Die Familie ist ein System: Verändert sich ein Teil, verändern sich alle. Eine unheilbare Erkrankung verschiebt Rollen, etwa wenn die Ehefrau zur Pflegenden wird oder der jüngste Sohn plötzlich Entscheidungen trifft, und sie aktiviert Muster, die über Jahre gewachsen sind. Solche wiederkehrenden Verhaltens- und Kommunikationsmuster sind zum Beispiel Koalitionen, in denen sich zwei Familienmitglieder gegen ein drittes verbünden, Tabus und Schweigen über das Sterben, alte Konflikte zwischen Geschwistern, die am Krankenbett wieder aufbrechen, und die Rolle eines „Sprechers“, der für alle redet. Auch das Delegieren von Gefühlen kommt vor: Einer weint für alle, ein anderer bleibt demonstrativ sachlich.
Für das Behandlungsteam ist wichtig, diese Muster zu erkennen, ohne sie zu bewerten oder sich in sie hineinziehen zu lassen. Ein Angehöriger, der das Team ständig kritisiert, trägt oft Schuldgefühle aus früheren Jahren; eine Tochter, die aus der Ferne anreist und „alles“ fordert, kämpft möglicherweise mit dem Gefühl, zu spät zu kommen. Das Team fragt nach, statt zu deuten, sorgt für gleiche Information aller Beteiligten und bleibt allparteilich. Der Patient bestimmt, wer informiert wird und wer entscheidet.
Das Genogramm erfasst die Familienstruktur über mindestens drei Generationen mit standardisierten Symbolen. Es zeigt auf einen Blick, wer zur Familie gehört, wer im Haushalt lebt, wer verstorben ist, wo Nähe und Konflikte bestehen und welche Verluste die Familie schon erlebt hat. Es wird am besten gemeinsam mit Patient oder Angehörigen gezeichnet; schon die Fragen („Wer gehört für Sie zur Familie? Wen haben Sie verloren?“) öffnen das Gespräch. Frühere Todesfälle prägen die Erwartungen an das jetzige Sterben, etwa wenn der Vater „qualvoll erstickt“ ist.
Biographiearbeit ergänzt das Genogramm um die Lebensgeschichte: Herkunft, Beruf, wichtige Ereignisse, Krisen und wie sie bewältigt wurden, Gewohnheiten und Vorlieben. Sie hilft, Verhalten zu verstehen, zum Beispiel die Unruhe eines früheren Landwirts bei Tagesanbruch, und Ressourcen zu erkennen: Wer schon einmal eine schwere Krise bewältigt hat, kann an diese Erfahrung anknüpfen. Bei Menschen mit Demenz stützt Biographiearbeit die Identität und macht die Pflege persönlicher.
Familien unterscheiden sich darin, wie durchlässig sie sind. In eher offenen Systemen werden Gefühle und Informationen geteilt, Hilfe von außen wird angenommen, und Aufgaben lassen sich neu verteilen. Eher geschlossene Systeme halten Belastungen im Inneren, begegnen Fremden mit Misstrauen und versuchen, das gewohnte Gleichgewicht um jeden Preis zu bewahren. Gerade sie geraten unter Druck, wenn ein Mitglied langsam stirbt und Pflegedienst, Ärzte und Ehrenamtliche ins Haus kommen. Zur Familie zählen dabei nicht nur Blutsverwandte, sondern alle, die durch starke Gefühle verbunden sind, sich zugehörig fühlen und am Leben der anderen Anteil nehmen, also auch Partner ohne Trauschein, Freunde oder Nachbarn. Wer dazugehört, sagt der Patient.
Die familienzentrierte Medizin denkt in Kreisläufen statt in einfachen Ursache-Wirkung-Ketten: Die Ehefrau kontrolliert ständig die Tabletten, weil ihr Mann Schmerzen verschweigt, und er verschweigt sie, weil er ihre Sorge nicht noch größer machen will. Im Familiengespräch lassen sich solche Kreisläufe sichtbar machen, ohne einen Schuldigen zu suchen. Ein gutes Gespräch wird mit dem Patienten vorbereitet (wer soll dabei sein?), beginnt mit den Anliegen aller Anwesenden, nutzt Fragen, die neue Blickwinkel öffnen, etwa zirkuläre Fragen wie „Was glauben Sie, bereitet Ihrem Vater gerade die größte Sorge?“, erkennt ausdrücklich an, was die Familie leistet, und endet mit einer Zusammenfassung und klaren Absprachen. Einen geordneten Überblick über Belastungen gibt ein offenes Gespräch entlang typischer Problembereiche (Tabelle 1). Gefragt wird zweierlei: welche Probleme der Patient sieht und welche Hilfe er sich wünscht. Nicht jedes Problem muss das Team lösen; oft reicht es, dass es ausgesprochen und in die Planung aufgenommen wird.
| Bereich | mögliche Frage |
|---|---|
| Krankheit und Gesundheit | „Was macht Ihnen körperlich im Moment am meisten zu schaffen?“ |
| Familie und Partnerschaft | „Wie gehen die Menschen zu Hause mit Ihrer Erkrankung um?“ |
| Wohnung und Geld | „Gibt es Sorgen um die Wohnung oder um das Auskommen?“ |
| Beruf und Alltag | „Was schaffen Sie im Alltag noch selbst, was fehlt Ihnen am meisten?“ |
| Sexualität und soziale Rolle | „Hat sich an der Nähe zu Ihrem Partner etwas verändert?“ |
| Selbstbild | „Wie erleben Sie sich selbst, seit Sie krank sind?“ |
| Glaube und Sinn | „Was gibt Ihnen in dieser Zeit Kraft?“ |
| gewünschte Hilfe | „Wobei wünschen Sie sich Unterstützung, und von wem?“ |