Eine 31-jährige Schwangere in der 39. Woche erhält zur elektiven Sectio eine Spinalanästhesie. Drei Minuten nach der Injektion fällt der systolische Druck von 124 auf 82 mmHg, die Patientin wird blass, klagt über Übelkeit, und das Kardiotokogramm zeigt eine Verlangsamung der fetalen Herzfrequenz. Die Mutter selbst ist nicht in Gefahr; ihr Gehirn, ihre Nieren und ihr Herz halten ihre Durchblutung über einen weiten Druckbereich konstant. Der Uterus kann das nicht. Seine Durchblutung folgt dem Druck unmittelbar, und jeder Millimeter Quecksilber, der in der Aorta fehlt, fehlt im Zwischenzottenraum. Die Anästhesie trifft damit ein Stromgebiet, das keine eigene Verteidigung besitzt, und der Patient, dessen Versorgung am stärksten leidet, liegt unter der Bauchdecke und ist nur indirekt zu beobachten.
Eine zweite Situation zeigt die andere Seite desselben Organs. Bei einer Notsectio in Allgemeinanästhesie erhält die Mutter ein Hypnotikum, ein Relaxans und nach der Abnabelung ein Opioid. Das Hypnotikum erreicht den Fetus innerhalb von Minuten fast in der mütterlichen Konzentration, das Relaxans praktisch nicht, und das Opioid hätte ihn vor der Abnabelung erreicht. Welche Substanz wie weit übertritt, folgt nicht dem Zufall, sondern wenigen physikalischen Regeln: Größe, Fettlöslichkeit, Proteinbindung, Ladung und Zeit. Wer diese Regeln kennt, wählt Medikamente und Zeitpunkte so, dass die Mutter gut versorgt und das Neugeborene möglichst wenig belastet ist. Diese Einheit behandelt die Plazenta als Perfusionsorgan, als Austauschfläche und als Hormondrüse; der Gasaustausch folgt im nächsten Unterkapitel, der fetale Kreislauf im übernächsten.