmen; aufwendige Rekonstruktionen folgen erst,wenn Temperatur, Gerinnung und Säure-Basen-Status korrigiert sind (Damage-Control-Prinzip). Eigene Darstellung,nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 2: Versorgungsphasen beim Polytrauma. Eigene Darstellung

Lektion 4

Einklemmung, Analgesie und Beatmung

Eingeklemmte Patienten stellen besondere Anforderungen. Die Rettungsart wird mit der Feuerwehr nach dem Zustand abgestimmt: schonend bei stabilen Patienten, schnell bei kritischem Zustand, weil die Blutstillung nur in der Klinik gelingt. Für die Analgesie ist Esketamin in niedriger Dosis gut geeignet: Es erhält Atmung, Schutzreflexe und Kreislauf. Opioide wirken stark, können aber die Atmung dämpfen und nach der Befreiung einen Blutdruckabfall begünstigen; sie werden klein titriert.

Nach der Intubation wird lungenprotektiv beatmet: Tidalvolumen 6 bis 8 ml/kg ideales Körpergewicht, PEEP 5 cmH₂O, Frequenz nach Kapnographie bis Normokapnie, FiO₂ zunächst 1,0, dann nach Sättigung. Ob druck- oder volumenkontrolliert beatmet wird, ist weniger wichtig als die Überwachung: Volumenkontrolle garantiert das Volumen bei wechselnder Compliance, Druckkontrolle begrenzt den Spitzendruck. Verschlechtert sich ein beatmeter Patient unterwegs, hilft die Merkhilfe DOPES: Dislokation, Obstruktion, Pneumothorax, Equipment, Stacking.

Lektion 5

Blutungsquellen, Schockklassen und Volumenersatz

Unkontrollierte Blutung ist die häufigste vermeidbare frühe Todesursache. Die Quellen sind die äußere Blutung und vier innere Räume: Thorax, Abdomen, Becken mit Retroperitoneum und die Oberschenkel. Innere Blutungen am Körperstamm lassen sich präklinisch nur begrenzt beeinflussen: Beckenschlinge, Tranexamsäure innerhalb von drei Stunden, permissive Hypotonie und schneller Transport.

Tabelle 1: Schockklassen nach ATLS (Richtwerte Erwachsener)
KlasseBlutverlustBefunde
Ibis 15 %kaum Veränderungen
II15 bis 30 %Tachykardie, Pulsdruck kleiner, Unruhe
III30 bis 40 %Hypotonie, deutliche Tachykardie, Verwirrtheit
IVüber 40 %schwere Hypotonie, Bewusstseinsstörung, lebensbedrohlich

Eine ausreichende periphere Perfusion zeigt sich an einer Rekapillarisierungszeit unter zwei Sekunden, warmer, rosiger Haut, tastbarem Radialispuls und klarem Bewusstsein. Volumen wird maßvoll gegeben. Kristalloide verteilen sich rasch in den Extrazellulärraum; um 1 l Blut zu ersetzen, wären rechnerisch etwa 3 bis 4 l nötig, was Gerinnung verdünnt, Wärme kostet und Ödeme verursacht. Ziel ist deshalb nicht der Ersatz, sondern ein ausreichender Blutdruck bis zur Blutstillung. Mittel der Wahl sind balancierte Vollelektrolytlösungen; physiologische Kochsalzlösung verursacht eine hyperchlorämische Azidose (Semler 2018). Hydroxyethylstärke wird nicht mehr eingesetzt. Blutprodukte und Gerinnungstherapie folgen in der Klinik oder, wo verfügbar, schon präklinisch.

Evidence Box

Bei Kindern bleibt der Blutdruck lange normal; Tachykardie, verlängerte Rekapillarisierung, kühle Extremitäten und Unruhe oder Apathie zeigen den Schock früher. Der Volumenbolus beträgt 10 ml/kg einer balancierten Lösung, danach wird neu beurteilt; bei Blutung werden früh Blutprodukte gegeben.

Lektion 6

Tödliche Trias und Schockraum

Die tödliche Trias aus Hypothermie, Azidose und Koagulopathie verstärkt sich selbst; Wärmeerhalt, Blutstillung und maßvolle Volumengabe unterbrechen sie. Im Schockraum wird strukturiert übergeben: Ein Sprecher berichtet nach ATMIST, alle hören zu, erst danach wird umgelagert. Es folgen Primary Survey, eFAST und bei stabilen oder stabilisierbaren Patienten das Ganzkörper-CT. In einer großen Registerstudie war das Ganzkörper-CT mit höherem Überleben verbunden (Huber-Wagner 2009); die randomisierte REACT-2-Studie fand gegenüber einer selektiven Bildgebung keinen Überlebensvorteil (Sierink 2016). Instabile Patienten gehen nach dem Prinzip Damage Control direkt zur Blutstillung in den OP oder die Angiographie.

Lektion 7

Traumatischer Kreislaufstillstand

Beim traumatischen Kreislaufstillstand stehen die reversiblen Ursachen im Vordergrund: Hypoxie, Hypovolämie durch Blutung, Spannungspneumothorax und Perikardtamponade. Sie werden gleichzeitig behandelt: Atemweg sichern und oxygenieren, Blutung stoppen und Volumen geben, beide Thoraxhälften entlasten, bei penetrierender Verletzung mit Tamponade thorakotomieren. Den Spannungspneumothorax entlastet man am schnellsten mit einer Nadel oder beim Beatmeten mit einer Fingerthorakostomie. Die Thoraxkompressionen haben bei Hypovolämie geringeren Wert als die Behandlung der Ursache (ERC 2025).

Ein Reanimationsversuch ist nicht sinnvoll bei sicheren Todeszeichen und Verletzungen, die nicht mit dem Leben vereinbar sind, etwa einer Enthauptung oder einer Zerstörung des Gehirns. Ansonsten ist der traumatische Kreislaufstillstand nicht aussichtslos, wenn die Ursache rasch behoben wird; ein Abbruch wird erwogen, wenn nach Behandlung aller reversiblen Ursachen kein Kreislauf zurückkehrt.

Lektion 8

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 9

Merksätze

Merksätze

  • Berliner Definition: zwei Regionen AIS 3 oder mehr plus ein physiologischer Risikofaktor.
  • ISS: Quadrate der drei höchsten Regionen; 16 oder mehr heißt schwer verletzt.
  • Mechanismus ernst nehmen, auch beim stabilen Patienten.
  • cABCDE: kritische Blutung vor dem Atemweg; jede Störung sofort behandeln.
  • Früh und strukturiert anmelden: ATMIST.
  • Treat and go: nur Lebensrettendes vor Ort.
  • Volumen maßvoll, balanciert, permissive Hypotonie ohne SHT; keine HES.
  • Traumatischer Stillstand: Hypoxie, Blutung, Spannungspneumothorax, Tamponade gleichzeitig behandeln.

Aufgaben

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Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
AISAbbreviated Injury Scale, Schweregrad einer Einzelverletzung von 1 bis 6
ISSInjury Severity Score, Summe der Quadrate der drei höchsten AIS-Regionen
ATMISTSchema der Voranmeldung: Alter, Zeit, Mechanismus, Verletzungen, Vitalzeichen, Therapie
Damage ControlBeschränkung auf Blutstillung und Kontaminationskontrolle bis zur Stabilisierung
TraumaNetzwerk DGUzertifizierter Verbund lokaler, regionaler und überregionaler Traumazentren

Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. AWMF-Registernummer 187-023, Fassung 2022.
  2. Pape HC, Lefering R, Butcher N et al. The definition of polytrauma revisited: an international consensus process and proposal of the new “Berlin definition”. J Trauma Acute Care Surg 2014;77:780–786.
  3. Baker SP, O’Neill B, Haddon W Jr, Long WB. The injury severity score: a method for describing patients with multiple injuries and evaluating emergency care. J Trauma 1974;14:187–196.
  4. Spahn DR, Bouillon B, Cerny V et al. The European guideline on management of major bleeding and coagulopathy following trauma: sixth edition. Crit Care 2023;27:80.
  5. Semler MW, Self WH, Wanderer JP et al. Balanced crystalloids versus saline in critically ill adults. N Engl J Med 2018;378:829–839.
  6. Huber-Wagner S, Lefering R, Qvick LM et al. Effect of whole-body CT during trauma resuscitation on survival: a retrospective, multicentre study. Lancet 2009;373:1455–1461.
  7. Sierink JC, Treskes K, Edwards MJR et al. Immediate total-body CT scanning versus conventional imaging and selective CT scanning in patients with severe trauma (REACT-2). Lancet 2016;388:673–683.
  8. European Resuscitation Council. Guidelines 2025: Special Circumstances, traumatischer Kreislaufstillstand. Resuscitation 2025;215 Suppl 1.
  9. American College of Surgeons Committee on Trauma. Advanced Trauma Life Support, Student Course Manual. 10. Auflage, Chicago 2018.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.