Das fetale Myokard unterscheidet sich vom reifen Herzmuskel in Aufbau und Funktion. Seine Zellen enthalten anteilig weniger kontraktile Elemente, das sarkoplasmatische Retikulum ist noch unreif, und die Kontraktion hängt stärker vom Calciumeinstrom über die Zellmembran ab. Die Kammern sind steifer, ihre Dehnbarkeit ist geringer, und sie arbeiten bereits im Ruhezustand weit oben auf ihrer Frank-Starling-Kurve. Eine zusätzliche Füllung steigert das Schlagvolumen deshalb nur wenig. Das Herzzeitvolumen des Fetus lässt sich kaum über das Schlagvolumen anheben und hängt stark von der Herzfrequenz ab: Eine Tachykardie steigert es begrenzt, eine Bradykardie senkt es unmittelbar. Die Grundlagen der Frank-Starling-Beziehung und des Herzzeitvolumens behandelt die Kachel 03 zu Atmung und Kreislauf.
Der kombinierte Auswurf von 465 ml pro Minute und Kilogramm am Termin1 ist, auf das Körpergewicht bezogen, ein Mehrfaches des Erwachsenenwertes. Diesen hohen Fluss braucht der Fetus, weil der Sauerstoffpartialdruck seines Blutes niedrig ist und weil ein großer Teil des Auswurfs zur Plazenta fließt, die selbst nicht zu seinem Gewebe gehört. Ausgeglichen wird der niedrige Partialdruck durch die hohe Sauerstoffaffinität des fetalen Hämoglobins, dessen Anteil am Termin im Mittel 82 Prozent beträgt,7 und durch eine Hämoglobinkonzentration, die höher ist als beim Erwachsenen. Die Sauerstoffextraktion von 33 Prozent5 zeigt, dass der Fetus in Ruhe keine große Reserve bei der Ausschöpfung hat.
Fällt das Sauerstoffangebot, antwortet der Fetus mit einem Muster, das an den Tauchreflex erinnert. Chemorezeptoren melden den Abfall des Sauerstoffpartialdrucks, und es entsteht über den Vagus eine rasche Bradykardie, die den Sauerstoffverbrauch des Herzens senkt. Gleichzeitig verengen sich unter sympathischem Einfluss die Gefäße von Darm, Niere, Haut und Muskulatur, während Gehirn, Herz und Nebennieren weiter und sogar stärker durchblutet werden. Diese Umverteilung schützt die lebenswichtigen Organe für Minuten bis Stunden. Hält der Mangel an, schalten die minderversorgten Gewebe auf anaerobe Glykolyse um, Laktat häuft sich an, und es entsteht eine metabolische Azidose. Erst in dieser Phase erschöpft sich die Kompensation, das Myokard verliert Kraft, und die Bradykardie wird von einer Folge der Regulation zu einem Zeichen des Versagens.
Diese Abfolge erklärt, warum die fetale Herzfrequenz ein so empfindlicher Indikator ist. Die erste Reaktion auf einen Sauerstoffmangel ist eine reflektorische Verlangsamung bei noch intakter Regulation; der Fetus ist dann gefährdet, aber noch nicht geschädigt. Anhaltende Bradykardie mit Verlust der Schwankungen zeigt dagegen, dass die Kompensation zusammenbricht. Das Ausmaß der Azidose lässt sich nach der Geburt am Nabelschnurblut ablesen: In einer Kohorte von 45 475 Neugeborenen lag der arterielle pH im Median bei 7,27 nach vaginaler Geburt und bei 7,25 nach Sectio wegen auffälliger Herzfrequenz;8 ein niedriger pH ist mit neonataler Sterblichkeit, hypoxisch-ischämischer Enzephalopathie und Zerebralparese assoziiert.9
Praktisch heißt das für Sie: Eine fetale Bradykardie senkt das Herzzeitvolumen des Kindes sofort, weil es sein Schlagvolumen nicht steigern kann. Jede Minute zählt deshalb, und die Maßnahmen, die die Sauerstoffzufuhr zur Plazenta wiederherstellen, müssen parallel und nicht nacheinander laufen. Als Anästhesist beeinflussen Sie drei davon unmittelbar: den mütterlichen Blutdruck, die Lage der Mutter und die Wehentätigkeit, soweit Oxytocin läuft. Wenn eine Bradykardie trotz dieser Maßnahmen anhält, bereiten Sie die rasche Entbindung vor, statt auf eine Erholung zu warten.