Vor der Geburt lebt der Fetus in einer Umgebung, deren Temperatur etwas über der mütterlichen Kerntemperatur liegt, und gibt seine Wärme über die Plazenta ab. Mit der Geburt tritt er nass in eine deutlich kältere Umgebung. Seine Körperoberfläche ist im Verhältnis zur Masse groß, die isolierende Fettschicht dünn, und die Verdunstung von der nassen Haut entzieht in den ersten Minuten besonders viel Wärme. Dazu kommen Strahlung zu kalten Wänden, Leitung auf kalte Unterlagen und Konvektion durch Luftzug. Das Neugeborene kann kaum zittern; seine wichtigste Wärmequelle ist die zitterfreie Thermogenese im braunen Fettgewebe, das zwischen den Schulterblättern, im Nacken und um die großen Gefäße liegt. Noradrenalin aktiviert dort über Beta-3-Rezeptoren die Lipolyse, und ein Entkopplungsprotein der Mitochondrien lässt die Energie der Atmungskette als Wärme frei werden, statt ATP zu bilden. Die Grundlagen von Wärmebildung und Wärmeabgabe behandelt die Kachel 08.
Diese Wärmebildung hat einen Preis. Sie steigert den Sauerstoffverbrauch und den Glucoseverbrauch erheblich, und das freigesetzte Noradrenalin verengt die Lungengefäße. Ein ausgekühltes Neugeborenes entwickelt deshalb Hypoxie, Hypoglykämie und metabolische Azidose, und genau diese Größen halten den Lungenwiderstand hoch. Kälte ist beim Neugeborenen also nicht nur eine Frage des Komforts, sondern ein Auslöser des gestörten Übergangs. Deshalb gehört das Wärmemanagement zu den Grundpfeilern der Erstversorgung:9 Abtrocknen, nasse Tücher entfernen, Kopf bedecken, Haut-zu-Haut-Kontakt mit der Mutter oder ein vorgewärmter Platz unter dem Wärmestrahler, ein warmer Raum und bei sehr unreifen Frühgeborenen eine Hülle, die die Verdunstung verhindert.
Der Apgar-Wert beschreibt den Zustand des Neugeborenen nach einer, fünf und zehn Minuten anhand von fünf Merkmalen: Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, Reflexerregbarkeit und Hautfarbe, jeweils mit null bis zwei Punkten. Er ist eine Zustandsbeschreibung und keine Entscheidungsregel: Ob ein Kind Unterstützung braucht, entscheiden Atmung und Herzfrequenz in den ersten Sekunden, nicht die Summe nach einer Minute. Der Wert wird außerdem von Unreife, Fehlbildungen und Medikamenten der Mutter beeinflusst. Er eignet sich aber gut, um Verfahren zu vergleichen: In einer Übersicht aus 19 Studien mit 2 603 Frauen war der Apgar-Wert nach einer Minute unter Noradrenalin und Phenylephrin gleich.10
Anästhetika der Mutter erreichen das Kind in unterschiedlichem Ausmaß. Nach Einleitung mit Propofol lag das Konzentrationsverhältnis zwischen Nabelvene und mütterlichem Blut bei 0,70,11 und auch Opioide passieren die Plazenta. Ein Kind, das nach einer Sectio in Allgemeinanästhesie geboren wird, kann deshalb gedämpft sein und langsamer zu atmen beginnen, ohne einen Sauerstoffmangel erlitten zu haben. Daraus folgt nicht, dass die Allgemeinanästhesie zu vermeiden ist, wenn sie die schnellste Entbindung ermöglicht, sondern dass bei jeder Sectio in Allgemeinanästhesie eine Person bereitsteht, die ein Neugeborenes beatmen kann.
Tabelle 2: Wärmehaushalt, Apgar-Wert und die ersten Minuten
| Leitbefund beim Neugeborenen | Wahrscheinlicher Mechanismus | Unterscheidender Befund | Erste Maßnahme |
| Apnoe, Bradykardie, schlaffer Tonus | fehlende Belüftung nach Sauerstoffmangel unter der Geburt oder Dämpfung durch Medikamente der Mutter | Herzfrequenz steigt unter wirksamer Beatmung | Wärme, Atemweg öffnen, Lunge belüften; Abnabelungszeitpunkt an der Belüftung ausrichten7 |
| Rasche flache Atmung nach elektiver Sectio | verbliebene Lungenflüssigkeit ohne hormonellen Umschaltimpuls | guter Allgemeinzustand, Besserung über Stunden | Beobachtung, Wärme, positiver endexspiratorischer Druck bei zunehmender Atemarbeit |
| Zyanose mit höherer Sättigung an der rechten Hand als am Fuß | Rechts-links-Shunt über den Ductus arteriosus bei hohem Lungenwiderstand | prä- und postduktale Sättigung, Echokardiografie | Oxygenierung, schonende Beatmung, Wärme, Azidose vermeiden, Neonatologie hinzuziehen |
| Zyanose ohne Unterschied, ohne Besserung unter Sauerstoff | Shunt auf Vorhofebene oder struktureller Herzfehler | Echokardiografie | Neonatologie und Kinderkardiologie; an einen ductusabhängigen Herzfehler denken |
| Auskühlung mit Unruhe oder Apathie | zitterfreie Thermogenese mit erhöhtem Sauerstoff- und Glucoseverbrauch, Lungengefäßverengung | Körpertemperatur, Blutzucker | Abtrocknen, Haut-zu-Haut-Kontakt oder Wärmestrahler, Blutzucker kontrollieren |
Für die Praxis im Saal heißt das: Bereiten Sie vor jeder Sectio den Platz für das Neugeborene vor, mit Wärmequelle, vorgewärmten Tüchern, Beatmungsbeutel oder Beatmungsgerät mit passender Maske und einem Pulsoxymeter für die rechte Hand. Fragen Sie vor der Entbindung nach Gestationsalter, Fruchtwasser, Herzfrequenzmuster und Medikamenten der Mutter. Den Fehler erkennen Sie an einem Kind, das in den ersten Minuten nass und unbedeckt beurteilt wird, während alle auf die Sättigung schauen: Wärme und Belüftung kommen vor jeder Messung.